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Teilen lernen Mit diesen Tipps fällt Kindern das Teilen leichter

Teilen lernen: Zwei Kinder streiten um einen Roller
© anoushkatoronto / Adobe Stock
Kinder wollen wissen, was wem gehört. Damit sie ihren Besitz auch teilen können, müssen sie sich in andere hineinversetzen und darauf vertrauen können, alles wieder zurückzukriegen – mit drei genauso wie mit 13.

Ab 3 Jahren

Alles meins!

Teilen ist ganz schön schwer, aber schon die Kleinen schaffen es

Es ist eine wichtige soziale Fähigkeit. Da liegt der Gedanke nahe, dass Kinder am besten von Anfang an lernen sollten: Abgeben gehört dazu. Im Alltag mit Kita-Kindern sorgt diese Erwartung jedoch für Frust. Denn so liebevoll wir auch erklären, dass Klaas-Ole auch mal mit dem Bagger spielen will – auf Verständnis stoßen wir eher selten. Die wahrscheinlichere Reaktion: Der eigene Dreijährige verteidigt den Bagger mit Kampfschrei: "Meiner!!"

Ab wann können Kinder teilen? Eine Schaufel abgeben, den Teddy ausleihen, gemeinsam statt allein den Turm bauen – im entspannten Spielen sind dazu auch Kindergartenkinder schon in der Lage. Schwierig wird es in Stress- und Konfliktsituationen – etwa, wenn zwei Kinder dasselbe Spielzeug jeweils für sich haben möchten. Um da einen kühlen Kopf zu bewahren und zu einer fairen Lösung für beide Seiten zu kommen, braucht es Impulskontrolle und Empathie – und diese Eigenschaften bilden sich im Kindergartenalter erst noch aus. Aus evolutionärer Sicht gibt es eine einfache Erklärung dafür: In der Geschichte der Menschheit war dieses Alter die Zeit, in der Kinder von der mütterlichen Brust entwöhnt wurden und ein Geschwisterkind bekamen. Das heißt: Kinder in diesem Alter mussten schauen, dass sie angesichts des neuen Babys nicht zu kurz kamen bei der Verteilung von Nahrung und Aufmerksamkeit. Die beste Survival-Strategie für Kinder ab drei Jahren bestand deshalb darin, laut und energisch für sich selbst und ihre Interessen einzutreten. Kindergartenkinder müssen das Teilen also nicht lernen – sie müssen vielmehr die Entwicklungsstufe des Nicht-teilen-Wollens durchlaufen, damit das nächste Level ihrer Persönlichkeitsentwicklung freigeschaltet wird. Um die Zeit bis dahin gut zu überstehen und Konfliktsituationen zu entspannen, haben sich folgende Strategien bewährt:

Das gehört uns allen. Im täglichen Sprachgebrauch darauf achten, welche Besitztümer dem Kind zugeschrieben werden und welche nicht. Wer den Hochstuhl als "deinen Stuhl" bezeichnet, muss sich nicht wundern, wenn die Besitzerin protestiert, soll ein Besuchskind darauf sitzen. Sprechen Eltern hingegen von "unserem Kinderstuhl", vermitteln sie damit, dass er allen Kindern zur Verfügung steht.

Mamas und Papas Spielzeugkiste. Die eigenen Spielsachen zu teilen fällt Kindergartenkindern phasenweise schwer. Da hilft es, wenn die Eltern eine eigene Spielzeugkiste haben mit Autos, Knete und Seifenblasen drin, die sie dann eben mit dem Kind, das zu Besuch ist, teilen.

"Diese Puppe ist sein Baby." Wird das eigene Kind von anderen unter Druck gesetzt, ein geliebtes Spielzeug teilen zu sollen, hilft es, wenn Eltern klar verbalisieren, warum das nicht geht, und eine Alternative anbieten: "Diese Puppe ist für Matti wie ein eigenes Baby, die kann er nicht hergeben. Aber schau, wir haben viele Kuscheltiere, welches magst du?"

Auf neutralem Boden treffen. In Zeiten, in denen das Thema Teilen besonders schwierig ist, kann es Entspannung bringen, wenn man sich mit Spielfreunden nicht zu Hause verabredet, sondern zum Beispiel auf dem Spielplatz, im Schwimmbad oder in der Kletterhalle, wo man gemeinsam Spaß haben kann, ohne über Besitztümer zu verhandeln.

"Kinder starten ins Leben mit der Veranlagung, teilen und kooperieren zu wollen. Dazu müssen wir sie nicht erziehen. Im Lauf der Zeit lernen sie jedoch, genauer auszuwählen, wem sie helfen und mit wem sie teilen wollen – und dabei spielen positive wie negative Rückmeldungen aus ihrem Umfeld eine wichtige Rolle."

Dr. Michael Tomasello, ehemaliger Leiter des Leipziger Max-Planck-Instituts für Evolutionäre Anthropologie.

Ab 8 Jahren

Ich schenk dir alles, was ich hab

Fünf Fragen, die sich Eltern jetzt oft stellen – und die Antworten.

Warum muss jetzt auf einmal bis aufs letzte Gummibärchen nachgezählt werden, ob alle gleich viel haben?

Mit acht, neun Jahren erwacht bei Kindern der Gerechtigkeitssinn – und zwar mit Wucht. "Unfair!" wird ihr neues Lieblingswort, mit dem sie alles anprangern, was ihrer Ansicht nach eine himmelschreiende Ungerechtigkeit darstellt. Dabei unterscheiden sie in diesem Alter noch nicht zwischen Gerechtigkeit und Gleichheit – fair geht es für sie zu, wenn alle exakt gleich behandelt werden und exakt dasselbe bekommen. Das ist im Alltag manchmal anstrengend, sorgt aber auch dafür, dass das gerechte Aufteilen, etwa von geschenkten Süßigkeiten, jetzt richtig gut klappt – zumindest, wenn das Auszählen der Kaubonbons genau aufgeht.

Wieso will mein Kind plötzlich jedem Bettler Geld in den Hut werfen?

Mit acht Jahren macht die Empathie- Entwicklung bei Kindern noch einmal einen richtigen Schub nach vorn: Sie können nun nicht nur spüren, wenn es einem anderen Menschen schlecht geht, sondern sich auch in seine Lage hineinversetzen – und das mit einer emotionalen Intensität, die sich Erwachsene kaum noch vorstellen können. Denn anders als sie haben Acht-, Neun- und Zehnjährige noch nicht die Hornhaut auf der Seele, die sich die meisten von uns im Laufe des Erwachsenwerdens zugelegt haben, um nicht am Leid der Welt zu zerbrechen. Die Folge: Sehen Kinder einen Menschen in Not, diktiert ihnen ihr Gerechtigkeitssinn, ihm helfen zu müssen – unbedingt.

Der besten Freundin die teure Goldkette von Oma weiterschenken – muss das wirklich sein?

Die Zeit, in der wir Eltern für unsere Kinder die wichtigsten Menschen der Welt waren, ist erst mal vorbei – gleichaltrige Freundinnen und Freunde laufen uns diesen Rang ab. Insbesondere Mädchen entwickeln jetzt häufig enge Zweierfreundschaften, die sie mit generösen Geschenken aneinander zelebrieren. Grundsätzlich ist es eine wichtige und bereichernde Erfahrung, diese Großzügigkeit zu zeigen und zu erfahren. Bei Familienerbstücken und anderen unersetzlichen Wertgegenständen dürfen Eltern aber einen Riegel vorschieben.

Warum gönnen sich Geschwisterkinder jetzt kaum das Schwarze unterm Fingernagel?

So großzügig mit Freundinnen – so knausrig mit dem kleinen Bruder. Für Eltern ist das oft schwer zu ertragen. Dabei ist es ganz normal, dass Acht- bis Elfjährige Geschwisterrivalitäten austragen, um ihren Platz und ihre Rolle im sich wandelnden Familiengefüge zu finden. Die Besitztümer, um die dabei gestritten wird, sind dabei meist nur Mittel zum Zweck – in Wirklichkeit geht es um Aufmerksamkeit und Abgrenzung voneinander.

Mein Schreibtisch ist meiner, und die Sachen darauf gehören mir – was ist daran so schwer zu verstehen?

Kinder haben jetzt ein ganz starkes Gemeinschaftsgefühl. Was dir gehört, gehört auch mir – das leben sie nicht nur mit ihren Freunden, sondern auch zu Hause. Dein Tablet, mein Tablet – wer wird sich schon mit solchen Kleinigkeiten aufhalten? Da helfen nur ganz klare Absprachen: "Das ist meins, das ist deins, das gehört uns allen zusammen – und meine Schreibtischschublade bleibt zu!"

Ab 12 Jahren

Wollen wir tauschen?

Wie Teenager ihre Geschäfte regeln

Besser als verkaufen

"Ich sammele Handy-Hüllen, die wechsle ich dann jeden Tag passend zu meinem Outfit. Ich habe bestimmt 20 Stück. Jetzt bekomme ich zu meinem Geburtstag aber ein neues Handy, da passen meine alten Hüllen nicht mehr, deshalb schenke ich sie meiner besten Freundin Mascha. Papa hat gesagt, das ist doch doof, ich soll sie lieber auf Ebay Kleinanzeigen verkaufen. Er versteht einfach nicht, dass es viel besser ist, sie Mascha zu geben – dann nimmt sie mich sicher auch bald mal wieder mit in den Reitstall."

Frieda, 13

Mit Beginn der Pubertät werden soziale Beziehungen zwischen Jugendlichen häufig komplizierter – da ist es hilfreich, der eigenen Beliebtheit mit Tauschgeschäften etwas auf die Sprünge zu helfen. Wer etwas teilt, was andere cool finden, verdient sich damit einen gewissen sozialen Kredit – und stärkt damit seine Position in der Gemeinschaft. Eltern ist der Gedanke daran, dass Tauschen und Konsumieren in Teenie-Freundschaften häufig eine so große Rolle spielen, oft suspekt. Dabei funktionieren soziale Beziehungen zwischen Erwachsenen oft gar nicht anders: Gefälligkeiten werden mit Gefallen beantwortet. Man nennt das auch: Netzwerken.

Nicht richtig willkommen

"Eigentlich würde ich gern öfter Freunde nach Hause einladen, aber mit Mama und Papa ist das so stressig. Sie wollen nicht, dass ich das WLAN-Passwort rausrücke. Meine Kumpels sollen auch nicht einfach bei uns an den Kühlschrank gehen. Und sie dürfen auch nur aufs Gäste-Klo. Das ist doch megapeinlich, wie soll ich denen das denn erklären? Wir treffen uns deshalb meistens bei Lars, dessen Eltern sind eigentlich nie zu Hause, da dürfen wir alles.“

Leo, 12

Ein offenes Haus, in dem die eigenen Freunde willkommen sind – das wünschen sich die meisten Teenies. Dazu gehört für sie auch: freier Zugang zum Kühlschrank und zum Internet. Für Eltern ist das nicht immer einfach – was ist mit ihrem eigenen Bedürfnis nach Privatsphäre? Was hilft: Kompromisse finden, die dem eigenen Kind das Teilen ermöglichen, ohne die Eltern in den Wahnsinn zu treiben. Zum Beispiel mit einem großzügigen Snack-Vorrat in der Speisekammer – und einem Gäste-Zugang fürs WLAN. Das Gäste-Klo ist übrigens absolut okay. Das benutzen ja auch die Freunde der Eltern.

Wissen per Whatsapp

"Wenn ich Hausaufgaben mache, liegt mein Handy neben mir. Wenn ich irgendwo nicht weiterkomme, stelle ich meine Frage in unserer Whatsapp- Gruppe. Irgendwer antwortet dann schon. Klar schreiben wir zwischendurch auch Quatsch, aber wir helfen uns auch wirklich gegenseitig. Mama sagt, so könne sich doch kein Mensch konzentrieren, aber ich hab es ausprobiert: Ohne Handy geht es schlechter, weil ich mich dann ständig frage, was die anderen jetzt schreiben."

Annina, 12

Da arbeiten Eltern jahrelang darauf hin, dass ihre Kinder sich gegenseitig helfen – und wenn sie ihre Hausaufgabenfragen dann übers Smartphone stellen, ist es ihnen auch wieder nicht recht. Klar, dass das Teenies frustriert – zumal neue Studienergebnisse aus Würzburg tatsächlich dafür sprechen, dass diese Form digitaler Lernunterstützung einen positiven Effekt auf den Schulerfolg hat. Der Kommunikationswissenschaftler Markus Appel wertete 59 Untersuchungen zum Thema in einer großen Meta-Studie aus und kam zu dem Schluss: Nutzen Schülerinnen und Schüler soziale Medien, um sich über Schulthemen wie Hausaufgaben auszutauschen, schreiben sie im Mittel leicht bessere Noten.

ELTERN

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