Geschichtenerzähler
 
Bitte, erzähl mir was!

Was macht eine spannende Erzählung aus? Wie lange darf sie sein? Der preisgekrönte Geschichtenerfinder Rafik Shami spricht über die Kunst, Kinder zum Lachen zu bringen.

Geschichten regen die Phantasie an

Geschichtenerzähler: Bitte, erzähl mir was!

Warum finden es Kinder so toll, wenn Eltern für sie Geschichten erfinden? Rafik Schami: Weil es ein Spiel ist! Kinder haben Lust am Abtauchen in die Phantasie. Besonders wenn Sie in der Ich-Form erzählen, mögen Kinder das, weil sie in Erwachsenen auf diese Weise ein kleines Wesen entdecken, das auf einmal so groß wie sie selbst ist.

Was sind die besten Themen für Geschichten? Rafik Schami: Nehmen Sie Themen, die Ihr Kind gerade beschäftigen: Freundschaft, Spiel, Abenteuer, Träume. Versuchen Sie, die Welt aus dem Blickwinkel des Kindes zu sehen und ignorieren Sie, was nur Erwachsene interessiert.

Zum Beispiel? Rafik Schami: Pädagogisch-erzieherische Themen wie gesunde Ernährung - dass ein Kind durch richtiges Essen groß und stark wird.

Wenn ein Kind ein Außenseiter ist - wäre das ein Thema für eine Geschichte oder gilt das auch als pädagogisch-erzieherisch? Rafik Schami: Sie können Geschichten schon mit solchen pädagogischen Inhalten verknüpfen. Aber nur, wenn Ihr Kind seine Randstellung tatsächlich beschäftigt. Betonen Sie dabei die Vorteile des Außenseiters: Er ist klein und unauffällig und sieht von außen viel mehr als andere, die mitten im Strudel stecken. Und wenn er sich mit anderen Kleinen und Unauffälligen verbündet, bilden sie eine Gruppe. Und schon haben wir eine Bande und sind am Beginn eines Abenteuers.

Kinder schlagen ja auch selbst Themen vor ... Rafik Schami: Und es ist ein schlimmer Fehler, diese lächerlich zu machen, auch wenn sie es sind. Pokmons zum Beispiel: Ich kann sie nicht ausstehen, mein Sohn fand sie toll. In dem Moment wo ich auf das Thema einging, verlor es seine Aufdringlichkeit.

Wie schafft man das? Rafik Schami: Ich fragte: Was macht ein Pokmon außer schlagen und herumschießen? Emil sagte: Mehr macht es nicht. Ich sagte: Aber ich kenne einen Jungen, der macht noch viel mehr. Einmal war er im Garten, und da hat er einen Ball gefunden, der Ball war merkwürdig. Er funkelte so komisch ...

Wie geht es weiter, wenn ich ein Thema habe, das dem Kind am Herzen liegt? Rafik Schami: Sie können zum Beispiel abwechselnd erzählen: Jeder denkt sich einen Satz oder einen Abschnitt aus. Aber vorher ist es hilfreich, wenn Sie noch "Personal" erfinden. Dazu können Sie Figuren aus Ihrer Umgebung nehmen: ein Spielzeug, eine Puppe, ein Stofftier, ein Tier, eine Pflanze. Haben Sie ruhig den Mut, die Figur zu wechseln, bis Sie eine gefunden haben, die Ihr Kind liebt.

So findet man den Anfang zu einer Geschichte

Kann ich auch von mir erzählen? Rafik Schami: Ja, nehmen Sie sich als Vorbild und trauen Sie sich, Ihre Eigenschaften komisch zu überzeichnen. Wenn Ihr Kind lacht, haben Sie gewonnen. Behalten Sie die Figur bei und ändern Sie nicht ständig ihre Eigenschaften. Zum Beispiel: Die kleine Sabine war zierlich, hatte blonde Haare, große grüne Augen und ein ziemlich abstehendes Ohr.

Braucht man ein drolliges Merkmal wie das abstehende Ohr? Rafik Schami: Nicht unbedingt, aber wenn es darüber lachen kann, gewinnt das Kind eine Figur lieb und prägt sie sich besser ein. Ein Merkmal, das die Figur unvollkommener macht, macht sie wärmer, und so steht sie dem Kind näher. Wenn eine Figur prinzessinnenhaft ist, mit kleinem Näschen und niedlichen Äuglein, dann wird sie fast engelhaft und nicht mehr spaßig. Aber jedes Kind lacht, wenn ich sage: Mein Freund hatte schon als Kind sooo große Füße, er musste sie beim Schlafen durchs Fenster strecken.

Wenn ich das Thema und die Hauptperson habe, wie finde ich nun den Anfang einer Geschichte? Rafik Schami: Am besten fängt das Kind an. Es hat eine wahnsinnige Phantasie, weil es noch keine Bremsen im Kopf hat.

Wie bringe ich mein Kind zum Erzählen? Rafik Schami: Indem Sie Neugier und Offenheit zeigen: Ihr Interesse an seinen Gedanken kitzelt ihm die Worte aus dem Mund heraus. Aber bitte: Tun Sie nie so, als ob Sie zuhören – Kinder merken das, und es tötet ihre Lust am Erzählen.

Warum ist es wichtig, dass ein Kind Geschichten erzählt? Rafik Schami: Weil das so ist, als ob ein Bildhauer Rundungen in den Stein schlägt. Beim Sprechen entstehen solche Rundungen, indem das Kind die Worte benutzt, seinen Gedanken Gestalt und Konturen aus Buchstaben gibt. Ein Kind, das nur brav zuhört, aber nie den Mund aufmacht, hat wenige Möglichkeiten, seine Sprachfähigkeiten zu schleifen. Der allertollste Gedanke ist aber nichts, wenn er nicht formuliert wird.

So endet eine gute Geschichte

Entwickeln sich Geschichten leichter, wenn sie immer am selben Ort spielen? Rafik Schami: Nein, das engt die Phantasie ein. Geschichten geschehen überall: auf der Straße, im Garten, im Kindergarten. Und jede Figur kann überall hingehen.

Wie lang soll eine Erzählung sein? Rafik Schami: Für kleine Kinder bis zu etwa sechs Jahren nicht länger als 15 Minuten.

Was tue ich, wenn mir nichts einfällt, wie die Handlung weitergehen soll? Rafik Schami: Dann haben Sie zwei Möglichkeiten: Sie borgen sich etwas aus der Literatur und lassen Ihre Figur mit einer ihrem Kind vertrauten Figur aus einer anderen Geschichte zusammentreffen – zum Beispiel mit Lars dem Eisbären oder Mogli aus dem Dschungelbuch. Oder Sie unterbrechen die Geschichte, um später eine Fortsetzung zu erzählen. Aus der Unterbrechung kann eine kleine Gedächtnisübung werden: Erinnerst du dich? Wir haben vor zwei Wochen doch eine Geschichte erfunden über ein Mädchen, das am Bahnhof steht – wir wussten nicht, wie es weitergeht. Was hältst du davon, dass ein alter Mann es fragt: "Was willst du denn hier?" Und das Mädchen zuckt zusammen und sagt: "Wie bitte?" Und der Mann sagt: "Was willst du denn, du suchst doch was?" Und das Mädchen sieht, dass der Mann hinter seinem Rücken etwas in der Hand hält ...

Wie soll eine Geschichte enden? Rafik Schami: Immer auf dem Höhepunkt, immer bevor die Neugier des Kindes befriedigt ist - das erzeugt Hunger nach mehr. Dann sagt Ihr Kind: Bitte, noch ein Stückchen! Und Sie verschieben die Fortsetzung auf den nächsten Tag. Und so geht das Erzählen immer weiter.

Interview: Sabine Laerum

Über Rafik Schami

Rafik Schami ist ein Verführer. Seine preisgekrönten Geschichten verlocken Kinder wie Erwachsene zum ausgiebigen Schmökern. Viele Erzählungen spielen in seiner syrischen Geburtsstadt Damaskus und sind wie ein unendlicher Phantasie-Kranz miteinander verflochten (Beltz & Gelberg, 7,90 Euro).

In "Erzähler der Nacht" etwa verstummt der Kutscher Salim plötzlich. Seine Freunde erlösen ihn, indem sie ihm Geschichten aus ihrem Leben erzählen. Heute schreibt Schami, der seit 1971 in Deutschland lebt, gern über das Verhältnis zwischen Ausländern und Deutschen, zum Beispiel in "Wie ich Papa die Angst vor Fremden nahm" (ab 5 Jahren, Hanser, 12,90 Euro).