Seite 1 von 2 12 LetzteLetzte
Ergebnis 1 bis 10 von 15
Like Tree20gefällt dies

Thema: Morgen ist es wieder so weit.

  1. #1
    Avatar von Lacustris2
    Lacustris2 ist gerade online und wieder auf Anfang ...
    Registriert seit
    27.09.2012
    Beiträge
    5.796

    Standard Morgen ist es wieder so weit.

    Seit 21 Jahren fahre ich an nahezu jedem 1. Mai nach G., ein Städtchen im Dunstkreis Stuttgarts.
    Dort liegt meine Jugendfreundin S. begraben, die am 1.5.97 bei einer Autofahrt mit ihrem Mann tödlich verunglückt ist. Ihr Mann wurde nur leicht verletzt, sie starb noch am gleichen Tag nach einer Not-OP. Ihr Sohn war damals 14 Monate alt und bei der Großmutter geblieben.

    S. und ich haben uns 1973 in der Schule kennengelernt, 6. Klasse eines renommierten Stuttgarter Gymnasiums.
    Und auch wenn sich unsere schulischen Wege trennten (ich wechselte auf die Realschule), blieben wir eng befreundet. Wir wurden zusammen konfirmiert, waren zusammen im Schwimmverein (sie Leistungsgruppe, ich paddelte hinterher), fuhren zusammen zum Camping in die Bretagne, feierten unzählige Sylvester miteinander.
    Bis zu diesem 1. Mai 1997, als sie mit ihrem Mann diese Fahrt machte und nicht wiederkam.

    Erfahren habe ich es drei Tage später, als ich morgens die Zeitung aufschlug und durchblätterte. Bis ich S. R. aus G. las ... Name, Daten stimmten. Ich weiß noch, dass ich zu meinem Mann ins Bad lief und "S. ist tot, S. ist tot!" gerufen habe. Mir fiel ein, dass ich am Vortag in der Zeitung etwas gelesen hatte, dass auf der Straße von W. nach H. eine 34jährige Frau tödlich verunglückt sei. Über 30 Feuerwehrleute seien an der Bergung beteiligt gewesen.
    Danach hatte ich sofort bei ihren Eltern angerufen. Niemand zu Hause. Dann rief ich bei S. an, wo sich ihre Mutter meldete. Sie erzählte mir, was passiert war und dass sie nicht wußten, wie sie es mir hätten sagen sollten. Sie hatten noch niemand außer dem Arbeitgeber informiert, hatten sich bisher um den Enkel gekümmert, sein Vater lag bis zu diesem Morgen noch im KH.

    Ein paar Tage später war die Beisetzung, kaum 100m von ihrem Zuhause entfernt. Zum Kaffee konnte ich nicht mit, ich schob irgendetwas vor, damit ich weg konnte. Im nächsten Blumenladen holte ich weiße Calla, ihre Lieblingsblumen, und fuhr zur Unfallstelle. Da konnte ich mich wenigstens so richtig ausheulen.

    Seither fahre ich eben nahezu jedes Jahr nach G. auf den Friedhof, lege, stelle oder pflanze etwas auf ihr Grab und denke mal mehr, mal weniger traurig an die vielen Jahre zurück, in denen wir befreundet waren und an so vieles, was wir zusammen erlebt haben. Austern in der Bretagne, ihr kleines Auto, diese rollende Einkaufstasche, unsere erste gemeinsame Party, oder ihr Kopfschütteln darüber, dass ich mir die schwäbischen Uhrzeiten nicht merken konnte und zu Verabredungen stets ein Viertelstündle zu früh oder zu spät kam.
    Kann ich übrigens immer noch nicht.

    Nach über zwanzig Jahren tut es nicht mehr weh, aber traurig macht es mich immer noch, dass meine hübsche, lebensfrohe und kluge Freundin so sterben musste, ihr Kind nicht aufwachsen sah, ihr Leben nicht leben konnte.
    Nächste Woche rufe ich dann auch wieder einmal ihre Eltern an, mittlerweile fast 90, aber noch guter Dinge.
    Ich freue mich darauf.

  2. #2
    Avatar von Aoraki
    Aoraki ist offline Vogel Gottes
    Registriert seit
    06.07.2011
    Beiträge
    18.022

    Standard Re: Morgen ist es wieder so weit.

    Lacustris2 gefällt dies

  3. #3
    Avatar von lucillaminor
    lucillaminor ist offline Bücherwurm
    Registriert seit
    18.11.2008
    Beiträge
    70.747

    Standard Re: Morgen ist es wieder so weit.



    Das ist sehr berührend.
    Uschi-Blum, Aoraki und Lacustris2 gefällt dies.
    Alles außer Familie, Freunden und Nähen wird gnadenlos überschätzt.





    Immer in der Hosentasche: Wingst und Waffles und die Mädels aus dem Hibbeln-light






  4. #4
    Avatar von ChilangaReloaded
    ChilangaReloaded ist offline Altes Eisen!
    Registriert seit
    28.12.2014
    Beiträge
    9.159

    Standard Re: Morgen ist es wieder so weit.

    Das liest sich traurig und schön. Kennst du den Sohn?
    Schönheit vergeht. Hektar besteht.

  5. #5
    Polly_Schlottermotz ist offline Sonnenstrahlen
    Registriert seit
    25.04.2016
    Beiträge
    2.687

    Standard Re: Morgen ist es wieder so weit.

    *schnüff*
    Das berührt mich.
    Schön, dass du Kontakt zu ihren Eltern hältst.
    Du warst/bist (!) eine tolle Freundin von S.!

  6. #6
    Avatar von Lacustris2
    Lacustris2 ist gerade online und wieder auf Anfang ...
    Registriert seit
    27.09.2012
    Beiträge
    5.796

    Standard Re: Morgen ist es wieder so weit.

    Zitat Zitat von ChilangaReloaded Beitrag anzeigen
    Das liest sich traurig und schön. Kennst du den Sohn?
    Nein.
    Zu seinem Vater hatte ich noch nie einen guten Draht, ein etwas sehr eigener Typ Mann.
    Als der Junge geboren wurde, hatten wir erst kurz zuvor unseren Pflegesohn bekommen und waren sehr eingespannt mit Therapien, Arztbesuchen etc. Als wir dann ein Treffen vereinbarten, um uns unsere Söhne zu präsentieren, war der meine krank, beim nächsten Versuch der ihre. Und dann war sie tot.
    Ihren Mann habe ich bei der Beerdigung das letztemal gesehen.
    Der Sohn lebt mittlerweile im Haus seiner mütterlichen Großeltern, die wohnen in Laufweite der Stuttgarter Uni, vielleicht sehe ich ihn einmal, wenn ich seine Großeltern besuche.

  7. #7
    Sina75 ist offline Urgestein
    Registriert seit
    29.09.2009
    Beiträge
    64.990

    Standard Re: Morgen ist es wieder so weit.

    Zitat Zitat von Lacustris2 Beitrag anzeigen
    Seit 21 Jahren fahre ich an nahezu jedem 1. Mai nach G., ein Städtchen im Dunstkreis Stuttgarts.
    Dort liegt meine Jugendfreundin S. begraben, die am 1.5.97 bei einer Autofahrt mit ihrem Mann tödlich verunglückt ist. Ihr Mann wurde nur leicht verletzt, sie starb noch am gleichen Tag nach einer Not-OP. Ihr Sohn war damals 14 Monate alt und bei der Großmutter geblieben.

    S. und ich haben uns 1973 in der Schule kennengelernt, 6. Klasse eines renommierten Stuttgarter Gymnasiums.
    Und auch wenn sich unsere schulischen Wege trennten (ich wechselte auf die Realschule), blieben wir eng befreundet. Wir wurden zusammen konfirmiert, waren zusammen im Schwimmverein (sie Leistungsgruppe, ich paddelte hinterher), fuhren zusammen zum Camping in die Bretagne, feierten unzählige Sylvester miteinander.
    Bis zu diesem 1. Mai 1997, als sie mit ihrem Mann diese Fahrt machte und nicht wiederkam.

    Erfahren habe ich es drei Tage später, als ich morgens die Zeitung aufschlug und durchblätterte. Bis ich S. R. aus G. las ... Name, Daten stimmten. Ich weiß noch, dass ich zu meinem Mann ins Bad lief und "S. ist tot, S. ist tot!" gerufen habe. Mir fiel ein, dass ich am Vortag in der Zeitung etwas gelesen hatte, dass auf der Straße von W. nach H. eine 34jährige Frau tödlich verunglückt sei. Über 30 Feuerwehrleute seien an der Bergung beteiligt gewesen.
    Danach hatte ich sofort bei ihren Eltern angerufen. Niemand zu Hause. Dann rief ich bei S. an, wo sich ihre Mutter meldete. Sie erzählte mir, was passiert war und dass sie nicht wußten, wie sie es mir hätten sagen sollten. Sie hatten noch niemand außer dem Arbeitgeber informiert, hatten sich bisher um den Enkel gekümmert, sein Vater lag bis zu diesem Morgen noch im KH.

    Ein paar Tage später war die Beisetzung, kaum 100m von ihrem Zuhause entfernt. Zum Kaffee konnte ich nicht mit, ich schob irgendetwas vor, damit ich weg konnte. Im nächsten Blumenladen holte ich weiße Calla, ihre Lieblingsblumen, und fuhr zur Unfallstelle. Da konnte ich mich wenigstens so richtig ausheulen.

    Seither fahre ich eben nahezu jedes Jahr nach G. auf den Friedhof, lege, stelle oder pflanze etwas auf ihr Grab und denke mal mehr, mal weniger traurig an die vielen Jahre zurück, in denen wir befreundet waren und an so vieles, was wir zusammen erlebt haben. Austern in der Bretagne, ihr kleines Auto, diese rollende Einkaufstasche, unsere erste gemeinsame Party, oder ihr Kopfschütteln darüber, dass ich mir die schwäbischen Uhrzeiten nicht merken konnte und zu Verabredungen stets ein Viertelstündle zu früh oder zu spät kam.
    Kann ich übrigens immer noch nicht.

    Nach über zwanzig Jahren tut es nicht mehr weh, aber traurig macht es mich immer noch, dass meine hübsche, lebensfrohe und kluge Freundin so sterben musste, ihr Kind nicht aufwachsen sah, ihr Leben nicht leben konnte.
    Nächste Woche rufe ich dann auch wieder einmal ihre Eltern an, mittlerweile fast 90, aber noch guter Dinge.
    Ich freue mich darauf.
    Eine berührende, traurige aber auch irgendwie schöne Geschichte. Danke, das du sie mit uns geteilt hast.
    Uschi-Blum, Aoraki und Cafetante gefällt dies.
    "Everybody’s Darling, Everybody’s Depp"

    Franz Josef Strauß

  8. #8
    Avatar von Martha74
    Martha74 ist offline Urgestein
    Registriert seit
    12.12.2007
    Beiträge
    56.971

    Standard Re: Morgen ist es wieder so weit.

    Dein Posting liest sich sehr berührend, wie das einer echten Freundin

  9. #9
    Avatar von Lacustris2
    Lacustris2 ist gerade online und wieder auf Anfang ...
    Registriert seit
    27.09.2012
    Beiträge
    5.796

    Standard Re: Morgen ist es wieder so weit.

    Zitat Zitat von Sina75 Beitrag anzeigen
    Eine berührende, traurige aber auch irgendwie schöne Geschichte. Danke, das du sie mit uns geteilt hast.
    Irgendwo musste ich heute damit hin.
    Das ist einer der vielen Gründe, warum ich gerne hier bin: es ist immer jemand zum zuhörern da.
    papillon, Uschi-Blum und HeiligerHafen gefällt dies.

  10. #10
    Avatar von HeiligerHafen
    HeiligerHafen ist offline Diplom-Bekloppte
    Registriert seit
    01.02.2018
    Beiträge
    8.081

    Standard Re: Morgen ist es wieder so weit.

    Lacustris2 gefällt dies
    Liebe Grüße
    HeiligerHafen

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •