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Milch&Mehr Überleben mit Zwillingen: Im Restaurant mit Einjährigen

Milch&Mehr: Überleben mit Zwillingen: Im Restaurant mit Einjährigen
© Milch & Mehr
Für viele junge Eltern ist es sicher ganz normal, mit oder ohne Kind gelegentlich in ein vernünftiges Restaurant zu kommen. Wir tasten uns gerade erst wieder langsam an die Möglichkeit der zivilisierten Nahrungsaufnahme heran. Über die ersten Versuche mit zwei Stillkindern will ich gar nicht mehr nachdenken... Somit hat mein Sushi-Magen die letzten Jahre wirklich Hunger gelitten. Und als dann plötzlich beim Familienausflug dieses Restaurant wie aus dem Nichts auftauchte, verwandelten sich meine Pupillen in Maki...

Vor kurzem hatten wir das dringende Bedürfnis dem Alltag ein paar Tage zu entkommen. Und was macht man da mit 16 Monate alten Zwillingen? Zum Flughafen und gucken, wo noch ein paar Plätzchen im Touribomber frei sind? Malle? Spa? Falsch. Man rüstet das Auto für eine kleine Mars-Expedition und fährt los. In unserem Fall sind schon nach 40 Minuten Autobahn mit kleinem Stau am Freitagabend alle Beteiligten durch. Und wir glücklicherweise schon am Ziel: In einem Ferienpark mit Spaßbad, Bauernhof, Ententeich und diversen Spielplätzen. Also im absoluten Kinderparadies. Ich hatte in den letzten zwanzig Jahren komplett verdrängt, dass es diese Form von Tourismus überhaupt gibt. Aber auf einmal ist es ganz schön praktisch, dass man rund um die Uhr babyfreundliches Essen bekommt, ein Buggyparkplatz vor dem Schwimmbad ist und man eben nicht ewig unterwegs ist. Wie dem auch sei, das wollte ich nur mal kurz erwähnen, um unser Event - über das ich eigentlich berichten wollte, in den passenden Kontext zu setzen.
In unserem kleinen Kurzurlaub gab es nämlich auch neben ausführlichem Tieregucken/ -Streicheln/ -Füttern, Spielplatz und Plantschen ein Programmpunkt für Erwachsene: Wir bummelten gemütlich durch das nächstgelegene Städtchen.
So knurrten irgendwann die Mägen und wir suchten nach einem Restaurant. Und hier beginnt endlich die Geschichte...
 
Plötzlich taucht dieses Plakat in meinem Blickfeld auf: roher Fisch drapiert auf Reis. Algenblätter. Bunte Fischrogen. Sushi. All you can eat. Als nächstes streifen meine Augen: ein freundlich restauriertes Gebäude. Hohe Decken. Großer Innenraum. Modernes Ambiente. Nette Speisekarte. "Das wirkt ein bisschen wie eins meiner Lieblingsrestaurants von früher*" (*= die Zeit VOR den Zwillingen) "Nee, das ist nichts für uns alle, oder? Lieber eine Pizzeria oder so, oder?" "Oder?" "Oder?" "Ich checke mal eben die Bewertungen im Internet..." "Aber nur, wenn der Kinderwagen durch die Tür passt". Und schwups stemme ich den Zwillingsesel wie Hulk persönlich die Treppen hoch, obwohl ich ihn sonst kaum über eine Türschwelle kriege.
Für viele junge Eltern ist es sicher ganz normal, mit oder ohne den Nachwuchs gelegentlich in ein vernünftiges Restaurant zu kommen. Wir tasten uns gerade erst wieder langsam an die Möglichkeit der zivilisierten Nahrungsaufnahme heran. Die ersten Versuche endeten eigentlich immer damit, dass genau dann, wenn das Essen kam, beide Kinder gestillt werden wollten und sie den Ausflug anschließend eher grässlich fanden. Seitdem sie mitessen dürfen, macht es etwas mehr Spaß. Aber oft passen die Restaurant-Öffnungszeiten natürlich nicht zu unserem schmalen Zeitfenster mit angemessener Laune.
Somit hat mein Sushi-Magen die letzten Jahre nur zwei Mal Take-Away Sushi gesehen und war schwer beleidigt. Der Laden schreit also förmlich nach uns.
Der Kinderwagen passt knapp durch die Eingangstür. Die Treppenstufen schweben wir wie schon gesagt hoch.
Drinnen brauche ich dann auch gar nicht mehr weiter darüber nachzudenken, ob sich ein Restaurantkonzept, bei dem man gemütlich alle 15 Minuten ein paar Portiönchen Sushi auf einem Tablet bestellt und gebracht bekommt, mit Kleinkindern Sinn macht oder nicht. Denn: alle Eltern aus dem Umkreis haben scheinbar heute den gleichen Sushi-Hunger wie ich. An jedem Fenstertisch sitzen junge Familien. Wir werden vom Service an einen Platz in die hinterste Ecke des Nebenraums begleitet (kann ich auch nicht verübeln), um dann zu erfahren, dass es nur noch einen freien Hochstuhl gibt. Unsere Augen sind allerdings schon zu Maki gerollt, somit erscheint uns Eltern das nicht groß problematisch. Den Kindern allerdings schon. Die Zwillinge haben ein großes Gleichberechtigungsbedürfnis und lieben ihre Hochstühle. Somit ist der Zwilling, der ausnahmsweise einmal auf dem Schoß vom Papa sitzen darf (!), schwer beleidigt. Und der andere macht aus Sympathie direkt mit.
Aber Gott sei Dank ist ja alles neu und aufregend, auf dem Tisch funkelt eine Kerze, die man ja mal näher erkunden könnte, und mit diesen lustigen Holzsstäbchen kann man sich doch bestimmt auch die Ohren kitzeln... So schlägt die Stimmung wieder um. Wir erfahren, dass die Kinder volle Runden mitbestellen dürfen, aber für sie nur ein Euro berechnet wird. Strike. Das ist auch trotz Vielfraßen so etwas von gerecht - wie wir schnell lernen. Denn, wer die Zeitspanne kennt, die ein Einjähriger im Restaurant gut gelaunt is(s)t und weiß, dass wir alle fünfzehn Minuten eine neue Runde einleiten können, wird sich ausrechnen können, dass wir nicht sonderlich viele Gänge schaffen.
Während ich also für uns alle auf dem Bestell-Pad Gerichte anklicken muss und mich bei meinem Talent mit elektronischen Geräten andauernd in der Speisekarte verirre, nehmen die Früchtchen das Tischarrangement auseinander, pfeffern alle Bilderbücher, die wir dabei haben auf den Boden und der Papa kann so gut wie nichts dagegen unternehmen, weil er Sitzkissen ist und nur zwei Arme hat. Dafür studiert er mit dem Schoß-Früchtchen die analoge Speisekarte und ich werde verrückt, weil ich seine ganzen Wünsche nicht finde.
Das gute an Sushi ist aber, dass man nicht lange warten muss. Total kinderfreundlich also. Somit stopfen sich die hungrigen Früchtchen begeistert - schön mit der Faust, obwohl sie liebend gern mit den Stäbchen weiterspielen würden -  ein paar Avocado-Maki ins Mäulchen und flippen aus, als es dann auch noch die absolute Glutamat-Salz-Zucker-Geschmacksexplosion gibt: dicke Udon-Nudeln in Suppe. Das schlechte an Kleinkindern ist, dass sie ziemlich schnell gesättigt und gelangweilt sind, während wir weiterhin Maki-Pupillen haben.
Da bei uns niemand ans Essen auf dem Schoß gewöhnt ist, verspüre ich das dringende Bedürfnis, das Licht im Restaurant zu dimmen, um Papas versaute Hose und dem Boden zu kaschieren. Die Kleinkindarme sind plötzlich so lang, dass sie an jeden Teller auf dem ganzen Tisch herankommen. In jedem Saucenschälchen landet eine Patschehand. Der Berg an Feuchttüchern und Papierservietten wächst. Ich schlinge abwechselnd – ab und zu auch mit den Händen - meine leckeren Fischröllchen herunter und hechte um den Tisch, um Essen und Inventar zu retten. Gut, dass ich zu beschäftigt bin, um mich für unseren Auftritt zu schämen.
Das Früchtchen neben mir wird, während ich versuche die nächste Runde einzugeben, total wild. Will essen und alles probieren. Aber irgendwie doch nicht. Spuckt herum. Wirft herum. Schmeißt sich selbst herum. Tollwut?! Besser: eine volle Windel während des Essens. Und ich habe natürlich den Schwarzen Peter gezogen, weil kein Kind auf meinem Schoß sitzt. Danke.
Ich frage den Kellner nach einem Wickelraum. Er versteht mich erst, als ich Pantomime mache, und schickt mich in den Toilettenbereich. Im Vorraum, quasi fast noch an der Bar, an der auch Leute speisen, steht ein kleiner roter Plüschsessel mit Wickelauflage. Trendy. Aber doch jetzt bitte nicht deren Ernst? Ein Baby ist ja vielleicht noch da drauf zu bändigen. Aber nicht ein Eineinhalbjähriger im Glutamat-Rausch!
Ich schleiche heimlich in die hintersten Ecken des Restaurants und lande schließlich zwischen Leergutkisten und ausrangierter Deko. Das Früchtchen findet es relativ spannend, lustig und verhält sich außergewöhnlich kooperativ. Mir ist der Appetit eigentlich vergangen. Aber - hier geht es um frisches Sushi. Wann sehe ich das wieder? Also die Stinkbombe unauffällig auf der Damentoilette entsorgen, die Hände waschen und so tun, als wäre nichts gewesen...
Wir gesellen uns wieder zum Rest der Familie und finden einen entspannten Papa und glückliches Kind vor. Der zweite Hochstuhl ist unserer. Endlich! Andere Eltern mussten also schon aufgeben.
Die Früchtchen sitzen sich gegenüber, machen Faxen und langen nochmal bei den Gyoza ordentlich zu.
Gesättigt findet man Sushi nun nämlich ätzend. Aber die Glutamat-Geschmacksexplosionen gehen noch. Und in Sojasauce getränkte Pilze sowieso.
Die Zwillinge haben auf einmal den Durst ihres Lebens. Den ganzen Tag wollten sie nichts trinken. Jetzt streiten sie um die Trinkflasche. Ein, zwei Züge und sie ist leer. Interessant, welche Mengen sie tatsächlich trinken können, wenn sie es denn wollen/ müssen. Und beruhigend, dass die Synapsen scheinbar in dieser Hinsicht richtig verschaltet sind.
Ich bestelle ihnen einen frischen Obstsalat und erhoffe mir dadurch noch ein paar Sushi-Portionen in Ruhe genießen zu können. Obst ist aber uninteressant. Die Kinder wollen sich nun lieber ihre Beine vertreten und geben dies lautstark kund. Wir erinnern uns kurz, wie so ein Restaurantbesuch ohne Kinder früher war. Nette, tiefgründige Blicke und Gespräche. Verdauungspausen. Genuss. Die letzte Portion übersättigt nur für die Leckrigkeit. Wäre er überhaupt im Gedächtnis geblieben oder nur einer von vielen gewesen?
Wir geben alles. Wir bestellen sogar ein Mango-Eis und pausieren ganz kurz die zuckerfreie, total gesunde Kleinkindernährung, die ich immer anpreise. Aber auch das ist nach zwei Löffeln uninteressant. Somit bleiben wenigstens drei Portionen Eis für mich und kein schlechtes Gewissen.
Ich fühle mich satt. Wirklich. Mit Kindern nimmt man, was man kriegen kann und ist zufrieden. Sonst würde man sich ja dauerhungrig und doof fühlen.
Also bitte die Rechnung für den lautesten Tisch!
Wir sind k.o. Trotzdem verlassen wir glücklich den Laden. Im Vorbeigehen nehmen wir die Pärchen wahr, die besonnen ihren Wein schlürfen, ein paar Häppchen naschen und den dritten Gang bestellen, während sie sich auch noch dabei unterhalten und uns schmunzelnd nachschauen.
Irgendwann gehören wir auch wieder zu dieser Gruppe. Ob wir das dann genießen? Oder vermissen wir die Rasselbande und langweilen uns? Hey, der Sushi-Magen ist voll. Wir mussten nicht kochen und waren alle zusammen. Das war so toll!
 
 

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