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Städtereisen Nicht nur über den Dächern ist Nizza eine Reise wert

Auf den ersten Blick ist sie nicht die schönste Stadt, aber beim genaueren Hinsehen doch sehr apart: Nizza will entdeckt werden. In unserem ausgedehnten Stadtrundgang verraten wir Insidertipps, wie Du zusammen mit Deinen Kindern das Lebensgefühl Nizzas am besten erleben kannst.

Der Anflug auf Nizza ist fantastisch. Strahlend blau der Himmel und das Meer, in der Ferne die Grande Corniche, die berühmteste Panoramastraße der Welt. In Hitchcocks "Über den Dächern von Nizza" legt hier Grace Kelly eine wilde Verfolgungsjagd am Steuer eines Cabrios hin, "eines Sunbeam Alpine Marke III", sagt Ruben. Wir nehmen den Bus. Am Bahnhof erwarten uns Bea, Henri und ihre 15-jährige Tochter Nikaa. Nikaa ist der alte Name für Nizza, und somit ist niemand besser geeignet als sie, uns die Stadt zu zeigen. "Nizza ist furchtbar touristisch", sagt Nikaa und verdreht die Augen, wie es nur Französinnen können. Emma, 8, und Ruben sind hingerissen. Ja, Nizza ist touristisch, aber auf charmante Art, lärmend, leicht verstaubt, ein bisschen verschlampt, nicht wirklich schön, dafür apart und sexy. Seit mehr als 150 Jahren zieht es die Menschen hierher, erst die Engländer, dann die Russen, die Maler und Schriftsteller, jetzt sind alle da. Als Henri Matisse das erste Mal Nizza besuchte, schrieb er: "Als ich mir bewusst wurde, dass ich dieses Licht jeden Morgen wieder sehen würde, konnte ich mein Glück nicht fassen." Ein paar Jahre später zog er in der Villa Le Rve ein und blieb bis zu seinem Tod. In seinen drei Ateliers kann man heute Malkurse besuchen.

Paradies für Ganoven

Wir verstauen unser Gepäck in Beas Auto und bummeln vom Bahnhof über die Avenue Jean-Mdecin Richtung Place Massna. Dabei klärt uns Nikaa darüber auf, dass Nizza in der Verbrechensstatistik Frankreichs mit an der Spitze steht und eines der Zentren der desaströsen Bau- und Spekulationspolitik an der Riviera ist. Auch die Familie Mdecin, der die Shoppingmeile ihren Namen verdankt, hat einiges auf dem Kerbholz. Über 60 Jahre, bis in die 1990er Jahre, regierten Familienmitglieder als Bürgermeister die Stadt und überzog sie mit einem Filz aus Korruption, Steuerhinterziehung und Begünstigung. Aber die Nissart haben ihr längst verziehen. Immerhin hat Jacques Mdecin auf der Flucht vor der drohenden Verhaftung ein Kochbuch der regionalen Küche verfasst. Vielleicht macht auch das milde Klima nachsichtig. Während im Mittelalter andernorts Schuldnern grobe Züchtigungen und Schuldturm drohten, musste man in Nizza nur die Hosen herunterlassen und wurde unsanft auf einen Stein geschubst. Damit war die Sache erledigt.Im zackigen Zickzack dirigiert uns Nikaa an besagtem Schuldstein Ecke Muse Massna vorbei, durch Grünanlagen mit üppigen Blumenarrangements und Wasserspielen, dann biegen wir in Straßen voller Bars, Boutiquen und Bistros. Ein kurzer Blick auf den Palais de Justice und das nach italienischem Vorbild erbaute Opernhaus, in dessen Salon Royal ein gigantischer, tonnenschwerer Kristallleuchter hängt. Dann geht es weiter durch die Rue Sgurane, ein Gässchen mit vielen Antiquitätengeschäften, bis zum Place St-Augustin. Hier deutet Nikaa auf eine Gedenktafel: Voilà, Mademoiselle Catherine Sgurane, Beruf Wäscherin, die Jeanne d’Arc von Nizza. 1543 schlug sie beherzt die Türken in die Flucht, indem sie ihnen ihren nackten Hintern präsentierte. "Das scheint ja hier eine Art Tradition zu sein", scherzt Ruben. Nikaa schaut streng. Keine Witze über Lokalheilige! Am 25. November trifft sich tout Nice hier, um Catherines Verdienste zu würdigen.

Nizza - von Griechen gegründet

Jetzt sind wir fast schon im Vieux Nice, dem alten, ursprünglich von den Griechen gegründeten Stadtteil. Mittelpunkt ist der Cours Saleya, wo von Dienstag bis Sonntag Obst, Gemüse, Gewürze und Blumen verkauft werden. Montag ist Trödel- und Antikmarkt. Hier schaut man am besten am frühen Morgen vorbei, ab Mittag drängen Menschenmassen über den Platz, aus überfüllten Restaurants und Cafés plärrt Musik. Wir flüchten in die kleinen Gassen der Altstadt, wo man das andere Nizza sieht, das, hinter dessen romantisch-verwitterten Fassaden sich nicht selten katastrophale Sanitärverhältnisse und bittere Armut verbergen. "La plage", kommandiert Nikaa. Wir überqueren den Quai des états-Unis und eiern über einen sehr steinigen "Plage Public". Emma hüpft ins Wasser, wir kühlen unsere Füße. Herrlich. Nur die Felsen und der Wellengang machen mir Sorge und sind wohl auch der Grund, warum man an dieser Stelle des Strandes jederzeit ein freies Plätzchen findet.
Was ist das?", fragt Emma und deutet auf eine leuchtend rosa Kuppel. "Da will ich hin." Das Belle-Epoque-Hotel Negresco an der Promenade des Anglais ist in unserem Etat leider nicht drin. Aber falls wir mal im Lotto gewinnen, werden wir in einem der 121 Zimmer nächtigen, unter dem grandiosen Kristallleuchter Champagner trinken und uns die umfangreiche Kunstsammlung anschauen. Die kennt kaum jemand. Die Kuppel hat 1912 übrigens Gustave Eiffel gebaut - "inspiriert vom Dekollet seiner Mätresse", erklärt Nikaa. Ruben grinst. "Zur Abwechslung mal ein nackter Busen. Cool."
Jetzt noch eine Schüssel Moules frites, dann ab ins Bett. Am nächsten Morgen wollen wir nicht zu spät ins Muse Matisse (Eintritt frei), das ist im Cimiez, dem römischen Teil von Nizza. Vom Bahnhof läuft man cirka eine halbe Stunde, flott, es geht bergauf. Emma schmollt. Das nächste Mal nehmen wir den Bus. Im Museum sind neben Bildern, Tapisserien, Zeichnungen und Skulpturen auch persönliche Gegenstände des Malers zu sehen. Besonders der Fauteuil Rocaille hat es Emma angetan, ein Sessel mit Muschellehne und -sitz.
Unweit vom Matisse-Museum gibt es, ebenfalls kostenlos, römische Ausgrabungen zu entdecken, ein Amphitheater und Thermen. Schattige Olivenhaine laden ein, sich mit Buch oder Malblock niederzulassen. Man kann sich frei bewegen. So ist Kunst auch mit Kindern gut zu machen. Am Nachmittag steht der Hafen auf dem Programm. Der ist nicht so spektakulär wie in Cannes, aber bei einer Schiffpartie kann man die Côte d’Azur vom Meer aus bewundern, die Zitadelle aus dem 16. Jahrhundert, das Cap Ferrat mit seinen Luxusvillen, mit etwas Glück lassen sich sogar die Zwiebeltürme der russisch- orthodoxen Kathedrale und das Lyce Parc Imperiale erkennen. Der Palast mit 200 Schlafzimmern wurde 1855 für ein einziges Kind gebaut, den erkrankten Zarewitsch. Jetzt drücken hier 2500 Kinder die Schulbank. "Nicht von der Schule reden", jault Emma. Auf keinen Fall. Dass wir Nizza Adieu sagen müssen, ist traurig genug. Nikaa wirft uns eine Kusshand zu. bientt, Nice!

Städtereise nach Nizza: Infos und Tipps

Anreise
Der Flughafen Nizza liegt knapp sieben Kilometer von der Stadt entfernt, ins Zentrum gibt es Bus- und sogar Zugverbindungen. Zugverbindungen nach Nizza via Paris, www.tgv-europe.de

Touristeninformation:
Office du Tourisme et des Congrs, 5, Promenade des Anglais, Tel.: + 33(0) 892 707 407

Wohnen
Hotel Villa La Tour, hübsches Familienhotel, www.villa-la-tour.com
Preisklasse: €€ - €€€
Le Castel Enchant, in den Hügeln von Nizza. DZ mit Frühstück, Schwimmbad, große Terrasse. www.castel-enchante.com
Preisklasse: €€€

Ausflüge
Fondation Maeght in Saint-Paul de Vence. Nicht nur für Kunst- und Architekturinteressierte ein Muss. www.fondation-maeght.com

Muse Ocanographique in Monaco
www.oceano.mc

Espace Marineland in Antibes. Der größte Meerespark Europas mit Hai- Tunnel. Hohe Eintrittspreise! www.marineland.fr

Mit dem Train des Pignes nach Entrevaux. Abfahrt Gare de Provence, 9 Uhr. Der Pinienzapfzug, Toilette mit Blick auf die Schienen, fährt 1 Stunden entlang der Var durch wildromantische Schluchten, Täler und Tunnels. Im Ort zur Zitadelle aufsteigen, vom Felsvorsprung hat man einen fantastischen Blick. (Tickets am Stadttor kaufen.) www.trainprovence.com

Shoppen
Confiserie Florian, 14 quai Papacino. Süßes aus Früchten und Blumen der Region, die Clmentines confites sind ein schönes Mitbringsel. Trsors du Sud, 24 rue Pairolire, Düfte, Seifen, (Bio)kosmetik. Boutique Nicolas Alziari, 14 rue St Franois de Paule, Gewürze, Olivenöle, Foie gras ...

Das müssen Sie probieren
Nach einem Socca-Wagen mit integriertem Backofen Ausschau halten. Hier gibt es die echte Socca, ein wagenradgroßer Pfannkuchen aus Kichererbsenbrei mit schwarzem Pfeffer. Schmeckt köstlich zu kühlem Weißwein. Eine andere Spezialität ist die Pissaladier, eine Art Zwiebelkuchen mit Sardellen und schwarzen Oliven.

Preiskategorien:

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