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Thema: Sich fremd fühlen und integriert sein

  1. #11
    AbbyCadabby ist offline Nonkonformistin

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    Standard Re: Sich fremd fühlen und integriert sein

    Zitat Zitat von BilingualMom Beitrag anzeigen
    Ich schließ mich jetzt mal Textot an. Wobei ich kürzlich beim Nachrechnen bemerkt habe, dass ich inzwischen schon mehr als die Hälfte meines bisherigen Lebens außerhalb Deutschlands verbracht habe. Ich war schon als Kind mit meinen Eltern im Ausland - das prägt.
    Das prägt in der Tat. Das ist dann eine Form von Third Culture Kid, über die ganze Bücher geschrieben werden.

    Ich muss mich selbst Textot anschließen. Weil sie diesen Stadt-Land-Gegensatz beschreibt, dieses konforme Leben dem Motto "Leben und leben lassen" gegenüberstellt. Das gibt es doch in allen Nationen. Als Kind kann man sich nicht aussuchen, wie anonym man leben will, als Erwachsener schon. Ich habe das Dorf meiner Kindheit auch schon verlassen, als ich mit der Schule fertig war. Und ich kann alle verstehen, die aus der Enge mancher Denkstruktur förmlich ausbrechen müssen, sobald sie die Möglichkeit dazu haben. Meine Mutter ging nach England, mein Mann in die USA, und trotzdem (oder vielleicht gerade deshalb) sind beide unheimlich heimatverbunden. Wir selbst wohnen ein halbes Deutschland weit weg von unseren Heimatdörfern und erleben in einem ohnehin recht internationalen Umfeld hier ganz andere Dinge. Wenn ich zwei befreundete Familien einlade, haben wir vier verschiedene Nationen am Tisch.

    Ich selbst habe die Enge einer dörflichen Struktur allerdings gar nicht so erlebt wie beispielsweise meine Mutter noch. Was vielleicht daran lag, dass mein Vater seine gesamte Schulzeit lang in der Großstadt gelebt hat (auch wieder ein halbes Deutschland weiter) und so auch noch "zugezogen" war. Den Zugezogenen gesteht die Dorfgemeinschaft meiner Erfahrung nach immer etwas mehr zu als den Einheimischen. Was da geredet wurde, war meinem Vater aber auch immer egal (was mein Glück war). Meine Eltern gelten heute noch als Sonderlinge, weil sie jedes Jahr gute drei Monate lang auf Reisen sind. Aber inzwischen hat man das akzeptiert, wenn es viele auch nicht verstehen, aber das müssen sie auch nicht. Sowas muss einem dann auch einfach egal sein.

    Genau das sind für mich aber die erwähnten Wurzeln. Wissen, wo man herkommt, was einen prägt und was man daraus machen will. Sich bewusst gegen oder für etwas entscheiden können und nicht einfach irgendein Leben zu leben, das sich so ergibt.

  2. #12
    AbbyCadabby ist offline Nonkonformistin

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    Standard Re: Sich fremd fühlen und integriert sein

    Zitat Zitat von falaffel Beitrag anzeigen
    Ich bin vom Dorf im Dorf gelandet und wenn ich es genau analysiere, liegt da der Grund, dass man sich MANCHMAL (das moechte ich betonen und es ist eine rein einseitige Sicht) etwas "aussen vor" vorkommt: Hier kennen sich alle seit Ewigkeiten, sind teilweise verwandt, ein Leben lang zusammen aufgewachsen und sind -ueber das Dorf hinaus- Teil einer winzigen nationalen Minderheit. Das schweisst zusammen, und wenn ich anderswo in solch einer Gesellschaft gelandet waere, kaeme ich mir garantiert auch manchmal etwas "strange" vor.
    - Es ist ein grosser Unterschied, ob man mit einem deutschen Partner woanders lebt, in "neutraler Umgebung" oder irgendwo "eingeheiratet" hat.

    Dann merke ich manchmal sehr deutlich, welche Auswirkung die Geschichte eines Volkes / Landes auf seine Mentalitaet hat. Die unterscheidet sich bei meinem Mann und mir SEHR voneinander, hat aber gewisse Schnittmengen, auf die wir mit sehr unterschiedlichen Perspektiven schauen. Gerade In Israel kommt man nicht umhin, sich mit Geschichte und Politik auseinanderzusetzen weil sie Einfluss aufs Alltagsleben haben, was manchmal etwas anstrengend ist.
    Exakt davon hatten wir es neulich mit einem deutsch-portugiesischen Paar. Weil die Kindheit des portugiesischen Teils eben nicht nur von einer anderen Kultur geprägt wurde, sondern auch von einer Revolution, also einer sehr politischen Zeit. Ich denke auch, dass dieser Hintergrund im Umgang miteinander eine sehr entscheidende Rolle spielt. Und das sogar ganz unabhängig vom Wohnort.

  3. #13
    .PMS. ist offline Pooh-Bah

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    Standard Re: Sich fremd fühlen und integriert sein

    Zitat Zitat von TexTot Beitrag anzeigen
    Hm, mir ging es jetzt bei unserem letzten Besuch in Deutschland genau andersrum. Der Rest meiner Familie wohnt sehr laendlich und ich musste mal wieder feststellen, dass das absolut nichts fuer mich waere. Es ist mit alles zu Eng und ich komme auch mit der Mentalitaet der Leute nicht zurecht. Alles ist konform und jeder der irgendwie anders ist oder lebt ist 'komisch'. Da komme ich mit der leben und leben lassen Mentalitaet hier wesentlich besser zurecht.
    Natuerlich wundere ich mich hier auch nach 12 Jahren ab und an ueber gewisse Sachen aber laengst nicht in dem Maase.
    Lebst Du denn "hier" auch laendlich?

  4. #14
    .PMS. ist offline Pooh-Bah

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    Standard Re: Sich fremd fühlen und integriert sein

    Zitat Zitat von AbbyCadabby Beitrag anzeigen
    (...)
    Ich selbst habe die Enge einer dörflichen Struktur allerdings gar nicht so erlebt wie beispielsweise meine Mutter noch. Was vielleicht daran lag, dass mein Vater seine gesamte Schulzeit lang in der Großstadt gelebt hat (auch wieder ein halbes Deutschland weiter) und so auch noch "zugezogen" war. Den Zugezogenen gesteht die Dorfgemeinschaft meiner Erfahrung nach immer etwas mehr zu als den Einheimischen. Was da geredet wurde, war meinem Vater aber auch immer egal (was mein Glück war). Meine Eltern gelten heute noch als Sonderlinge, weil sie jedes Jahr gute drei Monate lang auf Reisen sind. Aber inzwischen hat man das akzeptiert, wenn es viele auch nicht verstehen, aber das müssen sie auch nicht. Sowas muss einem dann auch einfach egal sein.

    Genau das sind für mich aber die erwähnten Wurzeln. Wissen, wo man herkommt, was einen prägt und was man daraus machen will. Sich bewusst gegen oder für etwas entscheiden können und nicht einfach irgendein Leben zu leben, das sich so ergibt.
    Ich habe noch nie auf dem Dorf gelebt, deshalb kann ich mir unter dieser unduldsamen Dorfgemeinschaft wenig vorstellen, von der man ja oefter hoert. Wie aeussert sich das denn, wenn drei Monate auf Reisen sein nicht akzeptiert wird? Oder was konkret gesteht man den Zugezogenen zu, was den Einheimischen nicht zugestanden wird? Ich glaube, ich brauch paar Beispiele.

    Und inwiefern fehlen Wurzeln - wenn ich das richtig verstanden habe - wenn man einfach das Leben lebt, das sich ergibt?

  5. #15
    TexTot ist offline Veteran

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    Standard Re: Sich fremd fühlen und integriert sein

    Zitat Zitat von .PMS. Beitrag anzeigen
    Lebst Du denn "hier" auch laendlich?
    Nein absolut nicht und ich habe auch ca 15 Jahre vor dem Umzug staedtisch gelebt. Ich koennte mir evtl. auch vorstellen irgendwo in Deutschland wieder "stadtnah" zu leben. Was ich mit meiner Antwort audruecken wollte ist, dass ich zu dem Ort wo ich aufgewachsen bin so ueberhaupt keine Heimatverbundenheit habe fuer mich ist das mitlerweile nur noch der Ort an dem meine Familie lebt.

  6. #16
    AbbyCadabby ist offline Nonkonformistin

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    Standard Re: Sich fremd fühlen und integriert sein

    Zitat Zitat von .PMS. Beitrag anzeigen
    Ich habe noch nie auf dem Dorf gelebt, deshalb kann ich mir unter dieser unduldsamen Dorfgemeinschaft wenig vorstellen, von der man ja oefter hoert. Wie aeussert sich das denn, wenn drei Monate auf Reisen sein nicht akzeptiert wird? Oder was konkret gesteht man den Zugezogenen zu, was den Einheimischen nicht zugestanden wird? Ich glaube, ich brauch paar Beispiele.

    Und inwiefern fehlen Wurzeln - wenn ich das richtig verstanden habe - wenn man einfach das Leben lebt, das sich ergibt?
    Mir geht es ähnlich wie TexTot, auch ich würde nicht mehr in dem Ort leben wollen, in dem ich aufgewachsen bin. Dass ich so überhaupt keine Heimatverbundenheit zu dem Ort habe, kann ich allerdings nicht sagen. Inzwischen kann ich mir "Dorf" an sich sogar vorstellen, denn ich bin älter geworden, habe vieles erlebt und gesehen und sehe gewisse Dinge daher auch mit anderen Augen. Und Dorf ist nicht gleich Dorf, auch in Dörfern ist der Zusammenhalt unterschiedlich.

    Wie äußert sich die Unduldsamkeit einer Dorfgemeinschaft? "Unduldsamkeit" ist sicher der falsche Begriff, und drei Monate auf Reisen werden auch durchaus akzeptiert, aber eben nicht immer verstanden. Was ist denn ein Dorf? Ein Dorf ist ein kollektiver Sozialverband, das den Einzelnen umfassend integriert, im besten Fall von der Taufe bis zur Bestattung. In einem Dorf wird viel stärker als in einer Stadt ein gleiches moralisches Wertsystem gelebt. Das hat Nachteile, die sich nämlich genau in dieser von TexTot und mir so kritisierten Sozialkontrolle äußert. Wer anders ist, wer da aus der Art schlägt, wird in der Regel nicht integriert. Manche werden trotzdem integriert, dennoch schüttelt man zuweilen den Kopf über sie. Das "Problem" mit dem langen Reisen besteht für manch einen zum Beispiel darin, dass man so ja gar keinen Gemüsegarten mehr hegen und pflegen kann. Und so gar keinen Gemüsegarten mehr zu haben, ist im Wertsystem mancher Menschen einfach nicht vorgesehen. Das ist ein Beispiel, ein anderes ist, dass ganz anders als in einer Stadt erwartet wird, dass man sich integriert, dass man andere grüßt, dass man sich für die Gemeinschaft arrangiert, zum Beispiel in einem Verein. Wenn man das nicht tut, wird trotzdem über einen geredet und dann spinnt sich die Dorfgemeinschaft eben etwas zusammen. Gerüchte entstehen und jeder setzt noch eines oben drauf (Zitat: "Wenn man in diesem Dorf auf der einen Seite krank ist, ist man auf der anderen schon tot!"). Bei den Einheimischen kennt man die Vorfahren, deshalb wird über die auch mehr geredet als über die Zugezogenen. Es gibt da Familien, die als Kollektiv einen Spitznamen tragen, den irgendwer einmal einem längst gestorbenen Großvater gegeben hat. Kurzum: Leute, die sich lieber weniger um andere scheren und nicht wollen, dass andere sich um sie scheren, sind in einem Dorf fehl am Platze. Ich kenne Dörfer, da ist ungeschriebenes Gesetz, dass man bei den (nicht wenigen) Vereinsfesten im Festzelt isst und nicht zuhause. Genau in diese Dörfer ist es als Außenstehender auch furchtbar schwer, hineinzufinden. Die Bauplätze, so es denn welche gibt, gehen zunächst einmal nur an Einheimische, ehe da überhaupt was nach draußen geht.

    Das hat aber auch Vorteile, und die habe ich eigentlich erst angefangen zu sehen, seit ich Kinder habe. Gerade mein Vater hat sich ja oft und gerne über unser Dorf aufgeregt. Und über so manche kleinkarierte Denkweise. Heute sagt er, dass sei trotz allem einfach schön. Wenn die Nachbarin mit der Sektflasche über die Straße rennt, sobald sie feststellt, dass meine Eltern aus dem Urlaub zurück sind. Die allgemein inzwischen über Jahrzehnte gewachsene Nachbarschaft, die sich gegenseitig Werkzeug ausleiht, Straßenfeste miteinander feiert, einfach miteinander alt wird. Etwas, das gerade in der heutigen Zeit, in der der Wandel stärker denn je ist, bleibt. Sowas gibt es natürlich auch in der Stadt, aber da stirbt diese Lebensform wohl aus. Und vor 100 Jahren waren selbst Innenstädte in der Form strukturiert, als die Reichen in die Vororte gezogen sind. Erst der zweite Weltkrieg hat solche Innenstädte zersprengt. Auch die zunehmende Einsamkeit gerade älterer Menschen gibt es in Dörfern nicht. Es ist wie in einer Freundschaft, die muss man auch pflegen, wenn sie funktionieren soll.

    Je älter ich werde, desto mehr merke ich, was Freundschaften wert sind, die man wirklich schon seit der Schulzeit, in einem Fall sogar seit der Kindergartenzeit pflegt. Ich lebe heute zwar nicht mehr in meiner "Heimat", ich treffe neben meinen Eltern und Geschwistern aber regelmäßig zwei Freundinnen. Und es ist einfach etwas Besonderes, wenn man mit Leuten redet, die einen schon so lange kennen. So ist es auch mit der Nachbarschaft. Eine über die Jahren gewachsene lernt man vor allen Dingen dann zu schätzen, wenn man älter wird. Das ist sicher nichts, was man braucht. Man kann auch anders leben. Es ist aber etwas, was gut tut, was Stabilität verleiht, in gewisser Weise auch ein Stück Geborgenheit. So empfinde zumindest ich das. Heimat ist für mich nicht in erster Linie ein Ort, sondern der vertraute Umgang mit anderen Menschen, die den eigenen Heimathorizont teilen. Und - in meinem speziellen Fall - das Essen. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass der Gaumen in erster Linie bis zum 12. Lebensjahr gebildet wird. Und ich bin als Kind nur einmal von der Miete ins eigene Haus gezogen, ein paar Kilometer weiter. Jeder kennt doch bestimmt vertraute Gerüche aus der Kindheit. Das Essen war überhaupt mein größtes Leiden in meiner Zeit in den USA. Wenn's mir nicht schmeckt, dann bin ich nur ein halber Mensch. Aber das ist sicher von Mensch zu Mensch verschieden.

    Ich erlebe immer wieder Menschen, bei denen ich mich frage, ob sie überhaupt Wurzeln haben. Vor einiger Zeit habe ich jemanden kennengelernt, der mir zunehmend durch mangelnde Empathie aufgefallen ist. Sowas bringe ich gerne mit frühkindlicher Bindungsstörung in Verbindung. Für mich sind das auch fehlende Wurzeln, wenn man eine gesamte Kindheit lang nie die Erfahrung enger menschlicher Beziehungen machen darf, die Sicherheit und Orientierung bieten. Auf die Frage an diese Person, wo sie denn herkäme, kam die Antwort: "Ach, überall und nirgends!" Sowas stimmt mich nachdenklich. Und traurig.

    Überhaupt gibt es ja genügend Eltern, denen ihre berufliche Karriere und die Selbstverwirklichung wichtiger ist, als sich ihrem Kind voll und ganz zuzuwenden. Viele können das nicht einmal, weil sie es in ihrer eigenen Kindheit nicht erlebt haben. Sogar bei Ratten ist inzwischen empirisch nachgewiesen worden, dass Defizite in der Erziehung über Generationen weitergegeben werden. Emotionale Sicherheit ist für die Hirnentwicklung von Kindern unheimlich wichtig, aber das ist ja allgemein bekannt. Adoptivkinder erleben in der Regel einen Schock, wenn sie erfahren, dass ihre Wurzeln ganz woanders sind, als sie immer glaubten. Und Heimatvertriebene interessieren sich noch Generationen später für ihre Heimat, das zeigt doch, dass Wurzeln nicht unwichtig sind. Ohne Wurzeln keine Flügel.

    Mein Satz mit dem einfach das Leben leben, das sich ergibt, ist vielleicht etwas unglücklich formuliert. Ich meine damit ein Leben ohne Ziele und Reflexion. Ich erlebe die Besuche in meiner Heimat immer ein bisschen wie eine Meditation, wie ein Überdenken meiner Gedanken und Gefühle, ja, wie eine Selbstreinigung. Das Ganze hat also eine gewissermaßen seelsorgerische Funktion. Vielleicht kann man es gut mit Religion bzw. mit dem Glauben an Gott vergleichen. Den würde ich auch nie missen wollen, weil er mir Halt und Zuversicht gibt. Andere leben ohne Glauben und sind deshalb trotzdem nicht unglücklich.

    Neulich habe ich gelesen, dass die Weibchen der Meeresschildkröte nach 20 bis 30 Jahren zur eigenen Eiablage an der Strand zurückkehren, an dem sie selbst einmal aus einem Ei geschlüpft sind. Das hat mich sehr beeindruckt.

  7. #17
    Corda ist offline Member

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    Standard Re: Sich fremd fühlen und integriert sein

    Fremd fühlen kann ich mich auch in der eigenen Umgebung, das ist jetzt nicht davon abhängig ob ich aus der Gesellschaft komme oder nicht. Dazu braucht es auch keinen Migrationshintergrund. Das rebellierende Mädchen mit den grünen Haaren wird sich in ihrer Bänkerfamilie im noblen Vorort auch nicht gut aufgehoben fühlen.
    Ich fühle mich nicht fremd obwohl ich nicht mit allen in meiner Umgebung einverstanden bin. Es ist dann schon sehr leicht dem zu entkommen und man muss sich ja nicht bewusst unangenehmen Situationen aussetzen.

  8. #18
    Fairie ist offline Carpal Tunnel

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    Standard Re: Sich fremd fühlen und integriert sein

    Zitat Zitat von choupette Beitrag anzeigen
    Ok, ich gebe zu, dass das wohl etwas unglücklich formuliert war von mir... denn die genannten Beispiele sind ja eher negativ konnotiert.
    .
    Ich finde eigentlich Patchwork-Familien nicht negativer als binationale Familien. Aber vielleicht ist das Phänomen in Deutschland negativer als in Schweden? Hier leiden Kinder auch nicht automatisch darunter, dass ihre Eltern sich scheiden lassen.

  9. #19
    Fairie ist offline Carpal Tunnel

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    Standard Re: Sich fremd fühlen und integriert sein

    Zitat Zitat von falaffel Beitrag anzeigen
    Ich meinte den Ausgangsthread gar nicht so negativ, wie er anscheinend verstanden wurde. Abby hat in ihrem ersten Beitrag den Punkt genau getroffen: Es liegt in erster Linie an MIR. Ich war nie "Maintream", wie sie es nennt, weder in DE noch hier. Ich habe schon immer anders gedacht oder Dinge anders gemacht. Ich hatte auch nie darauf gehofft, dass das Leben hier mehr "passen" koennte. So naiv war ich nicht.
    Vermutlich bin ich auch etwas familiaer vorbelastet. Meine Eltern sind "Zugezogene", mein Vater (Fluechtlingskind) tickt aehnlich wie ich, ich war noch nie sonderlich "heimatverbunden" und habe mich darum mal bereitwillig auf das Abenteuer Israel eingelassen.

    Ich bin vom Dorf im Dorf gelandet und wenn ich es genau analysiere, liegt da der Grund, dass man sich MANCHMAL (das moechte ich betonen und es ist eine rein einseitige Sicht) etwas "aussen vor" vorkommt: Hier kennen sich alle seit Ewigkeiten, sind teilweise verwandt, ein Leben lang zusammen aufgewachsen und sind -ueber das Dorf hinaus- Teil einer winzigen nationalen Minderheit. Das schweisst zusammen, und wenn ich anderswo in solch einer Gesellschaft gelandet waere, kaeme ich mir garantiert auch manchmal etwas "strange" vor.
    - Es ist ein grosser Unterschied, ob man mit einem deutschen Partner woanders lebt, in "neutraler Umgebung" oder irgendwo "eingeheiratet" hat.

    Dann merke ich manchmal sehr deutlich, welche Auswirkung die Geschichte eines Volkes / Landes auf seine Mentalitaet hat. Die unterscheidet sich bei meinem m Mann und mir SEHR voneinander, hat aber gewisse Schnittmengen, auf die wir mit sehr unterschiedlichen Perspektiven schauen. Gerade In Israel kommt man nicht umhin, sich mit Geschichte und Politik auseinanderzusetzen weil sie Einfluss aufs Alltagsleben haben, was manchmal etwas anstrengend ist.

    - Dass es auch nach langer Zeit im Ausland mal Sachen gibt, ueber die ihr euch "wundert", was euch "fehlt" , was "fremd" ist, o.ae., klingt doch durch und das beruhigt mich.

    Meine Tochter findet es gut und bereichernd, "anders" aufzuwachsen, was uebrigens nicht nur an mir, sondern auch an meinem Mann liegt, der ebenfalls etwas "aus dem Rahmen" faellt. Mein aeltester Sohn hat einen anderen Charakter und fand es immer schwierig. Und auch wenn er in DE seinen Platz gefunden hat, haette er uns am liebsten auch auf der anderen Seite des Mittelmeeres.


    Sein Gefuehl hier halte ich fuer voellig normal und positiv, ich war sogar sehr froh darueber: Ja, es ist das Abnabeln, das den eigenen Weg Gehen, erwachsen Werden. Darum habe ich geschrieben, dass ich dieses Gefuehl auch ohne Laenderwechsel mal hatte. - Und immer wieder habe, wenn ich meine Eltern laenger besuche.Geht wohl jedem so.


    Bilingualmom, die du ja eher durch die Welt "tingelst" und, wenn ich mich recht entsinne, selbst schon zweisprachig bist: Fuehlst du dich "heimatlos"? Braucht man sowas wie "Heimat" ueberhaupt (eigentlich hatte ich daran ueberhaupt nicht gedacht), wo fuehlst du dich "dazugehoerig"?
    Das kommt mir bekannt vor, ich war auch nie mainstream. Und die zwei Kulturen sind auch nur ein Teil, das entscheidet auch nicht alles. Natürlich fällt es mehr auf, wenn die Kulturen ziemlich unterschiedlich sind.

    Und es kommt drauf an, ob man in der Stadt oder auf dem Land lebt. Einerseits ist es natürlich in einer Grosstadt leichter, weil es mehr internationell ist. Ich wohne inzwischen in der Nähe einer Grossstadt, aber doch fast auf dem Land. Und so bin ich eigentlich ja auch aufgewachsen. Aber ich finde auch, dass die Leute hier viel umgänglicher, freundlicher sind als in der Stadt.

    Dass man irgendwie gespalten ist, dass man einerseits nicht mehr in Deutschland leben würde, weil man sich weiterentwickelt hat und das, was im anderen Land besser ist, vermissen würde, ist ja normal. Man ist immer etwas dazwischen - manches ist im Ursprungsland besser, anderes im Land wo man jetzt lebt. Und bei beiden schüttelt man manchmal den Kopf und wundert sich warum die das noch nicht besser machen.
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  10. #20
    DK-Ursel ist offline Carpal Tunnel

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    Standard Re: Sich fremd fühlen und integriert sein

    Hejallesammen!

    Jetzt habe ich mich durch alle Postings gelesen, oje, wo fang ich an?
    Viele schreiben,sieseien nie Mainstream gewesen, nein, ich auch nicht (das hat man mir in einer Lebenskrise - noch in Dtld. - mal sehr anschaulich deutlich gemacht; gefühlt habe ich das sicher irgendwie auch,a ber nie drunter gelitten).
    Aber wer behauptet auch schon (gern) von sich, Mainstream zu sein - und was ist das genau?
    Am ehesten gefällt mir da fast Deine Bemerkung, Abbay - übrigens, ich freue mich, Dich wieder zu lesen!!! - daß man eben bewußt seine Lebenswahl trifft und nicht einfach da bleibt, wo es sich so ergibt.
    Obwohl:
    Habe ich wirklich sooo bewußt meine Wahl getroffen?
    Ich bin ja mit meinem Mann gegangen - auchwenn auf dem papier natürlich das Zuahusebleiben als Alternative bestand: hatte ich eine reale Wahl?
    Vielleicht aber fällt das Ja zu solchen Entscheidungen, privater oder berufl. Natur, denen leichter, die sich eh nirgends Mainstream fühlen. Und dies nicht aus der Hoffnung und Suche heraus, endlich die Gesellschaft zu finden, wo man Mainstream sein kann, sondern es fällt enifacher, weil man nicht soviel Verlust empfindet,wenn man geht.

    Ich glaube, meine Töchter fühlen sich viel dänischer als deutsch ... trotzdem sind sie sicher auch in irgendeiner Ecke ihres Wesens deutsch gesprägt.
    Bei Diskussionen fühle ich mich eigentlich eher wie jemand aus einer anderen Generation, der eben den Kindern ja auch so manches nahezubringen versucht aus einer Welt, die es für die Kinder so nicht (mehr) gibt.

    In der Krise enier meiner Töchter sagte eine Psychologin mal, ken tenager sei eben nur Teenager bzw. nur in seiner Krise, sie seien neben den Problemen, die jeder Heranwachsende mit der ich-Findung und Identität hat, eben auch mit mind. 1 anderen "Problem" behaftet: Scheidung, Krankheit/Tod von Eltern oder Geschwistern oder ihnen selbst, zu dick oder zu dumm sein, zu intovertiert oder zu extrovertiert, irgendeine Diagnose haben, viele Geschwister - Einzelkind, recih- arm .... und wie ich schon davor zu sagen pflegte:
    Die erste hund lebenslängilche Aufgabe für uns alle ist eben die erste Familie, die man hat. Daran reibt man sich, davon will man sich unterscheiden - oder gerade nicht.
    Da sehe ich also in einer binationalen Familie nicht mehr und nicht mehr, höchstens ein paar andere Probleme als bei anderen familien.

    Corda, darf ich fragen, wo Du (als Deutsche?) lebst?
    es klingt nicht so auslanderfahren.
    Natürlich kann man sich überall fremd fühlen,das beschreiben ja gerade hier auch enige.
    Aber es ist trotzdem nochmal was anderes, wenn man es in der 2.Heimat auch tut - und es hat vielleicht doch noch andere Ursachen.
    Und es ist auch nicht immer leicht und schon gear nicht jedem gegeben, sich dann "nicht bewußt
    unangenehmen Situationen aus(zu)setzen."
    In einer Gesellschaft, wo fast 100% der Kinder schon im Babyalter bei Tagesmüttern sind, haben sowohl ich als auch eine Freundin, die ich später erst kennenlernte, mal mehr und mal weniger deutlich/subtil gespürt, daß es eben nicht konform war und auch nicht gebilligt wurde, daß wir die Kinder bis zum KIGA zuhause behielten und selbst erzogen.
    In einer Gesellschaft, wo zumindest vor 20 jahren Individualität gleichgesetzt wurde mit unszialem Verhalten,war es kein Kompliment, wenn die Kinder eher Individualisten, "enespænder" - etwa zu übersetzen mit Einzelgängern, sich oft selbst genug waren.
    Es erfordert viel Standhaftigkeit (und fördert nicht die Möglichkeiten,sich gleichgesinnte Freunde zu verschaffen, wenn man darauf besteht, seinen Stil gegen den Strom zu verwirklichen - nirgends.
    Aber das stößt einem vielleicht anders in der "Fremde" auf.

    ich betrachte uns als integriert, aber nicht assimiliert - und ich unterscheide mich oft auch bewußt deutlich vom dänischen ligfestyle.
    Ich merke aber auch oft sehr deutlich, daß ich eine andere Kindheitund Jugend hatte als die Dänen.
    Das äußert sich in kleinen Dingen wie in größeren - oder in kleineren, die auf Größeres zurückweisen.
    Das z.B. kann und will ich auch gar nicht ignorieren - und auch nicht immer verschweigen.

    Und ja, natürlich ist der Kontrast zwischen Land- und Stadtleben (übrigens überall) groß und man kann sich außenvor fühlen.
    Trotzdem iost aber dt. Landleben gegenüber dt. Stadtleben doch noch von einigen gemensamen kulturellen Dngen geprägt:
    Die dt. Sprache, Geschichte, Kultur gelten da wie dort -wenn auch mit UNterschieden.
    In einem anderenland kan nich nicht zwingend damit rechnen, selbst eine so weltumfassende Geschchte wie der 2. weltkrieg sind eben unterschiedlich erlebtund verarbeitet worden - wie ja auch Falffel mit Blick auf die Geschichte Israels, wo das ja auch sehr drastisch ist, beschreibt.

    Ja, zu welchem Schluß komme ich nun?
    ich glaube, wir in der "Fremde"denken öfter darüber nach, ob wir eigentlich wirklich angekommen sind, wie unsere Kinder sich in der ihnen "zugemuteten" Heimat fühlen (die für sie oft ja gar nicht neu und anders ist - nur wir kennen doch vieles nicht so, wie sie im Aufwachsen erleben).
    Uns ist das Anderssein im Ausland eben bewußter als im Inland - wie ich bereits beschrieb, habe ich als Teenie in Dtld.sicher auch irgendwo geuwßt, daß ich nicht so dabei war wie andere, aber ich war ja auch nicht total außenvor - daher war mir das "gegen den Mainstream" gar nicht so bewußt --- und in unserer Generation sowieso recht erstrebenswert.


    Und selbst wenn man eben immer anders ist -- das können wir kaum ändern, in irgendwas weichen wir alle irgendwo von irgendwas ab (sogar Deutschein Dtld.), aber wie wir uns dabei fühlen, können wir zumindest versuchen zu beeinflussen.
    Wer Anderssein, Indivualität, Nicht-Anpassung um jeden Preis wirklich von Herzen positiv sehen kann und nicht unbedingt und um jeden Preis zu einer Gemeinschaft dazugehören will, der kann mit Anderssein - so schwer es manchmal zu ertragen ist - auf lange Sicht eben besser umgehen als jemand, den das stört.
    Gruß Ursel, DK

    „Du hast so viele Leben, wie du Sprachen sprichst.”
    Aus Tschechien

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