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  1. #1
    falaffel ist offline Carpal Tunnel

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    Lächeln Gedanken zu ( Kinder-) Literatur versus Wirklichkeit

    Ein paar Dinge, die mir zu verschiedenen Themen von Astrid Lindgren, Erich Kaestner und Co. einfallen und mich innerlich oft lachen lassen:
    1.) Gewalt: Haben wir hier in einem anderen Thread im Zusammenhang mit Schule diskutiert: Sind Schueler heute aggressiver als frueher? Dann kam zu Silvester der Film "Das fliegende Klassenzimmer"....meine Kinder kennen "Der kleine Nick", ich habe den "Krieg der Knoepfe" gemocht, "Madita" ist auch nicht gerade zimperlich und schon im "doppelten Lottchen" schlagen selbst Maedchen (Luise!) kraeftig zu....ein blaues Auge, eine blutige Nase...sehr gaengiges Vokabular. Und wir amuesieren uns darueber. Wuerde das tatsaechlich UNSERE Kinder und deren Schulalltag betreffen, waeren wir entsetzt!!!!!!! Schulpsychologen waeren bei "Nick" voll ausgebucht, seine KLasse braeuchte dringend ein "Antiaggressionstraining" und es wuerde fuer ein blaugeschlagenes Auge MINDESTENS eine Klassenkonferenz geben!
    2.) Gefahren: Stellt euch vor, eure Tochter wuerde auf dem Schuldach balancieren. Oder die Kids wuerden Strohhoehlen bauen. Wuerdet ihr zwei Achtjaehrige allein eine Vierjaehrige beaufsichtigen lassen???Kinder im Bach spielen lassen???? wieso sind schwedische Kinder anscheinend dauernd mitten in der Nacht unterwegs???? - Und die laufen den ganzen Sommer barfuss rum (ist meinen Kindern sofort aufgefallen), erkaelten die sich nicht?!
    3.) Sexualitaet: Neulich haben wir einen Madita-Film geschenkt bekommen. Zu Beginn huepfen die SChwestern voller Freude ueber den Mai NACKT durch's Kinderzimmer. - Hey, sowas gehoert sich hier nicht! Meine Kinder kamen aus dem Kichern nicht mehr raus. Ich dachte nur: Ist das in Schweden okay? Regt sich da noch keiner auf, das sei "Kinderpornographie" oder sowas? Hat sich in Deutschland kein Kinderschuetzer empoert???? Muesste man sowas heutzutage vielleicht tatsaechlich zensieren, weil es zu viele Perverse gibt? Auch da haben sich meine Kinder in mehreren Lindgren-Filmen sehr gewundert: "Wieso baden die immer nackt?" - Darf man das heute noch zeigen oder gar selbst tun????
    4.) Erziehung: "Lotta" ist meiner Ansicht nach der beste Erziehungsratgeber. Die Mutter ist sowas von umwerfend GELASSEN!!!! Ich fand sie als Kind immer irgendwie "zickig", inzwischen ist sie mein Vorbild! Dummerweise reagiert meine Tochter nicht immer so folgsam wie Lotta ("Geh ins Kinderzimmer, bis du wieder brav bist!" - Lotta geht, Tochter sitzt bockend auf dem Fussboden...) Eine "Tante Berg" haette ich auch gern auf Nachbarschaft! Sind die Schweden wirklich so "cool"??? - Allerdings wird die Fuenfjaehrige anscheinend ueberhaupt nicht beaufsichtigt, die rennt den ganzen Vormittag allein rum und holt sich das Fahrrad aus dem Schuppen....und zeigt FREMDEN Leuten auf der Strasse ihre Geschenke!
    - Erst neulich ist mir aufgefallen, wie viele soziale Probleme "Madita" anspricht und wie progressiv ihre Eltern sind (ihr Vater sogar "aufmuepfig"). - Das ist nicht nur eine Kindergeschichte.
    Habt ihr noch mehr Ideen?

  2. #2
    Avatar von Chinchilla64
    Chinchilla64 ist offline Legende

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    Standard Re: Gedanken zu ( Kinder-) Literatur versus Wirklichkeit

    Erst mal schnell, vielleicht später mehr: Das mit den nackten Kindern - tatsächlich ist es in Schweden (und auch in Dänemark, denke ich) so, dass kleine Kinder nackt baden. Auch im Kindergarten. Da wird im Sommer ein Plantschbecken rausgestellt und vor allem die Kleineren - d.h. unter 5 Jahren - haben da keine Probleme mit. Warum sollte das Sexualität sein?

    Und viele Kinder laufen auch im Sommer barfuss. Vielleicht, weil der Sommer so kurz ist und man das ausnutzen muss. Und gelassen sind schwedische Eltern auch. Doch! Mir fiel direkt auf, dass sogar die Väter sehr ruhig und gelassen mit ihren Kindern umgehen. Beaufsichtigen: Die wohnen ja auf dem Land! In der Stadt wäre das anders. Mit fremden Leuten reden - das tun schwedische Kinder eher als z.B. deutsche. Aber auch nicht über alles, und sie halten dann doch meist Sicherheitsabstand. Aber sie fragen dauernd fremde Leute "wie heisst du"? und ähnliches.

  3. #3
    Avatar von Chinchilla64
    Chinchilla64 ist offline Legende

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    Standard Re: Gedanken zu ( Kinder-) Literatur versus Wirklichkeit

    Astrid Lindgren - da kann ich ja gut vergleichen.... Manches ist auch etwas "Landromantik". Wenn wir als Kinder bei unserer Oma auf dem Lande waren, sind wir auch durchs ganze Dorf gelaufen - da passierte ja nie was - sind barfuss gelaufen und auf Bäume geklettert. Und den Springbrunnen vor der Kirche hab ich damals kaputtgemacht. Ich hatte den Fuss draufgehalten und auf Wespen gespritzt.

    Die Schlägereien sind ja auch aus einer anderen Zeit. Madita spielt wohl noch vor dem 2. Weltkrieg? Oder kurz danach? Klar, da ist sehr viel Politik mit dabei. Ein bisschen sehr deutlich.

    Mitten in der Nacht unterwegs oder auf dem Dach klettern? Das wird man auch in Schweden keinem Kind erlauben. Aber es soll ja Kinder geben, die ausbüchsen. Im Bach hab ich als Kind auch gespielt. Gut, das war auf einem Spaziergang, wo meine Eltern dann auch in der Nähe waren.

    Ich finde auch Ronja sehr interessant. Sie trifft ja ganz ihre eigenen Entscheidung. Pippi natürlich auch, aber bei Ronja ist es noch etwas besser gemacht. Das ist natürlich übertrieben. Man lässt 10-jährige nicht den ganzen Sommer in einer Höhle wohnen. Aber die Einstellung, dass man Kinder mehr respektiert als in den meisten anderen Ländern und ihre Meinung ernst nimmt - das stimmt schon.

  4. #4
    DK-Ursel ist offline Carpal Tunnel

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    Standard Re: Gedanken zu ( Kinder-) Literatur versus Wirklichkeit

    Guten Morgen!

    Das ist ja mal eine Frage, die eine Bibliothekarin mit Schwerpunkt Literaturwissenschaft schon interessiert, auch wenn es um kinderbücher geht.

    Zum ersten:
    Ich hoffe, Du meinst nicht, daß Kinderbücher immer die Realität widerspiegeln müssen.
    Ich erinnere mich an eine Zeit, wo sogar ich dieser Theorie anhing, wo Bilderbücher am liebsten Fotobücher waren, weil die authentisch waren - und ich denke heute, wie arm Kindheit wäre, wenn es nur sowas gäbe.
    Wirklichkeit haben wir alle genug, wir müssen ja nicht mal vor die Haustür treten.
    Aber jeder träumt gern, jeder - vor allem aber eben auch Kinder - stellt sich auch mal eine andere Welt vor oder ein anderes Leben oder eine andere,stärkere Person zu sein etc.
    DAS alles sollen, müssen Kinderbücher anbieten - das ist enorm wichtig!!

    Denn natürlich leben weder in Schweden kleine Mädchen allein mit Affen und Pferd oder in Höhlen, natürlich sind sie auch nicht so stark, daß sie so ein Pferd hochheben können, natürlich wohnen im Wald (heute) keine Räuber mehr undundnud.

    Und wenn gerade Astrid Lindgren und Erich Kästner als Beispiele gesucht werden, solltest Du auch bedenken, wann diese Bücher geschrieben wurden.
    Vieles, was wir heute nicht mehr kennen, war heute modern oder auch nur üblich.

    Da gingen die Kinder wie in Bullerbü mit einem Zettel im Körbchen den Einkauf der Mutter erledigen - daran kann ich mich auch erinnern, auch wenn ich an einer Autostraße längs ging und nicht ein paar Kilometer "durch die Wälder, durch die Auen".
    Auch wir sind mit 8 oder 10 oder 12 im nahegelegenen Wäldchen rumgestromert, haben uns Abenteuer ausgedacht (die alten Schafsknochen, die wir meiner Lehrerin auf´s Pult legten,waren leider eben Schafsknochen und keine Beweise für einen Mord an einem Menschen, wie wir uns das so herrlich gruselig ausgemalt hatten).
    In Heime und Betreuung kamen die Kinder "asozialer" Menschen, die für ihre kinder nicht sorgen konnten oder wollten , die meisten anderen hatten mittags frei und nach den Schularbeiten ein freies Leben, wurden rausgeklingelt "kommst du spielen" und waren dan auf sich gestellt, klingelten bestenfalls mal bei Muttern, um etwas zutrinken zu bekommen.
    Wir warenf rei für lange Rollerfahrten, für Rollschuhlaufen auf der Straße, für Hüpfekästchen und Co.

    Doch, vieles in diesen Büchern kenne ich, auch wenn ich auch ein paar Jährchen jünger bin als die Bücher selbst.
    (und ich komme aus einer Kleinstadt, nicht vom Dorf.)

    Ich gebe aber auch Chinchiilla Recht:
    Ich kenne es hier auch nicht anders, als daß die Kinder im Sommer oft barfuß laufen - nicht zur Schule, aber z.B. in der Schule (auch auf Socken laufen ist sehr populär, weil man ja eh an der Tür die Schuhe auszieht).
    Meine arme Tante, die sehr auf Wärme bedacht ist, weil sie es selbst so braucht, hat sich oftmals entsetzt, wenn meine oder Besucher-Kinder mit nackten Füßen im Garten tobten.
    Meine Große erzählte amüsiert, wie sie die Franzosen in Cannes verschreckten, als sie im dortigen Frühling baden gingen - bei Temperaturen, die die Dänen schon als Sommer betrachten.
    Und bei Familienkindergeburtstagen - davon haben wir sogar Bilder - haben wir eine große Wanne mit Wasser gefüllt und die Kinder im Garten plantschen lassen - natürlich ohne Klamotten.
    So hat auch unser Neffe die Wasserrutsche, diue er zu seinem Geburtstag bekam, mit seinen Kameraden in deren Garten ausprobiert.

    Dabei denkt sich hier kaum jemand was.
    Auch ich erinnere mich, daß ich an heißen Tagen kleine Nackedeis gesehen habe, wenn ich meine Kinder m KIGA abholte.

    Und ich finde es gut, daß es trotz aller schlimmen Nachrichten, die es hier auch zu lesen gibt, noch eine unverkrampfte Haltung zu solchen Dingen gibt.
    (Obwohl ich gerade las, daß in ca. 60% aller dän. KIGAs neue Richtlinien gelten, nach denen z.B. die Kinder nicht mehr auf den Schoß genommen werden dürfen etc. --- was bei mir nur ein : "die armen Kinder, die Nähe suchen ... " auslöste.
    Ich kann das verstehen, auch die Pädagogen wollen sich schützen, aber wie unnatürlich ist das, wen nsich jeder Pädagoge beim Trösten eines Kindes erst überlegen muß, wie er das macht, um nicht in falschen Verdacht zu geraten!

    Und ja, auch hier werden Kinder gleichberechtigter, respektvoller behandelt.
    Gleichberechtigt nicht im Sinne von "auf derselben Ebene, mit denselben Rechten und Pflichten wie Erwachsene", sondern gleichberechtigt wie: als Mensch respektiert,. der andere (als ein Erwachsener), aber wichtige Bedürfnisse (so wie ein Erwachsener, also nicht dieselben, aber das Recht darauf ist das sselbe) hat.

    Schon recht früh z.B. sitzen Kinder dabei, wenn Eltern die Gespräche mit der Schule haben; sie werden direkt angesprochen und gefragt: was war gut, war schlecht, wo kannst du dich verbessern und wie kann das geschehen?
    Kinder werden miteinbezogen, wo es um sie geht - in der Scuhle, im Jugendamt, im Krankenhaus.
    Man redet nicht über ihren Kopf hinweg über sie - man redet mit ihnen.
    Man traut ihnen mehr zu - man läßt sie mehr los; daher sind sie oft selbständiger als ihre gleichaltrigen Kameraden in anderen Ländern.
    Man bezieht sie in Entscheidungen ein, entscheidet weniger über ihren Kopf hinweg.

    Tja, ich finde nicht, daß die von Dir genannten Bücher soooo weit von der Realität entfernt sind wie es scheint:
    Jedenfalls nicht für die Zeit und die Länder, wo sie spielen.

    (Wenn ich z.B. an Emil und die Detektive denke, dann kannte ich diese sparsame ohne-Vater-Familie sehr gut und welches Kind träumt nicht davon, Detektiv zu sein ??? In den 60er Jahren hatten Enid Blyton, Jan Meister (Däne) u.a. Hochkonjunktur ... wir haben Geheimschriften, Beschattungen etc. geliebt!
    Natürlich (?) wurde es nie so gefährlich wie Bei Kalle Blomquist, der Schwarzen Sieben oder Emil, die Knochen stammten eben von einer Schafherde, die vermutlich mal am Bach getrunken hatte, aber wie prickelnd die Vorstellung war, sie seien Zeugen eines Verbrechens, daran kann ich mich noch erinnern, lach.

    Also -- viel Realität mit ein bißchen kindlicher Phantasie und Wunschdenken, mit Abenteuer und Freiheit, ich sehe daran auch heute, gerade heute, nichts Falsches.
    Und manches hat sich ja zumindest in die skandinavische Realität von heute gerettet.

    Gruß Ursel, DK
    Gruß Ursel, DK

    „Du hast so viele Leben, wie du Sprachen sprichst.”
    Aus Tschechien

  5. #5
    falaffel ist offline Carpal Tunnel

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    Standard Re: Gedanken zu ( Kinder-) Literatur versus Wirklichkeit

    "Falsch"?!?! Hilfe, Ursel, nein! Das meinte ich doch gar nicht. Ich meinte das auch nicht alles so bierernst. Ich hab doch geschrieben, ich muss da manchmal innerlich lachen. Auf den Gedanken, was wir in Buechern alles akzeptieren, das uns in der Realitaet verzweifeln liesse, kam ich zuerst bei unserer Diskussion ueber "Gewalt" und ob das frueher anders war. Da fielen mir spontan die genannten Geschichten ein, allen voran "Der kleine Nick", wo sich eigentlich nur gepruegelt wird. Und der ist ja nun URalt!
    Ist doch klar, dass Kinderbuecher nicht einfach die Realitaet widerspiegeln duerfen, sondern mehr sein muessen. Sonst haette doch kein Kind (und ich auch nicht) Lust drauf!
    Bezueglich der Nacktheit wunderte ich mich einfach, was sich die Schweden Ende der Achtziger (aus der Zeit stammt der Film, ich glaube 1988) noch "getrauten". - Und Madita und Lisabeth sind keine Kleinkinder: Lisabeth ist 5, Madita 7 oder 8 (die Schauspielerin auf jeden Fall). Ich hab hier zu frueheren Zeiten auch fuer Aufsehen gesorgt, weil ich meine kleinen Jungs NACKT im Planschbecken baden liess. Die waren damals 4 und 1 1/2 und die Nachbarsmaedels standen mit Fernglas hinter'm Zaun....
    Ihr Mutter dachte vermutlich sowas: - Man ist hier etwas verklemmt mit sowas! Astrid LIndgren gibt's auf Hebraeisch, unter Arabern ist sie gaenzlich unbekannt. - Vermutlich "passt" es nicht so. Neulich sassen hier aber alle Cousins eintraechtig und schauten "Lotta". - Kulturschock ohne ein Wort zu verstehen. Aber sie waren fasziniert.
    Dass Astrid Lindgrens Geschichten zu einer anderen Zeit spielen, ist klar. Aber immerhin praesentieren wir sie den Kindern von heute. Was mir gerade noch so einfaellt: Die arme LOtta spielt dauernd allein oder mit ihren Geschwistern, geht nicht in den Kindergarten und erhaelt keine musikalische Fruehfoerderung, keinen Englischkurs oder sonstwas. Das arme Kind!!!!

  6. #6
    Avatar von Chinchilla64
    Chinchilla64 ist offline Legende

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    Standard Re: Gedanken zu ( Kinder-) Literatur versus Wirklichkeit

    Interessant, Ursel, auch die dänische Seite zu hören. Ungefähr den Eindruck hatte ich auch, wenn wir mal ein paar Tage in Dänemark waren. Natürlich weisst du es genauer.

    Ich finde auch, dass wir als Kinder - direkt mit Schulbeginn, d.h. ab 6 Jahre ungefähr - nachmittags allein unterwegs waren. Natürlich sollte man in der Nähe bleiben, z.B. entweder auf dem Spielplatz in der Nähe oder auf ein, zwei anderen Plätzen. So dass Muttern uns notfalls finden konnte. Vielleicht hat sie auch in jüngerem Alter noch öfters nachkontrolliert, das weiss ich nicht mehr. Und das war auch kein Dorf, das war zumindest ein Vorort einer grossen Stadt.

    Das wurde auch ziemlich schnell "ausgeweitet", das Gebiet, wo man sich aufhielt - vom Spielplatz in umliegende Strassen und Wege und so, bis wir dann am Militärsportplatz der belgischen Nato-Truppen ankamen. DAS war natürlich spannend. Und als nächstes haben wir dann auch noch das Waffendepot gefunden, wo Panzer davor standen. Und natürlich bewachende Soldaten und Zaun. Wir konnten natürlich nicht besonders nah ran. Aber wir haben lange die Umgebung erkundet und da irgendwie Krieg gespielt. Da war noch jede Menge Niemandsland drum rum, wo die Belgier auch Geländeübungen machten. Ich war vor 2 Jahren noch einmal da mit meinem Mann, aber alles hatte sich so verändert, dass ich es kaum wiedererkannt habe. D.h. alles ist zugewachsen.

    Und ich finde auch, dass es sehr typisch für die skandinavischen Länder ist, dass Kinder mehr respektiert werden. In Schweden hat man ja jedes Halbjahr ein Gespräch in der Schule. Und das ist auch immer weiter entwickelt worden. Inzwischen soll sogar das Kind, nicht der Lehrer, das Gespräch führen. Natürlich kriegen sie dann von jeden Lehrer im voraus eine Beurteilung, und sollen davon ausgehen. Was natürlich viele Kinder auch etwas zu anstrengend finden. Aber wenn es klappt, oder wenn man das Kind entsprechend unterstützen kann, so das sie das hinkriegen, dann ist es doch prima.

    Sogar im Kindergarten hatte man solche Gespräche, wo das Kind zumindest eigene "Ziele" benennen sollte. Meine Tochter war 5, glaube ich, und sie wurde dann gefragt:
    "Was willst du in diesem Halbjahr gern lernen?"
    "auf Häuser klettern!"
    "Okay. Und was glaubst du, wie könntest du damit anfangen?"
    "Erst auf kleine Häuser klettern?!"


  7. #7
    ich29 ist offline newbie

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    Standard Re: Gedanken zu ( Kinder-) Literatur versus Wirklichkeit

    Ui, ein ganz spannendes Thema für eine Leseratte :-)

    Also kenne z.B. viele Bücher von denen, die ihr hier genannt habt nur vom Hörensagen oder gar nicht. Emil & die Detektive - hab ich noch nie gelesen.
    Aber sicherlich ist mir Astrid Lindgren ein Begriff und ich hab z.B. das Buch "Ferien auf Saltkrokan" mit ca. 10 Jahren gelesen, als ich schon in Deutschland war. Und ich fand die Geschichten total "authentisch". Ich bin auch als Kind im Sommer immer barfuß herumgelaufen und war den ganzen Tag eigentlich nur draussen und bin nur zum Essen zu Hause eingekehrt - und das mit 4/5 Jahren. Ich hatte auch meine Pflichten, wie z.B. Milch vom Bauern holen oder die Kannen wieder zurückbringen. Und ich musste auf meine kleine Schwester aufpassen, die 2,5 Jahre jünger ist als ich. Und ich erinnere mich noch genau an die Gänse auf dem Weg zum Milchbauern, die mir Angst gemacht haben, weil sie auch mal zwicken konnten. Auch Lagerfeuer mit den älteren Kindern. Gut, Baden durften wir nicht alleine gehen, weil der Fluss bei uns ziemlich groß und ziemlich tief war. Das kannten die deutschen Kinder aus meiner Klasse alles so gar nicht. Ich bin ja Baujahr 1984, bei meinem Mann, Baujahr 1975 ist das Ganze noch spannender - der musste die Kühe hüten und Holz holen und hat ziemlich viel Blödsinn angestellt.
    Im Kosovo sind die Kinder sehr viel "freier" als in Deutschland. Viel Spielzeug haben sie nicht und da muss halt die Natur "herhalten". Die Kinds sind ständig irgendwo unterwegs, man sieht besonders im Sommer immer kleine Jungen, die zum Bach angeln, baden gehen oder mit den Kuhhirten mit auf die Weiden gehen. Kleinigkeiten einzukaufen schickt man auch immer die Kids. Und kleine wild gemischte (2-12 jahre) Kinderrudel, die immer mit irgendwas beschäftigt zu sein scheinen, gehören zum Strassenbild. Das, was mir sehr negativ auffällt, ist, dass die Kinder, die Gewalt, die sie zu Hause erleben, an ihre Spielkameraden weitergeben. Mein Sohn wurde schon wirklich massiv mit Steinen angegriffen (der 6-Jährige Junge nahm einen großen Stein, ging zu meinem noch 2-Jährigen Sohn und haute mit dem Stein auf seinen Kopf ein) und überhaupt gehört hier Prügeln, Schlagen und sonst was zur Tagesordnung. Das kannte ich aus meiner Kindheit gar nicht. Außerdem sind die Kinder hier sehr, sehr herzlos, was Tiere angeht. Ich hatte ja einen Hund, den habe ich als gelähmten Welpen gefunden und wieder gesund gepflegt. Eines Tages ließ ich die Kleine im Garten und ging kurz mit meinem Sohn ins Haus. Da höre ich ein Winseln, Kinderlachen und als ich runterlaufe, sehe ich, dass zwei Jungen im Garten stehen und auf den absolut hilflosen, gelähmten Welpen mit den Füßen eintreten. Ich habe zum allerersten und letzten Mal Gewalt gegen ein Kind angewandt und den Missetäter, den ich erwischen konnte, am Ohr zu seinen Eltern geschleift. Außerdem muss ich regelmäßig (auch jüngere) Kinder davon abhalten, Straßenhunde- und Katzen mit Steinen zu bewerfen.
    Deshalb, ich fände es sehr schön, wenn mein Sohn auch so viele Freiheiten hier hätte, aber die Übergriffe der anderen Kids hier sind schon wirklich massiv. Sogar sein kleiner Cousin (6 Monate jünger) prügelt auf meinen Sohn ein und beschimpft ihn, weil der wiederrum von seinen Eltern wirklich schlimm geschlagen wird. Traurig, aber wahr. Ich finde Konfliktlösung muss angelernt werden, aber nicht durch SO rohe und massive Gewalt.

    Was das Nackt-Sein betrifft, also mein Schwiegervater regt sich immer auf, wenn ich meinen Sohn nackt baden lasse, aber das ist uns egal. Aber hier darf man als Mann nicht mal kurze Hosen tragen, worüber sich die jüngere Generation aber inzwischen hinwegsetzt.

    Naja, ich finde all diese Bücher sehr wichtig und ich werde sie meinem Sohn auch vorlesen, aber ich glaube, dass sich die Kinder von Heute fast gar nicht mehr mit diesen Helden identifizieren können. Das war früher anders. Heute sind die Kids in Kindergärten, Fussballclubs, zu Hause vor der Playstation oder auf gepflegten Familienausflügen Richtung Baggersee. Sie sind viel mehr unter Beobachtung und treffen kaum noch eigene Entscheidungen. Außerdem sind auch die heutigen Eltern wahrscheinlich vorsichtiger. Alleine die Meldungen über entführte und mißbrauchte Kinder jagen jedem Elternteil Angst ein. Ich versuche meinen Sohn als selbstständige Persönlichkeit zu erziehen. Seine Meinung ist mir jetzt schon wichtig und viele Dinge sprechen wir miteinander ab. Er ist dann auch mit seinen knapp 3 Jahren ganz schön "erwachsen". Ich kann ihn ruhig im Flieger alleine sitzen lassen und mal auf die Toilette gehen. Und als ich das letztes Mal gemacht habe, bestellte Sohnemann ganz gelassen Kekse für sich und Kaffee für Mama bei der Stewardess ;-) Als unser Hund noch da war, habe ich die beiden oft mitgenommen zum Einkaufen und sie alleine vor der Ladentür sitzen lassen. Ich muss sagen, dass unser Hund (illyrischer Schäferhund-Mix) auch eine ganz wohlerzogene war und obwohl sie ihn locker hätte wegschleifen können, brav auf seine Kommandos gehört hat. Er hilft auch im Haushalt - beim Holzhacken (er stapelt die Holzscheite, sammelt kleine Holzteile auf), bei der Gartenarbeit (pflückt Äpfel und Birnen, sammelt Fallobst, jätet Unkraut), in der Küche (sortiert Besteck, schneidet unter Aufsicht Gurken, deckt den Tisch), schaufelt Schnee weg und sogar beim Pflastern war er der beste Arbeiter und hat Kies von der Schubkarre geschaufelt. Finde ich alles wichtig. Und definitiv besser, als Trickfilme zu schauen.

  8. #8
    Wusel72a ist offline Carpal Tunnel

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    Standard Re: Gedanken zu ( Kinder-) Literatur versus Wirklichkeit

    Nackte Kinder, das ist hier in der UK ganz furchtbar.

    Letzten Sommer, ausnahmsweise war mal richtiges Sommerwetter und wir waren bei Freunden, die ein Planschbecken draussen hatten. Die 3 Maedchen, alle gerade 5, rannten in Badeanzuegen herum. Dann verschwanden sie auf einmal im Haus und zogen sich dort aus.

    Da brach bei 3 Englaendern Chaos aus "Wo ist der Badeanzug", "Zieh Dich sofort an", "das geht doch nicht". Alle Kinder kennen die Erwachsenen seit dem Babyalter, aber nein, das geht nun wirklich nicht.

    Aber hier ziehen sich teenager in der Damenumkleide in der Toilette um oder koennen sich unter einem Handtuch komplett an- und ausziehen.

    Ansonsten liebe ich Lindgrens Figuren, klar spiegeln sie nicht mehr die heutige Welt da, aber es hilft zu zeigen, dass Kinder auch Kinder sein duerfen.

    An deutschen - mehr modernen Buechern - sehe ich schon einen Unterschied zur UK. Tochter liebt die Felix-Buecher und dass Sophie dort alleine mit dem Rad zur Schule faehrt oder sonst wohin, das kommt hier nicht vor. Hier muessen Kinder zur Grundschule gebracht werden.

    Allerdings irritiert es sie, dass Sophie zum Mittagessen nach Hause geht.

  9. #9
    Avatar von Chinchilla64
    Chinchilla64 ist offline Legende

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    Standard Re: Gedanken zu ( Kinder-) Literatur versus Wirklichkeit

    ich29: Ich merke wieder mal, wie alt ich langsam werde. Du bist ja nur etwas älter als mein ältester Sohn! Ich finde das auch schön, wenn Kinder viel draussen sein können und mithelfen können, und praktische Dinge lernen und dadurch auch Selbstbewusstsein und Reife bekommen. Aber.... ich hoffe du nimmst es mir nicht übel, aber ich wäre da doch sehr besorgt wegen der Gewalt. Gerade wenn die anderen Kinder von ihren Eltern geschlagen werden und das dort so üblich ist, dann kann das leicht auf deinen Sohn abfärben, dass das so "normal" ist. Man kann da vielleicht entgegenwirken als Eltern, aber ganz leicht ist es nicht. Kinder orientieren sich ja sehr nach Gleichaltrigen und wenn sie erst mal Teenager sind, dann erst recht. Vielleicht kannst du da irgendwie entgegenwirken - oder vielleicht entscheidet ihr auch, wenn die Kinder grösser sind, dass ihr mal ein paar Jahre wieder in Deutschland lebt?

    Veränderungen in der Hinsicht brauchen relativ lange Zeit. Generationen oft. In Schweden hab ich beobachtet, dass es ein grosser Unterschied ist zu Deutschland was die Bereitschaft von Eltern angeht ihre Kinder zu schlagen oder sonst irgendwie einzuschüchtern. In Schweden ist bereits mindestens eine Generation ohne Schläge aufgewachsen, und da dachte ich: in Deutschland dauert das noch ungefähr 30 Jahre. Und im Kosovo noch länger, weil das Schlagen von Kindern noch nicht mal verpönt ist oder so. Übrigens, wie behandeln denn Lehrer die Kinder im Kosovo? Ich war da ja immer sehr pingelig, was meine Kinder angeht. Der Vater meines Ältesten ist Ire und ich hab immer gesagt: Meine Kinder werden NICHT in Irland zur Schule gehen. Da haben sie Kinder bis vor kurzem auch noch in der Schule geschlagen und vor allem haben sie ihnen Angst vor Hölle und Teufel gemacht.

  10. #10
    Avatar von Chinchilla64
    Chinchilla64 ist offline Legende

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    Standard Re: Gedanken zu ( Kinder-) Literatur versus Wirklichkeit

    Apropos nackt oder spärlich angezogen: Mir fiel auch auf, als wir mal wieder in den Sommerferien in Deutschland waren: Mein damaliger schwedischer Mann kapierte nicht, als ich ihm sagte, wir sollten dem Kind ein Hemdchen oder T-Shirt anziehen....... Das Kind war noch klein, halbes Jahr oder ein Jahr oder so. Und hatte nur eine Windel an. Es war super-heiss und sein Vater fand, es sei doch nur schön für das Kind, das er nicht auch noch Kleider haben muss. Und mit Windel war er ja nicht nackt. Gut.... wenn es im Schwimmbad oder im Garten gewesen wäre. Aber mitten in der Stadt, in der U-Bahn und so hat man auch kleine Kinder/Babys nicht oben ohne im Wagen sitzen. Nicht in Deutschland. In Schweden schon. Hätte er doch auch kapieren müssen, dass das eben in Deutschland so sein kann. Oder übertreibe ich? Ich meine aber, es war so. Das war in den 90ern, falls es inzwischen anders ist.

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