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Thema: Philosophische Gedanken beim Museumsbesuch *sehr lang*

  1. #1
    Gast

    Lächeln Philosophische Gedanken beim Museumsbesuch *sehr lang*

    Ich bin eine moderne Frau. Ich lebe getrennt vom Ehemann, habe einen guten Beruf, der mir ein auskömmliches Leben ermöglichst, nenne zwei heranwachsende Söhne mein eigen, und habe, ganz nach dem Vorbild unseres derzeitigen pastoral-präsidialen Bundesoberhirten Gaucks, einen Lebensgefährten am andern Ende der Republik. Das ist ja heutzutage kein Problem mehr, schließlich ist man in jeder Hinsicht mobil und man soll ja auch sein eigenes Leben leben und nicht im Leben des anderen gänzlich verschwinden.
    Meine Kinder sind mit ihrem Vater in die Herbstferien entschwunden, als moderne Frau pflege ich zum Ex-Gatten selbstverständlich einen guten Kontakt, wir sind schließlich erwachsene Menschen.

    Und da meine derzeitig andere Lebensabschnittshälfte, ein moderner Mann und beruflich eingebunden, nicht zur Verfügung steht, sitze ich nun in meinem gemütlichen, aber doch ziemlich stillen Heim und überlege, was ich mit der mir zugeteilten Freizeit anfangen könnte.

    Nach kurzem Überlegen, entscheide ich mich zu einem Museumsbesuch in der Nachbarstadt. Dort gibt es eine namhafte Expressionistenausstellung. Expressionismus ist modern! Nicht so alte romantische Schinken, wie Monet sie seinerzeit schuf, heile Welt und so. Nein, leuchtende Farben, keine naturgetreue Abbildung, der Maler bringt seine Gefühle auf die Leinwand und will sie mit uns teilen.

    Im Museum stehe ich zunächst in der Schlange. Es gibt eine Menge moderne Frauen! Ich entscheide mich für das Kombiticket, denn nur damit gelange ich auch in das Museumscafé. Das gehört für mich zu einem Museumsbesuch.
    Nach einem kurzen Schlenker durch die zeitgenössische Kunst (Hat da der Grundkurs Kunst des örtlichen Gymnasium eine Pappskulptur gebaut?) wende ich mich der Sonderausstellung zu.

    Mit vielen Menschen gruppiere ich mich um die Bilder. Die modernen Frauen, nahezu alle haben den Zenit ihres Lebens überschritten, zücken ihre Lesebrillen, damit sie besser die kleinen Schildchen neben den Bildern lesen können. Dann treten sie wieder gemessene 2m zurück (warum eigentlich immer 2m?) und blicken betont interessiert auf das Bild. Viele sind mit einer ebenso modernen Freundin da und tauschen sich über Farbwirkung oder sonstige Details aus und manche können tatsächlich einen männlichen Anhang ihr eigen nennen: graumelierte Schläfen, Stoffhose und farblich sorgfältig dazu abgestimmte Hemden und Pullover. Wie harmonisch anzusehen!

    Ich stelle fest, dass es neben der gepflegten mittelalten Frau in gepflegten Jeans, adretter Bluse und Wollblazer noch die alternativ-bewegte Frau gibt, die das Museum besucht. Die grauen Haare werden nicht zur flotten Kurzhaarfrisur gestylt, sondern dürfen wachsen. Wer sich besonders jugendlich fühlt, bindet die grauen Haare zu einem dünnen Pferdeschwanz zusammen. Der Walkrock, kombiniert mit bequemen braunen Halbschuhen, aber zumindest das große Wolldreieckstuch, handgestrickt aus fair gehandelter Wolle von glücklichen Schafen, ist Pflicht.

    Was diese Frauen von mir unterscheidet, ist, dass diese die Aufzucht ihrer Kinder bereits komplett beendet haben. Die meisten dürften jenseits des Klimakteriums sein. Ich bin bei beidem noch mittendrin, ich probe ja gerade nur das Leben der alleinlebenden, gutsituierten Dame und überlege, welcher der beiden Gruppen ich mich mehr hingezogen fühle.

    Und dann gibt es noch sie: Mütter, in praktischen, an den Knien ausgebleichten Jeans, dazu bequeme Schuhe und kuschelige Nickijacken, Haare, die schon lange keinen Frisör mehr gesehen haben, schließlich ist man mit der Aufzucht der Kinder beschäftigt und hat für äusserliche Nebensächlichkeiten keine Ressourcen mehr frei, die mit ihren Vorschulkindern einen Museumsbesuch abstatten. Ausgestattet mit dem Arbeitsmaterial, das die päagogische Abteilung des Museums gegen Bezahlung zur Verfügung stellt, um den lieben Kleinen die Kunst möglichst spielerisch nahe zu bringen. In geradezu extatischer Begeisterung bewegen sich diese Mütter vor den Bildern auf und ab und weisen ihre Kinder an, besagtes Bild im Memory zu finden oder eine Vorlage mit den beigelegten Buntstiften auszumalen. Das jüngste Kind einer Familie, vielleicht 3 Jahre alt, löst in diesem Moment gerade den Alarm aus, weil es an einem anderen Bild gerade das Relief des Rahmens abtasten wollte. Die sofort herbeigeeilten Aufsichtskräfte schimpfen pseudofreundlich, die Contenance wahrend, mit dem Kind und der Mutter und teilen ihnen mit, doch bitte immer einen Abstand von 2m zu den Bildern einhalten zu wollen (jetzt weiß ich auch, warum wir immer einen 2m Abstand im Museum einhalten, das ist frühkindliche Prägung durch Museumswärter). Was die Museumsaufsicht tatsächlich denkt, ist ihr ins Gesicht geschrieben: Können die Mütter mit ihren Schratzen nicht auf einen Spielplatz?
    Bei einigen Müttern gibt es auch sogar einen Vater, der mehr oder weniger teilnahmslos mit durch die Ausstellung geht. Warum interessieren sich Männer eigentlich nicht für Bilder? Und warum meinen eigentlich immer die Mütter, man müsste schon 4-jährigen Kindern expressionistische Bilder zeigen? Um ihnen klarzumachen, dass ihre Kindergartenkritzeleien sich gar nicht so sehr von den millionenschweren Gemälden an der Wand unterscheiden und dass auch in ihnen ein Künstler steckt?
    Ich beobachte wie eines der Kinder vor einer Überwachungskamera hin und her tänzelt.....

    Und was geht in dem Ehemann vor? Die Bilder scheinen ihn, wenn überhaupt, nur am Rande zu interessieren. Woran denkt er? An die Zeit, als seine Frau noch keinen schwangerschaftsbedingten Hintern eines Brauereipferdes und im Urlaub sie vor allem Sex und viel Spaß miteinander hatten? Denselben Vater entdecke ich übrigens später wieder, als wir in der Abteilung “Akte im Expressionismus” angekommen sind. Er wirkt schon viel wacher als bei diversen Naturdarstellungen und Lichtreflexen eines Emil Nolde.

    Nachdem ich genug Kunst in mir aufgenommen hatte, statte ich dem eingangs erwähnten Museumscafé einen Besuch ab, trinke Tee und esse ein Stück Kuchen – in Gesellschaft vieler grauhaarigen, gutsituierten alleinlebenden Damen. Alles moderne Frauen!

    Ich fahre zurück und hänge meinen Gedanken nach. Wo stehe ich? In den Müttern hab ich mich wiedergefunden, war ich doch auch nicht anders, als meine Söhne in dem Alter waren. Konzentration alleine auf den Nachwuchs - und der Ehemann? Ja, welche Rolle spielte er eigentlich? Er war letztlich ebenso ein teilnahmsloser Mitläufer wie dieser Vater, den ich heute beobachtet habe, der nicht mit der pädagogischen Präsenz seiner omnipotenten Ehefrau mithalten konnte. Ob dieses Paar in 10 Jahren noch zusammen ist oder ebenso scheitert wie wir?

    Und irgendwo habe ich mich auch zwischen diesen alternativen und den gutsituierten modernen Frauen wiedergefunden. Frauen, die sich pflegen und versuchen trotz ihres deutlich sichtbaren Alters einen Rest von weiblicher Attraktivität zu erhalten, die versuchen sich anspruchsvoll zu beschäftigen. Um dann danach wieder in ihr viel zu stilles Heim zurückzukehren.

    In einer Woche sind meine Söhne wieder da und mein Probelauf des Alleinlebens ist beendet. In 5-8 Jahren wirds dann ernst. Vermutlich trage ich dann auch eine flotte Kurzhaarfrisur mit meinen mittlerweile ergrauten Haare und die Wechseljahre sind Realität. Ich gehe dann zur Ü50-Gymnastikgruppe meines Physiotherapeuten um Osteoporose vorzubeugen und die ersten meiner Freundinnen werden möglicherweise Witwe werden. Älter werden – die unausweichliche Herausforderung!

    Davon ab, die Expressionistenausstellung im Museum Folkwang ist wirklich sehenswert und der Eintritt lohnt sich auf jeden Fall!
    celawuff, Amalia, antin und 13 anderen gefällt dies.

  2. #2
    Gast

    Standard Re: Philosophische Gedanken beim Museumsbesuch *sehr lang*

    Zitat Zitat von JoGa Beitrag anzeigen
    Ich bin eine moderne Frau. Ich lebe getrennt vom Ehemann, habe einen guten Beruf, der mir ein auskömmliches Leben ermöglichst, nenne zwei heranwachsende Söhne mein eigen, und habe, ganz nach dem Vorbild unseres derzeitigen pastoral-präsidialen Bundesoberhirten Gaucks, einen Lebensgefährten am andern Ende der Republik. Das ist ja ...Älter werden – die unausweichliche Herausforderung!

    Davon ab, die Expressionistenausstellung im Museum Folkwang ist wirklich sehenswert und der Eintritt lohnt sich auf jeden Fall!
    Klau mir nicht meine Gedanken!
    Echt, solche Dinge, in fast dieser Form, gehen mir auch sehr oft durch den Kopf. Wobei ich fast immer solches oder ähnliches denke, egal wo ich bin. Ich beobachte um mich herum und schon laufen die Gedanken allein. Neulich im Zoo, eine herrliche Beoabchtungsmöglichkeit...
    Das Schöne ist, ich habe zwei Freundinnen, mit denen kann ich "Deine Gedanken" zusammen durchquatschen. Wir sehen uns an, sehen auf die Leute im Museum, im Zoo, im Schwimmbad, im Einkaufscenter etc. und denken deckungsgleich dasselbe, ähnlich wie Du. Wir sehen uns auch später immer noch zu zweit, zu dritt losziehen, wie Hildchen und Trudchen, schick, elegant, ab auf Tour.
    Geändert von Clarissa (13.10.2012 um 11:37 Uhr)

  3. #3
    Avatar von EinKesselBuntes
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    Standard Re: Philosophische Gedanken beim Museumsbesuch *sehr lang*

    Liebe Joga,

    älter zu werden ist unausweichlich und wer es schafft, das entspannt und optimistisch
    anzunehmen, der hat schon viel gewonnen, finde ich.

    Du wirst später nicht alleine leben müssen, wenn Du das nicht möchtest. Eine moderne
    Frau kann man auch sein, wenn man mit seinem Partner zusammenlebt.

    Und vielleicht warst Du schlicht zur falschen Zeit im Museum, denn wenn z.B. ich und
    mein Mann eine Ausstellung besuchen (ja, ihn interessiert das genauso wie mich), dann sehen wir
    dort ganz, ganz viele Paare umherwandeln, von jungen Studenten bis Senioren.
    Und bitte nicht vergessen: es gibt noch ein Leben neben dem ErE!

  4. #4
    Avatar von Foxlady
    Foxlady ist offline Urgestein
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    Standard Re: Philosophische Gedanken beim Museumsbesuch *sehr lang*

    Toll geschrieben! Und super beobachtet. Haste auch was von den Bildern gesehen?

    Wir hätten beide zusammen hingegen können. Ok, ich bin mit meinen Kindern weiter und das Grau ist grad übertüncht. Aber die Gedanken hätten gepasst. Sowas denke ich auch manchmal, wenn ich allein los ziehe und mir mein Drumherum so betrachte.




  5. #5
    Avatar von Foxlady
    Foxlady ist offline Urgestein
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    Standard Re: Philosophische Gedanken beim Museumsbesuch *sehr lang*

    Zitat Zitat von EinKesselBuntes Beitrag anzeigen
    Liebe Joga,

    älter zu werden ist unausweichlich und wer es schafft, das entspannt und optimistisch
    anzunehmen, der hat schon viel gewonnen, finde ich.

    Du wirst später nicht alleine leben müssen, wenn Du das nicht möchtest. Eine moderne
    Frau kann man auch sein, wenn man mit seinem Partner zusammenlebt.

    Und vielleicht warst Du schlicht zur falschen Zeit im Museum, denn wenn z.B. ich und
    mein Mann eine Ausstellung besuchen (ja, ihn interessiert das genauso wie mich), dann sehen wir
    dort ganz, ganz viele Paare umherwandeln, von jungen Studenten bis Senioren.

    Liest du da wirklich Bedauern drin? Ich finde das so gar nicht.
    kaffeetante2009 gefällt dies




  6. #6
    Gast

    Standard Re: Philosophische Gedanken beim Museumsbesuch *sehr lang*

    Zitat Zitat von Clarissa Beitrag anzeigen
    Klau mir nicht meine Gedanken!
    Echt, solche Dinge, in fast dieser Form, gehen mir auch sehr oft durch den Kopf. Wobei ich fast immer solches oder ähnliches denke, egal wo ich bin. Ich beobachte um mich herum und schon laufen die Gedanken allein. Neulich im Zoo, eine herrliche Beoabchtungsmöglichkeit...
    Das Schöne ist, ich habe zwei Freundinnen, mit denen kann ich "Deine Gedanken" zusammen durchquatschen. Wir sehen uns an, sehen auf die Leute im Museum, im Zoo, im Schwimmbad, im Einkaufscenter etc. und denken deckungsgleich dasselbe, ähnlich wie Du.
    Das ist halt die Schicht des Bildungsbürgertums, dem wir beide halt auch angehören.
    Und meine weiblichen Bekannten sind alle glücklich verheiratet (oder wiederverheiratet) und haben nicht die Zeit an einem Werktag vormittag ins Museum zu gehen....
    In meinem sozialen Umfeld bin ich aussergewöhnlich mit meinem Leben und das wird auch durchaus misstrauisch beäugt. Im kirchlichen Umfeld gehört sich so ein Lotterleben halt nicht.....

  7. #7
    Avatar von EinKesselBuntes
    EinKesselBuntes ist offline Profi-Daumendrückerin
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    Standard Re: Philosophische Gedanken beim Museumsbesuch *sehr lang*

    Ja. Weil es sich üüüüberhaupt nicht mit meinen Beobachtungen im Museum deckt und
    irgendwie alles so alt und grau und alleine klingt und sie so oft erwähnt, dass so eben
    die moderne Frau ist heutzutage.

    Find ich nicht!
    Viacolvento gefällt dies
    Und bitte nicht vergessen: es gibt noch ein Leben neben dem ErE!

  8. #8
    Gast

    Standard Re: Philosophische Gedanken beim Museumsbesuch *sehr lang*

    Zitat Zitat von Foxlady Beitrag anzeigen
    Liest du da wirklich Bedauern drin? Ich finde das so gar nicht.
    Ne, kein Bedauern. Eher vielleicht ein Betrachten von aussen.

  9. #9
    Avatar von Foxlady
    Foxlady ist offline Urgestein
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    Standard Re: Philosophische Gedanken beim Museumsbesuch *sehr lang*

    Zitat Zitat von JoGa Beitrag anzeigen
    Dieser Inhalt wurde gelöscht
    ja, so habe ich das verstanden. Ein ein wenig Selbstironie mit einem Schuss Sarkasmus und realem Blick auf das, was an einem so sonst unbemerkt vorbei zieht.




  10. #10
    Gast

    Standard Re: Philosophische Gedanken beim Museumsbesuch *sehr lang*

    Zitat Zitat von EinKesselBuntes Beitrag anzeigen
    Ja. Weil es sich üüüüberhaupt nicht mit meinen Beobachtungen im Museum deckt und
    irgendwie alles so alt und grau und alleine klingt und sie so oft erwähnt, dass so eben
    die moderne Frau ist heutzutage.

    Find ich nicht!
    Es war auffällig wieviele Frauen alleine durchs Museum gingen, bzw. als Zweiergespann mit einer Freundin. Es war halt ein bestimmter Typus Frau und die sich auch alle irgendwie ähnlich benahmen.

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