"Ohne Kinder schauen wir ganz schön alt aus"

Die Erwartungen an Renate Schmidt, seit dem 16. Oktober 2002 neue Familienministerin, sind hoch. Familienpolitik war eine Top-Wahlkampfthema. Nun wollen deutsche Familien Taten sehen. Sie verlangen, dass endlich Lebensumstände geschaffen werden, die es wieder erstrebenswert machen, eine Familie zu gründen.

"Familientier" und Vollblutpolitikerin

: "Ohne Kinder schauen wir ganz schön alt aus"

Mit Renate Schmidt (58) wurde eine Frau zur Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ernannt, die ihre Kompetenz auf diesem Gebiet nicht erst beweisen muss. Die dreifache Mutter und dreifache Großmutter ist überzeugte Familienfrau und gestandene Politikerin. Bereits mit 17 wurde sie zum ersten Mal Mutter, verließ die Schule, machte eine Ausbildung zur Programmiererin und kehrte bald in ihrer eigenen, wachsenden Familie die etablierten Rollen um. Als System-Analytikerin verdiente sie besser als ihr Mann, der sich verstärkt um den Haushalt und die drei Kinder kümmerte - in den frühen siebziger Jahren eine Aufsehen erregende Konstellation.

1972 trat Renate Schmidt in die SPD ein und wurde in den Betriebsrat des Nürnberger Versandhauses Quelle gewählt. Bis zu ihrem Einzug in den Bundestag 1980 arbeitet sie als freigestellte Betriebsrätin. Auch in Bonn schaffte die "rote Renate" aus dem "schwarzen" Bayern schnell den Aufstieg in die SPD-Führungsriege. 1987/1990 war sie stellvertretende Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, 1990-94 Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages. Seit 1997 ist sie stellvertretende Parteivorsitzende der SPD.

Als Familienministerin scheint die resolute Fränkin ihre wahre Bestimmung gefunden zu haben. Ihre Kompetenz und ihr Engagement auf dem Gebiet der Familienpolitik nimmt man ihr schon allein ihren Biografie wegen ab. Darüber hinaus ist sie Vorsitzende des Forums Familie der SPD und seit einigen Monaten Präsidentin des deutschen Familienverbandes. Als Autorin meldete sie sich im Frühjahr 2002 mit dem viel diskutierten Buch "SOS Familie"(Rowohlt Verlag 2002) zu Wort. "Ohne Kinder sehen wir alt aus" lautet der Untertitel des Buches, und mit diesen Worten schloss Renate Schmidt ihre Rede zum Thema Familienpolitik auf dem letzten SPD-Parteitag.

Familienpolitik ist endlich Chefsache

Als "Weiche-Weiber-Thema" wurde die Familienpolitik lange belächelt. Das hat sich geändert. Dass Deutschland familienpolitisch nicht länger ein Entwicklungsland sein darf, haben inzwischen auch die Männer begriffen, die die Politik ganz oben machen. Denn die Prognosen sind düster: Wenn die Frauen nicht wieder mehr Lust auf Kinder bekommen, wird der Fachkräftemangel unsere Wirtschaft lahmlegen, und das Sozialsystem wird zusammenbrechen. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie - und zwar für beide Elternteile - muss in Deutschland endlich möglich werden, dafür kämpft Schmidt. Frauen sollen eine Familie gründen und trotzdem weiter berufstätig sein können, denn sonst "wird aus dem Kinderwunsch der Kindwunsch und aus dem Kindwunsch wird dann der Nullwunsch, weil man es nicht schafft", wetterte Renate Schmidt vor ihren Parteigenossen.

Maßnahmen zum Ausbau der Infrastruktur für Kinder und Familien wurden kürzlich im Koalitionsvertrag unter dem Kapitel "Kinderfreundliches Land und bessere Bildung für alle" fest geschrieben. Um in dieser Legislaturperiode in jedem Bundesland eine Betreuungsquote für Kinder unter drei Jahren von mindestens 20 Prozent zu erreichen, wird der Bund den Kommunen ab 2004 1,5 Milliarden Euro zur Verfügung stellen, heißt es. Zusätzlich will der Bund zwischen 2003 und 2007 vier Milliarden Euro locker machen, um 10 000 zusätzliche Ganztagsschulen aufzubauen.

Geld ist aber nicht alles. Familienpolitik müsse auch ein Thema im Bündnis für Arbeit werden, verlangt Schmidt. Mehr Teilzeitbeschäftigung müsse gewährleistet werden und die Inanspruchnahme von Elternzeit dürfe nicht negativ bewertet werden. Dass auch Männer mehr in die Familienarbeit hineingezogen werden, ist ein weiterer Wunsch der Ministerin. Dazu sei es notwendig, Familien freundliche Arbeitszeiten fest zu schreiben, um Familien Zeit füreinander zu geben und Vätern die Möglichkeit zu schaffen, "nicht nur Väter zu werden, sondern auch Väter zu sein."

Ein ausführliches Interview mit Renate Schmidt können Sie im Dezember-Heft von "Eltern" lesen.

Wenn Sie sich für das Thema Familienpolitik interessieren, können Sie mit anderen LeserInnen im Forum "Familienpolitik" diskutieren.