Seite 1 von 2 12 LetzteLetzte
Ergebnis 1 bis 10 von 11
  1. #1
    Koeppi ist offline Stranger
    Registriert seit
    15.03.2020
    Beiträge
    5

    Standard Ein schwerer Verlust

    Hallo liebe Community,

    Vor nun ziemlich genau einer Woche wurde ich operiert und seitdem ist nichts mehr wie vorher. Vor genau 2 Wochen habe ich erfahren, dass ich schwanger bin.

    Ich, 30w, lebe mit meinem französischen Freund, 43m, im Süden von Paris in einem großen Forsthaus. Mein Freund Alex ist bereits zweifacher Vater und bisher war es zwar nicht immer einfach aber ich habe seine beiden Töchter ins Herz geschlossen und freue mich teilweise sogar auf die gemeinsamen Wochenenden.

    Doch wie gesagt, nichts ist mehr wie vorher. Durch eine Gastro ist die Pille nicht mehr zuverlässig gewesen und ich bin schwanger geworden. Aufgrund meines Job- und Umzugstress sowie den Vorbereitungen zum 30. Geburtstag habe ich meine Periode zweimal übersprungen und die Pille durchgenommen. So wurde ich mir meiner Schwangerschaft erst im sehr fortgeschrittenem Stadium bewusst.

    Den Test machte ich an einem Sonntag. Familienbesuch hatte sich bei meinem Freund am Nachmittag angekündigt weshalb ich vermutlich noch mehr Angst vor seiner Reaktion hatte. Ich brach in Tränen aus als er von der Bäckerei kam und brachte es einfach nicht über die Lippen. Schließlich kam ich ins Stottern und er nahm mich in den Arm, sodass ich es ihm endlich sagte. Ich sagte: "Nächste Woche gehe ich abtreiben. Ich bin schwanger." Er war, wie erwartet, sehr schockiert aber beruhigte mich nur und sagte er kommt natürlich mit.

    Am nächsten Tag auf der Arbeit ging gar nichts mehr. In der Pause war ich beim Ultraschall, einer Kollegin vertraute ich mich an und brach nach dem Termin in Tränen aus. Ich war bereits in der 11. Woche und begann zu verstehen, was sich in meinem Körper abspielte. Ich begann eine Beziehung zu dem kleinen Wesen zu spüren.

    Am Abend suchte ich ein ernstes Gespräch mit meinem Freund. Was ich zu hören bekam : ich habe gerechnet, es kann nicht von mir sein; wenn du mir diese Frage stellst (kannst du dir vorstellen es zu bekommen), habe ich Grund zu der Annahme, dass du es mir unterjubeln wolltest oder "das Kind ist sowieso ein Krüppel, da du ja bis vor einer Woche regelmäßig Alkohol getrunken hast". Das alles hat mich tief getroffen, auch wenn ich meinen Freund aus rationaler Sicht teilweise verstehen kann. Ich habe am nächsten Abend einen weiteren Gynäkologen gesehen, der mir aus persönlicher Sicht empfiehl, das Kind nicht zu bekommen.

    Mein Freund wollte weder meinen Bauch berühren noch die Ultraschallfotos sehen, einmal sagte er es handele sich ja hier um keine "richtige Schwangerschaft", eines Tages würden wir alles planen und dann würde alles schön ablaufen. Trotzdessen begleitete er mich zu den 3 Terminen im Krankenhaus (darunter 2 Termine mit einer Psychologin, die die richtigen Fragen stellte und ihn soweit brachte endlich Gefühle zu zeigen, er brach in tiefe Tränen aus). Und schließlich zur Operation.

    Am Wochenende vor der OP war ein verlängerter Trip in den Jura geplant. Da seine Große Mist gebaut hat, wollte er sie zum Kommissariat begleiten. Ich habe ihn gebeten bei mir zu bleiben und das WE um eine Woche zu verschieben und auch seine Ex zu bitten, den Termin bei der Polizei für ihn wahrzunehmen. Doch er wollte das We nicht aufgeben und ich hatte Angst nach Deutschland zu fahren (Corona) und wollte weder alleine im Haus bleiben noch bei meiner Freundin wohnen (wollte ihr diese Bürde nicht auftun). Also fuhr ich mit unter der Bedingung, dass wir einen Tag früher als geplant zurück fuhren. Wie erwartet, schmerzte es ihn mit seinen Kindern zu sehen in dem Wissen meines zu verlieren. Natürlich durften seine Töchter nichts von der Geschichte wissen, sie sind erst 12 und 14 Jahre alt. Ich weinte jeden Morgen wenn ich alleine im Schlafzimmer war und telefonierte sehr viel mit Freunden. Er blendete das Thema das komplette Wochenende aus.

    Wir mussten um 6 Uhr im Krankenhaus sein. Die Abfahrt hatten wir am Vorabend auf 5 Uhr anvisiert, doch mein Freund, der das Auto fuhr, beschloss spontan früher losfahren zu wollen. Was in heftigen Streit ausartete, da ich mich nicht in Ruhe waschen und auf Toilette gehen konnte (was einem als wichtig erscheint, bei einer OP unter Vollnarkose). Ich hatte 2 Tage vorher ein starkes Medikament genommen, das eine Fehlgeburt auslöste und war psychisch ziemlich down. Die OP vor nun sechs Tagen lief ohne Komplikationen ab, doch ich hatte eine Panikattacke und habe immer noch leichte Schmerzen und ruhe mich aus. Die Psychologin hat mit mir vor dem Eingriff unter 4 Augen geredet und mir nahegelegt, dass ich nach der OP in mich gehen soll. Sie fragt sich ob der Altersunterschied zwischen mir und meinem Freund, und die damit einhergehenden Differenzen bzgl. Lebensplanung und Vorstellungen, nicht dafür sorgt, dass wir nicht im selben Rhythmus leben. Ich denke so oft darüber nach. Mein Freund ist glücklich mit mir im hier und jetzt. Aber er ist schnell müde und ich spüre nicht denselben Hunger aufs Leben, den ich noch empfinde.

    Ich liebe meinen Freund, aber ich bin sehr traurig und enttäuscht über den Verlust. Es wäre für uns finanziell etwas schwierig geworden (ich habe einen Auflösungsvertrag ausgehandelt um mich neu zu orientieren und habe in 2 Tagen meinen unbefristeten Job nicht mehr; er hat schon 2 Mädchen und verdient als Förster nicht ausreichend um alleine ein weiteres Kind finanziell zu versorgen). Es schmerzt, wie meines Erachtens gefühllos und distanziert er mit dem Verlust umging. Ich fühle mich ausgebremst im Leben und schaffe es gerade (was mit dem Corona Virus derzeit noch zusätzlich erschwert wird) nicht für mich eine Entscheidung zu treffen.

    Er fängt nun immer öfter an darüber zu reden, dass wir bald wenn alle Bedingungen geschaffen sind das Thema Kinderplanung angehen können. Und auch über eine Hochzeit hat er schon gesprochen. Wenn ich ihm sage, dass ich Schmerzen habe, geht er nicht darauf ein und erinnert mich, dass die Ärzte meinten, es ist nach 1 Woche alles wieder wie vorher.

    Wie schätzt ihr diese Beziehung ein? Hat jemand Erfahrung mit dem Thema Abtreibung und der Reaktion des "Erzeugers"?

    Einen schönen Start in die Woche wünscht
    Katharina

  2. #2
    Avatar von ilonaball
    ilonaball ist offline Pooh-Bah
    Registriert seit
    23.06.2007
    Beiträge
    2.162

    Standard Re: Ein schwerer Verlust

    Erfahrung so nicht.

    Ich hatte 3 Fehlgeburten und 2 Eileiterschwangerschaften. Bei der letzten Schwangerschaft 2015 war die 2. Eilleiterschwangerschaft. Ich bekam heftige schmerzen und musste halt den Rettungsdienst holen. Mein damals 8 jähriger Sohn hatte dummerweise mit bekommen das etwas schlimmes passiert und das war echt heftig emotional. Mein Mann war sauer, aber heute weiß ich nicht auf mich, sondern auf die Situation. Wir haben vergeblich, na mehr ich, versucht schwanger zu werden und das hat mein Mann natürlich genervt. Dann ist es endlich positiv und dann wieder vorbei.

    Obwohl wir am Telefon gestritten hatten, weil beide mit den Nerven am Ende waren und auch traurig und wütend zu gleich, kam er in die Klinik hinter her und das erste was ich sah als ich wach wurde war mein Mann. Seit dem war ich mir sicher, er ist der richtige Mann mit dem ich alt werden möchte.

    Wir sind seit August 2000 zusammen.

    Der schönste Trost war die Hochzeit im Mai 2016.

    Im Oktober 2019 haben wir eine ICSI Behandlung gestartet und genau beim 1. Versuch mit Zwillingen schwanger.
    Auch wenn mein immer seine Einwände hatte weitere Kinder haben zu wollen, er freut sich jetzt sehr doll.

    In einer Beziehung kann es auch mal schlechte Tage geben. Aber wenn es Krisen gibt muss man zusammen halten können, so wächst dann das Vertrauen gemeinsam es zu schaffen.

    Ich denke hier liegt die Problematik. Das er sich sehr rausgehalten hat, wo du ihn mehr als brauchtest und gleichzeitig wollte er nicht mehr Verantwortung und Berührung mit dem Thema haben. Um sein Willen durchzusetzen wurde er unfair zu dir.

    Dieses Versprechen danach mit Hochzeit und geplanten Kindern, kann entweder ernst sein oder soll dich trösten um nicht mit dem Thema in Kontakt zu kommen.

    Aber er ist 43 und hat sich sehr kindlich verhalten. Das ist dir gegenüber nicht fair. Denn jetzt bist tief getroffen und anscheinend ist für ihn alles beim alten.

    Ich möchte deine Beweggründe des Abbruches nicht beurteilen. Du wolltest definitiv das richtige tun, dass ist das was ich raushöre. Du wusstest das sein Job keine Wonne ist und hattest erstmal die Gedanken gehabt, die viele gerne einen vor Augen halten, warum es nicht der richtige Zeitpunkt ist.
    Dann hast du eigentlich aber dich für einen anderen Weg entschieden, konntest diesen aber nicht nehmen, da es dir nicht leicht gemacht wurde.

    Also zumindest für deine seelische Gesundheit ist eine Therapie vielleicht hier wichtig, um wieder stabil zu werden. Körperlich kann ich dir von meiner Operationserfahrung her sagen, der Körper reagiert manchmal so wie die Seele sich fühlt. Gib ihn zeit zu heilen.

    Tipps für Beziehungen kann man eigentlich schlecht geben, aber ich ließ heraus das ihr unterschiedliche Lebensvorstellungen habt und du ihn nicht mehr vertraust. Ich würde jetzt da nicht mehr festhalten wollen, wenn ich wüsste, er würde mir nicht gut tun.

    Du bist mit 30 noch jung, es gibt so viele tolle Männer und dein Plan mit der neu Orientierung finde ich richtig gut. Das zeigt das du dein Leben einen Sinn geben möchtest und das solltest du tun. Es ist ein neuer Anfang.

    Du bist kein schlechter Mensch und du verdienst es nicht dich zu bestrafen oder zu leiden.
    Es fühlt sich vielleicht jetzt wie ein Fehler an, aber ich denke es gibt dir auch neue Chancen.
    Eines Tages wirst du auch eine tollen Mutter werden mit einem tollen Partner. Jetzt bist du aber erstmal auf der Reise zu dir selber. Und das solltestdu nutzen.

    Ich wünsche dir alles Gute.

  3. #3
    Koeppi ist offline Stranger
    Registriert seit
    15.03.2020
    Beiträge
    5

    Standard Re: Ein schwerer Verlust

    Vielen Dank Ilona für deine lieben Worte. Und ich freue mich, dass du und dein Mann zu eurem Glück gefunden habt.

    Liebe Grüße
    Katharina

  4. #4
    MorgE ist offline Stranger
    Registriert seit
    25.03.2020
    Beiträge
    11

    Standard Re: Ein schwerer Verlust

    Liebe Koeppi,

    zu dem schmerzhaften Verlust deines Kindes reiht sich die Frage, wie man mit dem Partner weiter umgehen soll. Er mag bei drei Terminen dabei gewesen und extra einen Tag früher vom Ausflug zurückgekehrt sein, um dir als Stütze zur Verfügung zu stehen, doch die reine Anwesenheit schien dir kaum ein Trost zu sein: Nur ein einziges Mal konntest du bei der Psychologin sehen, dass auch er Gefühle gegenüber dir, dem Ungeborenen und der Situation zuließ. Ansonsten schwieg er sich aus und vermied das Thema - in Gegenwart von Minderjährigen noch verständlich, aber nicht "drumherum", nicht pausenlos.

    Als Außenstehende las es sich hart und distanziert, dass er euer Sternenkind als Kuckuckskind und Krüppel von sich wies, weil er deine Frage zum Bekommen-Wollen offenbar nicht einordnen konnte und die Spätfolgen des Alkoholgenusses fürchtete. Ja, das kann zu Schäden führen, aber der Beigeschmack ist bitter: Als ob du die Schwangerschaft bewusst wolltest und erst einmal ein Gläschchen mehr im Vorfeld an dich gerissen hättest.
    Darf er Bedenken in der ungeplanten Situation haben? Ja. Darf er sie äußern? Unbedingt. Trotzdem darf es dir wehtun, dass er dir Fremdgehen und deinen Lebensstil vorwarf, immerhin kennt ihr einander länger und habt - wie du indirekt beschreibst - durch die Patchworksituation bereits Einiges durch. Ich kann nur raten, wie verletzend es gewesen sein muss zu sehen, wie er das Kinderglück (durch eine andere Frau) vor deinen Augen genoss -- seiner Ex nicht die Aufgabe übertrug, um für dich da zu sein und dich bedingungslos zur Priorität zu machen -- und obendrein zu hören, es sei keine richtige Schwangerschaft gewesen.
    Doch, das war es. Es war real, und die Schmerzen sind es noch nach dem Eingriff. Du hast dir keinen Fingernagel abschneiden lassen, sondern einen Teil, zu dem du - unerwartet - eine Bindung spüren konntest, für immer verloren.

    Ich denke, du hast jedes Recht dazu, dir Zeit für den Trauerprozeß zu nehmen und ggf. auch externe Hilfe zu suchen. Erst einmal musst du deinen Frieden mit dir finden, denn eines ist klar: Auch eine weitere Schwangerschaft wird dieses Loch nicht stopfen, auch das Versprechen auf Heirat macht seine erlebte Kälte nicht ungeschehen. Er wird sich der Frage stellen müssen, warum es beim nächsten (ungeplanten) Mal anders sein sollte: Weil ihr euch dann vom Alkohol fernhaltet? Weil dir dann die Gelegenheit fehlt, mit einem anderen Mann zu sprechen? Weil er dann euch bevorzugt und seiner Ex klarere Ansagen machen wird? Er hört nicht auf, bereits Vater zu sein, "nur" weil du dann mit ihm verheiratet bist und euer zweites Kind erwartet.
    Daher muss erst einmal tacheless geredet werden: Wie geht er jetzt damit um? Wie geht er mit dir um? Es ist nicht verwerflich, dass er ein anderes Umgangstempo oder -art hat, denn auch er hat (wenigstens in der Theorie) einen Verlust zu verarbeiten und sieht dich als Partnerin leiden. Überforderung oder Ahnungslosigkeit sind denkbar. Genauso gut kann es für ihn auch nicht so greifbar und real sein wie für dich, immerhin hat er nichts berührt, gespürt, gesehen, weshalb er lieber seinen Lebensentwurf weiterplant. Das alles weiß jedoch nur er, daher: Frag ihn offensiv. Gib euch etwas Zeit für mehrere Gespräche. Danach überlege, ob du mit ihm und den Aussagen noch weiter unter einem Dach leben kannst oder nicht.

    Alles Liebe!

  5. #5
    Koeppi ist offline Stranger
    Registriert seit
    15.03.2020
    Beiträge
    5

    Standard Re: Ein schwerer Verlust

    Liebe Morge,

    Vielen Dank für dein ,,offenes Ohr bzw. Auge'' und deine Tipps.
    Ich werde ihn an unserem nächsten ruhigen Tag mal darauf ansprechen. Aber er wirkt in der Beziehung immer noch total emotionslos auf mich.
    Und ja, genau das hat mir zu denken gegeben.. das er sein Kinderglück in diesem Moment um jeden Preis genießen wollte. Was das ganze für mich noch schwieriger machte.

    Einen schönen Abend wünscht Dir
    Kathi

  6. #6
    MorgE ist offline Stranger
    Registriert seit
    25.03.2020
    Beiträge
    11

    Standard Re: Ein schwerer Verlust

    Hallo!

    Es kann natürlich sein, dass er umso stärker an dem festhielt, was er im Leben behalten "darf", ohne daran zu denken, wie du dich fühlst. Getreu des Mottos, ihre erste Reaktion war die Abtreibung und das muss ich akzeptieren. Wie kann sie später schwanken, zögern, mir Hoffnung machen und trotzdem die Termine wahrnehmen wollen? Was will sie? Was will ich?
    Wichtig ist: Lass dir niemals die Schuld geben. Euer Sternenkind ist keine Schuldfrage, sondern ein Verlust. Das hat nichts damit zu tun, wer das Medikament einnahm, sondern dass du für dich keine andere Option als realistisch sehen konntest. Dass man später Varianten entdecken könnte, dass man an sich zweifelt usw., hängt doch auch damit zusammen, dass die eigene Moral, die Zukunftsplanung, die Sicherheit in der Partnerschaft - inklusive Verlässlichkeit, Wünsche, vermisste Nähe - erschüttert worden sind. Du stehst deinen eigenen Vorwürfen und denen des Partners gegenüber. Du solltest eine "heile Welt" vor seinen Minderjährigen bewahren, obwohl dir nicht danach zu Mute war. Deine Welt war in dem Moment am Boden und es hat wahnsinnig an den eigenen Kräften gezehrt, nicht laut sagen zu können: Ich brauche dich als Partner, als Vater unseres Sternenkindes-in-spe.
    Ich hoffe, du hast im Freundes- und Bekanntenkreis viele, offene Ohren!
    Falls du die Zeit hast, berichte doch einmal, wie er nach dem Gespräch und allgemein dem Thema begegnet. Schweigt er es tot, hat sich etwas geändert in der körperlichen Nähe (Umarmungen usw.)? Bist du gezwungen zu funktionieren?

    Liebe Grüße!
    Morge
    Not all treasures are silver and gold, mate.

  7. #7
    Koeppi ist offline Stranger
    Registriert seit
    15.03.2020
    Beiträge
    5

    Standard Re: Ein schwerer Verlust

    Hallo Morge,

    Vielen Dank für deine Nachricht, meine Antwort kommt jetzt doch etwas später, es ist alles sehr schwierig momentan.
    Seit Sonntag sind seine Mädchen nun wieder zu Besuch. Ihre Anwesenheit hat mich von der ersten Minute an sehr verletzt und zu sehen, wieviel Liebe zwischen ihnen und ihrem Vater hört. Seit sie da sind funktioniere ich nur noch, mein Freund jongliert gerade mit Arbeit, Hausaufgaben der Mädchen, Bespaßung und mir am Abend. Was am Abend bleibt sind ein paar Stunden vorm Fernseher. Seit einigen Tagen explodiere ich regelmäßig, weil von ihm gar nichts mehr kommt. Er verspürt weder den Drang mit mir zu reden, noch sich über den Tag auszutauschen. Gestern habe ich mich mehrere Stunden um die Mädchen und ihre Hausaufgaben gekümmert und es kam nicht mal ein einfaches Dankeschön zurück. Physische Nähe gibt er mir noch aber ich sehe nur noch wie er funktioniert und seine emotionale Nähe den Mädchen gibt.

    Ich habe ihn schon mehrmals auf meinen Verlust und meinen Schmerz angesprochen. Eigentlich weine ich so gut wie jeden Abend, die älteste Tochter hat mich schon zweimal in den Arm genommen und gesagt ,,Alles wird gut". Ich versuche mir nichts anmerken zu lassen aber es ist sicher, dass sie meine Trauer spürt ohne sie zuordnen zu können. Mein Freund tröstet mich immer aber wenig mit Worten. Manchmal sagt er, ich werde irgendwann bereit sein für ein Kind und dann wird auch alles ganz toll. Man kann seine Kinder und meines nicht vergleichen, da seine ja gewollt waren und meines ungewollt. Das schmerzt alles sehr, vor allem spüre ich viel Wut ihm gegenüber. Er sagt auch manchmal, dass es auch für ihn schwer ist aber ich merke das ja nicht. Doch man sieht ihm keine Trauer an, entweder er arbeitet, genießt seinen Feierabend oder kümmert sich um die Kinder. Mir gegenüber bemerke ich keine Emotionen außer Mitgefühl und Wut, wen es zwischen uns eskaliert. All das habe ich ihm gesagt, er sagt immer nur, dass er seine Gefühle eben nicht so zeigt wie ich. Ein Klassiker, aber so war es eben nicht immer. Ich erinnere mich, dass seine Große am zweiten Abend anfing über Geburten zu reden und ihren Vater fragte, was er damals im Kreissaal mitbekommen habe. Er ist ganz laut geworden und hat ihr gesagt, dass Thema zu lassen. Das muss ich ihm zugute halten.

    Meine Freunde und Eltern sind alle sehr viel aufmerksamer und besorgter aber wünschen sich nur noch, dass ich ihn verlasse und nach Deutschland zurückkehre. Wenn die Bedingungen normal wären, hätte ich sicher schon meine Sachen gepackt und wäre zumindest auf bestimmte Zeit nach Hause gefahren. Aber aufgrund der aktuellen Umstände ist es zum Einen schwierig nach Deutschland zu kommen und zum Anderen nicht gesagt, wann ich ihn dann wieder sehen könnte. Es wäre ein Abschied auf unbestimmte Zeit. Momentan wünsche ich mir nur, dass seine Töchter abreisen. Gleichzeitig fühle ich mich so schuldig, dass ich so egoistisch bin und es nicht schaffe einfach selbst zu gehen. Doch im Grunde richtet sich die Wut vermutlich gegen ihn, der meines Erachtens noch mehr Bemühungen anstellen sollte.

    Ich wünsche euch einen schönen Tag und hoffe euch geht es den Umständen entsprechend gut.
    Kathi

  8. #8
    MorgE ist offline Stranger
    Registriert seit
    25.03.2020
    Beiträge
    11

    Standard Re: Ein schwerer Verlust

    Hallo!

    Leider war ich auch nicht schneller, aber: Auch in der aktuellen Situation würde ich zeitlich begrenzt meine Koffer packen und erst einmal nach Deutschland gehen. Du musst dich nicht dazu zwingen zu funktionieren und für zwei Mädchen eine Rolle ausfüllen, die dich aktuell belastet - es ist auch nicht deine Pflicht, dich ihnen zu liebe zu verstellen und so zu tun, als hättest du kein eigenes Baby verloren. Ob dein Partner der Kreissaalnachfrage ruppig begegnet ist oder nicht: Die Töchter bekommen für eine an sich harmlose, neugierige Frage eine Quittung, die sie nicht verdienen oder einordnen können.
    Wie soll das auch weitergehen? Du darfst die nächsten zehn, zwanzig Jahre über das Ereignis schweigen - vor ihnen, vor vielen weiteren? Er hat kein Recht dazu, das von dir zu verlangen.

    Ich will nicht ausschließen, dass sein Versuch, an die Zukunft zu appellieren, gut gemeint ist: Das unterstreicht Zusammenhalt, und gibt dir ein Ziel und Ablenkung. (Genauso gut kann man es auch nüchterner interpretieren: Hör auf der Vergangenheit nachzutrauern, es war doch ein ungewolltes Baby und dein emotionales Fass ist unerträglich, statt ihn "nur" zu überfordern.)
    Auch deshalb halte ich es für sinnvoll, räumlich auf Distanz zu gehen. Sortier dich. Hol dir den Komfort, den du jetzt brauchst und verschieb das nicht auf irgendwann! Ihm gibt das die Möglichkeit, in sich zu gehen und eventuell dann in späteren Gesprächen oder Telefonaten emotionaler zu werden - er muss nur wissen, dass dein Wegfahren nicht heißt, du kommst quietschfidel, lachend und mit einer Menge Gras über "der Sache" zurück. Du drückst nur die Pausentaste, um dich deinem Schmerz über den Verlust und den Gedanken zu widmen. Wie es danach weitergeht, ist ein anderes Blatt, bei dem dir auch Freunde oder Verwandte nicht reinreden können. Die Empfindungen teilen, ja - aber du hast die Entscheidungsgewalt.

    Falls du nicht fährst, stell abends den Fernseher bewusst aus. Das Gerät hat den Beigeschmack, als ob man sich damit betäubt und von dem großen Klotz ablenkt, der zwischen euch steht. Wenn er nicht mit dir reden kann, muss er es an der Stelle (wieder) lernen, auch wenn ihr ein unterschiedliches Tempo habt. Ihr seid beide keine Maschinen, aber vom Schweigen oder unausgesprochenen Vorwürfen wird sich nichts kurz- oder langfristig verändern. Nur, weil es für ihn komplett ungewollt war, gilt das nicht für dich von der ersten bis zur letzten Minute - oder jetzt, wo der Zugzwang wegfiel, den der Termin auslöste.

    Liebe Grüße!
    Morge
    Not all treasures are silver and gold, mate.

  9. #9
    Koeppi ist offline Stranger
    Registriert seit
    15.03.2020
    Beiträge
    5

    Standard Re: Ein schwerer Verlust

    Hallo Morge,

    Vielen Dank für das Zuhören und deine Einschätzung. Die Mädchen sind jetzt seit Mittwoch wieder bei der Mama und es hat sich für mich einiges entspannt seitdem. Das Thema ist irgendwie gerade ganz weit weg, nachdem es letzte Woche wieder so stark hochkam, aber ich denke darüber nach ob ich nicht doch nach Deutschland fahre sobald wir diese Woche mehr Informationen dazu bekommen, wie hier in Frankreich verfahren wird. Das mit dem Fernseher kann ich aus meiner Erfahrung auch nur unterstreichen aber leider endet für meinen Freund wirklich jeder Abend vor der Glotze (er arbeitet in der freien Natur und das ist sein Ausgleich). Doch vor diesem Ritual suche ich immer das Gespräch, am Wochenende verbringen wir die meiste Zeit zusammen - ohne TV.

    Einen schönen Abend wünscht Dir
    Kathi

  10. #10
    MorgE ist offline Stranger
    Registriert seit
    25.03.2020
    Beiträge
    11

    Standard Re: Ein schwerer Verlust

    Hallo Kathi,

    ich hatte auch nur gelesen, dass es zur 14-tägigen Quarantäne nach Einreise kommt, aber prinzipiell wohl möglich scheint, solange man sich direkt beim zuständigen Gesundheitsamt meldet. Im Vorfeld hilft es bestimmt, einmal bei der Bundespolizei oder dem Konsulat anzuklopfen - und sich ggf. etwas vom Arzt ausstellen zu lassen, was die Ausgehbescheinigung und Reisegenehmigung ergänzt!
    Hast du mit deinem Freund darüber gesprochen, wie er die Reise zur Verwandtschaft wahrnimmt? Besteht auch umgekehrt die Möglichkeit, jemanden einige Wochen zu euch einzuladen, der dir gut täte?
    Mich stimmt es glücklich, dass du seinem Ritual noch den Gesprächsbedarf voranstellst und jetzt beide Mädchen als "Dauer-Erinnerung" wegfallen, sodass du nicht mehr mechanisch funktionieren musst. Insofern ihre Mutter über euer Sternchen informiert ist, würde ich sogar dazu tendieren, sich zu dritt als Erwachsene zu besprechen, ob man den Mädchen nicht davon erzählen kann - das würde dir den Druck der Geheimnistuerei und Fassade nehmen, vorausgesetzt du möchtest das bereits außerhalb der Partnerschaft und des eigenen Umfeldes kommunizieren!

    Liebe Grüße!
    Not all treasures are silver and gold, mate.

Berechtigungen

  • Neue Themen erstellen: Nein
  • Themen beantworten: Nein
  • Anhänge hochladen: Nein
  • Beiträge bearbeiten: Nein
  •