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Lauter grüne Daumen

Alles beginnt mit einem Blumenstrauß und einem Wutanfall. Den Blumenstrauß hat Kerstin gepflückt - für ihre Mama. Doch die sieht nur abgerupfte Narzissen in der Hand ihrer achtjährigen Tochter und fährt aus der Haut: "Das darf ja wohl nicht wahr sein - meine schönsten Gartenblumen, du spinnst wohl!"

Kerstin ist einen Moment lang verdattert, dann reichlich verstört. Und ihrer Mutter tut es im selben Moment furchtbar leid. Kerstin wollte ihr doch eine Freude machen! Und hat sich dafür gezielt diese leuchtend gelben Blumen ausgesucht.

Als Kerstins Tränen in Mamas tröstendem Arm getrocknet sind, fordert die Achtjährige: "Ich will mein eigenes Beet haben, damit ich dir immer meine Blumen pflücken kann!" "Ich auch", ruft ihr Bruder Timm, 6.

Gesagt, geplant: Groß genug sind die beiden ja, also versuchen wir's mal - zunächst mit einem übersichtlichen "Handtuch- Beet": Drei Meter lang, zwei Meter breit, geteilt in zwei Dreiecke mittels eines diagonalen Plattenweges, damit die Kinder alle Pflanzen gut erreichen können und nichts kaputt trampeln.

Guter Rat von Freunden: Ein reines Blumenbeet wird Kindern schnell langweilig. Um die kleinen Gärtner bei Laune zu halten, müssen Obst und Gemüse hinein. Damit beides gut gedeiht, kommt das Beet an einen sonnigen Platz, mitten auf den Rasen. Den graben wir kräftig um, da ist volle Eltern-Power nötig, denn das schaffen Kinderarme nicht. Aber hinterher die groben Klumpen klein harken, dabei helfen Kerstin und Timm schon mit.

Dann die Fingerprobe: Timm kann seinen Daumen leicht in die Erde bohren, also ist sie locker genug, damit Wurzeln sich gut darin ausbreiten können. Noch wichtiger als die unterirdischen Wachstumsraten sind aber oberirdische: Kinder wollen schnell etwas sprießen sehen.

Darum müssen Turbo-Pflanzen ins Beet. Wir entscheiden uns für Zucchini, die wir im Topf auf der Fensterbank schon mal vorgezogen haben. Die Kinder setzen sie in kleine Mulden ins Beet, drücken die Erde rund um den Wurzelballen fest, Wasser aus der Gießkanne drauf, fertig.

Zuccini wachsen über Nacht

In den folgenden Wochen ist jeden Morgen vor der Schule "Beetvisite" angesagt, denn manchmal legen die Zucchini über Nacht einen halben Meter zu! Gleich daneben ein spannendes Wettrennen: Sowohl Kerstin als auch Timm haben einen Sonnenblumensamen in 30 Zentimeter Abstand eingepflanzt und fiebern nun, welche der beiden gelben Pflanzen schneller wächst.

Als Kerstins um zehn Zentimeter höher ist, geht Timm zum Dünge-Doping über und verpasst dem Stamm seiner Sonnenblume einen Wadenwickel aus Kompost. Nur mit Mühe kann der Junge überzeugt werden, dass so sein Sonnenblumen-Stamm faulen kann.

Nach ihren ersten erfolgreichen Feldversuchen auf der eigenen Scholle fordern unsere beiden Kleinbauern die Unabhängigkeit - zumindest bei den Produktionsmitteln: eigene Gartengeräte sollen her. Ein Wunsch, der auch uns entgegenkommt, denn neuerdings sind ständig die kleine Beetschaufel, der praktische Zwiebelpflanzer und die Gießkanne weg.

Also ab ins Gartencenter. Dort gibt es für unsere beiden Bonsai-Gärtner: Minischaufeln und andere Gartengeräte mit kurzen Stielen, Gießkannen, praktische Gartenschuhe und - ein Muss –-die (O-Ton Timm) "derbe coolen" Gartenhandschuhe. Natürlich in doppelter Ausführung - einmal für Kerstins grüne Daumen, einmal für die von Timm.

Und damit die beiden sie zu Hause auch gleich überstreifen, gibt ihnen der Gartencenter-Chef noch die Idee mit dem Kresse-Herz mit auf den Weg: Pappschablone in Herzform basteln, ins Beet setzen, Kressesamen in die Schablone streuen, mit der Sprühflasche leicht anfeuchten, und schon wenige Tage später wächst ein grünes Herz im Beet.

Das macht Lust auf mehr. Im Beet ist noch Platz für Pfefferminze, Schnittlauch und Zitronenmelisse. Anspruchslose Pflanzen, die man beim Gießen ruhig mal vergessen darf, aber der ganze Stolz der Kinder, wenn sie davon etwas für den bunten Sonntags-Salat abschneiden.

Hilfe, Schneckenalarm

Doch eines Morgens kommt das böse Erwachen. Vor der Schule ein schneller Blick nach den Erdbeeren: Sie sind gerupft und zerfetzt - kurz: am Boden zerstört, genau wie die Kinder. "Wer war das?", ruft Kerstin empört. Wir sprechen die Schnecken schuldig und zeigen den Kindern, was diese räuberischen Kriecher noch lieber mögen: eine flache Schale mit Zuckerwasser oder Bier.

Spätestens nach dem Schnecken-Angriff ist klar: Unsere Kinder fühlen sich verantwortlich für ihr Beet. Und: Mehr als in so mancher Bio-Stunde lernen sie hier darüber, wie die Natur tickt, und schauen ihr dabei oft gespannt zu: mit der Lupe, wenn Marienkäfer Blattläuse vertilgen, mit der Kamera, wenn Bienen in die Blüten düsen, und mit bloßem Auge, wenn Regenwürmer das Beet durchpflügen.

Nein, Kerstin und Timm sind bei Weitem nicht täglich auf Beobachtungsposten, manchmal vergessen sie ihr Beet auch mal eine Woche lang. Das ist völlig normal und war schließlich schon im allerersten Schrebergarten so: Der wurde nicht, wie vielfach behauptet, von Herrn Dr. Daniel Gottlob Moritz Schreber gegründet, sondern lediglich nach ihm, dem Arzt und Naturheilkundler benannt.

Ein Schulgarten war es, angelegt im Jahre 1864 in Leipzig mit dem Ziel, Kinder das Gärtnern zu lehren. Doch die Schüler ließen ihn nach kurzer Zeit verwildern. Deshalb übernahmen Eltern das Kommando, teilten die Fläche in Parzellen und machten daraus die ersten Schrebergärten.

Gartenglück zum Pachten

Ein ganz ähnliches Projekt gibt's heute zum Beispiel in Köln - für Möchtegern- Gärtner, die keinen eigenen Garten haben und sich mal als Schreber versuchen wollen: In der Kolonie "Gartenglück" können sie eine von 40 Parzellen einen Sommer lang für 220 Euro pachten ( www.gartenglueck.info).

Auf 100 Quadratmetern ist bei Übergabe schon allerlei junges Gemüse angepflanzt, das nun gehegt und geerntet werden will.

Evgeny Ivanov und Katrin Ivanov-Below, beide studierte Agraringenieure und "Gartenglück"-Erfinder, kommen zweimal pro Woche vorbei und beraten die Pächter, in der Mehrzahl Familien, wenn es darum geht, wie man Erbsenpflanzen beim Klettern hilft und wann die Tomaten erntereif sind. Währenddessen wieseln die Kinder durch die Rabatten, pflücken Tomaten, zupfen Möhren aus dem Boden und füttern Willi Wurst oder Frida Frikadelle, die beiden durchs "Gartenglück" grunzenden Hängebauchschweine.

Wer das Gärtnern einmal ausprobieren mag, kann eintägige Schnupper-Angebote in Gärtnereien nutzen, etwa in den "Tagen der Kindergärtnerei" vom 24. bis 29. September 2007 (www.tage-der-kindergaertnerei. de).

Bundesweit wollen Gärtnereien, Baumschulen, Obst- und Gemüsebauern während dieser Aktionswoche Kindern und ihren Familien zeigen, wie man Bäume pflanzt, Blumen eintopft und warum Gartenarbeit manchmal auch gefährlich sein kann.

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