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Thema: Medizinische Indikation

  1. #1
    Tabea. ist offline Stranger

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    Standard Medizinische Indikation

    Hallo miteinander,

    vor einigen Tagen gab es ja in einem anderen Thread ein paar Beiträge zum Thema der medizinischen Indikation. Um dieses im Kontext der Pränataldiagnostik offensichtlich sehr wichtige Thema einmal unabhängig von diesem Thread näher zu erörtern und gerne auch zu diskutieren, eröffne ich hier einen neuen Thread dazu. (Dass ich erst jetzt etwas dazu schreibe, liegt übrigens daran, dass ich zuvor einiges recherchiert und gelesen habe.) Ich hoffe, Ihr nehmt es mir nicht übel, dass mein Beitrag doch recht lang geworden ist und vielleicht etwas "unimäßig" daherkommt.

    Tibby, Du hattest dort geschrieben:

    Was man aus dem verlinkten Thread lernen kann, und das hast du ja auch schon erwähnt, ist absolute Ehrlichkeit sich selbst gegenüber. Nur so kann man einen Weg finden, mit der Entscheidung, egal, wie sie ausfällt, weiterzuleben. Denn es geht tatsächlich nur um dich, jenseits der Frist, in der der eine Abtreibung straffrei bleibt, muss ein Notlage der Mutter (physisch oder psychisch) vorliegen. D.h. es geht wirklich nur darum, dass du (und du im Kontext deiner Familie) sich das Leben mit dem Kind nicht zutraut. Und das ist auch ein zulässiger Gedanke. Nur du kennst dein Leben und deine Situation. Und dafür musst du dich auch nicht verstecken. Denn du würdest Verantwortung für ein Kind für einen längeren Zeitraum übernehmen, als das sonst üblich ist. Gleichzeitig haben auch Kinder, die mit T21 geboren werden, ein Lebensrecht und auch eine Lebensqualität, über die sie letztendlich nur selbst befinden können. Ich kann gut verstehen, dass Menschen mit T21 die Pränataldiagnostik speziell auf T21 ablehnen. weil sie ihnen in häufiger Konsequenz das Lebensrecht abspricht. Das ist der Widerspruch, den man ganz individuell für sich lösen und aushalten muss.
    Das kann ich wirklich nachvollziehen und möchte Dich dafür auch überhaupt nicht kritisieren, wohl aber darauf hinweisen, dass es nicht ganz der derzeitigen Rechtslage in Deutschland entspricht.

    Maßgeblich für diese ist nämlich § 218a Abs. 2 StGB:

    Der mit Einwilligung der Schwangeren von einem Arzt vorgenommene Schwangerschaftsabbruch ist nicht rechtswidrig, wenn der Abbruch der Schwangerschaft unter Berücksichtigung der gegenwärtigen und zukünftigen Lebensverhältnisse der Schwangeren nach ärztlicher Erkenntnis angezeigt ist, um eine Gefahr für das Leben oder die Gefahr einer schwerwiegenden Beeinträchtigung des körperlichen oder seelischen Gesundheitszustandes der Schwangeren abzuwenden, und die Gefahr nicht auf eine andere für sie zumutbare Weise abgewendet werden kann.
    Bemerkenswert ist daran, dass der Schwangerschaftsabbruch "nach ärztlicher Erkenntnis angezeigt" sein muss, d.h. die diesbezügliche eigene Einschätzung der Schwangeren gerade nicht als maßgeblich angesehen wird.

    Hält also eine Schwangere den Abbruch für aus den genannten Gründen "angezeigt" (und sieht auch keine zumutbare Alternative), ein damit befasster Arzt jedoch nicht, darf der Arzt keine diesbezügliche Bescheinigung ausstellen (anderenfalls machte er sich nach § 218b Abs. 1 StGB strafbar) und der Abbruch bleibt nach dem Willen des Gesetzgebers rechtswidrig und grundsätzlich strafbar (letzteres nicht bei Erfüllung der Voraussetzungen des Absatzes 1, also der sog. Fristen- oder Beratungsregelung innerhalb der ersten zwölf Schwangerschaftswochen). Umgekehrt bleibt der Abbruch natürlich rechtswidrig und strafbar, wenn ein Arzt ihn für "angezeigt" (und alternativlos) hält, die Schwangere aber nicht einwilligt.

    Für diese Regelung gibt das Bundesverfassungsgericht in seinem sog. zweiten Abtreibungsurteil [1] einen verfassungsrechtlichen Grund an, indem es die Wertung als "nicht rechtswidrig" nur bei einer Feststellung des Vorliegens besonderer Voraussetzungen, "sei es durch die Gerichte, sei es durch Dritte, denen der Staat kraft ihrer besonderen Pflichtenstellung vertrauen darf und deren Entscheidung nicht jeder staatlichen Überprüfung entzogen ist", als zulässig erachtet (Rn. 207), nicht aber bei einer "'Selbstindikation' der Frau" (Rn. 209).

    "Nicht rechtswidrig" bedeutet dabei, dass der der Tat nach Wertung der Rechtsordnung grundsätzlich innewohnende Unrechtsgehalt durch die besonderen Umstände von deren Begehung aufgehoben ist, wie dies etwa auch bei der Notwehr (§ 32 StGB) der Fall ist. (Aus diesem Grund hat es auch die Wertung der Abbrüche nach der Fristen- oder Beratungsregelung als "nicht rechtswidrig" abgelehnt, weshalb diese jetzt nicht mehr so bezeichnet werden, wohl aber straflos bleiben. Und wegen dieser unterschiedlichen rechtlichen Wertung werden Abbrüche wegen medizinischer Indikation von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt, solche nach Fristen- oder Beratungsregelung dagegen nicht (§ 24b SGB V).)

    Eine wichtige Frage, die sich natürlich stellt, ist, was genau unter den im Gesetzestext vorkommenden sog. unbestimmten Rechtsbegriffen (etwa "Gefahr", "schwerwiegend" oder "zumutbar", die dort ja nicht näher erläutert oder gar definiert werden) zu verstehen ist. Dazu möchte ich auf die m.E. sehr lesenswerte Dissertation von Jana Rohloff-Brockmann [2] verweisen, die sehr ausführlich darauf eingeht (S. 69-103 [auf den Seiten, nicht darüber im PDF-Reader] mit umfangreichen Nachweisen, hier relevant insbes. S. 77-79).

    Zur Frage nach dem möglichen Vorliegen einer Gesundheitsgefahr i.S.v. § 218a Abs. 2 StGB aufgrund einer pränatal diagnostizierten kindlichen Behinderung führt sie darin aus:

    Aus der Notwendigkeit des Abstellens auf die individuellen Gegebenheiten der Frau, auch ihre gesundheitliche Prädisposition, ergibt sich schon, dass jedenfalls grundsätzlich Art und Schwere der kindlichen Schädigung nicht abstrakt oder generell festgelegt werden können, sondern immer im Zusammenhang und in Relation zu den damit verbundene Belastungen für die Schwangere und ihrer individuellen Konstitution gesehen werden müssen. Liegen jedoch keine Vorerkrankungen der Schwangeren vor, wird eine gesundheitsgefährdende Belastung in der Regel nur bei extrem schwerwiegenden und nicht therapierbaren Schädigungen eines erwarteten Kindes denkbar sein. Dies folgt aus der lebensschutzverstärkenden Ausstrahlungswirkung des verfassungsrechtlich normierten Diskriminierungsverbots zugunsten Behinderter, die nur eine eingeschränkte Gewichtung embryopathischer Parameter erlaubt und zu einer stärkeren Betonung des geforderten Schweregrades der mütterlichen Gesundheitsbeeinträchtigung führt. Eine solche hat sich aufgrund der äußeren Umstände als besonders greifbar darzustellen, nur entfernte Wahrscheinlichkeiten reichen nicht aus. (S. 78 f., dort mit Fußnoten)
    Auch die Medizinethikerin und ehemalige Vorsitzende des Deutschen Ethikrates Christiane Woopen stellt in einem Artikel [3] hohe Anforderungen an die eine medizinische Indikation begründenden Umstände:

    Für eine pränatal-diagnostisch festgestellte Entwicklungsstörung oder Erkrankung des Ungeborenen bedeutet dies, daß sie sehr schwer sein muß und nicht behandelbar sein darf, da leichte oder mittelschwere Erkrankungen oder Behinderungen in aller Regel keine schwerwiegende Gesundheitsgefährdung der Schwangeren verursachen können und eine Therapierbarkeit diese Gefährdung auch ohne Schwangerschaftsabbruch abzuwenden vermag. (S. 976)
    Abschließend möchte ich nur noch auf einen m.E. bedenkenswerten Leserbrief [4] eines Gynäkologen im Ärzteblatt zu diesem Thema hinweisen.

    Viele Grüße und besten Dank an alle, die sich die Zeit genommen haben, alles zu lesen,

    Tabea


    [1] BVerfG, Urteil des Zweiten Senats vom 28. Mai 1993, Az. 2 BvF 2/90 und 4, 5/92, BVerfGE 88, S. 203 ff.
    [2] Jana Rohloff-Brockmann, Spätabtreibung: Rechtslage und Konflikte, Dissertation, Universität Rostock 2008.
    [3] Christiane Woopen, Zum Anspruch der medizinisch-sozialen Indikation zum Schwangerschaftsabbruch, Der Gynäkologe 32 (1999), S. 974-977.
    [4] Oliver Oettel, Pränataltest: Unverständlicher Automatismus, Dtsch Arztebl 2012; 109(24): A-1242 / B-1067 / C-1058.

  2. #2
    leu
    leu ist offline Legende

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    Standard Re: Medizinische Indikation

    Liebe Tabea,

    eine kleine Ergänzung, die mir aber wichtig ist:
    In dem verlinkten Leserbrief wird die Aussage zitiert: „Bereits heute entscheiden sich 90 bis 95 Prozent aller Schwangeren, die erfahren, dass ihr Kind eine Trisomie 21 hat, für einen Abbruch.“
    Diese Aussage ist aus meiner Sicht der aktuellen Literatur hoffnungslos veraltet. Die Studie, auf die sich dieser oft zitierte Satz bezieht, stammt meiner Erinnerung nach aus den 70er Jahren.
    In Deutschland gibt es keine bundesweite Erhebung über diese Abbruchrate (und gab es auch nie, auch die 90-95% waren punktuelle Studien). Aber die verfügbaren Daten weisen darauf hin, dass bei den neueren Erhebungen "nur" noch knapp 70% der Schwangeren bei der Diagnose Trisomie 21 abgebrochen haben, mit abnehmender Tendenz. Das entspricht auch meinen eigenen Beobachtungen.

    LG, Barbara
    Tibby33, Danniiii und Zickzackkind gefällt dies.

  3. #3
    Avatar von Tibby33
    Tibby33 ist offline ...hoch am Wind

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    Standard Re: Medizinische Indikation

    Hallo Tabea,

    ich starte mal damit, dass ich meinen eigenen, sehr persönlichen Standpunkt darstelle unabhängig von der gesetzlichen Lage.

    Ich gehöre zu den Frauen, die für eine Liberalisierung des §218 vor mehreren Jahrzehnten demonstriert haben. Aber ich gehöre auch zu den Frauen, für die aus ethischen Gründen eine Abtreibung selber nicht in Frage kommt. Und ich bin sehr sehr dankbar, dass ich in keiner Situation war, wo es um eine Entscheidung "mein Leben gegen das Leben meines Kindes" gegangen ist.

    Diese beiden Punkte sind ein Widerspruch in sich, aber ich habe in meiner Jugend zu oft ansehen müssen, dass Frauen an Abtreibungen (fast) gestorben sind oder in absoluter Not und Hilflosigkeit ihr Kind alleine endbunden haben und es anschließend verstarb, weil keiner "so einer" beistehen wollte (gemeint waren ungewollt schwanger gewordene Mädchen und junge Frauen).

    Aber hier geht es ja um die medizinische Indikation. Und tatsächlich ist mir klar, dass die von einem Arzt gestellt werden muss. Aber seien wir einmal ehrlich. Ein physische unausweichliche Notlage ist objektiv erfassbar. Bei einer psychischen Notlage ist das viel viel schwieriger und immer von den Aussagen der Frau selbst abhängig. Ich gehe daher davon aus, dass beim Feststellen einer psychischen Notlage der Frau selbst eine viel größere Bedeutung zukommt. Letztendlich werden die meisten Abtreibungen bei T21 in so einer psychischen Notlage ihre Begründung finden.

    Ich persönlich finde T21 keinen hinreichenden Grund für einen Abbruch. Aber dies ist ein Diskussionsforum. Und wenn wir hier nicht hinreichend offen diskutieren, dann werden Frauen, für die T21 sehr wohl ein Abbruchgrund ist, den Weg hierher nicht mehr finden. Und wenn ich eines gelernt habe, dann das: niemand macht sich diese Entscheidung leicht. Man bekommt aber niemanden ans Nachdenken, wenn man ihn mit Vorwürfen überhäuft. Nicht umsonst verlinkt Barbara den Thread von Mellifera so gerne. Der zeigt das mit der Entscheidung verbundene Ringen so anschaulich.

    Ich habe sehr viel Kontakt zu Menschen mit Behinderungen oder ansonsten besonderen Bedürfnissen. Und ich sehe, wieviel Sorge Eltern auch dann noch tragen, wenn die Kinder längst erwachsen sind. Wir haben hier also auch eine gesellschaftliche Aufgabe vor uns und ich lese mit Freude, dass die Abbruchrate bei T21 doch nicht 90% beträgt. Denn es gehört auf jeden Fall Mut dazu, sich für das Kind zu entscheiden. Die Möglichkeiten der Praenataldiagnostik bringen uns alle in ein ethischen Dilemma (ich habe, glaube ich, hier schon mal das Buch von Chargaff erwähnt: Das Feuer des Heraklit (https://www.perlentaucher.de/buch/er...-heraklit.html), das ist schon mehrere Jahrzehnte alt, aber immer noch aktuell: was "darf" Wissenschaft?).

    Und was machen wir mit T13/T18-Diagnosen? Mit moderner Herzchirurgie steigt ja auch hier die Lebenswahrscheinlichkeit. Und wer kann überhaupt über die Lebensqualität anderer eine Entscheidung treffen, egal ob am Lebensanfang, in der Lebensmitte oder am Lebensende?

    Ich finde es sehr schade, dass die Möglichkeiten der Adoptionsfreigabe weniger genutzt werden. Ich finde das einen Ausweg aus der psychischen Notlage. Aber ich sehe auch, dass viele Frauen Angst haben, dass da im Laufe der Schwangerschaft eine Bindung entsteht, die sie nicht mehr lösen können oder vielleicht auch nicht mehr lösen wollen zum Geburtszeitpunkt und dann in genau die Lage gelangen, die sie nicht glauben, meistern zu können.

    Diejenigen hier, deren Kinder erst nach der Geburt schwer erkrankt sind, haben gesehen, dass man kann, wenn man muss. Und dass man an solchen Situationen auch wachsen kann. Wer daran aber nicht gewachsen ist, wird hier nicht schreiben (können). Und ich finde es leichter, etwas Unerwartetes anzunehmen, als sich monatelang darauf vorbereiten zu müssen, wenn man des Gefühl hat, man hätte es verhindern können. Was für eine schwierige Entscheidung mutet man den Frauen da zu. Aber: sie ist heutzutage möglich und das ist eben eine Tatsache. Wir können unsere Kraft daher am besten in die Verbesserung der gesellschaftlichen Akzeptanz von Menschen mit Behinderung stecken. Damit Frauen und Familien Mut bekommen.

    Man kann natürlich diskutieren, ob Tests auf T21 (und weitere bestimmbare Chromosomenstörungen, die zu lebensfähigen Kindern führen) nicht verboten werden sollten (so wie in China Tests auf das Geschlecht verboten sind), um entsprechende Abtreibungen zu verhindern. Auch das ist eine gesellschaftlich wichtige und vielleicht sogar notwendige Diskussion. Aber wie bereits oben geschrieben, man erreicht nichts mit Druck, nur mit Ermutigung und (ganz wichtig) umfassender Unterstützung über Jahrzehnte hinweg. Aber es ist auch schwierig, zu argumentieren, wenn man die Konsequenzen einer solchen gesellschaftlichen Entscheidung nicht selbst zu tragen hat.

    Zum Schluss: Mir ist ganz wichtig, dass ohne Schuldvorwürfe, egal in welche Richtung, diskutiert werden kann.

    In diesem Sinne wünsche ich uns eine sachliche und professionelle Diskussion.
    Ängstlich und Mala_Fatra gefällt dies.
    Beste Grüße von Tibby

  4. #4
    Blume344 ist offline newbie

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    Standard Re: Medizinische Indikation

    Hallo,
    Bei mir wurde grade der Abbruch wegen medizinischer Indikation begonnen, ich hatte jetzt fast 4 Wochen Zeit mich darauf einzustellen und eine Entscheidung zu fällen.
    Es ist wirklich schlimm sich gegen ein Kind zu entscheiden,was eigentlich gewollt ist.. das wünscht man wirklich niemanden und es war die schwierigste Entscheidung die ich in meinem Leben getroffen habe.
    Ich habe viel gelesen und anfangs konnte ich mir das gar nicht vorstellen, ich war schon soweit mich mit Frauen zu vergleichen die ihre Kinder nach der Geburt ins Gebüsch werfen. Irgendwo habe ich gelesen dass man den Respekt vor sich selbst verliert: da kann ich sagen das stimmt. Man stellt sein eigenes Leben vor das Leben dieses kindes.

    Im Grunde war ich weder ein abtreibungsgegner noch Befürworter. Im Traum wäre mir nicht eingefallen ein Kind abzutreiben weil es grade Nicht in mein Leben passt..An medizinische Indikation habe ich nie gedacht, bevor es mir nicht selber passiert ist..

    Ich denke aber dass es zu schaffen ist und dass ich mir nicht mein Leben lang Vorwürfe machen werde, weil man hat ja einen triftigen Grund sich gegen das Kind zu entscheiden und man macht das ja nicht weil das Kind grade nicht ins Leben passt. Aber sogar solche Entscheidung respektiere ich, weil besser das Kind wird abgetrieben als zu Lebzeiten schlecht behandelt weil es nicht gewollt ist. Sowas gibt es ja leider haufenweise.

    Ich denke ich bin froh dass es diese Tests gibt, vorallem dass man jetzt relativ früh diese Entscheidung treffen kann..umso später umso schlimmer finde ich es.
    Bestimmt gibt es in ein paar Jahrzehnten Tests die schon zu Beginn der ss alles auswerten können. Dann bekommt man einfach eine Woche später seine Tage.
    Ich finde das gut. (Natürlich auch nach Bedenkzeit)

    Ich habe hier im KH nachgefragt wie oft so ein Abbruch vorkommt, es hieß 1-2 mal die Woche. Das ist wirklich nicht wenig, zumal ich eine kennengelernt habe, die auch in der 16.ssw ist und auch heute die Geburt eingeleitet wird.
    Das ist halt Fluch und Segen des Fortschrittes.
    Klar wenn man es nicht weiß, dann muss man das Kind nehmen wie es kommt und
    Klar kann es auch sein dass es dann gar nicht so schlimm ist. Aber wenn man es recht früh weiß, dann kann man immer noch entscheiden ob man das Kind weiter heranwachsen lassen möchte.
    Ich glaube trotz all dem Schmerz den ich hatte und immernoch habe glaube ich dass es doch gut ist dass es diese Tests gibt. (Das einzige was wirklich verbessert werden sollte sind die häufigen Fehldiagnosen und „falschen verdachte“)

    Das ist wirklich ein sensibles Thema, aber ich möchte dazu stehen diese Entscheidung getroffen zu haben.. ich weiß. Ich ob ich jetzt ein schlechterer, egoistischerer Mensch bin als Menschen die sich für ein krankes Kind entscheiden..aber damit muss ich jetzt auch leben. Vllt bin ich das auch? Damit muss ich auch leben.
    Ich wünsche auf jedenfalls niemand überhaupt in diese Lage kommen zu müssen.
    Auf jeden Fall wollte ich meine Erfahrungen teilen..

    Liebe Grüße

    Alina
    Mala_Fatra gefällt dies

  5. #5
    Blume344 ist offline newbie

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    Standard Re: Medizinische Indikation

    Achso ps:

    Beim Gespräch mit meiner humangenetikerin habe ich viele Fragen gestellt unter anderem wie viele Frauen sich bei einer solchen Diagnose für einen Abbruch entscheiden.
    Sie meinte auch 9 von 10 Frauen.. (21 Jahre im Dienst)
    Sie erzählte mir auch eine Geschichte von einer Frau die 43 war und lange gebraucht hat schwanger zu werden, den Abbruch erst wollte dann auf dem Weg ins Kh umgedreht ist. Und von Eltern die älter sind und es das erste und wohl einzige Kind werden wird, diese würden sich gegen den Abbruch entscheiden.. (Ausnahmen gibt es immer)
    Und im umkehrschluss meinte sie dass Familien die schon ein Kind oder sogar mehrere haben sich eher gegen das Kind entscheiden.
    Das wollte ich hier nochmal berichten

  6. #6
    Tabea. ist offline Stranger

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    Standard Re: Medizinische Indikation

    Hallo Tibby,

    danke für Deine ausführliche Antwort.

    Ich werde Dir auf jeden Fall auch noch inhaltlich antworten, kann aber noch nicht versprechen, bis wann.

    Bis dahin viele Grüße,
    Tabea

  7. #7
    leu
    leu ist offline Legende

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    Standard Re: Medizinische Indikation

    Wenn jemand die von mir zitierte Studie nachlesen will:
    https://www.degruyter.com/view/journ...ticle-p205.xml

    LG, Barbara
    Tibby33 und Zickzackkind gefällt dies.

  8. #8
    Avatar von Tibby33
    Tibby33 ist offline ...hoch am Wind

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    Standard Re: Medizinische Indikation

    Liebe Blume,

    vielen Dank für deine offenen Worte, die ich sehr wichtig finde. Nicht viele Menschen haben den Mut, diese Gedanken, die bestimmt viel teilen, auch zu äußern.

    Zitat Zitat von Blume344
    Bestimmt gibt es in ein paar Jahrzehnten Tests die schon zu Beginn der ss alles auswerten können. Dann bekommt man einfach eine Woche später seine Tage.
    Ich finde das gut. (Natürlich auch nach Bedenkzeit)
    Das ist etwas, was ich als Perspektive sehr erschreckend finde. Wo zieht man da die Grenze? Es gibt so viele erblich bedingte Erkrankungen. Ist es z.B. schon ein Problem, wenn das Herzinfarktrisiko ab dem 50. Lebensjahr um den Faktor 6 steigt? Oder wenn es ein erhöhtes Krebsrisiko gibt (wie hier im Forum ja schon mal diskutiert)? Daher hat mich das Buch von Erwin Chargaff so nachhaltig beeinflusst. Was passiert, wenn die Wissenschaft neue Türen öffnet? Wie gehen wir als Gesellschaft, aber auch als Einzelne verantwortlich damit um?

    Paare treffen eine Entscheidung, wenn sie eine Schwangerschaft ermöglichen, dürfen sie eine Entscheidung zur Beendigung dieser Schwangerschaft genauso treffen? Bis wann? Ab wo beginnt ein eigenständiges Lebensrecht eines Embryos? Ab der Lebensfähigkeit außerhalb des Mutterleibs? Werden wir mal Brutmaschinen bekommen?

    Alles keine einfachen Fragen und viel zu viel auf den Schultern eines einzigen Paares.
    Zickzackkind gefällt dies
    Beste Grüße von Tibby

  9. #9
    Blume344 ist offline newbie

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    Standard Re: Medizinische Indikation

    Hallo Tibby,

    Ich liege immer noch im Krankenhaus, noch ist nicht wirklich viel passiert.. die letzten 2 Tage waren wieder sehr schlimm mit Tränen und allem, heute früh ist mein Mann gekommen seitdem geht es mir besser..gleich kommt noch eine Seelsorgerin mit der ich dann auch reden kann. Es ist alles wirklich schrecklich.
    Ich versuche mir im Internet die Zeit totzuschlagen, indem ich Erfahrungsberichte von ss Abbrüchen in der 16. Woche lese.. Erfahrungsberichte sind ziemlich rar, deswegen schriebe ich hier vllt kann eine Betroffene davon profitieren.

    Wegen dem was du erschreckend findest..findest du es wirklich erschreckend wenn es irgendwann einen Test gibt der in der 6./7. ssw fehlbildungen erkennen kann und man dann antreiben kann? Immerhin ist es auch für das Kind schonender wenn es so früh schon passiert als erst im 4.5.6. Monat oder später? Weil gemacht wird es ja wie wir sehen in den meisten Fällen sowieso..
    Grenzen finde ich sollte es schon geben, zb deine Beispiele mit Krebsrisiko, authismus etc. Das sind jetzt keine Gründe ich denke auch nicht dass das in den nächsten 100 Jahren genehmigt wird.. mein Beispiel war eher ein Test auf schwere Behinderungen und genmutationen.
    Aber theoretisch hast du recht ich habe vor ein paar Tagen wirklich gelesen dass ein Test entwickelt wurde der schon erkennt ob ein Kind später authist wird. Fand ich auch erschreckend. Viele Sachen will man doch gar nicht vorher wissen? Ich will jetzt auch nicht wissen wann ich Krebs bekomme und wann ich sterben muss?
    Aber was in 200 Jahren sein wird das wissen wir wirklich nicht, vllt werden wir wirklich in einer Zeit leben wo man Geschlecht, aussehen schon sich wünschen kann und dementsprechend einpflanzen? Und kranke Kinder werden gar nicht erst abgetrieben weil sie gar nicht erst entstehen? Der Fortschritt wird sicher weitergehen.. so war es schon immer in der Menschheitsgeschichte. Wir werden das denke ich eh nicht mehr erleben. Im Mittelalter war es verboten einen Menschen aufzuschneiden weil das moralisch religiös strikt verboten war. Das heißt Menschen haben heimlich Leichen siziert. (Todesstrafe darauf damals) damals war das bestimmt genauso verwerflich wie wir heute reagieren wenn Frauen ein behindertes Kind im 9. Monat abtreiben? Aber trotzdem hat sich die Wissenschaft durchgesetzt.
    Alles in allem finde ich (ich merke es mal wieder im Kh) werden wir Frauen schon ziemlich alleine gelassen und auf dem Modus „die Frau macht das schon“ gestellt. Ich finde es psychisch extrem belastend so eine Situation über Tage durchmachen zu müssen. Und ich bin eigentlich mental stark. Das ist ein traumatisches Erlebnis was man mit der heutigen Medizin eigentlich verhindern können müsste. Man kann hierdurch wirklich depressiv und krank werden. Nicht wegen der Entscheidung sondern wegen dem Erlebnis. Ich finde es muss eine Methode gefunden werden die für fötus und Mutter nicht schlimm ist. Zb ein Mini Kaiserschnitt? Wo man es nicht tagelang gebären muss und wo das Kind auch nicht bestattet werden kann. All das wird nicht angeboten. Angeblich um die Gebärmutter nicht zu verletzten. Und was ist mit der seelischen Verletzung? Die ist doch größer als die körperliche Verletzung? Für mich definitiv..

    Liebe Grüße

  10. #10
    Nita83 ist offline journey (wo)man

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    Standard Re: Medizinische Indikation

    Hallo ,Diskussionen an sich finde ich gut und wichtig. Dennoch schwierig wenn man keine Erfahrung damit hat und anderen einreden will was recht und Unrecht ist.
    Thema ein Kind mit Behinderung zur Adoption freigeben ? Glaubst mal nicht das dies so einfach erstmal versuchen die alles damit Frau die Aufgabe für die sie sich nicht im Stande sieht dies zu tun ,es selbst übernimmt denn die aller aller wenigstens wollen ein Kind adoptieren das krank,behindert und vielleicht ein Leben lang Pflege bedürftig ist adoptieren und dann bleibt nur die Pflege und da gibt's sowieso viel zu wenige Pflege Eltern weswegen es immer wieder zu Vorfällen kommt wo man sich fragt warum.
    Niemand, wirklich niemand hat das Recht die Situation einer Frau zu be/-verurteilen die sich gegen das austragen entschieden hat.
    Und der Vergleich mit Erkrankung die erworben werden hinken total. Ja es geht irgendwie doch hat sich mal einer angeschaut wie viele daran kaputt gehen, wie viele Beziehungen/Ehen scheitern wie es die Frau beeinflussen tut?
    Ich hab die Krebs Erkrankung meines Kindes auch irgendwie geschafft und merke ich bin sowas von am Limit meine Beziehung wäre fast den Bach runter gegangen Freunde sind weggefallen mein komplettes Leben ist seit 2Jahren so wie es gerade für alle ist minimalste soziale Kontakte kaum "Freiheiten " sie. Und jetzt überlegt mal wie viele damit zu kämpfen haben obwohl sie gesund sind und nicht noch die Angst und Sorge ums kranke Kind dazu kommt.

    Einzig was mich stört das sobald man einen dieser NIPT Test macht davon ausgegangen wird das man das Kind eh nicht will und so entsprechend behandelt und beraten wird. Teilweise sehr kalt als würde man sich diese Entscheidung leicht machen.
    Auch das Daten gefaket werden damit's schnell zu Ende ist. Kaum Angebot zu hilfsstellen usw. Wenn ich nicht schon Erfahrung gehabt hätte durch ne Freundin mit infausten Befund hätte ich da gestanden. So hab ich mir 6 Wochen Zeit genommen mich zu informieren mit allen möglichen Stellen zu sprechen mit Organisationen und Eltern und hab dann trotzdem die Entscheidung getroffen ich kann und will es nicht.
    Das Luke das bereits entschieden hatte wusste ich nicht zu dem Zeitpunkt.
    Und auch dann hab ich mir 1Woche zum Abschied nehmen und Vorbereitung treffen genommen.
    Die Ärztin sagt 98% der Frauen überlegen es sich intensiv und sind trotzdem traurig denn auch ein Kind nicht zu bekommen ist eine Entscheidung aus Liebe zu dem Kind.
    Und solange Menschen die nicht der Norm entsprechen an den Rand gedrängt werden und du für alles kämpfen musst wird sich daran nichts ändern.
    Ich hab so viele kämpfe gefochten und viele verloren das ich mich bewusst nicht für diesen Weg entscheiden konnte.
    Ja das was muss werd ich weiter erkämpfen. Doch ganz ehrlich ich bin froh wenn ich es irgendwann hoffentlich nicht mehr muss.

    Die Frage ist nämlich auch wer kümmert sich dann um diese Menschen wenn die Eltern nicht mehr können egal ob jetzt weil selbst so erkrankt oder schlicht und einfach gestorben sind.


    Wie gesagt ich wünsche mir eine bessere Aufklärung mehr Angebote für Informationen und von diesen Stellen mehr Verständnis für die Entscheidungsfindung.
    Ich hab "Glück " gehabt und hab zumindest 2 getroffen die neutral und ohne Vorurteile gegenüber mir und meinen Gedanken beraten haben.

    Meine Empfehlung ist sich Zeit zu nehmen für die Entscheidung.
    Und nicht zu vergessen die Liebe und Trauer bleibt auch wenn man die für sich richtige Entscheidung getroffen hat.
    Ich glaube der Punkt Trauer wird oft zu wenig beachtet.

    Ach ja und durch Vorwürfe und Co reicht man nur noch weniger Informationen für Betroffene weil noch weniger drüber reden. Du findest fast nichts an Erfahrungsberichten.
    Von Selbsthilfegruppen und Co reden wir mal gar nicht.
    Ich stehe zu meiner Entscheidung und nehm auch die anfeindung in Kauf einfach um anderen zu zeigen du bist nicht alleine.
    Aber auch um zu ermahnen nehmt euch Zeit nur eine gereifte Entscheidung ist eine gute.
    LG nita

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