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sonjaschreibt.com Mein Schreibaby und ich – Wann es endlich besser wurde

Blog sonjaschreibt.com Schreibaby
© aywan88 / iStock
Sommer 2014, die Nationalmannschaft macht in Brasilien den Durchmarsch. Eine große Fussballnation nach der anderen fliegt aus dem Turnier. Jetzt fehlt nur noch der Sieg gegen Argentinien für das große Fussballmärchen. Ganz Deutschland ist im Fussballfieber. Ganz Deutschland? Nein, ein kleines Mädchen leistet eifrig Widerstand.


Während unsere Freunde vor dem Bildschirm mitfiebern, laufe ich im Nebenraum auf und ab und versuche das Würmchen zu beruhigen. Es ist erst wenige Wochen alt und wir sind noch nicht so wahnsinnig eingespielt. Und außerdem ist das Mäuschen ziemlich empfindlich, wenn es um äußere Reize geht. Doch das lerne ich zu diesem Zeitpunkt erst.

Die letzten Spiele hat der Mann mehr oder weniger allein vor dem Fernseher verfolgt. Ich saß währenddessen im abgedunkelten Schlafzimmer und stillte. Und stillte und stillte. Oder schuckelte das Kind. Zwischendurch dann ein “JAAA” das aus dem Wohnzimmer rüber schallte, und kurz danach das Update übers Babyphone: “1: 0 für Deutschland.”

Vieles aus diesem Sommer verschwindet in einem mehr oder weniger gutmütigen Nebel. Denn in diesem Sommer wurden wir zum ersten Mal Eltern. Und das war so ganz anders, als ich mir das vorgestellt hatte.

Kein Anfängerbaby – get over it
Denn unsere heiß ersehnte und über alles geliebte Tochter war das, was viele Menschen  ein Schreibaby nennen. Da ich diesen Begriff so negativ fand, war ich froh, als ich über den Begriff des “High Need Babys” stolperte. Noch dankbarer bin ich Nora Imlau für die  “gefühlsstarken Kinder”. Doch das gab es damals noch nicht. Damals nannte man Kinder wie unseres “besonders anstrengend” oder halt Schreibaby.

Könnte das ein Schreibaby sein?
Schon kurz nach der Geburt ahnte ich, dass dieses Baby vielleicht ein solches sein könnte. Die anderen Mütter schliefen friedlich auf der Geburtsstation. Hier und da wurde mal gewickelt oder gestillt. Aber alles in allem herrschte eine große Stille und Zufriedenheit.

Nur ich lief auf und ab und versuchte meine Maus irgendwie zu beruhigen. Immer wieder fing sie an, aus vollem Hals und mit allen Kräften ihren Unmut hinauszubrüllen. Begonnen hatte sie damit so kurz nach neun Uhr morgens, im “Aufwachraum” neben dem Kreißsaal. Völlig neben mir bat ich den Mann da zum ersten Mal, er möge eine Schwester holen, denn mit dem Kind stimme was nicht.

Und so ging das dann bis in tief in die Nacht. Bis eine Kinderkrankenschwester viele viele Stunden später die rettende Idee hatte und unsere Tochter auszog und sie mir nackt auf den Bauch legte. Erst da kehrte zum ersten Mal ein wenig Ruhe ein und wir konnten mal ein paar Minuten schlafen. Bis zur nächsten Attacke.
Als ich nach drei Tagen das Krankenhaus verließ, hatte ich bereits ein dermaßen heftiges Schlafdefizit, als hätte ich eine Woche durchgefeiert. Erst zuhause, ohne Zimmernachbarn (danke überfüllte Geburtsstation) kam ich zumindest tagsüber auch mal dazu, ein ganz klein wenig mit dem Kind mitzuschlafen und mit der Hilfe meines Mannes wieder einigermaßen auf die Beine zu kommen.

Woran erkenne ich Schreibabies?
Nach William Sears gibt es 12 Kriterien, an denen man ein High Need Baby erkennen kann.  High Need Babies sind intensiv. Sie weinen intensiv und lauter als andere und wirken oft unruhig und getrieben. Sie beruhigen sich NICHT von alleine, sondern brauchen dazu Hilfe. Außerdem wirken sie hyperaktiv, d.h. sie strampeln viel und haben eine hohe Anspannung und zum Beispiel oft geballte Fäustchen oder überstrecken sich. Sie sind ziemlich anstrengend und scheinen ihren Eltern die komplette Energie auszusaugen. Unser Wurm wohnte quasi auf unseren Körpern. Schlafen ging monatelang nur mit Körperkontakt.
Also nichts mit duschen oder essen, wenn das Kind pennt.

Trennungen finden diese Kinder übrigens auch besonders schlimm. Unsere Kleine weinte oft fürchterlich beim einschlafen und wehrte sich mit Händen und Füßen dagegen. Denn Schlaf bedeutet auch, sich fallen lassen zu können und loszulassen. Das musste sie aber erst mühsam lernen.
Auch wollen High Need Babies ständig gefüttert werden und wachen sehr oft auf. Clusterfeeding? Aber bitte gerne. Sie wirken dann aber trotzdem häufig unzufrieden und Ablegen finden sie natürlich auch blöd. Ihr seht, das ist ein bisschen mehr Aufwand, als der übliche Babyblues. Die komplette Liste könnt ihr auf highneedbabies.de übrigens nachlesen und auch runterladen.

Wenn ich sah und hörte, was die Mädels aus der Krabbelgruppe alles mit ihren Kindern unternahmen, kamen mir die Tränen. Da wurden Kuchen gebacken, Zoos besucht oder in Cafes rumgehangen. Und ich schaffte es nicht mal die läppischen zehn Minuten Fußweg in den Park. Geschweige denn etwas zu kochen oder vernünftig zu duschen.

Unser Kind wollte mehr. Mehr Körperkontakt, mehr Stillen, mehr Nähe.
Sie mochte nicht gern Auto fahren und fand auch das Baden doof. Den Kinderwagen verkauften wir schnell wieder, denn weiter als einmal um den Block schafften wir es nie. Nach einem Nachmittag mit Besuch von der Oma brüllte sie gern mal stundenlang nachts, um all das zu verarbeiten.
Als sie etwas älter wurde, bemerkte ich außerdem, dass ihr der Verkehr auf der Straße viel zu laut war. Bei jedem Spaziergang hielt sie sich die Öhrchen zu, sobald wir auch nur in die Nähe einer Straße kamen. Nicht auszudenken, wir hätten noch in der Großstadt gewohnt.

Tragen, stillen, halten – Was uns half
Das Tragetuch wurde also zu unserem treuesten Begleiter. Ich könnte den oder die Erfinder*in heute noch knutschen. Endlich konnte ich vor die Tür. Und das tat mir wiederum unendlich gut.

Auch das Stillen klappte zum Glück ziemlich gut. Und es wurde für uns für lange Zeit zu einem wichtigen Ritual. Erst als ich wieder schwanger war und meine Tochter so knapp über eineinhalb Jahre alt, stillte ich sie ab. Denn mit der fortlaufenden Schwangerschaft litt ich immer stärker unter dem nächtlichen Stillen, dass zu diesem Zeitpunkt immer noch etwa alle zwei Stunden stattfand.

Wir richteten unseren Alltag komplett auf die Bedürfnisse unserer Tochter ein. Viel Ruhe, ein vorhersehbarer Tagesablauf, viele Rituale und vor allem viel Nähe. Viel kuscheln, singen und einfach da sein.

Ein Glücksfall war auch die Begegnung mit einer anderen Mama eines High Need Babies, die – neben meinem Mann natürlich – zu meiner wichtigsten Begleitung in dieser Zeit wurde. Endlich verstanden zu werden und nicht mehr das Gefühl vermittelt zu bekommen, doch “selber daran schuld zu sein”, dass das Kind “so” ist, war Gold wert und hat mir sehr geholfen, in meiner Mamarolle anzukommen.

Mir immer mehr Wissen über High Need Babies anzulesen, war auch eine ganz gute Idee. Das hat mich ziemlich geerdet und half, mehr Verständnis und Geduld aufzubringen, wenn es mal wieder ganz arg war.

Was uns alles nicht geholfen hat
“Kluge” Ratschläge von anderen  Müttern oder auch unserer ersten Kinderärztin und meiner damaligen Hebamme.
“Ihr müsst das Kind abstillen!” “Jetzt ist langsam mal Zeit für Erziehung!”, “Die lernt das sonst nie!” “Die tanzt euch auf der Nase rum!” “Das Kind MUSS im eigenen Bett schlafen, wegen des plötzlichen Kindstodes. Das gewöhnt sich schon dran.” “Stellt euch nicht so an!” “Komisch, unsere Tochter schläft schon 12 Stunden am Stück..”

Alles NICHT hilfreich. Denn oh Wunder, jedes Kind ist anders. Und nur weil das eine gerne fröhlich auf der Decke liegt und vor sich hin sabbert, heißt das noch lange nicht, dass das auch für das Kind nebendran gilt. Aber das lernen (die meisten) Mütter dann spätestens mit Kind 2.  Ja und bei den anderen ist dann eh Hopfen und Malz verloren.

Außerdem nicht hilfreich waren die Versuche, das Kind alleine zum Schlafen zu bringen, damit es “das lernt”. Wir haben zwar zum Glück keine Ferber-Experimente gestartet wie andere in unserer Krabbelgruppe. Aber auch die zarten Versuche ohne Einschlafbegleitung oder im eigenen Zimmer hätte ich mir einfach sparen können.

Auch Vergleiche mit anderen Kindern haben mir eher selten bis gar nicht gut getan und auch den Osteopathen oder das Telefonat mit der Schlafberatung hätte ich mir sparen können.

Wir mussten unseren eigenen Weg finden. Unserem Kind zu vertrauen und auch auf seine Gefühle zu vertrauen, hat uns so viel mehr gebracht als auf die vielen Stimmen von außen zu hören.

Und wann wurde es nun besser?
Tja, die Frage ist gar nicht mal so einfach zu beantworten. Denn WAS genau wurde denn “besser”?
Sensibel und feinfühlig ist unsere Tochter auch heute mit vier Jahren noch. Mittlerweile kann ich das als eine ihrer großen Stärken wahrnehmen. Doch auch heute gibt es mitunter noch heftige Gefühlsausbrüche und den Drang nach viel körperlicher Nähe. Aber wenn mir auch mal Abstand gewährt wird, kann ich diese Nähe auch selber genießen.

Das Schlafen – eines der zentralen Themen dieser Zeit – wurde tatsächlich besser, als sie so etwas über zwei Jahre alt war. Da war dann aber bereits Töchterchen Nummer Zwei auf der Welt und weckte mich. :)

Heute mit knapp vier Jahren kommt die Große fast jede Nacht zu uns ins Schlafzimmer. Allerdings schläft sie bis auf dieses eine Aufwachen wie ein Stein, was ich früher nicht zu hoffen gewagt hätte. Ich würde die Frage nach “Wann wurde es besser” dennoch etwas anders beantworten. Und zwar so:
Unser Alltag wurde besser, als wir die Bedürfnisse unserer Tochter akzeptierten.

Als wir nicht mehr an ihr “rumerzogen”, sondern ihr all die Nähe und Rückversicherung boten, die sie brauchte. Die Unzufriedenheit wurde bei ihr besser, als sie immer mehr Kontrolle über ihren Körper erlangte. Bewegung war unendlich wichtig für sie und ist es auch heute. Dieses Kind sprüht nur so vor Energie. Ständig hüpft und springt und rennt sie. Kein Wunder, dass sie das Rumliegen irgendwie doof fand.

Diese ersten Entwicklungsschritte machte sie wahnsinnig schnell. Schon im Krankenhaus konnte sie ihren Kopf heben, nach nur wenigen Wochen ihre Hände gezielt bewegen und ja, dieses Kind konnte mit neun Monaten allein laufen. Aber jeder dieser Entwicklungsschritte war hart von ihr erarbeitet. Mit viel Weinen aber auch mit viel Ehrgeiz. Hatte sie ein neues Ziel, gab es kein anderes Thema mehr. Auch nachts wurde rollen oder krabbeln geübt. Und hatte sie einen neuen Meilenstein erreicht, machte sie sich sofort an den nächsten.

An Weihnachten filmte ich sie, wie sie ihre ersten ungelenken Krabbelversuche machte und noch am selben Abend zog sie sich am Tisch hoch und übte Laufen. Zu sprechen begann sie übrigens dafür erst so richtig mit zwei Jahren. Also macht euch bloß nicht verrückt, wenn euer Wurm gerade mit neun Monaten vor euch liegt und sich noch über seine eigenen Füße freut. So ging das das ganze erste Jahr hindurch. Und im zweiten war zwar nicht alles anders, aber doch vieles einfacher geworden.

Denn auch wir Eltern waren gewachsen.
Mit und an diesem Kind. “Wie schafft man das nur?” ist ja auch so eine Frage, die sich Eltern mit High Need Kindern öfter mal stellen lassen müssen. Man schafft es halt. Irgendwie. Denn aussteigen geht ja nicht. Aber ich war besonders bei diesem Kind unendlich froh, als es älter wurde.

Geschafft haben wir es mit viel Verständnis und viel gegenseitigem Rückhalt. Und irgendwie spürten wir dann auch, dass wir nicht nur die Kraft für dieses High Need Kind hatten, sondern trauten uns sogar zu, noch ein zweites Mal durch ein Babyjahr zu gehen.

Und wie habt ihr das erste Jahr mit eurem Kind erlebt? Hattet oder habt ihr auch ein High Need Kind? Wenn ja, was hat euch geholfen? Und wie hat es sich bei euch entwickelt?

Ich freu mich von euch zu hören. Love, eure Sonja <3
 

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