Fieberkrampf
 
"Ich dachte: 'Jetzt ist mein Kind tot!'"

Habt Ihr schon mal was von Fieberkrampf gehört? Fast jedes zwanzigste Kleinkind bekommt mal einen - statistisch gesehen. Als Eltern solltet Ihr deshalb darüber Bescheid wissen – gerade in der Grippezeit. Denn der Schock beim ersten Mal ist für die Betroffenen riesig. Hier erzählt eine Mutter, wie sie den Alptraum erlebt hat – und wie das ihr Familienleben verändert hat.

Babynotarzt
I Stock Ollo

„Ich verwende diese Phrase nicht leichtfertig, aber als meine Tochter das erste Mal einen Fieberkrampf hatte, war das der  - bis heute – schlimmste Moment meines Lebens.

Sie war damals neun Monate alt und hatte hohes Fieber – homöopathisch und öko-angehaucht wie ich bin, hab ich sie - wie alle meine Kinder  - bewusst hoch fiebern lassen nach dem Motto: Fieber ist wichtig, um den Infekt zu bekämpfen. Das ist sicher nicht falsch. Für meine Kleine aber war es falsch.

Schon den ganzen Morgen war sie aufgrund des Fiebers quakig, aber ansprechbar. Ich plapperte und flirtete mit ihr, um sie bei Laune halten, während ich Mittagessen für die Familie kochte. Es war Ferienzeit und alle waren daheim – gottlob auch mein Mann.
Als ich mich wieder zu ihr umdrehte, sah ich mein kleines Wunschkind stocksteif und mit verdrehten Augen in der Wippe liegen, das Weiß der Augäpfel sah mich an. Panisch rüttelte ich sie und zerrte sie aus der Wippe; sie aber reagierte nicht mehr. Innerhalb von Sekunden schweißgebadet, rannte ich raus und schrie nach meinem Mann, er solle den Notarzt rufen. Ich schrie nur dieses Wort: Notarzt! - und die Geschwister, die wesentlich älter sind, begannen sofort panisch zu weinen. Meine Stimme ließ keinen Zweifel zu, dass es hier um Leben und Tod ging. Ich dachte: ‚Jetzt hat es mich getroffen, jetzt ist ein Kind am plötzlichen Kindstod gestorben, jetzt ist unser aller Glück dahin, für immer.’
 
Völlig starr vor Schreck versuchten wir, unsere eigene Panik und gleichzeitig die Panik der Kinder in den Griff zu bekommen. Wir trugen unser Baby herum, und ich rief die ganze Zeit nur: ‚Bitte bleib hier, bitte geh nicht weg! Bitte bleib bei uns!’, weil ich sie in dem Tunnel zwischen Leben und Tod wähnte. Die Große rannte in den Garten, ließ sich von uns nicht mehr anfassen und betete (!) – der Kleine lief die ganze Zeit neben mir her und fragte: ‚Stirbt sie jetzt?!’ Und alles, was ich sagen konnte war: ‚Ich weiß es nicht.’ Denn diese Angst kann man nicht verstecken. Ich war nicht tapfer und nicht patent. Ich dachte noch nicht einmal daran, den Puls zu fühlen. Es war grausam, grausam, grausam. Und die Minuten bis der Notarzt kam, dauerten ewig. In der ganzen Zeit lag sie leblos in unseren Armen, spuckte und wurde blau.
Aber dann kam mir etwas in den Sinn – und das ist der Grund, weswegen ich hier davon erzähle: Mir fiel ein Artikel ein, den ich über Fieberkrämpfe gelesen hatte. Vielleicht, hat sie einfach einen Fieberkrampf, dachte ich plötzlich fast hoffnungsvoll. Vielleicht stirbt sie nicht, sondern hat einfach einen Fieberkrampf.
 
Als der Notarzt kam, war das auch seine erste Diagnose  - aber es dauerte noch weitere dreißig Minuten bis sie transportfähig war. Denn erst als der Notarzt eintraf, fing sie an zu krampfen. Meine „Großen“ sahen, wie ihre winzige Schwester nackt auf dem Sofa lag und drei Männer an ihr rumhantierten  - Bilder, die sie nie wieder vergessen werden. Und wir als Eltern auch nicht.
 
Seitdem hat sie noch viermal einen Fieberkrampf erlitten – nie wieder hatte ich die gleiche Angst wie beim ersten Mal. Aber an den Anblick eines krampfenden, blau werden Kindes gewöhnt man sich nicht – zumal ihre Krämpfe jedes Mal fast eine Stunde dauern. (In den meisten Fällen sind sie bei den Kindern allerdings nach zwei drei Minuten vorüber; wir haben einfach Pech, dass wir die ausgewachsene Variante erwischt haben.)  Die Kinder bekommen davon nichts mit. Und es heißt, sie nähmen daran keinen Schaden. Das sei medizinisch verbrieft. Aber mir hilft das nicht wirklich. Was etwas beruhigt, ist, dass wir jetzt diese Tube mit einem Medikament zu Hause haben, das krampflösend wirkt – so kann man während des Wartens auf Hilfe wenigstens irgendetwas tun.
 
Aber dieses Erlebnis hat vor allem meine Sorglosigkeit als Mutter für immer verändert. Wenn dieses Kind Fieber hat, kann man bei uns eine Stecknadel fallen hören. Die Zeit steht still, niemand wird zum Fußball gefahren, einer der Eltern bleibt dann immer daheim, kein Fremder kann einspringen. Das Erlebnis ist Fremden nicht zuzumuten und ist auch kaum allein handlebar.
Jetzt kommt sie bald in die Schule – dann soll der Spuk angeblich vorbei sein. Ich hoffe es. Und wünsche Euch, dass Ihr das nicht erleben müsst. Wenn doch, wisst Ihr jetzt wenigstens: Eurer Kind stirbt nicht.“

Hier findet Ihr Fakten zum Thema Fieberkrampf.