Seite 1 von 9 123 ... LetzteLetzte
Ergebnis 1 bis 10 von 85
Like Tree7gefällt dies

Thema: Sich fremd fühlen und integriert sein

  1. #1
    falaffel ist offline Carpal Tunnel

    User Info Menu

    Standard Sich fremd fühlen und integriert sein

    Ich weiß nicht genau, wie ich das hier nennen soll. Ich weiß auch nicht, ob ich rüberbringen kann, was ich meine. Vielleicht bin ich auch bloß hypersensibel...
    Geht es euch auch manchmal so, dass ihr euch in euren Ländern trotz aller Integration plötzlich total fremd fühlt? Oder dass ihr doch der etwas "exotische Vogel" seid? Dass eure Kinder aufgrund ihrer Herkunft und daher anderer Erziehung "anders" als die anderen sind?
    Mag sein, dass ich mir zu viele Gedanken mache. Bei uns ist zudem das Land ein Extrem.

    Manchmal habe ich gegenüber meiner Kinder ein schlechtes Gewissen. Man hätte ihnen die Identifizierung leichter machen können, wenn man in "einer Welt" geblieben wäre. Dann wären sie aber auch nicht, wer sie sind..

    In mir kam der Gedankengang mal wieder hoch, als der große Sohn aus De kurz zu Besuch war und meinte, er fühle sich etwas fremd und das sei nicht mehr sein Leben. Gut, dachte ich, soll ja auch so sein und war für mich auch ohne Länderwechsel einst so. Aber mit ist es halt noch extremer.

    Dann war auch noch eine junge Nachbarin zu Besuch, die seit ein paar Jahren in DE studiert und ihren deutschen Freund mitbrachte. Irgendwann in der Diskussion (sie war etwas von der arabischen Mentalität angenervt) meinte sie: " Dann hast du dich also nicht in allem integriert?". Ich: "Nein, und will ich auch nicht!" - Im Nachhinein wurde mir klar, dass es um "Assimilation" ging und das "Integration" das ist, was wir längst leben.

    Aber trotzdem gibt es darin manchmal kurze Episoden, in denen ich mich total deplatziert
    und "außen vor" fühle. Kennt ihr sowas?Oder hat das gar nichts mit Interkulturalität zu tun?

  2. #2
    AbbyCadabby ist offline Nonkonformistin

    User Info Menu

    Standard Re: Sich fremd fühlen und integriert sein

    Zitat Zitat von falaffel Beitrag anzeigen
    Ich weiß nicht genau, wie ich das hier nennen soll. Ich weiß auch nicht, ob ich rüberbringen kann, was ich meine. Vielleicht bin ich auch bloß hypersensibel...
    Geht es euch auch manchmal so, dass ihr euch in euren Ländern trotz aller Integration plötzlich total fremd fühlt? Oder dass ihr doch der etwas "exotische Vogel" seid? Dass eure Kinder aufgrund ihrer Herkunft und daher anderer Erziehung "anders" als die anderen sind?
    Mag sein, dass ich mir zu viele Gedanken mache. Bei uns ist zudem das Land ein Extrem.

    Manchmal habe ich gegenüber meiner Kinder ein schlechtes Gewissen. Man hätte ihnen die Identifizierung leichter machen können, wenn man in "einer Welt" geblieben wäre. Dann wären sie aber auch nicht, wer sie sind..

    In mir kam der Gedankengang mal wieder hoch, als der große Sohn aus De kurz zu Besuch war und meinte, er fühle sich etwas fremd und das sei nicht mehr sein Leben. Gut, dachte ich, soll ja auch so sein und war für mich auch ohne Länderwechsel einst so. Aber mit ist es halt noch extremer.

    Dann war auch noch eine junge Nachbarin zu Besuch, die seit ein paar Jahren in DE studiert und ihren deutschen Freund mitbrachte. Irgendwann in der Diskussion (sie war etwas von der arabischen Mentalität angenervt) meinte sie: " Dann hast du dich also nicht in allem integriert?". Ich: "Nein, und will ich auch nicht!" - Im Nachhinein wurde mir klar, dass es um "Assimilation" ging und das "Integration" das ist, was wir längst leben.

    Aber trotzdem gibt es darin manchmal kurze Episoden, in denen ich mich total deplatziert
    und "außen vor" fühle. Kennt ihr sowas?Oder hat das gar nichts mit Interkulturalität zu tun?
    Ich war schon ewig nicht mehr hier. Und ich gehöre ja auch gar nicht mehr hierher, weil wir schon seit inzwischen mehr als drei Jahren wieder in Deutschland ansässig sind. Aber wie es der Zufall manchmal so will, lese ich heute diesen Beitrag. Und ich denke, liebe Falaffel, ich weiß genau, wie du dich fühlst.

    "Mein Land" ist Deutschland, unabhängig davon, ob ich hier geboren wurde, ob die Landessprache meine Muttersprache ist oder nicht. Und ja, ich fühle mich "in meinem Land" trotz aller Integration oft total fremd. Vielleicht sogar fremder, als ich das seinerzeit in den USA getan habe, denn das war immerhin nicht "mein Land", sondern nur mein Wohnort, und dort konnte ich immer sagen, ich stamme aus einer anderen Kultur, die in manchen Bereichen einfach anders tickt und muss deshalb gar nicht alles verstehen, was hier gang und gäbe ist. Ich habe mich in den USA als Ausländerin über gewisse Missstände auch nie so aufgeregt, wie ich das hier in Deutschland tue, weil ich hier eben nicht sagen kann, ich gehöre nicht dazu. Und das auch gar nicht will.

    Warum fühle ich mich fremd? Weil ich einfach anders bin, weil ich nicht zum Mainstream gehöre. Das war schon immer so, das fing schon als Jugendliche an. Inzwischen wird es sicher auch dadurch verstärkt, dass unsere Kinder eine Privatschule besuchen, wir uns aber trotzdem als bodenständig sehen und größeren Luxus schlicht ablehnen. Wir haben die Privatschule einfach deswegen gewählt, weil wir mit dem Bildungsniveau im staatlichen Schulsystem auf Kriegsfuß stehen. Dadurch wirst du im gewöhnlichen Leben, in den Vereinen, in der Kirchengemeinde, generell ein Stück weit zum Außenseiter, weil die meisten Menschen einem den Stempel verpassen, was für sie ausreicht, wäre für uns nicht gut genug. Du wirst aber auch von den Leuten im schulischen Umfeld, die tatsächlich so denken, nicht wirklich akzeptiert, weil ich meine Kinder noch selbst erziehe, weil es bei uns weder Kindermädchen noch Putzfrau gibt und auch keine Vollzeit-berufstätige Mutter. Vorurteile sind einfach überall und die Kinder müssen natürlich auch irgendwie lernen, damit umzugehen. Andere hier haben ausländische Eltern, die sich untereinander treffen, die vom Leben außerhalb der Schule kaum etwas mitkriegen. Manch einer von denen fühlt sich heimischer, obwohl er im Ausland lebt.

    Wenn dein Sohn sagt, er fühle sich in Israel nicht mehr wohl, dann zeigt das doch, dass er seine Identität findet. Das ist doch dann auch ganz gut so. Du schreibst ja selber, du hast auch ohne Länderwechsel einst festgestellt, dass du dich fremd fühlst. Ich denke, das geht vielen Leuten so. Und viele meinen dann, wenn sie in ein anderes Land gehen, würde sich das ändern. Bei manchen ändert sich das dann wirklich (wobei immer die Möglichkeit bestanden hätte, dass man auch ohne Länderwechsel irgendwann zu sich gefunden hätte), bei anderen ändert es sich nie. Und Integration, was ist das schon? Man muss nicht alles mitmachen (meiner Meinung nach), nicht im eigenen Land und nicht in anderen. Ich persönlich habe ein gewaltiges Problem mit der Oberflächlichkeit um mich herum. Das war in den USA so, das ist hier aber nicht anders. So sind die Menschen, so sind sie hier und so sind sie überall, ganz egal, welcher Kultur sie entstammen oder welche Sprache sie sprechen. Wer sich anpasst, wer sich nach "Etikette" verhält, wer tut, was von ihm erwartet wird, hat's leichter!

    Und dann gibt es Leute, die zeitlebens Freunde behalten, und diese Freundschaften pflegen, ganz egal, wo sie wohnen. Und andere, die sich alle paar Jahre neu orientieren, weil nichts Bestand hat. Obwohl sie niemals umziehen. Genauso, wie es den Lebensentwurf nicht gibt, der auf alle passt, gibt es doch die Integration, die für alle passt. Auch die kann bei jedem ein Stück weit anders aussehen.

    Inwieweit Israel bzw. die Interkulturalität zu deinem zeitweisen Gefühl der Heimatlosigkeit beiträgt, kann ich nicht beurteilen, ganz unschuldig ist das Land aber wohl nicht, weil es ja schon ein besonderes Land ist und eine gänzlich andere Kultur beheimatet als Deutschland. Aber trotzdem glaube ich, dass der Hauptgrund gar nichts damit zu tun hat, sondern in dir selbst begraben liegt. Was gar nicht negativ sein muss, wenn man weiß, wie man damit umgehen muss.

    Den Satz "Dann wären sie aber auch nicht, wer sie sind!" finde ich ehrlich gesagt etwas bedenklich. Denn das kann man ja im Grunde auch bezogen auf jeden Missstand sagen. Hätten sich die Eltern von xy nicht getrennt, wäre er nicht so früh selbständig geworden. Hätte Hape Kerkelings Mutter nicht den Freitod gewählt, wäre er nicht, wer er ist, liefe jetzt nicht der Film über sein Leben in den Kinos. Ich würde eher sagen, es ist alles für irgendwas gut. Auch dann, wenn man es nicht sofort und auf der Stelle erkennen kann, und auch dann, wenn es an sich gar nicht gut ist.

    Ich wünsche dir zum neuen Jahr neue Ufer, ganz egal wo, vor allen Dingen aber in deinen Gedanken und Gefühlen. Und ein Stück Heimat im Herzen!

  3. #3
    .PMS. ist offline Pooh-Bah

    User Info Menu

    Standard Re: Sich fremd fühlen und integriert sein

    Zitat Zitat von falaffel Beitrag anzeigen
    (...)

    Aber trotzdem gibt es darin manchmal kurze Episoden, in denen ich mich total deplatziert
    und "außen vor" fühle. Kennt ihr sowas?Oder hat das gar nichts mit Interkulturalität zu tun?
    Da ich schon Momente hatte, in denen ich mich in meiner eigenen Familie voellig deplatziert fuehlte, sehe ich nicht unbedingt einen Zusammenhang mit Interkulturalitaet. Klar gibt es manchmal seltsame Situationen, die aus dem Auslaender-Sein resultieren - aber mich juckt das nicht so, wenn ich nicht alles sofort durchschaue oder mit einen falschen Reim auf was mache. Nun sind die Unterschiede Deutschland/USA/Berlin/Washington DC nicht sonderlich gravierend, in den wesentlichen weltanschaulichen Fragen finde ich "uns" recht aehnlich. Bzw. die Unterschiede sind nachvollziehbar und akzeptierbar, ohne dass man gedanklich grossartig Verrenkungen machen muss. Ich halte mich an die hiesigen Gesetze und Umgangsformen, kann die Sprache und bin nett zu meinen Nachbarn. Das ist das, was ich an Integration leisten kann und will. Sollte mehr gefordert sein - von wem? - dann bleibe ich da halt was schuldig. Juckt dann hier wiederum auch keinen. Wie das in einem anderen Land waere, mit weniger westlich gepraegter Kultur und nicht so leicht lernbarer Sprache, kann ich bisher nur vermuten.

  4. #4
    choupette ist offline Veteran

    User Info Menu

    Standard Re: Sich fremd fühlen und integriert sein

    Ich denke, es kommt auch auf deine Persönlichkeit und die Lebensumstände an.

    Für dich ist das Thema sicher auch wieder besonders präsent geworden dadurch, dass euer Sohn sich ja - zumindest zur Zeit - für ein Leben in Deutschland entschieden hat.
    Ich könnte mir vorstellen, dass du dir deswegen derzeit eben besonders viele Fragen auch zu deiner eigenen "Identität" oder deinen Wurzeln stellst.
    Aber wenn ich mich richtig erinnere, hast du ja auch vorher schon angedeutet, dass dieser Sohn eben irgendwie "deutscher" war als seine Geschwister. Es ist doch schön, dass er eben beide Länder zur Auswahl hat und entscheiden konnte, es mal in Deutschland zu versuchen.

    Ich sehe das generell eher als grosse Bereicherung und denke nicht, dass unsere bi-nationalen Kinder unbedingt unter ihrer Situation leiden.
    Andere Familien haben dafür vielleicht andere "Besonderheiten", wie Patchwork-Familie oder geschiedene Eltern oder Krankheit oder anderes.
    Und auch für uns ist es doch sehr bereichernd, das Leben in zwei Ländern miterlebt zu haben und andere Erfahrungen gemacht zu haben als vielleicht der Nachbar, der nur den Platz vor seiner Haustür kennt.


    Natürlich stellt man sich ab und zu mal die Frage, war wäre wenn...?
    Wenn ich etwas anderes studiert hätte, wäre ich vielleicht nie zum Studieren nach F gekommen, hätte dort nie den Vater meiner Kinder kennen gelernt etc etc.

    Aber jedes Leben, auch innerhalb von D hätte sich sicher mehrfach in die eine oder andere Richtung weiterentwickeln können.
    Wir haben eben irgendwann aus den unterschiedlichsten Gründen die Entscheidung getroffen ins Ausland zu gehen, bzw. dann dort dort länger als ursprünglich geplant zu bleiben und eine Familie zu gründen.

    Und ich merke immer mehr, dass ich inzwischen mehr Zeit ( und vor allem all meine jungen Erwachsenenjahre) in F verbracht habe als mein vorheriges Leben in D.

    Ich fahre noch gerne und regelmässig nach D, aber ich könnte es mir inzwischen auch nicht mehr vorstellen, dort wieder auf Dauer zu wohnen, eben weil ich inzwischen dort "auch nicht mehr richtig dazu gehöre".

    Andererseits denke ich schon, dass ich hier in F "dazu gehöre", auch wenn ich ab und zu merke, dass ich die ersten 19 Jahre eben nicht französisch gross geworden bin. Das merke ich immer mehr in schulischen Dingen, die ich eben nicht so erlebt habe wie meine Kinder hier.
    Aber auch da dachte ich als meine grosse Nichte in D ihr Abitur gemacht hat, dass sich in den letzten 20/25 Jahren auch in D so einiges verändert hat.

    Allerdings kommt in deiner konkreten Situation bestimmt auch dazu, dass du jetzt in einem viel "exotischeren" Kulturkreis lebst als ich das z. B in F mache und das Leben in Israel wohl auch durch die besondere politische Lage anders ist als "nur" in einem anderen europäischen Nachbarland zu leben.

    Dass euer Sohn sich inzwischen ein bisschen "fremd" vorkommt, wenn er wieder in seiner Kernfamilie quasi zu Besuch ist, finde ich ziemlich normal und in einem gewissen Masse auch "gesund" - das nennt man wohl "erwachsen werden" und etwas Distanz zu seinem bisherigen Leben aufbauen.
    Ich denke , dass könnte auch einem deutschen Studenten passieren, der vorher eher ländlich aufgewachsen ist und zum Studieren in die Grossstadt gezogen ist... Der hat eben sehr viel Neues ausserhalb der Familie gesehen und erlebt und schaut inzwischen ganz anders und sehr viel weiter "über seinen Tellerrand", das muss nicht einmal etwas mit Länderwechsel und DoppelIdentität zu tun haben...
    Euer Sohn wir erwachsen und das ist sicher besonders beim ersten Kind auch für die Eltern eine Entwicklungsetappe! Das denke ich ja jetzt schon bei meinen zwei Pubis, mit 12 und 14 - die wirbeln meine Welt derzeit auch ziemlich durcheinander und regen zum Nachdenken an.

    Aber genug philosophiert...

  5. #5
    AbbyCadabby ist offline Nonkonformistin

    User Info Menu

    Standard Re: Sich fremd fühlen und integriert sein

    Zitat Zitat von choupette Beitrag anzeigen
    Ich sehe das generell eher als grosse Bereicherung und denke nicht, dass unsere bi-nationalen Kinder unbedingt unter ihrer Situation leiden.
    Andere Familien haben dafür vielleicht andere "Besonderheiten", wie Patchwork-Familie oder geschiedene Eltern oder Krankheit oder anderes.
    Ähm, wie ist denn das zu verstehen? "Besonderheiten", die du mit Binationalität vergleichst, sind Patchwork-Familien, geschiedene Eltern oder Krankheit? Das sind doch alles negative Dinge, die sich keiner wünscht. Binationalität als Schicksal, mit dem man fertig werden muss? So meinst du das doch bestimmt nicht?

    Und auch für uns ist es doch sehr bereichernd, das Leben in zwei Ländern miterlebt zu haben und andere Erfahrungen gemacht zu haben als vielleicht der Nachbar, der nur den Platz vor seiner Haustür kennt.
    Die Betonung liegt auf "andere". Es gibt nämlich, wie ich nicht müde werde, zu betonen, auch andere Bereicherungen. Wer kennt denn heute schon nur den Platz vor seiner Haustür, wo schon Zweitklässler auf Klassenfahrt gehen? Die Menschen reisen mehr denn je, andere erkunden mehrere Länder mit dem Wohnmobil und behalten trotzdem zeitlebens ihren Wohnsitz da, wo sie geboren sind. Wenn ich dann drei Brüder aus einem kleinen fränkischen Dorf höre, die gemeinsam von Wurzeln singen, da fühle ich regelrecht die Bereicherung: "Wie es auch kommt, wo ich auch bin, ich weiß, wo meine Wurzeln sind, zieht's mich auch fort, egal wohin, ich weiß, wo meine Wurzeln sind."

    Was mir immer eine ewig gültige Weisheit vor Augen führt: "Mache dir die Fremde zur Heimat, aber nie die Heimat zur Fremde." Mir tut jeder leid, der sich da, wo er geboren ist, nicht wohl fühlt. Es ist nur gut, dass die Leute, denen es so geht, das anders sehen und empfinden, weil sie leider nie erfahren haben, was Heimat ist.

    Ich habe mal "Third Culture Kids" von David C. Pollock u. a. gelesen. Kann ich nur empfehlen. Es wird noch einiges kommen in dieser Hinsicht, weil nämlich immer mehr dieser Third Culture Kids, die in mehreren Kulturen aufwachsen, erwachsen werden und sich zu Wort melden. Gutes wie Schlechtes.

  6. #6
    choupette ist offline Veteran

    User Info Menu

    Standard Re: Sich fremd fühlen und integriert sein

    Zitat Zitat von AbbyCadabby Beitrag anzeigen
    Ähm, wie ist denn das zu verstehen? "Besonderheiten", die du mit Binationalität vergleichst, sind Patchwork-Familien, geschiedene Eltern oder Krankheit? Das sind doch alles negative Dinge, die sich keiner wünscht. Binationalität als Schicksal, mit dem man fertig werden muss? So meinst du das doch bestimmt nicht?

    Ok, ich gebe zu, dass das wohl etwas unglücklich formuliert war von mir... denn die genannten Beispiele sind ja eher negativ konnotiert.
    Was ich damit sagen wollte, ist dass eben jeder in einem für ihn spezifischen Umfeld aufwächst und nicht alle das gleiche Leben führen, auch wenn sie vielleicht nur im Nachbarhaus leben, weil halt jeder sein persönliches "Schicksal" (das klingt allerdings wieder etwas negativ...) oder seine individuelle Lebensgeschichte hat.

    Natürlich bleibt D für mich irgendwie "Heimat", eben weil ich dort aufgewachsen bin und die erste Hälfte meines Lebens verbracht habe, aber ich stelle eben auch fest, dass ich meinen "wichtigen Jahre" zwischen 20 und 45 eben hauptsächlich (mit nur kurzen Unterbrechungen) in F verbracht habe! Diese Jahre haben mich natürlich auch ganz intensiv geprägt und ich wäre sicher eine "Andere" geworden, wenn ich in D geblieben wäre und nie den Schritt für ein Leben im Ausland gemacht hätte.

    Ich habe meinen Mann wie gesagt, während des Studienaufenthalts in F kennen gelernt und bin anschliessend nur zur Beendigung des Studiums noch mal ein knappes Jahr nach D gegangen. Soo seriös war ich damals immerhin.
    Andere Leute hätten diesen Schritt vielleicht nicht gemacht, eben weil sie sich ein dauerhaftes Leben in F mit Mann und später als Familie mit Kindern nicht hätten vorstellen können. Für mich hat das eben "gepasst".

    Als ich vor 14 Jahren mein erstes Kind in F bekommen habe, haben einige Freundinnen damals Dinge gesagt wie "Also DAS (Schwangerschaftsbetreuung bzw. Geburt) hätte ich nicht im Ausland gewollt... - und ich kenne auch deutsche Frauen in F, die quasi nur zum Gebären über die Grenze zur deutschen Familie gefahren sind.
    Aber für mich war das halt normal und selbstverständlich, da mein Leben sich eben in F abspielt, da muss ich nicht zum Kinder kriegen extra nach D fahren... zumal der medizinische Standart in F ja echt ok ist.
    So habe ich stattdessen meine "Schwangerschaftslektüre" auf Frz. gelesen - es gibt hier einen Klassiker zu dem Thema, den quasi jede werdende Mutter gelesen hat - und nebenbei noch ein bisschen deutsche Bücher, die ich von deutschen Freundinnen bekommen hatte. Auch da konnte ich mir eben aus beiden Angeboten das Passende für mich heraussuchen - wieder eine Auswahl und Bereicherung.

    Mein Leben findet seit gut 20 Jahren in F statt und deshalb habe ich sicher viele Entwicklungen und Veränderungen in D nicht mehr hautnah und live miterlebt. Insofern fühle ich mich inzwischen auch in meinem Heimatland in gewisser Hinsicht manchmal etwas "fremd", auch wenn ich mich natürlich sehr schnell wieder dort eingliedern könnte, falls ich zurückgehen würde, was bei uns allerdings gar nicht vorgesehen ist - ich fühle mich hier ja wohl und für den Rest der Familie wäre es sehr viel schwieriger sich in D zurechtzufinden.

  7. #7
    AbbyCadabby ist offline Nonkonformistin

    User Info Menu

    Standard Re: Sich fremd fühlen und integriert sein

    Zitat Zitat von choupette Beitrag anzeigen
    [...] Mein Leben findet seit gut 20 Jahren in F statt und deshalb habe ich sicher viele Entwicklungen und Veränderungen in D nicht mehr hautnah und live miterlebt. Insofern fühle ich mich inzwischen auch in meinem Heimatland in gewisser Hinsicht manchmal etwas "fremd", auch wenn ich mich natürlich sehr schnell wieder dort eingliedern könnte, falls ich zurückgehen würde, was bei uns allerdings gar nicht vorgesehen ist - ich fühle mich hier ja wohl und für den Rest der Familie wäre es sehr viel schwieriger sich in D zurechtzufinden.
    Das klingt für mich alles völlig normal und gut. Ich finde es auch nur natürlich, dass jemand nach gut 20 Jahren woanders in Deutschland erst wieder Fuß fassen müsste, würde er denn zurückgehen. Darum geht's mir aber gar nicht. Du hast dir die Fremde zur Heimat gemacht, trägst deine alte Heimat aber trotzdem immer mit dir herum. Und mit 20 Jahren das Land zu wechseln, prägt ohnehin noch einmal ganz anders als mit 30. Der Begriff der Wahlheimat passt da doch ganz gut!?

    Was man der Liebe wegen alles macht! Bei "Bauer sucht Frau" ist schon die zweite Dame nach Namibia umgesiedelt ... Und ich möchte behaupten, dass das noch einmal eine ganz andere Nummer ist als Frankreich.

  8. #8
    TexTot ist offline Veteran

    User Info Menu

    Standard Re: Sich fremd fühlen und integriert sein

    Hm, mir ging es jetzt bei unserem letzten Besuch in Deutschland genau andersrum. Der Rest meiner Familie wohnt sehr laendlich und ich musste mal wieder feststellen, dass das absolut nichts fuer mich waere. Es ist mit alles zu Eng und ich komme auch mit der Mentalitaet der Leute nicht zurecht. Alles ist konform und jeder der irgendwie anders ist oder lebt ist 'komisch'. Da komme ich mit der leben und leben lassen Mentalitaet hier wesentlich besser zurecht.
    Natuerlich wundere ich mich hier auch nach 12 Jahren ab und an ueber gewisse Sachen aber laengst nicht in dem Maase.

  9. #9
    BilingualMom ist offline Carpal Tunnel

    User Info Menu

    Standard Re: Sich fremd fühlen und integriert sein

    Ich schließ mich jetzt mal Textot an. Wobei ich kürzlich beim Nachrechnen bemerkt habe, dass ich inzwischen schon mehr als die Hälfte meines bisherigen Lebens außerhalb Deutschlands verbracht habe. Ich war schon als Kind mit meinen Eltern im Ausland - das prägt.
    If at first you don't succeed, failure may be your style.

  10. #10
    falaffel ist offline Carpal Tunnel

    User Info Menu

    Standard Re: Sich fremd fühlen und integriert sein

    Ich meinte den Ausgangsthread gar nicht so negativ, wie er anscheinend verstanden wurde. Abby hat in ihrem ersten Beitrag den Punkt genau getroffen: Es liegt in erster Linie an MIR. Ich war nie "Maintream", wie sie es nennt, weder in DE noch hier. Ich habe schon immer anders gedacht oder Dinge anders gemacht. Ich hatte auch nie darauf gehofft, dass das Leben hier mehr "passen" koennte. So naiv war ich nicht.
    Vermutlich bin ich auch etwas familiaer vorbelastet. Meine Eltern sind "Zugezogene", mein Vater (Fluechtlingskind) tickt aehnlich wie ich, ich war noch nie sonderlich "heimatverbunden" und habe mich darum mal bereitwillig auf das Abenteuer Israel eingelassen.

    Ich bin vom Dorf im Dorf gelandet und wenn ich es genau analysiere, liegt da der Grund, dass man sich MANCHMAL (das moechte ich betonen und es ist eine rein einseitige Sicht) etwas "aussen vor" vorkommt: Hier kennen sich alle seit Ewigkeiten, sind teilweise verwandt, ein Leben lang zusammen aufgewachsen und sind -ueber das Dorf hinaus- Teil einer winzigen nationalen Minderheit. Das schweisst zusammen, und wenn ich anderswo in solch einer Gesellschaft gelandet waere, kaeme ich mir garantiert auch manchmal etwas "strange" vor.
    - Es ist ein grosser Unterschied, ob man mit einem deutschen Partner woanders lebt, in "neutraler Umgebung" oder irgendwo "eingeheiratet" hat.

    Dann merke ich manchmal sehr deutlich, welche Auswirkung die Geschichte eines Volkes / Landes auf seine Mentalitaet hat. Die unterscheidet sich bei meinem m Mann und mir SEHR voneinander, hat aber gewisse Schnittmengen, auf die wir mit sehr unterschiedlichen Perspektiven schauen. Gerade In Israel kommt man nicht umhin, sich mit Geschichte und Politik auseinanderzusetzen weil sie Einfluss aufs Alltagsleben haben, was manchmal etwas anstrengend ist.

    - Dass es auch nach langer Zeit im Ausland mal Sachen gibt, ueber die ihr euch "wundert", was euch "fehlt" , was "fremd" ist, o.ae., klingt doch durch und das beruhigt mich.

    Meine Tochter findet es gut und bereichernd, "anders" aufzuwachsen, was uebrigens nicht nur an mir, sondern auch an meinem Mann liegt, der ebenfalls etwas "aus dem Rahmen" faellt. Mein aeltester Sohn hat einen anderen Charakter und fand es immer schwierig. Und auch wenn er in DE seinen Platz gefunden hat, haette er uns am liebsten auch auf der anderen Seite des Mittelmeeres.


    Sein Gefuehl hier halte ich fuer voellig normal und positiv, ich war sogar sehr froh darueber: Ja, es ist das Abnabeln, das den eigenen Weg Gehen, erwachsen Werden. Darum habe ich geschrieben, dass ich dieses Gefuehl auch ohne Laenderwechsel mal hatte. - Und immer wieder habe, wenn ich meine Eltern laenger besuche.Geht wohl jedem so.


    Bilingualmom, die du ja eher durch die Welt "tingelst" und, wenn ich mich recht entsinne, selbst schon zweisprachig bist: Fuehlst du dich "heimatlos"? Braucht man sowas wie "Heimat" ueberhaupt (eigentlich hatte ich daran ueberhaupt nicht gedacht), wo fuehlst du dich "dazugehoerig"?

Seite 1 von 9 123 ... LetzteLetzte

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •