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Suchmaschine Mama Hilfe, ich bin die Suchmaschine meiner Familie – warum?

Suchmaschine Mama muss immer suchen.
© Yuliya Yesina/shutterstock
In dieser Woche beschäftigt sich unsere Autorin Lea Kästner mit der Frage, weshalb gerade sie immer alles für ihre Familie suchen muss. Hat nicht jeder zwei Augen im Kopf? Eigentlich schon...

Ich bin die wandelnde Suchmaschine, die alles findet. Ich weiß, wo die Regenhosen der Kinder sind, in welcher Schublade das Lieblingsradiergummi meines Sohnes gelandet ist, wo die kleine Fernbedienung liegt, in welchem Kellerregal das Hundefutter steht und wo sich die Tesafilm-Rolle versteckt. Weil ich das alles weiß und so gut im Suchen bin, gibt sich niemand in meiner Familie die Mühe, die eignen Äuglein aufzusperren, den Grips anzustrengen und sich selbst auf die Suche zu begeben. Es wird einfach durchs Haus gebrüllt: "Mamaaaaa, wo sind meine Tennisschuhe? Mamiiii, ich finde meinen Füller nicht. Leaaaa, wo steckt denn der verdammte Korkenzieher?"

Habe ich eine besondere Gabe?

Ich selbst bin immer wieder überrascht, wie ich es schaffe, mir die unendlich vielen, ja, auch ständig wechselnden Aufenthaltsorte dieser ganzen Gegenstände zu merken. Vor einigen Jahren dachte ich noch, ich habe ein besonderes Talent. So etwas wie ein fotografisches Gedächtnis, das jedes Teil an seinem aktuellen Standpunkt knipst und das Bild in einer Art geistigem Fotoalbum ablegt. Einfach toll, und kein Wunder, dass mich deswegen jeder verzweifelt um Hilfe bittet. Pustekuchen! Nach und nach wurde mir klar: Meine Familie ist nicht verzweifelt oder gar begeistert von meinen besonderen Fähigkeiten. Es ist etwas anderes: Meine Familie ist schlichtweg faul. Zu faul zum Augen aufmachen, zu faul zum Nachdenken und Nachgucken.

Selber suchen – Fehlanzeige!

Mittlerweile macht es mich richtig wütend, wenn ich gefragt werde, in welchem Schrank denn das Schuhputzzeug liegt, obwohl ich ganz genau weiß, dass zuvor keine einzige Schranktür geöffnet wurde, um selber mal einen Blick hinein zu werfen. Was mich daran wütend macht? Die Annahme, dass ich jederzeit bereit bin, mich für irgendeinen Quark auf die Suche zu machen. Als hätte ich nichts Anderes zu tun und wäre glücklich, endlich wieder einen Einsatz als Spürnase zu haben.

"Moogle" – Die Mama-Suchmaschine

Zudem höre ich bei den Suchanfragen, die ja immer super dringlich sind, vermehrt einen vorwurfsvollen Unterton heraus, der mir vermittelt: "Mama, du bist dafür zuständig, dass ich meine sieben Sachen zusammen habe. Wo zum Teufel hast du sie versteckt?"

Inzwischen weiß ich, dass ich damit nicht allein bin. Viele Freundinnen berichten mir, dass auch sie Suchmaschinen sind – "Moogles" (Mama + Google). Und auch sie ziehen den Zorn ihrer Familie auf sich, wenn etwas nicht zu finden ist. Es hat also gar nichts mit mir speziell zu tun, sondern ist wohl eines dieser typischen Arbeitsaufteilungs-Themen in Familien, an denen in der Regel ganze Rattenschwänze hängen. So wie: Wer kocht, trägt die Verantwortung dafür, dass alle zufrieden sind, dass jeder satt wird, muss die Küche danach aufräumen und auch das Salz auf die Einkaufsliste schreiben, wenn es aufgebraucht ist. Wenn nicht, ist Ärger vorprogrammiert. Da ich unfreiwillig für das andauernde Aufräumen zuständig bin, stehe ich scheinbar auch unter Generalverdacht, Dinge extra zu verstecken, wenn ich sie wegräume.

Alles bleibt einfach liegen

Ein großer Teil der Familie ist sich leider einig, dass die meisten Gegenstände, die mal eben benutzt werden, danach mitten auf den Esstisch, das Sofa oder einfach den Fußboden gehören ("Ich habe es genau HIER hingelegt!"). Da würde die Sachen vermutlich jede:r gleich wieder finden – man stolpert ja auch ständig darüber. Schwer zu orten sind sie scheinbar, wenn sie an ihre eigentlichen Bestimmungsorte zurückgelegt werden. Da ich dies mache, muss ich auch zum Suchen kommen. Selber schuld also?

Darf ich mich nun also entscheiden: In ewiger Unordnung leben oder für immer das gebeutelte Suchtier bleiben?  Eigentlich habe ich die große Hoffnung, dass sich die Aufträge an die Suchmaschine Mama reduzieren, sobald alle gelernt haben, ihren Kram selber sinnvoll wegzuräumen. Es ist ja ganz schön, gebraucht zu werden, aber bitte nicht, um andauernd in heillos überfüllten Spielzeugkisten und Schubladen zu wühlen, weil ich angeblich mal wieder etwas versteckt habe. Das mache ich nämlich nur ganz, ganz selten. Der ultra-häßliche Lieblingspulli meines Freundes ist schon länger weg …

Bereits erschienen Kolumnen "Lieber echt als perfekt" von Lea Kästner:

ELTERN

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