Krümel und Chaos
 
Von 0 auf 3 Kinder in 24 Stunden

Peer und ich wollten immer Kinder haben. Das war von vornherein klar und stand niemals zur Diskussion. Ich bin Erzieherin und habe damals wie heute im Kindergarten gearbeitet - ich bin sozusagen Profi was Kinder, Krümel und Chaos betrifft. Leider klappte es nicht, ich wurde nicht schwanger, weshalb wir uns entschlossen, ein Kind zu adoptieren.

Krümel und Chaos 3 Kinder in 24 Stunden
Krümel und Chaos

Leibliche Kinder, Pflegekinder, Adoptivkinder oder gar keine Kinder  – das sind wohl die heute gängigen Familien-Modelle. Kathrin und Peer L.* haben von allem etwas: Eine lebhafte Patchwork-Familie. Das lief über all die Jahre nicht ohne Probleme, obwohl die Voraussetzungen eigentlich perfekt schienen. Wie es dazu kam, dass Kathrins und Peers Familie so bunt zusammengewürfelt wurde, lest ihr im folgenden Beitrag.
 
Peer und ich wollten immer Kinder haben. Das war von vornherein klar und stand niemals zur Diskussion. Ich bin Erzieherin und habe damals wie heute im Kindergarten gearbeitet - ich bin sozusagen Profi was Kinder, Krümel und Chaos betrifft. Leider klappte es nicht, ich wurde nicht schwanger, weshalb wir uns entschlossen, ein Kind zu adoptieren.
 
Das Bauchgefühl entscheidet
 
Durch meinen Beruf kam ich auch mit dem Thema Pflegekinder in Berührung und als das Jugendamt uns, während wir auf die Adoption warteten, ansprach, ob wir Interesse hätten, zwei kleine Mädchen aufzunehmen, sagten wir sofort zu. Wir besuchten die Kinder, vier und zwei Jahre alt, im Kindergarten. Als wir gerade mit der Vierjährigen zusammensaßen, donnerte die kleine Schwester mit dem Bobby-Car an uns vorbei, kippte um und als sie aufstand weinte sie nicht etwa – nein, sie versetzte dem Bobby-Car einen wütenden Tritt und schubste es gegen eine Mauer. Wie konnte es wagen, sie abzuwerfen? Meinem Mann imponierte das sofort und unser Bauchgefühl sagte: „Das sind die richtigen Kinder!“
 
Wir nahmen die Kinder bei uns auf. Damals, vor über 30 Jahren, wurde verlangt, dass sich ein Elternteil voll und ganz um die Kinder kümmert und den Beruf aufgibt. Wie das heute ist, weiß ich nicht. Der Rahmen, finanziell wie räumlich, stimmte. Auch mein Beruf sorgte dafür, dass uns alles sehr leicht gemacht wurde. Über die Jahre hinweg entwickelte sich eine enge und angenehme Zusammenarbeit mit dem Jugendamt, welches bei Pflegekindern ja Vormund ist. Ein guter Kontakt zum jeweiligen Sachbearbeiter ist deshalb wirklich unerlässlich. Unser Verhältnis war sogar so solide, dass ich für das Jugendamt Ansprechpartnerin für „Problemfälle“ wurde: Familien, die mit ihren Pflegekindern nicht zurechtkamen, konnten sich an mich wenden und nicht selten luden wir sie zu uns ein, um in familiärer Atmosphäre über die Probleme zu sprechen.
 
Keine rosarote, heile Welt
 
Unsere Pflegekinder aufzunehmen bewerte ich bis heute unterm Strich als eine richtige und gute Entscheidung. Trotz meiner pädagogischen Ausbildung und all der theoretischen Vorkenntnisse gab es aber auch viele Probleme, die man nicht verheimlichen darf. Ein Pflegekind – oder gleich zwei – aufzunehmen, ist kein rosarotes Heile-Welt-Familienerlebnis.
 
Es gab Probleme, die selbst mir über den Kopf zu wachsen drohten. Unsere Vierjährige beispielsweise sprach so gut wie gar nicht. Natürlich nahm ich mich ihrer an und versuchte alles, um sie adäquat zu fördern. Ihre Schwester, die Zweijährige, nahm eine andere Entwicklung als die Große, sie schien weniger Probleme zu haben. Mit vier Jahren ist die Sprachentwicklung bei Kindern so gut wie abgeschlossen. Doch ich versuchte alles und lief mit ihr von Arzt zu Arzt, von einem Logopäden zum nächsten. Das Kind war gesund, hatte aber bei den leiblichen Eltern in ihren ersten vier Lebensjahren keinerlei Sprachanregung bekommen. Das aufzuholen war leider so gut wie unmöglich.
 
Als die Einschulung bevorstand, riet uns die Schule, das Kind in eine Sonderschule zu stecken, da ihr die nötige Schulreife fehle. Hier kam mir wieder der Beruf als Erzieherin zu Gute, denn man hörte sich meine Meinung an und nach einiger Diskussion auf Augenhöhe durfte das Kind in den Schulkindergarten. Wäre ich Friseurin oder Sekretärin gewesen, hätte ich damit wohl gegen Windmühlen gekämpft. Ich meine das nicht abwertend, ich denke lediglich, dass auch hier mein pädagogischer Hintergrund ausschlaggebend war.
 
Wir schickten unser Sorgenkind in die Sonderschule der Waldorfschule, die meiner Meinung nach für sie das beste Konzept bot. Bisher hatte ich nicht gewusst, dass es in einem Land wie Deutschland, mit seiner Schulpflicht, Menschen gibt, die weder lesen noch schreiben können.
 
Lesen lernen ist schwierig, für jedes Kind – in unserem Falle stellte es sich als so gut wie unmöglich heraus. All meine Bemühungen fruchteten nicht. Wir übten das kleine Einmaleins. Was gerade noch klappte, war nach wenigen Tagen bereits wieder vergessen und wir mussten von vorne beginnen. Auch das Lesen lernen klappte nicht. Wie viele Stunden habe ich damit verbracht! Wir übten und übten, aber wenn das Kind in einem Kinderbuch die Wörter anstreichen sollte, die es lesen konnte, kam dabei nicht mehr als eine Handvoll kurzer Drei-Buchstaben-Worte heraus: „ich“ oder „wir“. Sie arbeitete hart mit mir, ich kann nicht sagen, dass sie faul war. Aber es blieb einfach nichts hängen.
 
Nachdem ich begann, an mir selbst zu zweifeln, erklärte mir einer der Lehrer der Waldorfschule, dass es nicht ungewöhnlich sei, dass Kinder, die in ihrer frühen Kindheit schlimme Erfahrungen gemacht haben, das Lesen lernen blockieren, denn es symbolisiert den Eintritt in die Welt der Erwachsenen. Ich wünschte, ich hätte das eher gewusst! Denn egal, ob es nun psychische Gründe hatte, oder vielleicht sogar medizinische – ich war nicht schuld!  Das war mir sehr wichtig, denn ich war an diesem Punkt ratlos und verzweifelt.
 
Pflegekinder sind oft schon älter, wenn sie aus ihren Familien genommen werden. Ich möchte nicht beschönigen, dass das, egal wie professionell man an die Sache herangehen kann oder wie liebevoll man die Kinder aufnimmt, ein Problem darstellt. Bereits mit vier gibt es, wie in unserem Fall, große oft unüberwindbare Probleme.
 
Zurück zur leiblichen Familie
 
Zusätzlich spielt da natürlich auch die rechtliche Situation eine Rolle. Obwohl man mit den Kindern auf engstem Raume, wie eine Familie, zusammenlebt, hat man doch kaum Rechte. Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass man keine Rechte hat. In schulischen und medizinischen Dingen beispielsweise dürfen Pflegeeltern nicht selbst entscheiden. Benötigt das Kind einen medizinischen Eingriff, müssen beispielsweise die Mandeln entfernt werden, entscheiden immer andere. Man benötigt die Erlaubnis  des Vormundes, in unserem Fall lag das Sorgerecht beim Jugendamt.
 
Nicht nur können die Kinder jederzeit wieder aus der Familie genommen werden und zur leiblichen Familie zurückgeführt werden, auch die Besuchskontakte können ein Problem sein. Jedenfalls waren sie das bei uns. Die Besuche bei den leiblichen Eltern warfen uns in unserer Erziehungsarbeit – und ja, machen wir uns nichts vor: Es war Arbeit! – meilenweit zurück. Nach jedem Besuch machte die Große wieder ins Bett und die Kleine bekam heftiges Bauchweh.
 
Nichtsdestotrotz wurden unsere Pflegekinder nach knapp anderthalb Jahren zu den leiblichen Eltern zurückgeführt. Das deutsche Familienrecht geht davon aus, dass Kinder bei den leiblichen Eltern immer am besten aufgehoben sind, weshalb die Kinder oft zurückgeführt werden, um den Eltern eine neue Chance zu geben.
 
„Die eigenen Eltern kann angeblich selbst die beste Pflegefamilie nicht ersetzen. Wie eine Monstranz tragen viele Jugendamtsmitarbeiter diese Überzeugung vor sich her. Dabei könnten sie jeder Kindesmisshandlungsstatistik das genaue Gegenteil entnehmen. Im Leben der Kinder gibt es genau zwei Menschen, die für ihre leibliche und seelische Gesundheit potentiell um ein Vielfaches gefährlicher sind als der gesamte Rest der Menschheit: Ihre Väter und Mütter beziehungsweise deren jeweilige Lebensgefährten.“ (aus „Deutschland misshandelt seine Kinder), von Michael Tsokos und Saksia Guddat, Seite 112).
 
Für uns brach eine Welt zusammen. Dass dieses Szenario drohen konnte, war uns natürlich bewusst gewesen und es hatte uns bereits zahlreiche schlaflose Nächte gekostet. Nichtsdestotrotz sahen wir nach vorn: Der Adoptionsantrag, den wir gestellt hatten, bevor die Pflegekinder kamen, lief ja noch immer. In die Adoption der beiden Mädchen, die wir natürlich beantragt hatten, hatten die leiblichen Eltern nicht eingewilligt.
 
Knapp vier Monate, nachdem die Pflegekinder unser Nest verlassen mussten, bekamen wir die Nachricht vom Jugendamt, dass ein kleines Mädchen zur Adoption freigegeben worden war. Wir willigten ein und drei Wochen später stand der Herr vom Jugendamt mit dem kleinen Bündel vor unserer Tür. Ich weinte ohne Unterlass – ich konnte nicht begreifen, wie man ein so kleines, zartes Wesen einfach weggeben konnte! Sechs Tage war die Kleine alt und so schutzlos! Natürlich nahmen wir sie bei uns auf und trommelten die Familie zusammen, um unser neues Glück willkommen zu heißen.
 
„Und was macht ihr, wenn die Pflegekinder zurückkommen?“, unkte Peers Bruder. Wir lachten und schüttelten die Köpfe. Was für ein unglaubwürdiges Szenario!
 
Von Null auf drei in 24 Stunden
 
Doch 24 Stunden später war es tatsächlich soweit! Die beiden Mädchen mussten erneut aus ihrer Herkunftsfamilie genommen werden und natürlich nahmen wir sie wieder bei uns auf! Nachdem wir zu Pflegeeltern geworden waren und dann plötzlich wieder kinderlos, waren wir nun in kürzester Zeit wieder Eltern geworden. Erst zu Adoptiv- und dann noch einmal erneut zu Pflegeltern! Was für eine Achterbahnfahrt! Das Abenteuer „Patchwork-Familie“ nahm an Fahrt auf.
 
Natürlich gab es nach wie vor die Bedrohung, die Pflegekinder wieder abgeben zu müssen – und das darf man nicht unterschätzen. Das Damoklesschwert schwebt ständig über einem. Pflegekinder können aber ab ihrem zwölften Lebensjahr selbst entscheiden, wo sie leben möchten und unsere Mädchen entschieden sich dafür, bei uns zu bleiben.
 
Ich kann nur jedem raten, nicht den Fehler zu machen, Pflegekinder aufzunehmen, nur weil man keine eigenen bekommen kann. Es ist einfach zu hart, emotional gesehen. Die oben beschriebene Problematik ist nichts, was man mal eben so wegsteckt, das kann sich jede Mutter vorstellen und dessen muss man sich – auch um des Selbstschutzes willen - bewusst sein.
 
Findefuchs und Findemädchen
 
Ein Kind zu adoptieren ist da schon etwas ganz anderes. Durch die Adoption erhält es den gleichen Status, wie ein leibliches Kind. Man kann das Kind so erziehen und durchs Leben führen, wie es man es mit einem eigenen Kind tun würde – ganz ohne die Umwege über Jugendamt und Gutachter. Natürlich ist auch das niemals ganz unproblematisch. Unser Nesthäkchen bereitete mir schlaflose Nächte, wenn sie so lieb und glücklich im Bett neben uns lag.
 
Wäre sie auch so glücklich, wenn sie wüsste, dass wir gar nicht die echte Mama und der richtige Papa waren? Wie würde sie es verkraften, dass sie adoptiert war? Wann wäre der beste Zeitpunkt, es ihr zu sagen?
 
Als es für uns bereits zu spät war, bekam ich den Tipp, es dem Kind bereits beim Wickeln immer wieder zu sagen. Nicht, damit das Baby es von vornherein weiß – es vergisst das natürlich. Sinn der Übung ist eher, dass man sich als Mutter oder Vater an die schweren Worte gewöhnt und sie später einmal nicht so viel Überwindung kosten.
 
Am Ende waren diese Sorgen überflüssig. Das Leben findet immer Mittel und Wege. Bei uns begann alles mit einem Besuch der unschönen Art: In unserer Küche hatten sich Mäuse breit gemacht. Nachdem das Problem mit den üblichen Hausmitteln nicht in den Griff zu bekommen war, musste leider ein Spezialist ran. Die Mutter der Mäusefamilie überlebte diesen Eingriff nicht. Natürlich musste ich unser Kleinen das erklären. Ich hatte bereits das Buch „Der Findefuchs“ gekauft, um ihr mit dessen Hilfe die Adoptions-Sache erklären zu können. Dieses Buch möchte ich jedem, der in dieser Situation ist, ans Herz legen.
 
Die Mäusekinder, so erklärte ich ihr nach der Lektüre, würden eine andere Mama finden. Genauso wie der Findefuchs, der im Buch bei Mama Dachs unterkommt.
 
„Es gibt nämlich auch Findemäuse“, erklärte ich.
 
„Und Findemädchen. So wie mich“, überraschte mich unsere Vierjährige.
 
All meine Sorgen, wie ich ihr erklären konnte, dass wir nicht ihre leiblichen Eltern seien, verpufften – die Aufklärungsarbeit hatten bereits ihre „Pflegschwestern“ übernommen. Und alles war gut.
 
Noch ein Nesthäkchen!
 
Als unser Findemädchen fünf Jahre alt war, geschah, wovon ich schon fast nicht mehr zu träumen gewagt hatte: Ich wurde schwanger. Die Schwangerschaft war nicht einfach, ich musste mich viel schonen und stand viele Ängste aus. In der 35. Schwangerschaftswoche kam unser leibliches Kind zur Welt.
 
Wenn ich gefragt werde, ob es einen Unterschied gibt, zwischen dem leiblichen und dem adoptierten Kind kann ich - für mich - ganz klar sagen: Ja, und zwar die Schwangerschaft. Eine wirkliche Mutter wird man erst durch das Kind, das in einem heranwächst. Sicher war ich meinen anderen Kindern auch eine gute Mutter, aber hat man eine Schwangerschaft durchlebt, ändert sich noch einmal vieles. Es gibt viele Dinge, die man ganz anders bewertet und einordnet. Das ist einfach so.
 
Ich habe natürlich versucht, alle meine Kinder gleich zu behandeln. Meine Jüngste, die leibliche Tochter schwört, ich sei mit ihr viel strenger gewesen, als mit den anderen Kindern. Bei denen hält sich jedoch die Meinung, dass wir mit ihr, als unserem Nesthäkchen, viel nachsichtiger waren. Wie es wirklich ist, kann ich nicht sagen – wir haben unser Bestes getan.
 
Ein steiniger Weg liegt hinter uns
 
Die wirklichen Unterschiede zwischen unserer Adoptiv- und unserer leiblichen Tochter taten sich erst in der Pubertät auf. Da ist die genetische Komponente einfach nicht von der Hand zu weisen, das darf man nicht unterschätzen. Ich selbst hatte ein problematisches Verhältnis zu meiner Mutter und hatte mir vorgenommen, bestimmte Dinge anders zu machen. Dazu kam es dann aber letztendlich gar nicht, da die mir bekannten Problemstellungen gar nicht erst auftraten. Dafür dann wieder völlig andere. Erst in der Pubertät fällt auf, dass es ganz andere Menschen sind, die man da in seiner Familie hat. Ich meine das nicht negativ – es ist einfach so, ganz wertfrei.
 
Wenn ich auf den Weg zurück blicke, den wir mit unseren Kindern gegangen sind, kann ich mit der Erfahrung von heute sagen, dass vier Kinder - besonders in dieser Konstellation - emotional sehr, sehr anstrengend sind. Wenn man vier Kinder nach bestem Wissen und Gewissen erzieht und sie alle in komplett andere Richtungen streben, kann einen das schon verrückt machen.
 
Ich halte mich für eine starke Frau und habe durch meine pädagogische Ausbildung auch einen professionelleren Hintergrund als manch anderer - vielleicht hat mir das manchmal im Weg gestanden. Womöglich hätte ich öfter, ohne das theoretische Wissen, einfach aus dem Bauch heraus entscheiden müssen. Jedenfalls gab es auch für mich einen Punkt, an dem ich die professionelle Hilfe eines Therapeuten in Anspruch nehmen musste, weil ich einfach nicht mehr weiter wusste.
 
Aber eines kann ich mit Überzeugung sagen: Wenn erst die Enkelkinder kommen, ist es egal, ob es Pflege-, Adoptiv- oder leibliche Kinder sind. Dort hören alle Unterschiede auf. Wir haben bereits sechs Enkel und dabei wird es nicht bleiben. Unsere Patchwork-Familie wächst stetig. Und damit sind wir sehr glücklich!
 
 
 
* Namen geändert
 

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