Zitat Zitat von gurkentruppe Beitrag anzeigen
Sowieso nicht. Das ist aber eher so eine Eigenart hierzulande, dass Scheitern von denen, die eher wenig riskieren, bejubelt wird. Viele Branchen haben ja auch keine unendliche Halbwertzeit. Wenn du dreißig Jahre lang eine Videothek betrieben hast und du nun den Laden abschließen musst, dann wurdest du eben von der technischen Realität eingeholt. Finanziell mag das Ganze dann am Ende kein Erfolg gewesen sein. Dass man dazwischen vielleicht auch sehr gute Jahre hatte, Angestellte bezahlt hat und auch selbst zwischenzeitlich das Leben genossen hat, wird dann gerne unterschlagen. Gehört für mich zur Erfolgsbilanz aber auch dazu.

Meine selbstständige Kollegin sagt dazu immer: "Ihr könnt hier gerne Sprüche klopfen, wie ihr wollt. Aber ich bin nach über zwanzig Jahren Selbstständigkeit immer noch am Markt und habe als Alleinerziehende drei Söhne groß gezogen."
Selbständig ist nicht gleich selbständig und angestellt ist nicht gleich angestellt.

Wir haben hier auch viele Gespräche darüber:
Mein Mann ist seit vielen Jahren selbständig, mit mal mehr, mal weniger Erfolg.
Er ist nicht der beste, aber auch nicht der schlechteste.
Ich arbeite im ÖD. Und auch im ÖD ist die Welt eine große. Es gibt nicht "den" ÖD.
Mein Mann könnte gar nicht ÖD und ich könnte nicht selbständig.
Und mit "könnte" meine ich nicht, dass er zu gut wäre für den ÖD.
Nein, er bringt nicht mit, was es für erfolgreiche Verwaltung benötigt.
Ich bringe nicht mit, was es für erfolgreiche Selbständigkeit benötigt.

Dass das Ende auf das Ganze ausstrahlt, finde ich nicht verwunderlich.
Zumal viele Menschen den Weg ja auf dieses Ende hin gegangen sind.
Weil da was leuchtete "für das es sich lohnt".

Wie bei Skala: Der Kinderwunsch wurde nicht erfüllt, weil da ein anderer Wunsch mächtiger war und verheißender.
Das kann bitter sein, wenn sich das dann nicht erfüllt wie gewünscht und wie vorbereitet.
Genau so wie eine Angestellte am Ende des Berufslebens vielleicht sagt: "Diese Sicherheit war wohl gar nicht, was ich gesucht habe. Mist aber auch."

Deine selbständige Kollegin hat vielleicht alles unter einen Hut bekommen, vielleicht auch nicht.

Deine Videothekenbetreiberin ist da vielleicht nur so reingerutscht, hat das nie mit Liebe und Leidenschaft gemacht, sondern weil es halt nichts besseres gab. Dass trotzdem nicht alles schlecht war - das ist es in den wenigsten Leben.

Ich hatte neulich Abi-Treffen nach 35 Jahren.
Ein leitender Oberarzt meinte auf die Frage, ob er beruflich wieder die gleichen Entscheidungen treffen würde nach einer längeren Pause "Glücklich bin ich mit dem Beruf nicht. Aber was wäre die Alternative? Ich wusste keine und weiß immer noch keine."