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Zwangsurlaub für Väter?


Sollten Väter notfalls gezwungen werden, in Elternzeit zu gehen? Der EU-Sozialkommissar Vladimir Spidla sorgte mit diesem Vorschlag kürzlich für Aufsehen. Was halten Sie davon?

Frauen noch immer benachteiligt

Zwangsurlaub für Väter?

Den ernüchternden Zahlen folgte ein radikaler Vorstoß: Nachdem Mitte Juli in Brüssel eine EU-Studie zu Einkommensverhältnissen vorgestellt wurde, die erhebliche Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen aufzeigt, ging der tschechische EU-Politiker in die Offensive: Er schließe nicht aus, dass er eine verpflichtende Elternzeit gesetzlich verankern wolle, gab Spidla bekannt. Auf diesem Wege könne Chancengleichheit bei Karriere und Bezahlung geschaffen werden.

Problem Arbeitswelt

Mehr Geschlechter-Gerechtigkeit durch Zwang zur Kinderbetreuung? Bei deutschen Politikern, Erziehungsexperten und Juristen stößt dieser Vorschlag auf wenig Gegenliebe: "Ganz klar, das macht überhaupt keinen Sinn", meint etwa die Leiterin des Staatsinstituts für Frühpädagogik in München, Diplom-Psychologin Dr. Fabienne Becker-Stoll. "Wir können die Väter nicht zu etwas zwingen, wenn sich nicht vorher die Arbeitswelt ändert." Das Problem seien nicht die Väter - vor allem nicht die jüngeren - sondern die Tatsache, dass es noch in zu wenig Unternehmen ein Bewusstsein für die Rolle der Väter in der Erziehung gebe. Ihr Fazit: "Wir brauchen mehr familienfreundliche Betriebe."

Elterngeld als erster Schritt

Väter zu ihrem Glück zu zwingen - davon hält auch die familienpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion im Bundestag, Ekin Deligöz, wenig. "Ich glaube, dass wir die Menschen nicht bevormunden sollten. Die Politik sollte aber starke Anreize setzten, Rahmenbedingungen schaffen, wie zum Beispiel beim Elterngeld." Die Grünen-Politikerin sieht in diesem Bereich durchaus noch Verbesserungsbedarf. So könne man zum Beispiel darüber nachdenken, die Anzahl der Vätermonate zu erhöhen. Im Bundesfamilienministerium ist man ebenfalls überzeugt, mit dem zu Beginn des Jahres eingeführten Elterngeld "in Deutschland bereits einen guten Schritt in Sachen Gleichstellung getan" zu haben, wie Sprecherin Iris Bethge betont. Schließlich sei das Elterngeld nicht nur ein freiwilliges Angebot an Väter und Mütter, sich Zeit für ihre Kinder zu nehmen, sondern auch ein klares Signal an die Unternehmen, in Frauen und Männer gleichermaßen zu investieren.

Eingriff in die Privatsphäre

Johannes Singhammer (CSU), der familienpolitische Sprecher der Unions-Fraktion Johannes Singhammer, sieht in einem Gesetz zur allgemeinen Elternzeit für Väter zudem einen zu großen Eingriff des Staates in die Privatsphäre: "Das ist etwas, das die Paare untereinander regeln sollten." Zwar gebe es noch einen erheblichen Verbesserungsbedarf in Hinsicht auf die Gleichstellung. "Aber ich sehe die Situation - trotz der ernüchternden Zahlen der EU-Studie - nicht ganz pessimistisch. Es zeigt sich ja schon eine Bewusstseinsänderung. Die Zahl der Väter, die Elterngeld beantragt haben, ist ja erstaunlich höher, als wir angenommen haben."

Juristische Zweifel

Die auf EU-Recht spezialisierte Anwältin Christine Dortants, die in Kassel ihre Kanzlei betreibt, geht sogar noch weiter: Sie hält einen Zwang zur Elternzeit weder auf EU-Ebene noch innerhalb der Bundesrepublik Deutschland für umsetzbar. "Eine einseitige Verpflichtung der Männer widerspricht dem im Grundgesetz festgelegten Gleichheitsgrundsatz zwischen Mann und Frau. Solche Diskriminierungen sollen aber gerade durch das neue Antidiskriminierungsgesetz, gestützt auf eine EU-Richtlinie, verhindert werden." Darüber hinaus verstoße ein solches Gesetz nicht nur gegen die ebenfalls im Grundgesetz definierten Rechte auf die freie Berufsausübung sowie auf Selbstbestimmung, sondern stelle - wie bereits von Singhammer moniert - einen Eingriff des Staates beziehungsweise der Europäischen Union in die ebenfalls durch das Grundgesetz geschützte Familie dar. "Die Erziehung des Kindes obliegt immer noch der Familie allein - und damit auch die Entscheidung, wer die Erziehung zu Hause bei Berufstätigkeit der Eltern übernimmt", so Dortants. Gleiche Karrierechancen für Männer und Frauen würde natürlich auch die Juristin begrüßen, für Spidlas Vorstoß sieht sie jedoch wenig Chancen. "Auch in der europäischen Grundrechtscharta, die künftig die Verfassung Europas bilden soll, finden sich Grundwerte wie Gleichberechtigung, die freie Berufswahl oder das Selbstbestimmungsrecht wieder."

Unternehmen brauchen Frauen

Grünen-Politikerin Deligöz glaubt auch nicht, dass sich durch den Ansatz des EU-Kommissars die Lohnungleichheit zwischen Männern und Frauen bekämpfen lässt. "Schließlich werden auch kinderlose Frauen in Spitzenpositionen geringer bezahlt." Langfristig werden sich die Unternehmen automatisch um hochqualifizierte Frauen bemühen und sich damit auch stärker um Vereinbarkeit von Familie und Beruf kümmern, darin sind sich die Experten einig. Und gerade in diesem Bereich sollte die Politik auch noch mehr Anreize schaffen.

Wer mehr verdient, setzt sich durch

"Junge Frauen sind schon heute besser ausgebildet als die Männer", sagt Dr. Fabienne Becker-Stoll. Und damit auf dem Arbeitsmarkt auch gefragter. Heute würden viele Frauen in Elternzeit gehen, weil der Partner mehr verdiene und den besseren Job habe. "Aber dieses Totschlagargument wird irgendwann wegfallen", so Becker-Stoll.

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