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Thema: Landeskunde: Trauern auf Arabisch

  1. #1
    falaffel ist offline Carpal Tunnel

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    Standard Landeskunde: Trauern auf Arabisch

    Ich muss euch mal berichten. Land: Israel, arabisch-katholisch.

    Vor genau einer Woche ist mein Schwiegervater gestorben. Damit hatten wir lange gerechnet und in seinem Fall konnte man ihm nur das oder ein Wunder wuenschen (er hatte schwerstes Alzheimer). Daher war es keine dramatische Beerdigung oder Trauerphase, aber eine sehr anstrengende.

    Die vergangene Woche:
    In der Nacht von Mo auf Di klingelte das Telefon, Krankenhaus dran, Schwiegervater war gestorben. Saemtliche Soehne machten sich umgehend auf den Weg, ich hatte eine schlaflose Nacht.
    Noch am Di fand die Beerdigung statt. Morgens um 7 Uhr laeutete mein Mann die Trauerglocke, innerhalb kuerzester Zeit waren alle Leute informiert. Das Haus meiner Schwiegermutter begann sich mit Trauergaesten zu fuellen.

    Man sass, weinte, seufzte, trank bitteren arabischen Kaffee (wird bei Todesfaellen ungesuesst und sehr stark gereicht).
    Am spaeteren Vormittag machten mein Mann, ein Cousin und ein paar weitere sich mit dem Kirchengemeinde eigenen Leichenwagen auf den Weg zum Krankenhaus. Unterwegs wurde ein Sarg besorgt. Im KH wuschen sie meinen Schwiegervater, zogen ihn an und brachten ihn gegen 13.30 Uhr zurueck ins Dorf in einen Extraraum unter der Kirche.

    Dort hatten sich inzwischen die Frauen versammelt, um bis zur Beerdigung um 15 Uhr am offenen (!) Sarg den Toten zu beweinen. Es gibt ein paar "professionelle" Klageweiber (JETZT weiss ich, was mit diesem Begriff gemeint ist!), die Klagegesaenge anstimmten (da MUSS man heulen), zwischendrin wurden immer wieder Rosenkraenze gebetet.

    Die Maenner versammelten sich derweil in einem Raum nebenan, unterhielten sich dort. Zur Beerdgungszeit hielten Priester und Gefolge Einzug, der Sarg wurde geschlossen und in die Kirche gebracht, wo die Trauermesse gelesen wurde.

    Anschliessend machten sich die Maenner auf den Weg zum Friedhof, um den Sarg beizusetzen. Das wird hier, wie alles andere, von Hand und in Gemeinschaftsarbeit erledigt.
    Die Frauen warteten derweil im Saal unter der Kirche, wo sich zum "Leichenschmaus" - hier ein richtiges Essen-alle wiedertrafen.

    Um halbsechs hatten wir erstmal Pause, ich sammelte die Kinder von 2 Babysittern ein.

    am naechsten Morgen (Mi) um 7 Uhr (!!!!) der naechste Termin: Gang der Frauen zum Friedhof. Dort ein Gebet, dann Milchkaffee-Fruehstueck im Haus der Schwiegermutter. Tagsueber einzelne Trauergaeste.
    Ab 16 Uhr bis ca. 21 Uhr hiess es dann offiziell "Trauerzeit", Trauergaeste empfangen. In der Praxis bedeutete das, in einem grossen Raum unter der Kirche stundenlang sitzen, sich zum Empfang neuer Trauergaeste erheben, unzaehlige Haende schuetteln, die "Trauerformel" murmeln. Ich kannte bislang nur den Ausdruck zur Beileidsbekundung, nun kenne ich auch die Antwort.
    Wieder wurden bitterer Kaffee und Wasser (bei den Temperaturen brauchten wir viel!) gereicht. Die Gaeste kamen zumeist 10 Minuten bis eine halbe Stunde (je nach Bekannt- oder Verwandtschaftsgrad) und gingen dann wieder.

    Am Donnerstag und Freitag das Gleiche nochmal. Am Do dazu noch morgendliche Messe (himmelfahrt) am Fr am Nachmittag speziell im Namen der Verstorbenen (inzwischen gab es noch eine Beerdigung).
    Meine Schwaegerinnen und ich haben in "Schichten" gearbeitet: zwei sassen, eine huetete die Kinder. - Die sind eine "Bande" von einem Baby, 4 Vier- und Fuenfjaehrigen, 1 Siebenjaehrige, 2 Acht- und Neunjaehrigen, einem 10- und einem 13 1/2-Jaehrigen.

    Am Sa war das offizielle Sitzen beendet, wieder kamen aber den ganzen Tag ueber viele Leute ins Haus meiner Schwiegermutter, am So etwas weniger (ist Arbeitstag). Da es inzwischen noch einen Todesfall in einer anderen Familie gegeben hatte, traten wir am Sa-Abend zum Kondollieren an.

    Da das Haus meiner Schwiegermutter halbwegs aufgeraeumt bleiben sollte, war unsere Wohnung das "Basislager", wo wir gemeinsam assen und Kinder belustigten.

    Vielleicht brauche ich euch nicht zu sagen, dass wir jetzt alle ziemlich kaputt sind.

    Fazit: toller Zusammenhalt, viel unkomplizierter, natuerlicher und wesentlich billiger als in Dtschl., aber typisch arabisch lang und anstrengend.

    Juedische Israelis sitzen uebrigens eine Woche lang, nonstop.

    So, und eure Erfahrungen? Habt ihr sowas schonmal im Ausland miterlebt?
    Geändert von falaffel (14.05.2013 um 09:57 Uhr)
    BilingualMom gefällt dies

  2. #2
    Babette267 Gast

    Standard Re: Landeskunde: Trauern auf Arabisch

    Zitat Zitat von falaffel Beitrag anzeigen
    Ich muss euch mal berichten. Land: Israel, arabisch-katholisch.

    Vor genau einer Woche ist mein Schwiegervater gestorben. Damit hatten wir lange gerechnet und in seinem Fall konnte man ihm nur das oder ein Wunder wuenschen (er hatte schwerstes Alzheimer). Daher war es keine dramatische Beerdigung oder Trauerphase, aber eine sehr anstrengende.

    Die vergangene Woche:
    In der Nacht von Mo auf Di klingelte das Telefon, Krankenhaus dran, Schwiegervater war gestorben. Saemtliche Soehne machten sich umgehend auf den Weg, ich hatte eine schlaflose Nacht.
    Noch am Di fand die Beerdigung statt. Morgens um 7 Uhr laeutete mein Mann die Trauerglocke, innerhalb kuerzester Zeit waren alle Leute informiert. Das Haus meiner Schwiegermutter begann sich mit Trauergaesten zu fuellen.

    Man sass, weinte, seufzte, trank bitteren arabischen Kaffee (wird bei Todesfaellen ungesuesst und sehr stark gereicht).
    Am spaeteren Vormittag machten mein Mann, ein Cousin und ein paar weitere sich mit dem Kirchengemeinde eigenen Leichenwagen auf den Weg zum Krankenhaus. Unterwegs wurde ein Sarg besorgt. Im KH wuschen sie meinen Schwiegervater, zogen ihn an und brachten ihn gegen 13.30 Uhr zurueck ins Dorf in einen Extraraum unter der Kirche.

    Dort hatten sich inzwischen die Frauen versammelt, um bis zur Beerdigung um 15 Uhr am offenen (!) Sarg den Toten zu beweinen. Es gibt ein paar "professionelle" Klageweiber (JETZT weiss ich, was mit diesem Begriff gemeint ist!), die Klagegesaenge anstimmten (da MUSS man heulen), zwischendrin wurden immer wieder Rosenkraenze gebetet.

    Die Maenner versammelten sich derweil in einem Raum nebenan, unterhielten sich dort. Zur Beerdgungszeit hielten Priester und Gefolge Einzug, der Sarg wurde geschlossen und in die Kirche gebracht, wo die Trauermesse gelesen wurde.

    Anschliessend machten sich die Maenner auf den Weg zum Friedhof, um den Sarg beizusetzen. Das wird hier, wie alles andere, von Hand und in Gemeinschaftsarbeit erledigt.
    Die Frauen warteten derweil im Saal unter der Kirche, wo sich zum "Leichenschmaus" - hier ein richtiges Essen-alle wiedertrafen.

    Um halbsechs hatten wir erstmal Pause, ich sammelte die Kinder von 2 Babysittern ein.

    am naechsten Morgen (Mi) um 7 Uhr (!!!!) der naechste Termin: Gang der Frauen zum Friedhof. Dort ein Gebet, dann Milchkaffee-Fruehstueck im Haus der Schwiegermutter. Tagsueber einzelne Trauergaeste.
    Ab 16 Uhr bis ca. 21 Uhr hiess es dann offiziell "Trauerzeit", Trauergaeste empfangen. In der Praxis bedeutete das, in einem grossen Raum unter der Kirche stundenlang sitzen, sich zum Empfang neuer Trauergaeste erheben, unzaehlige Haende schuetteln, die "Trauerformel" murmeln. Ich kannte bislang nur den Ausdruck zur Beileidsbekundung, nun kenne ich auch die Antwort.
    Wieder wurden bitterer Kaffee und Wasser (bei den Temperaturen brauchten wir viel!) gereicht. Die Gaeste kamen zumeist 10 Minuten bis eine halbe Stunde (je nach Bekannt- oder Verwandtschaftsgrad) und gingen dann wieder.

    Am Donnerstag und Freitag das Gleiche nochmal. Am Do dazu noch morgendliche Messe (himmelfahrt) am Fr am Nachmittag speziell im Namen der Verstorbenen (inzwischen gab es noch eine Beerdigung).
    Meine Schwaegerinnen und ich haben in "Schichten" gearbeitet: zwei sassen, eine huetete die Kinder. - Die sind eine "Bande" von einem Baby, 4 Vier- und Fuenfjaehrigen, 1 Siebenjaehrige, 2 Acht- und Neunjaehrigen, einem 10- und einem 13 1/2-Jaehrigen.

    Am Sa war das offizielle Sitzen beendet, wieder kamen aber den ganzen Tag ueber viele Leute ins Haus meiner Schwiegermutter, am So etwas weniger (ist Arbeitstag). Da es inzwischen noch einen Todesfall in einer anderen Familie gegeben hatte, traten wir am Sa-Abend zum Kondollieren an.

    Da das Haus meiner Schwiegermutter halbwegs aufgeraeumt bleiben sollte, war unsere Wohnung das "Basislager", wo wir gemeinsam assen und Kinder belustigten.

    Vielleicht brauche ich euch nicht zu sagen, dass wir jetzt alle ziemlich kaputt sind.

    Fazit: toller Zusammenhalt, viel unkomplizierter, natuerlicher und wesentlich billiger als in Dtschl., aber typisch arabisch lang und anstrengend.

    Juedische Israelis sitzen uebrigens eine Woche lang, nonstop.

    So, und eure Erfahrungen? Habt ihr sowas schonmal im Ausland miterlebt?
    Es klingt faszinierend. Einerseits wahrhaft biblisch, andererseits erinnert es mich an das jüdische Schivesitzen, das ja z.B. in dem Film "Rosenstraße" vorkommt.

    In NL weichen die Trauerriten nicht so enorm von den deutschen ab. Wichtig ist, dass umgehend eine Todesanzeige verschickt wird. Die wird von der Post sogar mit Vorrang behandelt. Was mich überrascht hat, ist, dass man bei Einäscherungen eine Trauerfeier im Krematorium hat - ich kenne das von "zu Hause" so, dass es eine Trauerfeier gibt und später noch eine Urnenbeisetzung. Hier wird bei Einäscherung oft anonym bestattet. Nur bei klassischen Beerdigungen findet nach der Trauerfeier (in der Kirche oder auf dem Friedhof) ein Friedhofsgang statt.
    Es ist auch üblich, dass in der Kirche oder in der Trauerhalle der offene Sarg steht und man sich vor der Trauerfeier "verabschiedet".
    Nach der ganzen Zeremonien gibt es keinen "Leichenschmaus", sondern Kaffee und trockenen Kuchen

  3. #3
    TexTot ist offline Veteran

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    Standard Re: Landeskunde: Trauern auf Arabisch

    Ich habe bis jetzt nur eine Beerdigung in den USA mitgemacht. Benachrichtigt wurden wir per Telefon Todesanzeige gab es keine.
    Die Trauerfeier fand in einem Raum direkt am Friedhof statt mit anschliessender Beisetzung. Hier ist es auch sehr ueblich, dass der Sarg zunaechst offen bleibt und die Trauergaeste sich verabschieden koennen (ich finde sowas gruselig). Danach ging es dann auf den Friedhof. Was ich gewoehnungsbeduerftig fand sind die Reden die dann noch von Freunden und Verwandten am offenen Grab gehalten werden, zum Teil fuer meinen Geschmack recht unpassend.
    Desweiteren ist es dann wohl ueblich am folgenden Wochenende eine "Clebration of Life" abzuhalten zu der dann weiter Freunde und Bekannte eingeladen werden. Es wird gegessen und getrunken (Liblingsspeisen und Getraenke des Verstorbenen) und es werden Bilder aus dem Leben gezeigt. Das hab ich aber noch nie selbst mitgemacht.
    Oh, und Todesanzeigen in der Zeitung sind hier seeeeehhhhhhr ausfuehrlich.

  4. #4
    falaffel ist offline Carpal Tunnel

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    Standard Re: Landeskunde: Trauern auf Arabisch

    Kleiner Zusatz:

    Es gibt einige Parallelen zum Zelebrieren von Trauungen. Da stellen sich die frisch Verheirateten plus Familie nach der Kirche an gleicher Stelle auf und alle ziehen zum Gratulieren vorbei. - Nach der Trauermesse mussten wir das auch, bloss der Gruss war ein anderer...

    Ich hatte in den ersten Jahren hier echt Probleme, die jeweiligen "Wortformeln" richtig einzusetzen, da man Vokabeln ja auch an Situationen festmacht. Etwas makaber, aber Tatsache.

    - Das Essen ist auch das Gleiche....
    Geändert von falaffel (14.05.2013 um 18:27 Uhr)

  5. #5
    Fairie ist offline Carpal Tunnel

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    Standard Re: Landeskunde: Trauern auf Arabisch

    Tja.... mein Schwiegervater starb ja auch vor ungefähr 2 Jahren. Ich wohne in Schweden. Aber ich hab auch in Deutschland so lange keine Beerdigung mehr miterlebt, daher kann ich das nicht so gut vergleichen.

    Der Sarg war jedenfalls zu. Aber ich hab's in Deutschland schon erlebt, dass man den Sarg offen hatte, nämlich als mein Opa beerdigt wurde. Ich war damals fünf Jahre alt und hab ihn tot im Sarg gesehen. Und meine Schwester war drei Jahre und wollte sogar hinlaufen von wegen "Opa steh auf!"

    Ich hab mich auch gewundert, dass wir gar nicht auf den Friedhof gingen. Alles spielte sich in der Kirche ab. Mein Mann erklärte, dass die Friedhofsarbeiter nachher den Sarg ins Grab tun. Alle legten Blumen auf den Sarg, fassten den Sarg an, und sagten einiges zum Abschied. Was es nachher zu Essen gibt, kommt wohl auch auf die Uhrzeit an. Wahrscheinlich gibt es eher Kaffee und Kuchen, wenn's nachmittags ist? Weiss ich nicht genau.

  6. #6
    Babette267 Gast

    Standard Re: Landeskunde: Trauern auf Arabisch

    Zitat Zitat von Fairie Beitrag anzeigen
    Tja.... mein Schwiegervater starb ja auch vor ungefähr 2 Jahren. Ich wohne in Schweden. Aber ich hab auch in Deutschland so lange keine Beerdigung mehr miterlebt, daher kann ich das nicht so gut vergleichen.

    Der Sarg war jedenfalls zu. Aber ich hab's in Deutschland schon erlebt, dass man den Sarg offen hatte, nämlich als mein Opa beerdigt wurde. Ich war damals fünf Jahre alt und hab ihn tot im Sarg gesehen. Und meine Schwester war drei Jahre und wollte sogar hinlaufen von wegen "Opa steh auf!"
    Das Aufbahren ist in NL auch ganz normal. Sogar zu Hause. Mein Mann erzählt immer, dass sein Opa (das ist allerdings schon einige Zeit her) im Wohnzimmer aufgebahrt war und die Enkelkinder drumherum spielten.

    Mein Vater (in Dld) war nur beim Bestatter aufgebahrt und nur wir, die direkte Familie, waren dort. Allerdings mit den Kindern (damals 5 und 3) - sie haben das ganz gut aufgenommen und so besser verstanden, was "tot sein" bedeutet.

  7. #7
    Fairie ist offline Carpal Tunnel

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    Standard Re: Landeskunde: Trauern auf Arabisch

    Zitat Zitat von Babette267 Beitrag anzeigen
    Das Aufbahren ist in NL auch ganz normal. Sogar zu Hause. Mein Mann erzählt immer, dass sein Opa (das ist allerdings schon einige Zeit her) im Wohnzimmer aufgebahrt war und die Enkelkinder drumherum spielten.

    Mein Vater (in Dld) war nur beim Bestatter aufgebahrt und nur wir, die direkte Familie, waren dort. Allerdings mit den Kindern (damals 5 und 3) - sie haben das ganz gut aufgenommen und so besser verstanden, was "tot sein" bedeutet.
    Sicher, ich weiss auch nicht, was das Beste ist. Ich fand im Nachhinein, man hätte mich vorher drauf vorbereiten können. Andererseits erinnere ich mich auch nicht mehr so genau.

  8. #8
    BilingualMom ist offline Carpal Tunnel

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    Standard Re: Landeskunde: Trauern auf Arabisch

    Das hast du wunderschoen erzaehlt, Falaffel!

    Ich war weder in USA noch hier in Australien je auf einer Beerdigung, habe aber die merkwuerdigsten Dinge in dieser Hinsicht in Deutschland erlebt:
    Der halbwuechsige Sohn einer Bekannten von mir beging Selbstmord, und die Mutter richtete die Beerdigung aus wie eine Party. Ich hatte zu dieser Zeit selbst noch keine Kinder, fand die ganze Veranstaltung aber damals schon sehr befremdlich.

    Natuerlich gesteht man jedem zu, dass der Tod eines Kindes das Schlimmste ist, was Eltern passieren kann und jeder darauf eben anders reagiert. Aber wenn ich mir vorstelle, ein Auslaender ziehe von dieser Veranstaltung Rueckschluesse auf den Umgang mit Tod und Sterben in Deutschland...
    If at first you don't succeed, failure may be your style.

  9. #9
    Babette267 Gast

    Standard Re: Landeskunde: Trauern auf Arabisch

    Zitat Zitat von Fairie Beitrag anzeigen
    Sicher, ich weiss auch nicht, was das Beste ist. Ich fand im Nachhinein, man hätte mich vorher drauf vorbereiten können. Andererseits erinnere ich mich auch nicht mehr so genau.
    Ich denke, Kinder reagieren da auch ganz unterschiedlich drauf.

  10. #10
    Avatar von event_horizon
    event_horizon ist offline Graph v. Ortho undercover

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    Standard Re: Landeskunde: Trauern auf Arabisch

    Mein herzliches Beileid!

    Und danke fuer den sehr interessanten Einblick.
    Hast du das Gefuehl, dass insgesamt mit dem Tod dort viel natuerlicher umgegangen wird als z.B. in Deutschland?




    Zitat Zitat von falaffel Beitrag anzeigen
    Ich muss euch mal berichten. Land: Israel, arabisch-katholisch.

    Vor genau einer Woche ist mein Schwiegervater gestorben. Damit hatten wir lange gerechnet und in seinem Fall konnte man ihm nur das oder ein Wunder wuenschen (er hatte schwerstes Alzheimer). Daher war es keine dramatische Beerdigung oder Trauerphase, aber eine sehr anstrengende.

    Die vergangene Woche:
    In der Nacht von Mo auf Di klingelte das Telefon, Krankenhaus dran, Schwiegervater war gestorben. Saemtliche Soehne machten sich umgehend auf den Weg, ich hatte eine schlaflose Nacht.
    Noch am Di fand die Beerdigung statt. Morgens um 7 Uhr laeutete mein Mann die Trauerglocke, innerhalb kuerzester Zeit waren alle Leute informiert. Das Haus meiner Schwiegermutter begann sich mit Trauergaesten zu fuellen.

    Man sass, weinte, seufzte, trank bitteren arabischen Kaffee (wird bei Todesfaellen ungesuesst und sehr stark gereicht).
    Am spaeteren Vormittag machten mein Mann, ein Cousin und ein paar weitere sich mit dem Kirchengemeinde eigenen Leichenwagen auf den Weg zum Krankenhaus. Unterwegs wurde ein Sarg besorgt. Im KH wuschen sie meinen Schwiegervater, zogen ihn an und brachten ihn gegen 13.30 Uhr zurueck ins Dorf in einen Extraraum unter der Kirche.

    Dort hatten sich inzwischen die Frauen versammelt, um bis zur Beerdigung um 15 Uhr am offenen (!) Sarg den Toten zu beweinen. Es gibt ein paar "professionelle" Klageweiber (JETZT weiss ich, was mit diesem Begriff gemeint ist!), die Klagegesaenge anstimmten (da MUSS man heulen), zwischendrin wurden immer wieder Rosenkraenze gebetet.

    Die Maenner versammelten sich derweil in einem Raum nebenan, unterhielten sich dort. Zur Beerdgungszeit hielten Priester und Gefolge Einzug, der Sarg wurde geschlossen und in die Kirche gebracht, wo die Trauermesse gelesen wurde.

    Anschliessend machten sich die Maenner auf den Weg zum Friedhof, um den Sarg beizusetzen. Das wird hier, wie alles andere, von Hand und in Gemeinschaftsarbeit erledigt.
    Die Frauen warteten derweil im Saal unter der Kirche, wo sich zum "Leichenschmaus" - hier ein richtiges Essen-alle wiedertrafen.

    Um halbsechs hatten wir erstmal Pause, ich sammelte die Kinder von 2 Babysittern ein.

    am naechsten Morgen (Mi) um 7 Uhr (!!!!) der naechste Termin: Gang der Frauen zum Friedhof. Dort ein Gebet, dann Milchkaffee-Fruehstueck im Haus der Schwiegermutter. Tagsueber einzelne Trauergaeste.
    Ab 16 Uhr bis ca. 21 Uhr hiess es dann offiziell "Trauerzeit", Trauergaeste empfangen. In der Praxis bedeutete das, in einem grossen Raum unter der Kirche stundenlang sitzen, sich zum Empfang neuer Trauergaeste erheben, unzaehlige Haende schuetteln, die "Trauerformel" murmeln. Ich kannte bislang nur den Ausdruck zur Beileidsbekundung, nun kenne ich auch die Antwort.
    Wieder wurden bitterer Kaffee und Wasser (bei den Temperaturen brauchten wir viel!) gereicht. Die Gaeste kamen zumeist 10 Minuten bis eine halbe Stunde (je nach Bekannt- oder Verwandtschaftsgrad) und gingen dann wieder.

    Am Donnerstag und Freitag das Gleiche nochmal. Am Do dazu noch morgendliche Messe (himmelfahrt) am Fr am Nachmittag speziell im Namen der Verstorbenen (inzwischen gab es noch eine Beerdigung).
    Meine Schwaegerinnen und ich haben in "Schichten" gearbeitet: zwei sassen, eine huetete die Kinder. - Die sind eine "Bande" von einem Baby, 4 Vier- und Fuenfjaehrigen, 1 Siebenjaehrige, 2 Acht- und Neunjaehrigen, einem 10- und einem 13 1/2-Jaehrigen.

    Am Sa war das offizielle Sitzen beendet, wieder kamen aber den ganzen Tag ueber viele Leute ins Haus meiner Schwiegermutter, am So etwas weniger (ist Arbeitstag). Da es inzwischen noch einen Todesfall in einer anderen Familie gegeben hatte, traten wir am Sa-Abend zum Kondollieren an.

    Da das Haus meiner Schwiegermutter halbwegs aufgeraeumt bleiben sollte, war unsere Wohnung das "Basislager", wo wir gemeinsam assen und Kinder belustigten.

    Vielleicht brauche ich euch nicht zu sagen, dass wir jetzt alle ziemlich kaputt sind.

    Fazit: toller Zusammenhalt, viel unkomplizierter, natuerlicher und wesentlich billiger als in Dtschl., aber typisch arabisch lang und anstrengend.

    Juedische Israelis sitzen uebrigens eine Woche lang, nonstop.

    So, und eure Erfahrungen? Habt ihr sowas schonmal im Ausland miterlebt?
    Mit dem Achten- Zwerg (10/2014), Schneeweißchen (06/2017), dem doppelten Lottchen (ET 26.01.2020) und einem * (11/2018)

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