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Thema: Frühstart ins Leben

  1. #1
    Famvamu ist offline Stranger
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    Daumen hoch Frühstart ins Leben

    galt für unsere Zwillinge Hanna und Jan. Ihr erster Auftritt war eigentlich um den 06.10.2007 geplant. Doch sie kamen schon am 25.06.07 auf die Welt.

    Zu früh für ihre Nieren, die noch nicht richtig arbeiten. Zu früh für ihre Haut, die an ihren winzigen Knochen schlabbert wie ein zu großer Schlafanzug.
    Zu früh für ihren kleinen Mund, der noch keine Kraft hat, um Milch zu saugen.

    Mit gerade mal 540 und 740 Gramm wogen sie kaum mehr als je zwei Päckchen Butter, als beide den Mutterleib gegen einen Inkubator tauschen mussten. Ihre Arme waren kaum dicker als mein Mittelfinger. Beide Babys hatten nach ihrer Geburt Platz in je einer Männerhand – unvorstellbar nicht war.

    Die Geburt unserer frühgeborenen Kinder war für uns Eltern ein Schock. Sie erfolgte unerwartet und somit ohne die Möglichkeit der Vorbereitung. Meine Frau Birgit war durch die (Kaiserschnitt-)Geburt geschwächt und konnte nicht unmittelbar und in vollem Umfang Kontakt zu Ihren Babys aufnehmen. Ich als Vater fühlte mich überfordert in dem Bewusstsein, sich um meine Frau und die Babys kümmern zu müssen, ohne richtig zu wissen, was ich eigentlich tun kann. Hinzu kommt das sich "zerreißen" zwischen Klinik und zu Hause (150 km), da unser damals fünfjähriger Sohn Simon ja auch noch betreut werden musste.

    Hilflosigkeit, Angst und Verzweiflung waren unsere ersten, überwältigenden Gefühle als Eltern von extrem Frühgeborenen. Es ist unschwer vorstellbar, dass eine solch ungewisse Situation unser aller seelisches Gleichgewicht erheblich erschüttert hat.

    Die neonatologische Abteilung 3 und 2 im Klinikum Tübingen wurde für meine Frau ungewollt zum zweiten Zuhause, der Alltag war völlig aus den Fugen geraten, nichts war mehr so wie früher, nichts hatte Bestand, das Befinden der kleinen Patienten konnte sich jederzeit ändern.

    Ich fuhr im ersten Monat fast täglich von Konstanz nach Tübingen, um meine Frau und den Kindern zur Seite zu stehen. Für Simon hatte ich eine Familienpflegerin, die mir sehr viel Arbeit und Betreuung abnahm. Er durfte leider lange Zeit nicht mit in die Neonatologie, um seine Geschwister zu sehen. Deswegen weinte er oft, da er es nicht verstehen konnte. Noch mehr fehlte ihm seine Mutter.

    Jan und Hanna hatten in der ersten Woche viel durchzumachen. Vor allem Jan, seine Lunge konnte aufgrund der Unreife nicht ausreichend arbeiten, er brauchte viel Unterstützung durch Medikamente und musste oft auf Hochfrequenzoszillation und Stickoxydbeatmung umgestellt werden. Dabei vibrierte und zitterte sein winziger Körper, in dem Rhythmus, den das Beatmungsgerät vorgab, was für uns schwer zu ertragen war.

    Jan hatte längere Zeit einen Tubus, der in seiner Nase verschwand und am anderen Ende mit einem Beatmungsgerät verbunden war. Beide trugen enge Mützen, an denen Schläuche befestigt waren. Zwei kleine Ansätze führten Sauerstoff in die Nase. Herzschlag und Atmung wurden über drei auf den Brustkorb geklebte Elektroden registriert und am Monitor als Kurve und Zahlenwert angezeigt. An den Füßen befand sich ein leuchtender Sensor, der über die Sauerstoffsättigung des Blutes Auskunft gab.

    Ihnen wurde es im Inkubator aber so gut es ging gemütlich gemacht. Neben ihnen standen Plüschtiere. sie waren fast genauso groß wie die Winzlinge. Die Temperatur und Luftfeuchtigkeit im Kasten waren für die Frühchen optimal, als würden sie sich wohlfühlen.

    Zudem hatten beide, begünstigt durch Sauerstoffmangel, Gehirnblutungen bekommen. Es hörte nicht auf, täglich offerierten uns die zuständigen Ärzte neue, für uns erschreckende Diagnosen, wie Magenblutungen, Darmentzündungen, Neugeborenensepsis und anderes.

    Irgendwann später war es soweit, meine Frau Birgit durfte Hanna auf ihre Brust legen.
    Diese, dann sehr oft praktizierte Känguru-Haltung liebten unsere Frühchen, weil es sie an die Zeit in Mamas Bauch erinnerte.

    Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen.
    Eine Schwester füllt ein paar Tropfen Milch für Jan in einen Minisauger und hält ihn zu ihm hin. Zaghaft beginnt er zu nuckeln. Mehrmals am Tag wurde er so animiert, Saugen und Schlucken zu erlernen. Doch große Mengen kann er noch nicht aufnehmen. Nach ein paar Schlucken dreht sich Jans Köpfchen weg. Nicht so schlimm: Er hat eine Magensonde. Aus seinem Mund ragt ein millimeterdünner Schlauch. Mit einem Herzchenpflaster ist er auf der Wange befestigt. Schwester Jasmin füllt die Milch in eine Spritze und drückt sie in winzigen Portionen in den Schlauch. Jan lässt sich von der Prozedur nicht beeindrucken. Er schläft schon wieder. Danach ist Hanna dran mit der gleichen Prozedur.

    Dem Zeitpunkt der Entlassung unserer Frühgeborenen sahen wir mit gemischten Gefühlen entgegen. Wir erhielten für beide einen Heimmonitor zur Überwachung der Vitalfunktionen. Zum einen freuten wir uns natürlich, zum anderen hatten wir Sorge, den auf uns zukommenden vielfältigen Anforderungen gerecht zu werden. Die Frühgeburtlichkeit der Babys brachte uns ungeahnte Anpassungsprobleme ein. Jan und Hanna waren labiler Stimmung, wenig ausdauernd und anpassungsunfähig. Unsere gutgemeinten Kontakt- und Spielangebote quittierten sie mit exzessiven Schreien und anhaltender Schlaflosigkeit. Ein Beruhigen war sehr oft nicht möglich, obwohl mit den Kindern ruhig umgegangen, geschmust, und geschaukelt wurde.

    Das An- und Ausziehen, zu Bett bringen, Beruhigen, Verlassen und Wiederaufsuchen der Wohnung empfanden wir durch die Verkabelung der Kinder mit den Monitoren und deren Bedienung als Mehrbelastung, die erheblich mehr Zeitaufwand verursachte. Die Monitore mussten alle 80 min an das Stromnetz angeschlossen werden, da der Akku nicht länger hielt und Alarme verursache.

    Meiner Frau war es nicht möglich, den PKW zu benutzen, da die Überwachung der Monitore und Kinder auf deren Vitalfunktion beim Fahren nicht sichergestellt war. Zumal es oft zu Apnoen / Bradykardien bei beiden Kindern kam, wo schnelles Handeln erforderlich war.

    Die Körperpflege (Wickeln, Waschen, Baden) gestaltete sich aufwendig, da die Verkabelungen und Elektroden gelöst und neu angebracht werden mussten.

    Belastend waren auch die Schwierigkeiten beim Stillen und zufüttern, die irreguläre Atmung, voran die immer wiederkehrenden Apnoen / Bradykardien beider Kinder (ständige Alarme vor allem in der Nacht), häufig veränderte Haut- und Gesichtsfarbe, extremes und ruckartiges Überstrecken, das exzessive mehrstündige Schreien beider Kinder zu unterschiedlichen Zeiten vor allem zwischen 18:00 Uhr bis 23:00 Uhr und 03:00 Uhr bis 05:00 Uhr.

    Unser Erstgeborener reagierte teilweise extrem mit Verhaltensweisen, die anscheinend längst überwunden waren, er brauchte ein mehr an Aufmerksamkeit und Zuwendung im Rahmen des derzeit möglichen.
    Ich machte nach der Arbeit ab 17:00 Uhr alle Pflegerunden bis morgens um 06:00 Uhr mit, wir teilten uns die Aufgaben Tag für Tag so gut es ging. Danach ging ich müde, manchmal ohne eine Stunde geschlafen zu haben, zur Arbeit. Meiner Frau ging es nicht besser, sie war ja rund um die Uhr mit der Situation konfrontiert, ohne Pausen zu haben.

    Nach drei Wochen mit diesem anhaltenden Zuständen waren wir am Limit, wir litten zwischenzeitlich an ausgeprägten Schlafstörungen, konnten nicht mehr tiefschlafen. War es nicht das Schreien der Kinder, waren es die Alarme der Monitore, die uns wieder wachrüttelten.

    Oftmals waren wir hilflos, hatten Angst und fühlen uns allein gelassen. Wir merkten vielleicht noch frühzeitig, dass wir uns in einem ungünstigen Kreislauf befanden, aus wachsender Unsicherheit, zunehmender Erschöpfung durch Schlafmangel und Selbstzweifel an unseren Fähigkeiten als Eltern.

    Vor allem meine Frau, kämpfte mit den Symptomen psychischer und physischer Überlastung.
    Beiläufig bemerkten wir auch, dass wir uns resignativ auf die pure Pflege der Kinder zurückgezogen hatten.

    Wir suchten schließlich einen Ausweg aus dieser Situation und fanden Hilfe in der Kinderklinik Konstanz.

    Dort begannen wir in den drei Wochen mit Hilfe der Ärzte und Schwestern allmählich zu lernen, woran wir die Überforderung unserer Babys erkennen können. Seitdem hatte sich die Situation grundlegend und zum positiven geändert.

    Heute sage ich, nach nun mittlerweile 5 Jahren Erfahrung mit den beiden, dass sie unser Leben entgegen aller Befürchtungen nur bereichert haben. Sie gaben uns eine andere Sichtweise auf unsere Welt in ihrer Umgebung. So sehr die Zeit vor ihrer Geburt und einige Monate ihres Lebens auch noch durch Unsicherheit gekennzeichnet waren, so uneingeschränkt froh sind wir jetzt, beide bei uns zu haben, so wie sie sind!

    Hanna und Jan sind längst keine Babys mehr, sondern selbstbewusste, kleine Kinder geworden, die wissen, was sie wollen und dies auch versuchen durchzusetzen. Vor allen Dingen möchten beide vieles alleine tun, selber schaffen, wie jeder Reifgeborene auch.

    Hanna ist die eindeutig Aktivere, sie ist schnell und geht strukturiert und gezielt vor, ohne Anzeichen von Angst und Furcht. Erreicht sie nicht das Ziel oder scheitert an ihrem Vorhaben, wird sie sauer, manchmal mächtig sauer.

    Jan ist anders, er ist der der schaut, mit Blicken überprüft, abwartet, meist fröhlich und zufrieden, wenn da nicht immer wieder das leere Bauchgefühl wäre, darüber hinaus ist er auch noch ein richtiger Schmuser. Er scheint stets zu prüfen, ob eine Aufgabe im positiven oder negativen Verhältnis zum Eigennutz steht. Wenn er nicht will, dann ist das Gesetz, Punkt. Er hat eben seinen eigenen Mikrokosmos.

    Beide quasseln und singen den ganzen Tag, lachen, weinen. Sie beschäftigen sich sehr oft selbst miteinander und sind unzrertrennlich

    Auch unser Simon spielt gern mit seinen Geschwistern, mit denen er „endlich etwas anfangen“ kann.

    Es stellt sich für uns Eltern sicherlich manchmal die Frage, wie die Entwicklung unserer Zwillinge verlaufen wird. Bisher haben wir zusammen mit Ärzten und Spezialisten einige frühgeburtlich, bedingte Entwicklungsrückstände aufgeholt. Probleme gibt es noch genügend, der Umgang damit ist jedoch im Vergleich zur damaligen Situation, nach der Entlassung aus dem Krankenhaus, wesentlich leichter.

    Wir Eltern haben damals „unser Leben“ für die Pflege, Entwicklung und Fürsorge unserer Problemkinder ziemlich aufgegeben. Glaubt uns, wir kennen Verzweiflung, Angst und auch das Gegenteil von Lebensfreude zu Genüge. Setze ich diesen großen Klumpen Nachteile ins Verhältnis zur gegenwärtigen Situation und unserer Sicht auf die Dinge heute, bleibt mir nur eines festzustellen.

    Ja, es hat sich gelohnt, wir sind eine starke Familie geworden. Jeden Tag bekommen wir Eltern etwas Neues von unseren Kindern zurück. Wir wissen heute mehr den je was Verzicht, Angst, Verzweiflung bedeuten, wir wissen aber auch mehr den je über Leben, Chancen, menschliche Wärme und Hoffnung.

    Letztere war unser engster Vertrauter über die ganze Zeit. Sie hat uns nicht enttäuscht.

    LG Mike (der Papa)
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  2. #2
    Lightley ist offline Pooh-Bah
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    Standard Re: Frühstart ins Leben

    Hallo!

    Ich kann euch das alles gut nachempfinden. Meine Große ist zwar in der 36 woche zur weltgekommen, hatte aber eine schwere Infektion... wir hatten großes Glück, das sie jetzt bei uns ist..

    Sie ist nach der Geburt (1.25 Uhr)immer schwächer geworden, hat nur gewimmert, etwa nach 3 Stunden wurde sie dann in den Inkubator gelegt, und bekam Sauerstoff angereicherte Luft.
    Um 9 Uhr durfte ich dann kurz zu ihr auf die Überwachungsstation. Es war sehr viel hin und her. Die diensthabende Ärztin hatte nicht richtig reagiert, und weiter abgewartet. Mann konnte zu sehen wie es unsere Tochter immer schlechter ging.
    Dann am frühen Nachmittag kamm eine andere Ärztin.
    Sie organisierte sofort einen Transport in das nächste KH mit einer Säuglingsintensivstation.
    Ihre aussage dazumals : Sie müsse sofort verlegt werden, sonst würde sie immer schwächer und könne nicht mehr transportiert werden. Und hier würde sie nicht überleben....

    Meine Tochter wurde bereits für den Transport vorbereitet, im Tiefschlaf....
    Ich konnte sie noch mal sehen, bevor sie sie mitnahmen. Für meinen Mann war es ein großer Schock, die vielen Kabel, und Geräte.
    Ich war Rettungssanitäter beim Roten Kreuz. Ich wußte das ihr das alles helfen würde, auch wenn es momentan "schlimm" aussah.
    Meine Tochter wurde dann per (um ca 17 Uhr) Hubschrauber von der Oberärztin und einer Säuglingsschwester der Intensivstation abgeholt. Normalerweise geht das nicht, denn viele Krankenhäuser haben nicht das Personal dazu...
    Ich wurde dann spät abends noch in das andere Krankenhaus etwa 50 km entfernt verlegt.
    Leider war ich sehr weit von meiner Tochter entfernt im Haupthaus untergebracht.
    Ich durfte aber noch mit der zuständigen Säuglingsschwester telefonieren, als ich ankam.

    Ich habe die folgenden Tage so genommen wie sie kamen, nicht darüber nachgedacht was passiert wenn sie stirbt. Ich war im hier und jetzt, sass bei meiner kleinen Tochter, und streichelte sie.
    Mein Mann sagte immer, er bewundere mich, das ich das aushalte, und nicht verzweifle. Wenn er kam dann gingen wir oft nach drausen.
    Jetzt hies es abwarten wie sie auf die Medikamente ansprach.
    Sie bekamm 3 verschiedene Antibiotika, und hatte insgesamt 7 verschiedene Infusionen. Sie wurde beatmet, und hatte eine Sonde für die Nahrung hatte sie durch die Nase.
    Am zweiten Tag wurde uns gesagt das sie ihr Flüssigkeit aus der Wirbelsäule entnehmen müssten, weil sie den verdacht hätten das sie auch eine Entzündung in Gehirn hätte.....
    Leider war das ergebnis der untersuchung nicht eindeutig, und so mußte sie länger antibiotika bekommen.
    Am 3 Tag wurde das Medikament für den Tiefschlaf abgesetzt, und dann konnte sie selber atmen. Von da an ging es bergauf.
    Wir freuten uns riesig als sie munter wurde, und endlich richtige lebenszeichen von sich gab. Wir wurden dann in die Plege einbezogen, und durften vielles selber machen, und auch endlich kuscheln...
    Unsere Maus bekam anfangs 5 ml Milch in ihr Fläschchen, das sie bald trinken durfte. (bekam aber auch über die Sonde was)
    In gegensatz zu ihrer schwester die von anfang an ca 70 ml trank!
    Wir konnten nach einer Woche wieder in das KH gebracht werden in dem sie geboren wurde... und ein paar Tage später durfte ich sie dann bei mir am Zimmer haben, da sie nur noch das Antibiotika bekam.
    Ein Zitat der Oberärztin der Intensivstation "Wenn sie gesund wird, dann ganz"

    Sie hatte recht.
    Obwohl meine Tochter oft sehr unruhig ist, und sich schwer konzentrieren kann.

    Es ist jetzt schon so lange her, aber ich muß noch immer weinen wenn ich an das alles zurück denke, und welches Glück wir doch haben, jetzt eine gesunde Tochter zu haben.

    Jetzt bekomm ich mein drittes Kind, die größte meiner Ängste ist, das es viel zu früh auf die Welt kommt, und ich mich wochenlang nicht um meine älteren Kinder kümmern kann.

    Lg Lightley

  3. #3
    Famvamu ist offline Stranger
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    Standard Re: Frühstart ins Leben

    Hallo Lightley

    danke für die Zeilen und Antwort. Es zeigt mir, dass es Menschen gibt, die ähnliches erlebt und durchgemacht haben. Für euer drittes Kind wünsche ich euch alles erdenklich Gute. Ich glaube auch, das es euch besser gelingen würde, als anderen Menschen, mit Schwierigkeiten umzugehen. Ihr habt es doch schon gezeigt, dass ihr ein starkes Team seit. Abgesehen davon, dass alles gut geht, wovon ich fest überzeugt bin, habt ihr alles im Griff.


    LG Mike

  4. #4
    Sternchen2005 ist offline enthusiast
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    Standard Re: Frühstart ins Leben

    Hallo,

    ich erzähle euch auch unsere Geschichte, denn auch als nicht so wirklich richtiges Frühchen, kann der Start ins Leben sehr sehr schwer sein. Mein Mann und ich hatten bereits zwei Kinder- 6 und 11 Jahre alt, als unser Kleiner in der 36+3 SSW geboren wurde. Ohne Vorzeichen ist mir in der Nacht die Fruchtblase geplatzt und unser Kind per KS geboren worden. Mein zweites Kind wurde auch zu genau der gleichen SSW geboren und war fit, gesund und durfte zu mir aufs Zimmer, deshalb hatte ich mir auch bei dieser Geburt keine großen Sorgen gemacht was die Reife des Kindes anging. Als er allerdings sofort nach der Geburt aus dem Kreissaal getragen wurde und zwei Kinderärzte sich an ihm zu schaffen machten, wurde mir Angst und Bange. Da das Krankenhaus keine Kinderintensivstation hatte, wurde er sofort im Inkubator abgeholt und in ein anderes Krankenhaus gebracht. Die Angst und die Sorge um mein Kind waren unerträglich für mich. Dazu kam, dass ich in einem Zimmer mit einer anderen Frau lag die Rooming -in betrieben hat und den ganzen Tag mit ihrem Kind kuschelte. Mir blieben nur ein paar Fotos die mir mein Mann mitbrachte und die Infos die er mir gab. Unser Kind wurde mit Tubus beatmet, er hatte ca. 25 Schläuche an und in seinem Körper und einen Zugang für Medikamente direkt zum Herzen, er bekam 3 versch. Antibiotika und zig andere Medikamente die im Minutentakt in seinen kleinen Körper flossen. Die Ärzte wussten nicht was er genau hatte, behandelten symptomatisch, denn alle Untersuchungen diverser Organe waren unauffällig. Fest stand nur das sein Körper durch Wassereinlagerungen total aufgequollen war und er nicht atmen konnte. Zu meinem Kind verlegt werden konnte ich wegen wirtschaftlicher Aspekte der Klinik nicht, weshalb ich mich dann nach 3 Tagen (nach Kaiserschnitt) selbst entlassen habe um bei meinem Kind sein zu können, dem es scheinbar immer schlechter ging. Noch während wir uns auf den Weg in die Kinderklinik machten, kam ein Anruf auf das Handy meines Mannes und der Arzt teilte uns mit, das unser Kind soeben zwei Herzstillstände erlitten hat und sie ihn fast verloren hätten. Ich konnte nur noch weinen und wollte so schnell wie möglich zu meinem Kind.

    Dort angekommen sprachen wir mit dem Arzt der uns sagte dass unser Kind sehr sehr krank sei und keiner weis ob er es überleben würde. Um einem eventuellen Sauerstoffmangel im Gehirn (durch die Herzstillstände) und den daraus resultierenden Schäden vorzubeugen, würde man das Kind jetzt auf eine Eisgelmatratze legen und seine Körpertemperatur absenken, so würde sich das Gehirn besser erholen. Damit sind die medizinischen Mittel nun fast ausgeschöpft und wenn er nicht bald die Kraft aufbringen würde selbst zu atmen bzw. das sich sein Zustand stabilisiert, müsste man mit dem Schlimmsten rechnen. Wie sich diese Worte für frischgebackene Eltern anfühlen, kann ich nicht in Worte fassen.

    Zum Glück waren gerade Ferien und meine beiden Großen konnten gut von Oma und Opa versorgt werden, Schule war kein Thema und alle (Geschwister, Oma´s, Opa usw.) haben zusammen geholfen, sodass ich den ganzen Tag bei meinem Baby sein konnte- ohne schlechtes Gewissen. So saß ich da bei ihm, Stunde um Stunde, Tag um Tag und auch mein Mann kam vor der Arbeit und sofort nach der Arbeit wieder- wir haben ihn gestreichelt, besungen, gehalten, waren einfach bei ihm und jeder Tag an dem es keine Verschlechterung seines Zustands gab, war ein guter Tag. Wir hangelten uns vom Morgen bis zum Abend und dann Zuhause vom Abend durch die Nacht bis zum Morgen. Geschlafen habe ich kaum, die Sorge um mein Kind und das ewige Abpumpen der Muttermilch ließen keinen Schlaf zu- oder nur wenig. In der Nacht rief ich alle Stunde in der Klinik an um zu hören, das es dem Kleinen nicht schlechter geht. Dazwischen mussten wir uns ja auch immer wieder mal um unsere anderen Kinder kümmern, die das Ganze nun auch sichtlich mitgenommen hat und die sehr traurig waren. Woher wir die Kraft für all das nahmen, weis ich nicht, es ging einfach. Nach ca. 10 Tagen kam dann plötzlich die Wende und man konnte nun deutlich sehen, dass sich das eingelagerte Wasser in seinem Körper reduzierte und er zunehmend weniger Blutdruckmittel oä. brauchte. Endlich ging es leicht Bergauf- wir waren so froh, so unglaublich froh.

    Zwei Tage später kam ich früh am Morgens in der Klinik an, gehe in das Zimmer meines Kindes und da lag er- ohne Tubus- nur noch mit C-Pap Maske (und natürlich den ganzen anderen Kabeln). Ich musste weinen vor Glück! Noch am selben Tag habe ich ihm zum Känguruing auf die Brust gelegt bekommen und von da an ging es jeden Tag ein bißchen besser, jeden Tag ein Kabel weniger, schließlich keine Beatmungsmaske mehr und genau drei Wochen nach seiner Geburt durften wir ihn mit nach Hause nehmen.

    Die EEG Untersuchungen nach einem, drei und sechs Monaten waren unauffällig und heute ist unser kleiner Räuber wohl auf, spricht für seine 1,5 Jahre schon viele Worte, läuft wie ein Wisel durch die Wohnung, saust auf seinem Bobbycar den Gang auf und ab und auch Treppen steigen ist kein Problem. Einzig die Bronchen bzw. Lunge machen etwas Probleme- so hatten wir nun schon eine obstr. Bronchitis, aber im Vergleich zu dem "was hätte sein können" sind wir dank vieler Schutzengel doch gut davon gekommen.

    Wir sind heute so glücklich und dankbar dafür, dass wir unseren Kleinen haben- bzw. haben durften und fühlen uns als Familie richtig komplett. Es gibt einen Spruch den ich mir jeden Tag sage "viele versäumen das kleine Glück, weil sie auf das Große vergeblich warten". Für mich ist das kleine Glück, wenn ich meine Kinder lachen sehe und es ihnen Gesundheitlich gut geht!

    LG Sternchen
    Geändert von Sternchen2005 (26.01.2013 um 22:14 Uhr)
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  5. #5
    Kleene29 ist offline enthusiast
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    Standard Re: Frühstart ins Leben

    Auch ich kann mich einreihen...
    Unsere Tochter musste bei 35+3 per Notkaiserschnitt geholt werden. Stark unterversorgt, in gefahr durch mein Hellp Syndrom. Von jetzt auf gleich standen zig leute bei mir -nach dem meine geistesgegenwärtige hebamme mich ins kh gefahren hat. Nahmen blut ab, legten bluttransfusionen an, hielten mir zettel zum unterschreiben unter die nase, fragten nach der nummer meines mannes. Ich musste mich umziehen, ab aufs bett. Mein mann durfte sich noch verabschieden. Ab in den op. Akute lebensgefahr. Anästhesist strich mir über den kopf, krankenschwester hielt meine hand. Schwarz. Ich wache auf. An schläuchen auf der intensiv, mein bauch leer.... Nur mein mann ist bei mir. Zeigt mir ein bild unserer tochter... 1990g, 44cm. Verlegt in eine andere Klinik mit Frühchenintensiv....
    Es war der blanke horror. Ich war so einsam, so leer....
    Ich kämpfte damit ich auf normalstation kam, ließ mich mit 3 schläuchen im bauch auf eigene verantwortung zu meiner tochter fahren. Da lag die nun in ihrem inkubator... So klein, dünn, einsam.... Sie kämpfte wacker, genau wie ich. Nach meiner entlassung war ich 12 std am tag bei ihr. Sie verbrachte die meiste zeit auf meiner brust. Sie trank sehr schleppend, musste aufgrund des hellp streng überwacht werden. Als sie heim durfte war selbst der maxicosi mit neugeboreneneinsatz viel zu gross... Sie brauchte mehrere spucktücher unter dem po um halbwegs gut darin zu liegen....
    Seither kämpfen wir um jedes gramm, um jeden gesunden tag. Ihre lunge ist sehr empfindlich, ihr gesamtes immunsystem ist recht angeschlagen. Wir waren in den letzten 20 monaten nicht nur einmal im krankenhaus...
    Ich weiss was es heisst wenn eine frau aufwacht und einen leeren bauch hat. Der bauch in dem kurz vorher noch ein kind strampelte.... Aber wir haben eine sehr sehr enge bindung zueinander. Viele mögen das übertrieben finden, aber diese frühe trennung hat uns eng zusammengeschweisst.
    Unsere tochter ist für uns etwas ganz besonderes und durch das was wir erlebt haben, weiss ich das leben erst zu schätzen. Ich weiss, dass es unnötig ist sich über kleine dinge aufzuregen, denn dafür ist das leben viel zu kostbar!
    Auf unserer hochzeit vor gut einem jahr sagte der trauzeuge meines mannes sehr wahre worte:
    "Ich habe noch nie ein Paar gekannt, dass so zufrieden mit sich und seinem leben ist wie die beiden"
    Ja, wir sind zufrieden, weil wir UNS haben!!!!
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