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Fast unbemerkt im Paradies – Familienreise nach Mexiko, Woche 1

Lisa (33) und Markus Harmann (42) sind auf eine Hochzeit in Mexiko eingeladen. Was sie mit ihrer Tochter (fast 9) und ihren Zwillingsjungs (6) im Land der Sombrero-Hüte erleben, schreiben sie in einer vierteiligen Serie auf eltern.de. Heute. Teil 2: Von karibischer Hitze, Tränen der Rührung und dreisten Nasenbären.

Reise: Fast unbemerkt im Paradies – Familienreise nach Mexiko, Woche 1
Markus Harmann

Mexiko wirft seinen feucht-heißen Schleier wie ein Fangnetz auf uns, als wir durch die Schiebetür des Airports Cancun ins Freie treten. 31 Grad, Luftfeuchtigkeit über 80 Prozent. Wir tragen die Klamotten eines deutschen Noch-nicht-so-richtig-Sommers: lange Hose, Sweatshirt, Socken. Während des arg klimatisierten, zwölf-stündigen Flugs von Frankfurt waren sie genau richtig. Aber jetzt? Beinahe augenblicklich legt sich ein nasser Film auf unsere Haut. Ein Film, der in den kommenden zwei Wochen zum ständigen Begleiter werden soll. Er kühlt und klebt zugleich.Mexiko, wir sind da! Die Zollbeamtin am Flughafen stempelt routiniert und wie von Computerhand gesteuert unsere fünf Pässe. Dass die Kinder auf den Passfotos gerade zwei Jahre alt und eigentlich nicht wiederzuerkennen sind – geschenkt. Wir warten auf den Bus ins 60 Kilometer entfernte Hotel in Playa del Carmen auf der Halbinsel Yucatán. Der Lippenstift zerläuft, das T-Shirt unter dem Sweatshirt trieft. Durst! „Mama, warum schmecke ich so salzig?“, fragt der Sohn. „Kommt das Salz aus Mexiko?“

Reise: Fast unbemerkt im Paradies – Familienreise nach Mexiko, Woche 1
Markus Harmann

Sieben Stunden stellen wir die Uhr zurück, einen Nachtschlaf sozusagen. Jetlag – nach dem feucht-heißen Schleier die zweite existenzielle Herausforderung der ersten Tage in der Karibik. Die dritte ist: das Essen am All-Inclu-Buffet, aber dazu später mehr. Die vierte ist eigentlich keine, denn sie verlangt weder Umstellung noch Überweindung, sie ist einfach schön: Wir sind mit unseren drei Kindern nach Mexiko gereist, um die Hochzeit meines Schwagers mit einer Mexikanerin zu feiern.

Aber bis es soweit ist, stürzen wir uns ins karibische Abenteuer, kämpfen mit mexikanischen Doppelstockbetten und verteidigen unser Essen gegen aufdringliche Nasenbären.

Leguane werden neben Nasenbären zu unseren ständigen Begleitern. Beide Tierarten vereint: der Hunger und die Neugier. Gleich mehrere Nasenbärenfamilien leben auf der weitläufige Hotelanlage. „Nicht füttern“ – das steht zwar an jeder Ecke. Aber das erwarten die Bären mit der länglichen Schnauze auch gar nicht, sie erobern sich ihren Cola-Keks-Pommes-Mix schon selbst. Geschickt werfen sie Getränkebecher um und schlabbern den süßen Saft auf. Oder sie stöbern sich durch die Strandtaschen und rennen mit der Kekspackung zwischen Pfote und Schnauze in den Dschungel. Ob die Hotel-Nasenbären dicker sind als ihre Artgenossen im Dschungel?

Apropos Essen. Die All-Inclu-Kost ist üppig – mexikanische Taccos, Paella, gebratenen Fisch, Hamburger, viel Obst – aber sollten wir bedenkenlos zuschlagen? Über Mexikos Küche schwebt immer noch Azteken-Herrscher Montezuma und dessen Rache ist sprichwörtlich. Meine Frau hatte sich auf das reichhaltige Salatbuffet gefreut, doch jetzt hören wir von meinem Schwager, der seit anderthalb Jahren im Land lebt: Von Rohkost besser die Finger lassen. Noch immer ist die Hygiene ein Problem und Salat wird in aller Regel mit Leitungswasser gewaschen. Wir lassen uns nicht verrückt machen, merken aber nach wenigen Tagen, wie der Magen – mal leicht, mal heftig – rebelliert. Das ist wohl der Preis für karibisches Flair und viel, viel Sonne.Was die Nasenbären auf der Suche nach Futter und Spielzeug nicht interessiert, ist die Sonnencreme, 50plus. Die braucht kein Bär, wohl aber der Weißhaut-Europäer. Die Sonne sticht, der Schweiß rinnt, gar nicht so einfach, die Creme auf den feuchten Film aufzutragen.Die Mexikaner, wir sehen es genau, lachen über die tägliche mitteleuropäische Hitzeschlacht am Pool. Ebenso die künftige Braut meines Schwagers. Wir treffen uns am Mittag in einem Restaurant in Playa del Carmen. Zum Kennenlernen. Ihre Eltern sind ebenfalls angereist, sie kommen aus Monterrey im Norden Mexikos, zwei Flugstunden entfernt – Familienzusammenführung.

Reise: Fast unbemerkt im Paradies – Familienreise nach Mexiko, Woche 1
Markus Harmann

Wir busseln, wir essen, wir schwitzen, wir reden auf Englisch, Spanisch und Deutsch, helfen nach mit Gestik und Mimik. Klappt eigentlich ziemlich gut. „Lachen die Menschen hier immer so viel über alles?“, fragt die Tochter mit den westfälischen Wurzeln. Sie kann sich nicht recht entscheiden, ob sie irritiert sein soll oder begeistert. Ich jedenfalls bin begeistert: tolle Schwägerin in spe, tolle Familie. Als ihr Vater beinahe auf Knien meinem Schwiegervater und uns dankt, für alles, für das Kennenlernen, für das Glücklichmachen seiner Tochter, da brechen plötzlich alle Neu-Verwandten in Tränen aus! „Ihr Kölner seid ja eh ein bisschen lateinamerikanisch emotional“, sage ich zu meiner Frau, die auch ein Tränchen verdrückt. Ich, der Westfale, weine nicht, jedenfalls nicht im Gesicht. Dafür weint mein Hemd, ist triefend-nass. Schwitzen und kein Ende. Am Abend, wir sind zurück im Hotel, nimmt ein kräftiger Regenguss die drückende Schwüle, zumindest für zwei Tage. Selten haben wir Regen so herbeigesehnt.

Ja, der feucht-heiße Schleier des mexikanischen Sommers bleibt die große Herausforderung, aber eigentlich spüren wir sie vor allem im Hotel, in unserem Ufo auf mexikanischem Boden. Sobald wir uns auf die Landschaft, die Menschen, das bunte (und bunt ist hier wörtlich zu nehmen) Leben einlassen, vergessen wir den feuchten Film zwischen T-Shirt und Haut.

Es sind weiße Karibikstrände mit Kokospalmen, Wasser, das tatsächlich türkis-blau schimmert, halsbrecherische Fahrten in Kleinbussen (Collectivos) vorbei an lachenden Menschen und Häusern aus spanischer Kolonialzeit. Fast ungläubig schauen wir uns abends vor dem Einschlafen die Fotos des Tages an und können kaum glauben, wo wir sind: im Paradies.