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Thema: Wie totalitär war die DDR?

  1. #101
    Avatar von Falconheart
    Falconheart ist offline Legende

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    Standard Re: Wie totalitär war die DDR?

    Zitat Zitat von salvadora Beitrag anzeigen
    Ich finde es gar nicht unerheblich. Wahrheit ist ja vielschichtig und nicht eindimensional.
    Sorry, die Wahrheit ist, dass du in der DDR überlegen musstest, wem du was sagst, wem du deine Gedanken anvertrauen kannst, und beten musstest, dass du dich nicht irrst, und verschuftet wirst. Dass du für viele "Vergehen" abgeholt und weggesperrt werden konntest, und sei es für das Vergehen ein Andersdenkender zu sein. Dass Zugang zu höherer Bildung von der Systemtreue abhing (ohne Pioniere, Jugendweihe und FDJ kein Abi und kein Studium). Wo unangepasste Jugendliche in Jugendwerkhöfen misshandelt wurden. Lies mal nach, Stichwort: Torgau.

    Da brauchst du nicht über "vielschichtig" schreiben. Viele sind brav mitgeschwommen, und hatten so ihre relative Ruhe, wenn nicht jemand sie mit irgendwas verschuftet hat. Ich mag jetzt nicht ins lange Detail gehen, da bringt zu viele schlechte Sachen wieder hoch. Aber sagen wir es mal kurz so: die DDR ist etwas das sich niemals wiederholen sollte und deren Untergang ich jedes Jahr gerne feiere.
    bernadette und selfi gefällt dies.

    Auch das ist Kunst,
    ist Gottes Gabe,
    aus ein paar sonnenhellen Tagen
    sich so viel Licht ins Herz zu tragen,
    dass, wenn der Sommer längst verweht,
    das Leuchten immer noch besteht.

    Johann Wolfgang von Goethe

  2. #102
    Avatar von Sonnennebel
    Sonnennebel ist offline Legende

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    Standard Re: Wie totalitär war die DDR?

    Ich war am 9. November 1989 zehn Jahre alt und in der 4. Klasse.

    Das habe ich als Kind wahr genommen:

    In meinem Heimatkunde-Atlas war die BRD grau. Es standen nur ein paar wichtige Orte drauf (z.B. München). Auch West-Berlin war eine graue Fläche. Als ich die Lehrerin danach fragte, warum das grau sei, antwortete sie ausweichend. Als ich nachbohrte, bat sie mich, nicht weiter zu fragen.

    Meine Mutter sagte am Abend zu mir: "Geh mal Mündchen waschen. Es gibt gleich Abendbrot."
    Ich: "München waschen? Da muss ich aber weit laufen."
    Meine Mutter war völlig perplex, dass ich München kannte. Ich erzählte ihr vom Heimatkunde-Unterricht.
    Sie hat mir dann nur erklärt, dass der Staat nicht möchte, dass wir so viel über die BRD wissen. Ich fand das merkwürdig, aber habe nicht weiter nachgefragt.

    Als 1988 die Ausreisewelle über Ungarn begann, hauten auch einige aus meiner Schule mit ihren Familien ab, unter anderem ein Mitschüler meiner Klasse. An seinem letzten Schultag standen ganz viele andere (meist ältere) Schüler um ihn herum und einige bespuckten oder traten ihn und seinen Bruder. Obwohl ich ihn nicht mochte, wollte ich einen Lehrer holen, damit das aufhört. Aber die ignorierten das und schauten teilnahmslos zu. Ich war damals sehr entsetzt von den Lehrern, dass sie ihm nicht helfen, denn bisher hatte ich alle von ihnen als gerechte Menschen erlebt. Ich bin dann zu der Gruppe hin und habe gerufen, dass sie aufhören sollen. Irgendein Großer hat mich lachend beiseite genommen und meinte, dass ich das noch nicht verstehen würde.

    Wir waren die Letzten, die Thälmannpioniere wurden - die Jugendorganisation für die 4. bis 6. Klasse. Ein Mitschüler war kirchlich und wollte kein Thälmannpionier werden. Aber bevor er offiziell einen Antrag stellen konnte, wurde er offiziell aus der Pionierorganisation ausgeschlossen - vor der ganzen Schule, angeblich wegen seines schlechten Verhaltens (andere waren aber viel schlimmer). Er fand es nicht schlimm, weil er ja sowieso kein Thälmannpionier werden wollte. Aber ich fand den öffentlichen Ausschluss echt diffamierend und war entrüstet, dass meine (eigentlich tolle) Klassenlehrerin das zulässt.

    Westfernsehen dürfte ich nie gucken. Meine Eltern haben behauptet, dass Kontrolleure die Straßen entlang fahren und mit Antennenwagen kontrollieren, wer was guckt.
    Ich habe dann bei einem Freund Westfernsehen geschaut. Dessen Eltern waren da entspannter. Meine Eltern tolerierten das. Die glaubten wohl ein bisschen selbst an die Kontrolleure (die dann die Familie meines Freundes erwischen), waren aber nicht gegen das Westfernsehen an und für sich.

    Die Wende habe ich als Kind vor allem als materielle Bereicherung gesehen. Unfrei habe ich mich nie wirklich gefühlt.

    Meine Eltern trauerten der DDR noch lange hinterher, waren regimetreu. Mein Vater war in der SED, aber nicht politisch aktiv. Mein Vater ist ein typischer Wendeverlierer. Er hat nie wieder einen guten Job bekommen (war vorher Forstingenieur und Vorarbeiter) - aus politischen Gründen.
    Meine Mutter hat von der Wende nur profitiert. Materiell wäre sie niemals dort, wo sie jetzt ist. Sie kann meinen Vater zum Glück mit finanzieren.
    salvadora gefällt dies

  3. #103
    Beerenfisch Gast

    Standard Re: Wie totalitär war die DDR?

    Zitat Zitat von Lui Beitrag anzeigen
    Eine Systemträgerin?
    Danke, da höre ich rein.
    Die Erzählungen meines Bekannten (Stasioffizier und Post-aufdampfer) sind auch interessant - aber nicht öffentlich zugänglich.
    Systemträgerin, meinst du damit, ob sie gespitzelt hat oder darüber hinaus?
    Sie hat dem alten Leben den Rücken gekehrt, in mehrfacher Hinsicht, sowohl im Bedauern ihres Tuns als auch durch die Transsexualität.
    Ich war mir beim Hören nicht sicher, ob sie einerseits die Dinge überzeichnet und gar nicht so viel getan hat bzw. andere wesentlich schlimmer waren oder andererseits das eigene Tun kleinredet.

    Ja, höre es dir an, vielleicht können wir die Sichtweise noch austauschen. Auch wenn noch jemand die Reihe ganz oder in Teilen gehört hat, ich wollte dazu schon mal einen Thread einstellen, wie Deutsche diese Gespräche empfinden. Als Österreicherin fühle ich mir ein bisschen außen vor, klar hab ich schon was über DDR gehört und gelesen, aber das ist halt alles Wissen aus Medien, ich habe keinen persönlichen Zugang dazu.

  4. #104
    Avatar von Melonenbaum
    Melonenbaum ist offline Pooh-Bah

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    Standard Re: Wie totalitär war die DDR?

    Zitat Zitat von selfi Beitrag anzeigen
    Kanntest du Jemanden in der DDR, der nicht in der Krippe und im KG war? Also im KG waren alle, die dann auch bei mir in der Klasse und in der gleichen Stufe waren. Da war Niemand fremd.
    Meine beiden Eltern waren nicht in der Krippe, aber im Kindergarten. Mein Vater aber erst mit 4 Jahren. In einem evangelischen Kindergarten.
    Meine Oma war zuhause, bis ihr Einzelkind 18 Jahre alt war. DDR.

  5. #105
    jellybean73 ist offline Urgestein

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    Standard Re: Wie totalitär war die DDR?

    Zitat Zitat von Gast Beitrag anzeigen
    Systemträgerin, meinst du damit, ob sie gespitzelt hat oder darüber hinaus?
    Sie hat dem alten Leben den Rücken gekehrt, in mehrfacher Hinsicht, sowohl im Bedauern ihres Tuns als auch durch die Transsexualität.
    Ich war mir beim Hören nicht sicher, ob sie einerseits die Dinge überzeichnet und gar nicht so viel getan hat bzw. andere wesentlich schlimmer waren oder andererseits das eigene Tun kleinredet.

    Ja, höre es dir an, vielleicht können wir die Sichtweise noch austauschen. Auch wenn noch jemand die Reihe ganz oder in Teilen gehört hat, ich wollte dazu schon mal einen Thread einstellen, wie Deutsche diese Gespräche empfinden. Als Österreicherin fühle ich mir ein bisschen außen vor, klar hab ich schon was über DDR gehört und gelesen, aber das ist halt alles Wissen aus Medien, ich habe keinen persönlichen Zugang dazu.
    Nie in der cssr oder in Ungarn zu tun gehabt?also mit Menschen?
    ( war nicht ddr, aber halt auch hinterm eisernen vorhang)
    Wir hatten verwandte in Ungarn und waren öfter dort.

  6. #106
    Avatar von silm
    silm ist offline Huhn

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    Standard Re: Wie totalitär war die DDR?

    Zitat Zitat von marimon Beitrag anzeigen
    OK. Ich habe dem totalitären Staat erwähnt, weil jemand fragte warum ein Kind in den Kindergarten MUSSTE. Und da sehe ich schon den Zusammenhang. Wenn von staatlicher Seite entschieden wird, wie das Kind zu betreuen ist (Kindeswohlgefährdung ausgenommen).
    Und das stimmt nicht.
    In den Kindergarten musste keiner. Vorschuljahr war verpflichtend (in einer Vorschule)- ansonsten könnte man ohne Kindergarten groß werden.

  7. #107
    Gast Gast

    Standard Re: Wie totalitär war die DDR?

    Zitat Zitat von salvadora Beitrag anzeigen
    Ich bin gerade über diesen kleinen Exkurs in einem Nebenstrang gestolpert, hab kurz darüber nachgedacht und ein bisschen beschämt festgestellt, dass ich dazu viel zu wenig weiß.
    Mag jemand der Zeitzeug*innen hier erzählen?
    ZB. an welchen Punkten ihr die DDR konkret als Unrechtsstaat empfunden habt?
    Oder auch, wo oder warum nicht?
    Wie ihr ganz persönlich das Regime im Rückblick kategorisieren würdet?
    Welche Bücher ihr gelesen habt, die See DDR eurer Meinung nach gerecht werden?
    Ich kann jetzt nur von mir sprechen. Zur Wende war ich blühende 15 Jahre alt, gerade das erste Mal verliebt und ein typischer Jugendlicher. Und nein, ich habe nichts wirklich vermisst. Das ist ganz einfach erklärt....was sich nicht kenne kann ich auch nicht vermissen. Meine Eltern haben auch mit dem SED-Regime zu tun gehabt, da mein Onkel bei einem Fluchtversuch erwischt wurde und während dem Gefängnisaufenthalt zwangsausgewiesen wurde.
    Aber trotzdem haben sie die DDR nie verflucht. Und wir Kinder hatten eine sehr schöne Kindheit, viele Freunde mit denen wir unsere Freizeit verbrachten, viele Hobbies denen wir kostenlos nachgehen konnten, tolle Ferien im Ferienlager etc.
    Mir fallen auf jeden Fall mehr positive als negative Dinge ein, vor allem wenn ich es mit der heutigen Zeit vergleiche.
    Sonnennebel gefällt dies

  8. #108
    Avatar von silm
    silm ist offline Huhn

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    Standard Re: Wie totalitär war die DDR?

    Zitat Zitat von marimon Beitrag anzeigen
    Ich denke nicht was ich will ich gehe von den Dingen aus die meine Freunde mir erzählt haben. Und da MUSSTE das Kind in diese Wochenkrippe. Wie genau die Bedingungen waren unter denen sie gezwungen war, hat sie mir nicht erzählt, aber ich glaube der Mutter meines Freundes. Ich bohre nicht mit Fingern in alten Wunden. Und egal ist mir sicher nicht und ich finde es reichlich unverschämt wie du mich angehst.
    Meine Mutter "musste" mich auch in die Wochenkrippe geben. Aus wirtschaftlichen Gründen. Ansonsten hätte sie mich zu Hause behalten können.
    Wenn ein Kind von AE nicht krippentauglich war, gab es wohl eine Art Sozialhilfe mit Überwachung der Kleinfamilie.

  9. #109
    Avatar von silm
    silm ist offline Huhn

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    Standard Re: Wie totalitär war die DDR?

    Zitat Zitat von selfi Beitrag anzeigen
    Kanntest du Jemanden in der DDR, der nicht in der Krippe und im KG war? Also im KG waren alle, die dann auch bei mir in der Klasse und in der gleichen Stufe waren. Da war Niemand fremd.
    Mein Mann war nicht in Krippe und Kindergärten, der war nur in der Vorschule.

  10. #110
    Beerenfisch Gast

    Standard Re: Wie totalitär war die DDR?

    Zitat Zitat von jellybean73 Beitrag anzeigen
    Nie in der cssr oder in Ungarn zu tun gehabt?also mit Menschen?
    ( war nicht ddr, aber halt auch hinterm eisernen vorhang)
    Wir hatten verwandte in Ungarn und waren öfter dort.
    Nein wir haben keine Verwandten dort, die sind schon mehrere Generationen vor mir aus Tschechien raus. Irgendwo sind sicher noch weitschichtig Verwandte, allerdings ist das eine Kirchenarchiv abgebrannt oder "verschwunden". Die Frau meines Onkels hatte weitschichtige Verwandte, da waren wir kurz nach dem Fall des eisernen Vorhangs mal. Eine bedrückende Stimmung, mir war echt nicht danach, dies zu wiederholen, zumal die keine Kinder in meinem Alter hatten. Die älteren Leute waren zwar höflich, haben Kaffee und Kuchen aufgewartet, aber ich fühlte ein großes Misstrauen, dass die eh schon "G'stopften" noch irgendwelche Ansprüche stellen könnten oder sich für was besseres halten. Keine Ahnung, ob das stimmt oder nur durch die Reden über die "Böhm'" in meiner Kindheit geprägt war. Außerdem waren die Sprachbarrieren zu groß. Im Umfeld war eher das Schicksal der vertriebenen Sudetendeutschen Thema.

    Die Tschechen, die ich heute kenne, sind in meinem Alter, nein, da redet man im Alltag nicht einfach so darüber, das wird großräumig ausgespart. Bzw. im beruflichen Kontext ist das nichts, was ich von mir aus ansprechen würde.

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