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  1. #1
    FrauBauersmann ist offline Stranger

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    Standard Kommunikation mit anderen so schwer ...das Leugnen von ADHS

    Liebe alle,

    wir sind neu hier und schreiben gerade gemeinsam, Vater und Mutter eines 9jährigen Sohnes, bei dem ADHS diagnostiziert wurde vor etwa einem Jahr und der jetzt kurz vor der Medikamenteneinnahme steht.

    Wir versuchen gerade Neurofeedback, ich (die Mutter) lerne wie wahnsinnig mit ihm, damit er die 3. Klasse schafft, was derzeit nicht gut klappt. Wir haben eine große Familie, unser Sohn ist das dritte von vier Kindern, er hat noch Halbgeschwister, viele Cousins und Cousinen - also wir wissen, wovon wir reden und werden in unserem Bekanntenkreis auch normalerweise als "kompetente Eltern" angesehen.

    Oder sollen wir besser sagen "wir wurden" als kompetente Eltern angesehen??? Denn seit wir uns über die ADHS Problematik ausgeheult haben im Freundeskreis und in der Familie, stehen wir als eiskalte Eislaufmutter plus karriereorientierter Vater da, die ihr nicht funktionierendes Kind mit Medikamenten erziehbar machen wollen. Die eine Diagnose erfinden um zu verschleiern, dass sie neben den anderen tollen Kindern auch einen kleinen Idioten gezeugt haben.

    Uns wird vorgeworfen, dass wir unser Kind so behandeln, wie Katholiken Homosexuelle in den 50er Jahren umerziehen wollten...da habe man genauso über unterschiedliche Hirnfunktionsweisen geredet.
    Uns wird vorgeworfen, dass alles unsere Schuld ist. Wir sind nicht entspannt, locker, freundlich genug.
    Uns wird vorgeworfen, dass wir uns einfach nicht zufriedengeben damit, dass das Kind zu dumm ist.

    Es gibt diejenigen, die kritisieren (siehe oben) und diejenigen, die auf unser gesamtes geballtes Seelenleid mit Floskeln wie "Du musst dich entspannen, nimm's nicht so ernst, er ist doch nur ein Kind, so sind Kinder eben" reagieren. Eigentlich genauso schlimm, diese Floskeln. Wir bemühen uns immer, Freunden in Not zu helfen mit Ratschlägen ohne sie zu verletzen.

    Aber jetzt, wo wir Unterstützung brauchen würden, wo wir uns einfach nur auskotzen wollen, damit wir den Wahnsinn des Alltags ertragen können, wird unser Problem entweder klein geredet oder die Existenz des Problems in unseren Köpfen verortet.


    Heute haben wir beide (weinend) diskutiert, ob wir mit manchen Freunden den Kontakt abbrechen sollen, weil uns ihre Vorurteile so verletzen. Wieviel Wahrheit wir der Familie überhaupt noch erzählen sollen. Wie wir es irgendwie zu zweit schaffen können, wenn wir niemanden finden, der uns versteht oder zumindest tröstet auch wenn er nicht versteht.

    Wie habt Ihr das gemacht? Wir leben im Ausland, daher sind Selbsthilfegruppen leider keine Lösung, wir schaffen das zeitlich nicht - es dreht sich sowieso nur alles um die Kinder bei uns.
    Habt Ihr irgendein Argument gefunden, dass die Zweifler überzeugt?


    Eine bekannte Therapeutin hat gemeint, wir sollen die unterschiedlichen Hirne von ADHS/nicht ADHS Menschen als Bild herzeigen, das überzeugt alle. Irrtum. Da geht es erst recht los. "Das haben die Nazis auch gemacht, Hirne vergleichen, da kann man doch alles mögliche reinlesen,...."

    Wir spüren jede Minute des Tages dass unser Sohn ADHS hat. Wie gescheit er ist, ist eigentlich nebensächlich für uns. Uns geht es darum, dass er sein Potenzial bestmöglich entfalten kann - ob als Bauarbeiter, Hochschulprofessor oder was auch immer.

    Bitte sagt uns, wie Ihr die Kommunikation mit Euren Außenkontakten gestaltet habt, ob sich Euer Freundeskreis verändert hat und ob Ihr das Super-Argument gefunden habt!!!

    Und ach ja, wenn Ihr uns ein bisschen trösten könntet, wären wir auch extrem froh. Wir funktionieren nur noch für die Kinder, wir haben uns selbst dabei verloren.

    Alles Liebe

    die Bauern

  2. #2
    Fairie ist offline Carpal Tunnel

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    Standard Re: Kommunikation mit anderen so schwer ...das Leugnen von ADHS

    Das ist ein wichtiges Thema. Allerdings ist es auch in jedem Land unterschiedlich, deshalb wäre es vielleicht interessant, in welchen Land ihr lebt? Ich lebe selbst in Schweden und da war es auch lange kontroversiell mit Medizin. Andererseits mischt man sich da nicht so ein, daher wurden wir nicht so direkt bedrängt. Allerdings muss ich auch sagen, dass ich es aufgegeben habe, meiner Familie da allzu viele Einzelheiten zu geben. Je weniger man sagt, desto weniger kommen komische Vorschläge. Dann kam noch mal eine Phase, wo meine Tochter eine Essstörung hatte - das ist offensichtlich noch schlimmer, da ist man dann wirklich eine über-ehrgeizige Mutter und muss irgendwas falsch gemacht haben. Jedenfalls in Deutschland (und hier im Forum), in Schweden sieht man das inzwischen differenzierter. Zumal die Ärztin da ausdrücklich gesagt hat, dass Tochter die Essstörung nicht bekommen hätte, wenn ihr ADHS behandelt worden wäre. Aber sie bekam als Kind keine Diagnose, kam "zu gut" zurecht in der Schule. Sie bekam dann die Diagnose und Medizin mit 16.

    Mein ältester Sohn hat auch - schweres - ADHS und damals war es nicht einfach damit, was alle anderen für Ansichten und Tips hatten. Inzwischen ist er erwachsen - nächste Woche wird er 30.

    Erst vor ein paar Tagen meinten zwei Kolleginnen von mir (wir sind alle Lehrerinnen und arbeiten speziell mit solchen Jugendlichen - ADHS, Asperger und anderes), sie fänden eigentlich, dass jeder so sein soll, wie er ist. Man sollte sich nicht verbiegen müssen und für diese Kinder muss man einfach alles anpassen, sie fänden es falsch, sie statt dessen mit Medizin zurechtzubiegen. Da hab ich nur mal tief Luft geholt und so was gesagt wie: "Ihr könnt mir glauben, dass ich alles andere versucht hab, bevor ich meinem Jungen Medizin gegeben habe. Nun bekam er ja sowieso keine, bevor er 8 war, aber da hab ich jedenfalls mal alles ausprobiert - Eliminationsdiät, Omega- 3 und 6, usw, usw.... und alles was Pädagogik und Kinderpsychologie hergibt. Aber ihr müsst auch eins bedenken: das dauert Jahre, und wenn es nicht funktioniert, dann ist plötzlich die Kindheit vorbei und nichts hat geklappt, und das Kind hat eine Horror-Schulzeit gehabt, keine Freunde, usw. Irgendwann sollte man dann vielleicht auch mal denken, dass das Kind nur eine Kindheit hat! " Und ausserdem wollte mein Sohn nicht mehr leben, weil NICHTS funktionierte. Auch wenn nicht die Eltern oder die Lehrer die Anforderungen stellen - ein Kind vergleicht sich mit Gleichaltrigen und merkt, dass es nicht mithalten kann.

    Ich schreibe vielleicht später mehr, muss jetzt arbeiten. :)

  3. #3
    Fairie ist offline Carpal Tunnel

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    Standard Re: Kommunikation mit anderen so schwer ...das Leugnen von ADHS

    Grundsätzlich würde ich versuchen, gegenüber von solchen Leuten nicht zu sehr in die Verteidigung zu gehen. Eher rüberbringen, dass ihr einen kompetenten Arzt habt, und das Kind die beste Behandlung bekommt. Nicht so sehr in die Einzelheiten gehen.

    Und wenn jemand doch spezifische Ansichten hat, über Medizin oder anderes - klarmachen, dass es nicht um Schulnoten geht, sondern um Lebensqualität. Wie ich oben schrieb - er hat nur eine Kindheit und wenn er zum totalen Aussenseiter wird dann kann das viel Elend nach sich ziehen. Das Ziel ist, dass er die Pubertät und dann das Erwachsenenalter erreicht ohne sich als totaler Versager oder Aussenseiter zu fühlen.