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Thema: Vom Umgang mit Behinderung - damals und heute

  1. #1
    Avatar von antin
    antin ist offline Legende
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    Standard Vom Umgang mit Behinderung - damals und heute

    ich habe gerade ein Buch ausgelesen und bin etwas bedrückt:

    "Unzertrennlich" von Joyce Scott: Ohio, Zwillingsschwestern Jahrgang 1943, eine (Judy) hat das Downsyndrom. Die ersten sieben Jahre können die Schwestern zusammen aufwachsen, werden jedoch im Kinderzimmer eingesperrt, wenn Besuch kommt. Dann wird Judy über Nacht weggebracht in ein Heim - weil es damals eine "Schande" war, "so ein Kind" zu haben: zurückgeblieben, kann nicht sprechen, nicht erziehbar, unbeschulbar. Joyce ist von der unerwarteten Trennung traumatisiert, die Mutter ebenso - aber niemand sieht das.
    In den Heimen (wo Menschen mit verschiedensten geistigen Behinderungen verwahrt/versteckt werden), geht es Judy nicht gut. Unter anderem werden den Insassen alle Zähne gezogen, weil es ja viel leichter ist, wenn sie keine Karies bekommen (das muss in den 60er-70er Jahren gewesen sein).
    Erst über 30 Jahre nach der Trennung erfährt Joyce, warum ihre Schwester nicht sprechen lernte und komisch bis gar nicht reagiert: sie ist gehörlos. Sie holt sie zu sich und versucht, sie zu fördern. In einem Kunstzentrum findet Judy endlich eine Ausdrucksform für sich: Ihre Kunstobjekte finden international Beachtung.

    Was mich wirklich verstört hat, ist die Geschichte mit den Zähnen und der gesamte Umgang in den Heimen mit den Menschen jeden Alters. Ich vermute mal, das war in jenen Jahrzehnten hierzulande ebenso, z.T. aus Unwissenheit, z.T. aus Gleichgültigkeit. Welche Zumutung für alle Beteiligten Vermutlich läuft nicht alles rosig heutzutage, aber doch wesentlich besser, oder? (bitte sagt jetzt ja, sonst verliere ich wirklich meinen Glauben an Fortschritt).




    und weil wir gerade bei Fortschritt sind: wann haben Mediziner entdeckt, dass Rauchen in der Schwangerschaft dem Embryo schadet?
    Letzte Woche habe ich nämlich "Die Frau in Gold" von Valerie Trierweiler gelesen, dargestellt wird Adele Bloch-Bauer, die für Gustav Klimt Modell gestanden hat. Wie nah an der Realität der Roman ist, kann ich nicht beurteilen. Aber Adele wird als Starkraucherin beschrieben, die mehrere Fehlgeburten erlitten hat. Für mich als Leserin besteht da ein klarer Zusammenhang - 1900-1920 (Zeitraum des Romans) wusste man das vielleicht noch nicht?
    Hand aufs Herz und Ellenbogen küssen
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  2. #2
    Avatar von Zickzackkind
    Zickzackkind ist offline Legende
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    Standard Re: Vom Umgang mit Behinderung - damals und heute

    Ich habe in einem Heim für Menschen mit Behinderung gearbeitet - früher wurde es nur „die Anstalt“ genannt. Da haben Angehörige oft von Früher erzählt und gerade sehr alte Menschen hatten oft ein solch schlechtes Gewissen. Sie hätten vom Gefühl her gerne ganz anders für ihre Kinder gesorgt, sie bei sich behalten,... Ich erinnere mich an eine Mutter, die eine halbe Stunde unter Tränen erzählt hat und es so schön fand, dass es „den Kindern“ heute besser geht.
    nightwish gefällt dies


    99/02/07/13

  3. #3
    Avatar von antin
    antin ist offline Legende
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    Standard Re: Vom Umgang mit Behinderung - damals und heute

    Zitat Zitat von Zickzackkind Beitrag anzeigen
    Ich habe in einem Heim für Menschen mit Behinderung gearbeitet - früher wurde es nur „die Anstalt“ genannt. Da haben Angehörige oft von Früher erzählt und gerade sehr alte Menschen hatten oft ein solch schlechtes Gewissen. Sie hätten vom Gefühl her gerne ganz anders für ihre Kinder gesorgt, sie bei sich behalten,... Ich erinnere mich an eine Mutter, die eine halbe Stunde unter Tränen erzählt hat und es so schön fand, dass es „den Kindern“ heute besser geht.
    ja, das ging auch dieser Familie so: alle haben darunter gelitten, aber nicht miteinander gesprochen, nirgendwo Unterstützung gefunden - und jeder für sich zerbrach daran (Vater starb früh, Mutter wurde "gefühlskalt", Zwillingsschwester war in einem unsteten Leben bindungsunfähig und ständig auf der Suche nach Erfüllung.
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  4. #4
    Avatar von nightwish
    nightwish ist gerade online Ich bin schuld!
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    Standard Re: Vom Umgang mit Behinderung - damals und heute

    Zitat Zitat von antin Beitrag anzeigen
    ich habe gerade ein Buch ausgelesen und bin etwas bedrückt:

    "Unzertrennlich" von Joyce Scott: Ohio, Zwillingsschwestern Jahrgang 1943, eine (Judy) hat das Downsyndrom. Die ersten sieben Jahre können die Schwestern zusammen aufwachsen, werden jedoch im Kinderzimmer eingesperrt, wenn Besuch kommt. Dann wird Judy über Nacht weggebracht in ein Heim - weil es damals eine "Schande" war, "so ein Kind" zu haben: zurückgeblieben, kann nicht sprechen, nicht erziehbar, unbeschulbar. Joyce ist von der unerwarteten Trennung traumatisiert, die Mutter ebenso - aber niemand sieht das.
    In den Heimen (wo Menschen mit verschiedensten geistigen Behinderungen verwahrt/versteckt werden), geht es Judy nicht gut. Unter anderem werden den Insassen alle Zähne gezogen, weil es ja viel leichter ist, wenn sie keine Karies bekommen (das muss in den 60er-70er Jahren gewesen sein).
    Erst über 30 Jahre nach der Trennung erfährt Joyce, warum ihre Schwester nicht sprechen lernte und komisch bis gar nicht reagiert: sie ist gehörlos. Sie holt sie zu sich und versucht, sie zu fördern. In einem Kunstzentrum findet Judy endlich eine Ausdrucksform für sich: Ihre Kunstobjekte finden international Beachtung.

    Was mich wirklich verstört hat, ist die Geschichte mit den Zähnen und der gesamte Umgang in den Heimen mit den Menschen jeden Alters. Ich vermute mal, das war in jenen Jahrzehnten hierzulande ebenso, z.T. aus Unwissenheit, z.T. aus Gleichgültigkeit. Welche Zumutung für alle Beteiligten Vermutlich läuft nicht alles rosig heutzutage, aber doch wesentlich besser, oder? (bitte sagt jetzt ja, sonst verliere ich wirklich meinen Glauben an Fortschritt).




    und weil wir gerade bei Fortschritt sind: wann haben Mediziner entdeckt, dass Rauchen in der Schwangerschaft dem Embryo schadet?
    Letzte Woche habe ich nämlich "Die Frau in Gold" von Valerie Trierweiler gelesen, dargestellt wird Adele Bloch-Bauer, die für Gustav Klimt Modell gestanden hat. Wie nah an der Realität der Roman ist, kann ich nicht beurteilen. Aber Adele wird als Starkraucherin beschrieben, die mehrere Fehlgeburten erlitten hat. Für mich als Leserin besteht da ein klarer Zusammenhang - 1900-1920 (Zeitraum des Romans) wusste man das vielleicht noch nicht?
    wenn ich das so lese, bin ich dankbar das mein Sohn erst viel später auf die Welt kam.

    Ich kann Dir nur meine Beobachtungen schildern, die ich in den Wohnheimen sehe wenn er in der Kurzzeitpflege ist. Da sind ebenfalls Menschen jeden Alters mit Behinderungen. Der Betreuermangel ist auch in dem Bereich deutlich spürbar aber die (Mit)Arbeiter/Pfleger dort geben sich alle Mühe den Menschen gerecht zu werden. Die, die motorisch fit sind werden angeleitet selbständig einfache Dinge zu erledigen. Und auch diejenigen, die motorisch gar nichts können bzw einen höheren Pflegeaufwand benötigen werden ebenfalls liebevoll versorgt bzw sind sie im *Gewusel* des Aufenthaltsraumes mittendrin.

    Die *Verwahranstalten* von früher findest Du glaube ich heute nicht mehr. *hoff*

    Wenn es in den 50er/60er(?) Jahre noch im Fernsehen für Zigaretten geworben wurde, dürfte es wohl erst so 50/60 Jahre her sein, daß die Mediziner entdeckt haben das Rauchen in der Schwangerschaft schädlichist.
    Das werden die Mediziner hier aber bestimmt besser wissen.
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    Viele Grüße
    Nightwish
    Nichts ist für immer, nur der Moment zählt ganz allein!unheilig

  5. #5
    Avatar von st.paula75
    st.paula75 ist offline komplett unvollständig
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    Standard Re: Vom Umgang mit Behinderung - damals und heute

    Zum Thema rauchen in der Schwangerschaft kann ich beitragen, dass ich (Jahrgang 75) das Kind einer rauchenden Mutter bin, der ihr Frauenarzt in der Schwangerschaft sagte, sie solle bloß nicht ganz aufhören, der Embryo bekäme dann Entzugserscheinungen. Sie hat also circa drei Zigaretten je Tag geraucht, so lange sie schwanger war.
    mit dem Kleeblatt 2009 - 2011 - 2013 - 2015
    Wingst und Lilofee


  6. #6
    Avatar von antin
    antin ist offline Legende
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    Standard Re: Vom Umgang mit Behinderung - damals und heute

    Zitat Zitat von nightwish Beitrag anzeigen
    ....

    Die *Verwahranstalten* von früher findest Du glaube ich heute nicht mehr. *hoff*.
    die Schuldzuweisung gibt es auch nicht mehr - dafür sind die Ursachen und Zusammenhänge viel zu gut bekannt (an eine Strafe Gottes glauben doch nur noch hardcore-Gläubige, oder?). Und ohne Schuldzuweisung ist der Umgang freundlicher.
    xantippe gefällt dies
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  7. #7
    Avatar von antin
    antin ist offline Legende
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    Standard Re: Vom Umgang mit Behinderung - damals und heute

    Zitat Zitat von st.paula75 Beitrag anzeigen
    Zum Thema rauchen in der Schwangerschaft kann ich beitragen, dass ich (Jahrgang 75) das Kind einer rauchenden Mutter bin, der ihr Frauenarzt in der Schwangerschaft sagte, sie solle bloß nicht ganz aufhören, der Embryo bekäme dann Entzugserscheinungen. Sie hat also circa drei Zigaretten je Tag geraucht, so lange sie schwanger war.
    oh. sieht man das heute auch noch so? Gerüchteweise kam mir das während meiner Schwangerschaft (1999) noch zu Ohren, aber mich betraf es nicht, deshalb habe nicht so genau hingehört.

    aber zwischen drei Zigaretten am Tag und drei in einer halben Stunde (wie in dem Buch) besteht ein Unterschied. :(
    Hand aufs Herz und Ellenbogen küssen
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  8. #8
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    Standard Re: Vom Umgang mit Behinderung - damals und heute

    Denk doch mal nur ein paar Jahre zurück an die Berichte aus den Ostblockstaaten oder Rumänien...

    So weit weg ist das Elend behinderter Menschen nicht....
    xantippe und Schradler gefällt dies.

  9. #9
    opus ist offline Muddi h.c.
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    Standard Re: Vom Umgang mit Behinderung - damals und heute

    Zitat Zitat von antin Beitrag anzeigen
    ich habe gerade ein Buch ausgelesen und bin etwas bedrückt:

    "Unzertrennlich" von Joyce Scott: Ohio, Zwillingsschwestern Jahrgang 1943, eine (Judy) hat das Downsyndrom. Die ersten sieben Jahre können die Schwestern zusammen aufwachsen, werden jedoch im Kinderzimmer eingesperrt, wenn Besuch kommt. Dann wird Judy über Nacht weggebracht in ein Heim - weil es damals eine "Schande" war, "so ein Kind" zu haben: zurückgeblieben, kann nicht sprechen, nicht erziehbar, unbeschulbar. Joyce ist von der unerwarteten Trennung traumatisiert, die Mutter ebenso - aber niemand sieht das.
    In den Heimen (wo Menschen mit verschiedensten geistigen Behinderungen verwahrt/versteckt werden), geht es Judy nicht gut. Unter anderem werden den Insassen alle Zähne gezogen, weil es ja viel leichter ist, wenn sie keine Karies bekommen (das muss in den 60er-70er Jahren gewesen sein).
    Erst über 30 Jahre nach der Trennung erfährt Joyce, warum ihre Schwester nicht sprechen lernte und komisch bis gar nicht reagiert: sie ist gehörlos. Sie holt sie zu sich und versucht, sie zu fördern. In einem Kunstzentrum findet Judy endlich eine Ausdrucksform für sich: Ihre Kunstobjekte finden international Beachtung.

    Was mich wirklich verstört hat, ist die Geschichte mit den Zähnen und der gesamte Umgang in den Heimen mit den Menschen jeden Alters. Ich vermute mal, das war in jenen Jahrzehnten hierzulande ebenso, z.T. aus Unwissenheit, z.T. aus Gleichgültigkeit. Welche Zumutung für alle Beteiligten Vermutlich läuft nicht alles rosig heutzutage, aber doch wesentlich besser, oder? (bitte sagt jetzt ja, sonst verliere ich wirklich meinen Glauben an Fortschritt).
    Behindertenunterbringung war lange Zeit mehr oder weniger eine Verwahrung... und das war noch ein Fortschritt, wenn man an die Zeit des dritten Reiches denkt. Es gab schon Förderung und Beschäftigung, aber kaum in der Öffentlichkeit.

    Wir hatten bei uns in den 1960ern in der direkten Nachbarschaft einen Jungen, später jungen Mann mit Downsyndrom, der oft zu Hause war. Das war aber dem Engagement der Eltern geschuldet, normal war das nicht. Man sah die Menschen sonst nicht auf der Straße, ich kann mich jedenfalls nicht erinnern.


    Zitat Zitat von antin Beitrag anzeigen
    und weil wir gerade bei Fortschritt sind: wann haben Mediziner entdeckt, dass Rauchen in der Schwangerschaft dem Embryo schadet?
    Letzte Woche habe ich nämlich "Die Frau in Gold" von Valerie Trierweiler gelesen, dargestellt wird Adele Bloch-Bauer, die für Gustav Klimt Modell gestanden hat. Wie nah an der Realität der Roman ist, kann ich nicht beurteilen. Aber Adele wird als Starkraucherin beschrieben, die mehrere Fehlgeburten erlitten hat. Für mich als Leserin besteht da ein klarer Zusammenhang - 1900-1920 (Zeitraum des Romans) wusste man das vielleicht noch nicht?
    In den 1950ern war die Schädlichkeit des Rauchens für gesunde Menschen noch kein offizielles Thema. Wenn man bedenkt (und erlebt hat) wie heftig noch vor 20-30 Jahren die Schädlichkeit des passiven Mitrauchens von der Tabaklobby geleugnet wurde, wundert es wenig. Es ging um zuviel Geld und man hatte andere Sorgen.

    In der Zeit meiner Krankheit hatte ich viel Zeit für alte Filme, was Youtube so hergibt oder die DVD-Sammlung.... Da wird einem nach ein paar 'Tatort'folgen erst bewusst, wie allgegegenwärtig und selbstverständlich das Rauchen noch zu Zeiten unserer Jugend Maienblüte war.

    Die Diskussionen, wo Begriffe wie 'Raucherhatz' fielen, wenn man lediglich Nichtraucher schützen wollte, sind selbst hier noch gar gar nicht so lange her.
    xantippe und viola5 gefällt dies.
    Dem Philosoph ist nichts zu doof.

  10. #10
    Avatar von Zickzackkind
    Zickzackkind ist offline Legende
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    Standard Re: Vom Umgang mit Behinderung - damals und heute

    Zitat Zitat von antin Beitrag anzeigen
    die Schuldzuweisung gibt es auch nicht mehr - dafür sind die Ursachen und Zusammenhänge viel zu gut bekannt (an eine Strafe Gottes glauben doch nur noch hardcore-Gläubige, oder?). Und ohne Schuldzuweisung ist der Umgang freundlicher.
    Ich bin bei der Krebserkrankung unserer Tochter vom Psychosozialen Dienst gefragt worden, ob ich mich für die Erkrankung schuldig fühlen, oder sie als Strafe empfinden würde. Als ich das verneinte meinte sie, dass ich nicht glauben würde, wie oft das der Fall wäre, oder Angehörige das vom Umfeld vermittelt bekämen.


    99/02/07/13

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