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Thema: Problemkinder und meine Ohnmacht

  1. #1
    Avatar von Tigerblume
    Tigerblume ist gerade online Legende
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    Standard Problemkinder und meine Ohnmacht

    Zeitgleich mit meiner Tochter wurden zwei Zwillingsjungs eingeschult. Einer davon (Justin) in der Klasse meiner Tochter, der andere (Kevin) in einer Parallelklasse.

    Dunkelhäutig, die Mutter spricht kaum Deutsch, schon am ersten Schultag (also am Tag nach der Einschulung), brachte sie die Kinder zu spät zur Schule (sie sind mir zufällig begegnet, daher weiß ich das). Am ersten Elternabend (zu dem sie 40 Minuten zu spät kam) hat die Lehrerin sie vor versammelter Elternschaft in sehr barschem Ton darauf aufmerksam gemacht dass die Kinder regelmäßig nicht die Schul- und Sportsachen dabei haben die sie brauchen. Dazu muss ich sagen dass in Elternabenden sonst nie über individuelle Kinder oder Individualfragen gesprochen wird.

    Dann hatte ich letztes Jahr zufälligerweise in einer meiner Seminargruppen zwei Lehrerinnen dieser Schule (die nicht wussten dass meine Tochter auch auf diese Schule geht - es ist eine sehr große Grundschule, auf mehrere Standorte verteilt). Sie berichteten vom Problemkind Justin der sich einfach überhaupt gar nicht benehmen kann und überhaupt immer ganz unmöglich ist. Sie hatten ihn zur Schulleitung geschickt damit er sich dort eine Standpauke abholen kann, das hat er verweigert, daraufhin haben sie das Problem Justin gelöst, indem sie ihn aus dem Religionsunterricht und aus der Fahrt ins Schullandheim ausgeschlossen haben. Erstklässler wohlgemerkt. Ich habe davon erfahren weil es darum ging, mir eine gelungene Konfliktlösung zu berichten.

    Wenig später wurde mir im Rahmen einer Schulexkursion die ich als Elternteil begleitet habe, Justin in die Gruppe zugeteilt, für die ich zuständig war. Er benötigte durchaus meine Aufmerksamkeit und auch sehr straffe Zügel und war dann in diesem Rahmen für mich völlig problemlos im Umgang. Mir ist völlig bewusst, dass ein einzelner Tag in einer Ausnahmesituation mit einer fremden Betreuungsperson nicht den Alltag abbildet. Trotzdem hatte ich großes Mitgefühl mit Justin, vor allem vor dem Hintergrund der Tatsache, dass meine Tochter noch heute, ein Schuljahr später, begeistert vom Schullandheim erzählt und er solche Erfahrungen nicht machen durfte und nie eine Chance dazu hatte.

    Justin ist auch in diesem Jahr noch Erstklässler (noch immer in der selben Klasse, da dort alle 4 Klassenstufen gemeinsam unterrichtet werden).

    Heute habe ich in der Schule die Aufsicht in einem Projektzimmer gemacht. Es kamen 15 Kinder aus verschiedenen Klassenstufen und arbeiteten an Aufgaben, die sie sich im Projektzimmer ausgesucht haben. Unter den Kindern war auch Kevin. Er war zu mir und zu allen anderen Anwesenden stets höflich und musste von mir kein einziges Mal ermahnt werden (andere Kinder habe ich im 3-Minuten-Takt ermahnt). Ich habe ihm (und natürlich auch anderen) ein bisschen Hilfestellung gegeben, das konnte er sofort umsetzen und hat es dankbar angenommen und sich sogar dafür bedankt. Andere haben dann versucht sich über seine Arbeiten lustig zu machen, das habe ich direkt im Keim erstickt. Es wurde teilweise auch versucht ihm Materialien vor der Nase wegzuschnappen.

    Dann kam ein Junge auf mich zu und flüsterte mir mit Blick auf Kevin ins Ohr ("der da ist ganz schlimm und unerzogen"). Ich sagte zu ihm dass mir bislang nichts dergleichen aufgefallen ist und er sich darauf verlassen kann, dass ich alles prima unter Kontrolle habe.

    Kevin war gerade mit einer Aufgabe befasst, da trat ein anderer Junge an ihn heran, zeigte auf das Arbeitsmaterial und sagte "das gehört mir, das hat mein Vater hergestellt". Kevin hat darauf nicht reagiert und arbeitete weiter. Da trat der Junge noch näher an ihn heran, nahm den Gegenstand in die Hand und sagte sehr provokant "der gehört aber mir".

    Ich bin dann hin und habe ihm gesagt er soll es hinlegen und sich um seine eigene Aufgabe kümmern. Alle im Raum befindlichen Materialien sind allen Schülern überlassen um am Projekt zu arbeiten.

    Am Ende der Projektzeit kam die Klassenlehrerin meiner Tochter und schaute nach dem Rechten und fragte mich wie es verlaufen ist. Ich sagte dass viele Kinder in Sachen Disziplin meine Unterstützung gebraucht haben. Sie schaute auf Kevin und sagte "ah ja, ich seh gleich was sie meinen".

    Und ja, mir ist auch hier bewusst, dass die heutige Situation kein Alltag ist.

    Ich habe der Lehrerin gesagt "Kevin hat sich mustergültig verhalten, selbst als er von anderen provoziert wurde". Und jetzt fühle ich mich hilflos und ohnmächtig und voller Mitgefühl für diese Buben, die von Anfang an keine Chance haben.

  2. #2
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    Standard Re: Problemkinder und meine Ohnmacht

    Zitat Zitat von Tigerblume Beitrag anzeigen
    Zeitgleich mit meiner Tochter wurden zwei Zwillingsjungs eingeschult. Einer davon (Justin) in der Klasse meiner Tochter, der andere (Kevin) in einer Parallelklasse.

    Ich habe der Lehrerin gesagt "Kevin hat sich mustergültig verhalten, selbst als er von anderen provoziert wurde". Und jetzt fühle ich mich hilflos und ohnmächtig und voller Mitgefühl für diese Buben, die von Anfang an keine Chance haben.

    Puh, ich kann da nichts schlaues zu sagen, aber ich verstehe, dass Dich das wurmt. Besonders schwierig, weil Du nicht mal den Eltern irgendwie zur Seite stehen kannst, wenn sie die Sprache kaum verstehen.
    Bist Du Elternbeirat? Evtl kannst Du auf diese Weise an die Lehrkräfte herantreten und schildern, dass es Dir so vorkommt, als ob sie die Zwillinge nicht adäquat behandeln?

  3. #3
    Avatar von Tigerblume
    Tigerblume ist gerade online Legende
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    Standard Re: Problemkinder und meine Ohnmacht

    Zitat Zitat von Schradler Beitrag anzeigen
    Puh, ich kann da nichts schlaues zu sagen, aber ich verstehe, dass Dich das wurmt. Besonders schwierig, weil Du nicht mal den Eltern irgendwie zur Seite stehen kannst, wenn sie die Sprache kaum verstehen.
    Bist Du Elternbeirat? Evtl kannst Du auf diese Weise an die Lehrkräfte herantreten und schildern, dass es Dir so vorkommt, als ob sie die Zwillinge nicht adäquat behandeln?
    Ich bin nicht im Elternbeirat aber selbst wenn - als Außenstehende (weder Lehrerin noch betroffene Mutter) dieses Thema einzubringen halte ich nicht für konstruktiv umsetzbar.

    In der in meinem EP erwähnten Seminargruppe (das war ein Kontext außerhalb der Schule und die anderen Teilnehmenden waren Lehrer anderer Schulen) habe ich mich schon sehr deutlich zur geschilderten Vorgehensweise positioniert (da hatte ich auch eine andere Rolle als die der Beobachterin), habe verschiedene konkrete realistische Alternativen benannt und versucht für das Kind eine Lanze zu brechen. Chancenlos. Der ist schwierig, der stört.

  4. #4
    bernadette ist gerade online Legende
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    Standard Re: Problemkinder und meine Ohnmacht

    heißen die jungs echt so? dann ist ihr schicksal unter deutschen lehrern vorprogrammiert :(

    Zitat Zitat von Tigerblume Beitrag anzeigen
    Zeitgleich mit meiner Tochter wurden zwei Zwillingsjungs eingeschult. Einer davon (Justin) in der Klasse meiner Tochter, der andere (Kevin) in einer Parallelklasse.

  5. #5
    Avatar von Tigerblume
    Tigerblume ist gerade online Legende
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    Standard Re: Problemkinder und meine Ohnmacht

    Zitat Zitat von bernadette Beitrag anzeigen
    heißen die jungs echt so? dann ist ihr schicksal unter deutschen lehrern vorprogrammiert :(
    Nein, natürlich heißen sie nicht so. Sie haben ganz normale unauffällige Namen wie Tim und Lukas.

  6. #6
    Avatar von Diamant
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    Standard Re: Problemkinder und meine Ohnmacht

    Zitat Zitat von Tigerblume Beitrag anzeigen
    Am Ende der Projektzeit kam die Klassenlehrerin meiner Tochter und schaute nach dem Rechten und fragte mich wie es verlaufen ist. Ich sagte dass viele Kinder in Sachen Disziplin meine Unterstützung gebraucht haben. Sie schaute auf Kevin und sagte "ah ja, ich seh gleich was sie meinen".
    Ist aber auch anders herum möglich, dass ihr bewusst ist, dass der ruhige Kevin von anderen gemobbt wird. Sie aber im Moment noch keinen wirklichen Punkt zum gegensteuern hat bzw. bei den Eltern der anderen Kinder ins Leere läuft. Kevin war mit im Schulheim?

    Das Randalekind ist ja anscheinend Justin. Und diese enge Betreuung, die du durch Gruppenarbeit gewährleisten konntest, ist im gesamten Klassenverband nun mal leider nicht gegeben.

    Ideen? Leider auch keine.
    LG STEINLINDA WHISKAS LIKORIA HUHN


  7. #7
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    Standard Re: Problemkinder und meine Ohnmacht

    Zitat Zitat von Tigerblume Beitrag anzeigen
    Ich bin nicht im Elternbeirat aber selbst wenn - als Außenstehende (weder Lehrerin noch betroffene Mutter) dieses Thema einzubringen halte ich nicht für konstruktiv umsetzbar.
    Hm, dann kann mal wohl nichts machen. Ich würde soetwas immer direkt kommunizieren und gar nicht überlegen, ob das "konstruktiv" wäre. Es einfach laufen zu lassen ist eben auch nicht konstruktiv.

  8. #8
    Avatar von Tigerblume
    Tigerblume ist gerade online Legende
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    Standard Re: Problemkinder und meine Ohnmacht

    Zitat Zitat von Diamant Beitrag anzeigen
    Ist aber auch anders herum möglich, dass ihr bewusst ist, dass der ruhige Kevin von anderen gemobbt wird. Sie aber im Moment noch keinen wirklichen Punkt zum gegensteuern hat bzw. bei den Eltern der anderen Kinder ins Leere läuft. Kevin war mit im Schulheim?

    Das Randalekind ist ja anscheinend Justin. Und diese enge Betreuung, die du durch Gruppenarbeit gewährleisten konntest, ist im gesamten Klassenverband nun mal leider nicht gegeben.

    Ideen? Leider auch keine.
    Beide Kinder haben ihren Ruf als Problemkinder weg und nein, der Blick der Lehrerin galt sehr sicher nicht Kevin als gemobbtes Kind sondern ganz klar Kevin als schwieriger Störer. Er ist auch gar nicht in ihrer Klasse.

    Kevins Klasse war nicht im Schullandheim.

    Mich stört am meisten die feindselige und ablehnende Haltung gegnüber diesen Kindern. Klar sind sie nervig und machen einem das Leben schwer. Trotzdem sind's Buben. Und ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass gerade sie die Zuwendung und Aufmerksamkeit und Sympathie der Lehrer mehr brauchen als es bei den anderen Kindern der Fall ist.
    weberin1971 gefällt dies

  9. #9
    marimon ist offline eher Ferkel als Pooh
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    Standard Re: Problemkinder und meine Ohnmacht

    Zitat Zitat von Tigerblume Beitrag anzeigen
    Ich bin nicht im Elternbeirat aber selbst wenn - als Außenstehende (weder Lehrerin noch betroffene Mutter) dieses Thema einzubringen halte ich nicht für konstruktiv umsetzbar.
    Sehe ich anders. du scheinst ja als Mutter durchaus aktiv in der schule zu sein (Begleitung beim Ausflug, Projektaufsicht). Du bist also nicht komplett aussen stehend sonderns hast ja einen Einblick. Ich finde dass berechtigt durchaus zu Fragen und Gesprächen mit den LehrerInnen. Klar kann das Stress bringen, wenn der eine oder andere sich auf die Füße getreten fühlt, aber so ist das halt wenn man sich Hilfe von den Eltern holt, dann muss man auch mit deren Meinung leben. Ich finde die Situation, die Du mit Kevin beschreibst, es durchaus wert, seiner Klassenlehrerein mitgeteil zu werden.

    Aber das musst Du selbst entscheiden. Alternativ könntest Du mit der Mutter ins Gespräch treten?!Ihr Hilfe anbieten?! Also nur wenn Du willst...
    Tijana, Distelfalter, Kara^^ und 3 anderen gefällt dies.
    kleine Große (2004) & großer Kleiner (2009)


    ***********************
    Ging ich täglich früh zu Bett,
    wär ich immer hübsch und nett!

  10. #10
    Avatar von Tigerblume
    Tigerblume ist gerade online Legende
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    Standard Re: Problemkinder und meine Ohnmacht

    Zitat Zitat von Schradler Beitrag anzeigen
    Hm, dann kann mal wohl nichts machen. Ich würde soetwas immer direkt kommunizieren und gar nicht überlegen, ob das "konstruktiv" wäre. Es einfach laufen zu lassen ist eben auch nicht konstruktiv.
    Ich bin da eher zurückhaltend weil ich weiß wie manche Menschen darauf reagieren wenn sie das Gefühl bekommen jemand kritisiert ihre Arbeit, ihre Fachkompetenz und damit vielleicht auch ein Stück weit sie selbst als Person. Und das löst eben eher Abwehr aus als dass es hilfreiche Impulse setzt. In diesem Fall muss das nicht ich ausbaden sondern die Kinder. Wäre ich persönlich betroffen, hätte ich keine Hemmungen, aber hier geht es weder um mich noch um mein Kind.

    In der Seminargruppe habe ich mich mit einer sehr eindeutigen pädagogischen Haltung positioniert. Diese Haltung wird aber von der Schule nicht geteilt.

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