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  • 1 Post By Fairie

Thema: ADHS und Gewissensbildung ??

  1. #1
    NickName2 ist offline Stranger

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    Standard ADHS und Gewissensbildung ??

    Hallo , wir sind ganz neu hier und hätten eine recht spezielle Frage an euch.

    Beobachtet ihr auch eine "gestörte" Gewissensbildung im Zusammenhang mit ADHS ?
    Fehlende Einsicht - fehlende Scham - kein lernen aus Strafe - keine Verinnerlichung von Normen ???

    Wir machen uns gerade in Hinblick auf die Persönlichkeitsentwicklung bei "fehlendem" Über-Ich große Sorgen.

    Wir beobachten diese Entwicklung bei unserem 8 jährigem Sohn mit ADHS.
    Er wächst mit seiner 6 jährigem Schwester die " verhaltensunauffällig" ist auf.
    Er bekommt zur Zeit keine Medikamente ...

    ... schüchterne Grüße ins Forum

    Frank

  2. #2
    Fairie ist offline Carpal Tunnel

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    Standard Re: ADHS und Gewissensbildung ??

    Das ist nicht bei allen ADHS-lern so, aber da wo es so ist, würde ich mir auch Sorgen machen. Kurz gesagt: Es gibt zwei Sorten ADHS: nur ADHS und ADHS mit Störung des Sozialverhaltens. Der deutsche Begriff ist ziemlich umständlich, auf Englisch nennt man es ODD (oppositional defiance disorder ), bei jüngeren Kindern. Bei Jugendlichen ist es dann conduct disorder und bei Erwachsenen antisocial personality disorder. Vor allem letzteres will man ja wirklich vermeiden.

    Ich kenne solche KInder, weil ich sie unterrichte, aber ich bin nicht direkt Expertin, was die Behandlung angeht, und ich kenne die Möglichkeiten in Deutschland nicht (lebe im Ausland). Der Junge bräuchte einen guten Kinderpsychologen, der mit ihm daran arbeitet, Empathie zu entwickeln, und der euch Tips gibt, was man zu Hause machen kann. Was ihr auf jeden Fall machen solltet, ist: Euch nicht manipulieren lassen, freundlich aber konsequent sein. Klare Regeln, Konsequenz. Keine Bestrafungen (funktionieren bei ADHS-lern generell nicht), dafür gern Belohnungssysteme. Es ist auch gut über Gefühle zu sprechen, vor allem über seine, weil man da anfangen muss, wenn er die anderer Menschen sowieso nicht versteht. Vermeidet auch zu sagen, dass jemand schuld ist, versucht ihm zu vermitteln, dass man nicht immer alles mit Absicht passiert um ihn zu ärgern.

    Auf jeden Fall würde ich mal anfangen mit Medizin, weil das Ganze schon mit Medizin schwer zu behandeln ist. Ohne ist es einfach zu schwer, und das Risiko, dass es schief geht zu gross. Die fehlende Einsicht kann ein allgemeines ADHS-Sympton sein, was dann mit Medizin besser werden könnte. Und wie gesagt, Strafen sind ungeignet für ADHS-ler.
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  3. #3
    die.bergmeier ist offline old hand

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    Standard Re: ADHS und Gewissensbildung ??

    Wenn euer Sohn bereits ADHS diagnostiziert bekommen hat, was wird denn immo unternommen, damit ihm und euch geholfen wird? Denn alles auf einmal behandeln/trainieren etc. kann man nicht. Wir haben fest gestellt, dass es unserer Tochter hilft, konkret zu beschreiben wie ihr Verhalten auf andere wirkt. Man muss Dinge beschreiben, wo man normalerweise davon ausgeht, dass man das im Miteinander doch merkt... kann sie aber oft nicht. Sie findet es klasse, wenn man ihr wertfrei beschreibt, wie so manches ankommt. Dass man sich verletzt/eingeschüchtert/geärgert/übergangen/provoziert fühlt, wenn sie sich so oder so verhält/äußert. Allerdings muss ich auch dazu sagen, dass sie selbst sehr empfindsam ist, es nur nicht einzuordnen weiß und dann oft betont ruhig auf andere wirkt. Dass sie dann aber vor lauter Eindrücken gar nicht reaktionsfähig im normale Sinne ist, ist für mich schnell zu erkennen, aber für andere leider nicht (sie ist mir da leider sehr sehr ähnlich). Alles ansprechen hilft uns sehr.

    Schamgefühl war auch bei uns ein ein Thema und seit Beginn der Pupertät rapide besser geworden.

    Normen werden von Kindern unterschiedlich angenommen und ich denke, dass es oft mit Konsequenz ohne übertriebene Rücksicht auf das, was andere evtl. von einem denken, ankommt. Die Freundin meiner Tochter musste es öfter aushalten, dass Verabredungen platzten, weil etwas versäumt wurde, aber nicht aufschiebbar war (z.B. Hausaufgaben). Dazu muss man aber mit den Eltern und dem anderen Kind reden, damit deswegen die wenigen Freundschaften nicht auch noch zerstört werden.
    Lieben Gruß
    Mutter mit Riesenherz
    für ihre Oktobermädchen

  4. #4
    NickName2 ist offline Stranger

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    Standard Re: ADHS und Gewissensbildung ??

    Erst mal Danke für die ausführlichen Anmerkungen.
    Das Strafe nicht funktioniert haben wir recht früh begriffen aber erst viel später, dass es scheinbar echte Probleme mit der Gewissensbildung gibt.
    Ich erkenne nur ein "Tabugewissen" und keinerlei Verinnerlichung sozialer Normen.
    Wir hatten Situationen in denen ein Kind vor Scham im Boden versinken müsste und konnten nicht die geringste Scham erkennen.
    Konzentrationsschwäche versuchen wir ja abzufangen was uns auch mit viel Energie gelingt.
    Aber was können wir tun um für ein funktionierendes Über-Ich zu "schaffen".
    Der Behandelnde Arzt sagt es wäre alles ADHS typisch und die Erkenntnis zum Fehlverhalten wäre da.
    Wir werden uns jetzt wohl für eine medikamentelle Unterstützung entscheiden....

  5. #5
    NickName2 ist offline Stranger

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    Standard Re: ADHS und Gewissensbildung ??

    @ Fairie
    siehst du die dissoziale Persönlichkeitsentwicklungsstörung als Komorbidität ?
    Oder doch als ADHS eigen?
    Mir erscheint es bei Julien - so heißt unser Sohn- mehr eine Folge von der ADHS und somit als Begleiterkrankung.

  6. #6
    Fairie ist offline Carpal Tunnel

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    Standard Re: ADHS und Gewissensbildung ??

    Zitat Zitat von NickName2 Beitrag anzeigen
    @ Fairie
    siehst du die dissoziale Persönlichkeitsentwicklungsstörung als Komorbidität ?
    Oder doch als ADHS eigen?
    Mir erscheint es bei Julien - so heißt unser Sohn- mehr eine Folge von der ADHS und somit als Begleiterkrankung.
    Dissoziale Persönlichkeitsentwicklungsstörung diagnostiziert man nur bei Erwachsenen, weil man ansieht, dass die Persönlichkeit bei Kindern und Jugendlichen noch nicht fertig ausgebildet ist. Bei Kindern hiess das im Deutschen "Störung des Sozialverhaltens", aber vielleicht heisst das jetzt auch anders. Die Begriffe scheinen sich viel zu oft zu ändern. Im Englischen heisst es ODD (oppositional defiance disorder) . Und man ging früher davon aus, dass es eine Folge von ADHS ist, sekundär also. Nun hat man aber Studien gemacht, und dabei befunden, dass es offensichtlich verschiedene genetische Hintergründe gibt. Das hiesse dann, dass man von Anfang an entweder nur ADHS, oder aber AHDS mit ODD hat. Andererseits kann es ja beides geben. D.h. es könnte AUCH als Folge vorkommen. Persönlich glaube ich doch inzwischen eher an die genetische Variante, weil ich ziemlich viele solche Kinder gesehen habe, wo diese Züge entweder da waren oder nicht, und das anscheinend doch seit relativ früher Kindheit.

    Ich glaube schon, dass man noch etwas dagegen tun , es zumindest verbessern kann. Ich arbeite momentan auch mit einem Jungen (14 Jahre), der sehr psychopathisch ist. Der versteht gar nicht, dass andere Menschen Gefühle wie Empathie haben. Er glaubt, die tun nur so. Was funktioniert ist, wenn man ihm z.B. sagt, dass es für ALLE - auch für ihn - besser ist, wenn man zusammenarbeitet, miteinander nicht gegeneinander. Ein gutes Vorbild ist wichtig. Wenn man oft genug gesehen hat, dass man anderen helfen soll, statt ihnen zu schaden, dann macht das Kind das auch eher. Und wenn es selbst dabei auch gut darsteht, gelobt wird, dann wird es noch mehr Grund sehen, Andere gut zu behandeln. Auch wenn das Kind dann doch Spielkameraden hat, und Spass daran hat etwas gemeinsam zu machen, das gibt auch Ansporn Andere gut zu behandeln. Das Problem ist eher, dass man da im Grunde ständig dabei sein muss, um eingreifen zu können, falls es in die falsche Richtung läuft. Das kann man in einer Therapie-Einrichtung (wie der wo ich arbeite) machen. Im normalen Schul- Familienalltag ist das natürlich schwerer. Im Grunde ist ja die Grundvoraussetzung, dass man sofort da ist um einzugreifen, wenn irgendetwas nicht optimal läuft.

  7. #7
    Alex1961 ist offline Gesperrt

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    Standard Re: ADHS und Gewissensbildung ??

    Zitat Zitat von NickName2 Beitrag anzeigen

    Der Behandelnde Arzt sagt es wäre alles ADHS typisch und die Erkenntnis zum Fehlverhalten wäre da.
    Wir werden uns jetzt wohl für eine medikamentelle Unterstützung entscheiden....
    Der Doc hat Recht

    und ja macht das