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Wo ist Heidi?

Unsere Autorin Verena Fischer hat sich nach über 30 Jahren mal wieder einen Kinderfilm im Kino angesehen. Und war entsetzt.

Hurra, wir gehen ins Kino!

Mein Sohn Janosch ist fünf Jahre alt. Fünfeinhalb, um genau zu sein. Und kürzlich, es war ein verregneter Sonntag, dachten meine Mann und ich, wir machen Janosch eine Riesenfreude und gehen mit ihm ins Kino. Das erste mal! Ich muss hinzufügen, dass Janosch bis auf die „Sendung mit der Maus“ und – durch seinen Vater bedingt... – Übertragungen von Formel 1 Rennen fast nicht fernsieht. Es war also eine absolute Premiere für unseren Sohn und entsprechend aufgeregt war er dann auch. Als Film hatten wir uns „Oh, wie schön ist Panama!“ ausgesucht. Sicheres Terrain, dachten wir, weil Janosch das Buch praktisch auswendig kennt und über alles liebt.

Gut gelaunt und voller Vorfreude marschierten wir also zum Kino. Fasziniert starrte unser Kind auf die überdimensionale, noch weiße Leinwand, erkundigte sich sicherheitshalber nach den Notausgängen und machte es sich dann beruhigt in dem viel zu großen Sessel bequem. Dann ging es los. Mit Werbung.

Attacke auf Kinderohren

Vermutlich war es nicht die klügste Entscheidung, mit unserem Kind ins größte und damit kommerziellste Kino Münchens zu gehen. Trotzdem sollte man erwarten können, dass auch hier das Rahmenprogramm eines Films, der keine Altersbeschränkung hat, kindergerecht ist. Das geht mit der Lautstärke los. Die war leider so absurd hoch, dass sogar mir als Erwachsener nach fünf Minuten der Kopf dröhnte. Wie muss sich da das zierliche Mädchen mit seinen höchstens vier Jahren gefühlt haben, das schräg vor mir saß und sich erschrocken auf den Schoß seines Vaters rettete. Auch Janosch macht sich ganz klein in seinem Sitz. Und gerade, als ich mich besorgt fragte, ob dem Kleinkinderpublikum etwa auch Werbung für Erwachsene gezeigt werden soll, tönte mit Ohren betäubender Phonzahl "Geiz ist geil" durch den Kinosaal. Und dann gleich noch ein paar mal das bei Müttern sehr beliebte Wort "geil", damit es auch wirklich im Gedächtnis hängen bleibt. Dahin waren all unsere Bemühungen, den Kindern eine einigermaßen manierliche Sprache beizubringen.

Gruselkabinett

Spots für Tageszeitungen, für das Kino und für Eis folgten. Vergleichsweise harmlos. Bis die Trailer für die kommenden Kinofilme anfingen. Für Kinderkinofilme wohl gemerkt. Da schreien Comicschnecken und Comicmäuse mit weit aufgerissenen Augen um die Wette, hässliche Knetfiguren kämpfen sich durch einen düsteren Großstadtmoloch, ständig bedroht von noch hässlicheren Ungeheuern. Da landet ein kleiner Junge in der Welt irgendwelcher Phantasiegeschöpfe und muss sich plötzlich gegen lauter Monster wehren. Da kämpfen ein Bär und ein Elch gegen Jäger und lassen mal eben aus Spaß dessen Auto explodieren und wie einen Feuerball durch die Luft fliegen. Da bekriegen sich ein Nikolaus und ein fieser Typ namens Frost. Und in jedem dieser sorgfältig zusammengestellten Filmausschnitte stürzt mindestens ein Geschöpf begleitet von bedrohlicher Musik, rasanter Kamerafahrt und einem gellenden Schrei in die Tiefe. Auch der Nikolaus muss dran glauben. Er fällt vom Dach und bleibt reglos im Schnee liegen. Das alles ist natürlich hochdramatisch und sehr schnell geschnitten, wie man es für Trailer eben so macht. Schließlich will man das Publikum ja mitreißen.

Das gelingt in diesem Fall auch ganz wunderbar. Janosch hat seine Hände vor Angst so fest ineinander verkrallt, dass die Knöchelchen weiß hervor scheinen. Aber er bleibt tapfer sitzen. Er will ja den kleinen Tiger und den kleinen Bären sehen.

Kapitulation

Nach einer geschlagenen halben Stunde Werbung und Teaser beginnt dann endlich der Film, für den wir eigentlich hergekommen waren. Leider auch viel zu laut, aber immerhin in friedlichen Bildern machen sich der kleine Bär und der kleine Tiger auf die Suche nach dem Ort ihrer Träume. Doch schon nach fünf Minuten ist Janosch enttäuscht. Die Geschichte ist völlig anders, als in seinem Lieblingsbuch. Als dann der kleine Tiger auch noch – wie sollte es in einem Kinderfilm anders sein? - hochdramatisch und entgegen der Buchvorlage von einer Hängebrücke in einen reißenden Fluss abstürzt und nicht mehr auftaucht, will Janosch gehen. Wir packen Jacken und Popkorntüte und verlassen den Saal. Mein Mann und ich sind entsetzt.

Der moderne Kinderfilm?

Seitdem frage ich mich: Habe ich die letzten Jahre auf dem Mond gelebt? Habe ich einen Entwicklungssprung unserer Gesellschaft verpasst? Wann ist es für Kinderfilme ein Muss geworden, mindestens eine Kampf-oder Absturzszene vorzuweisen? Was ist aus Biene Maja und Heidi geworden? Nur was für Weicheier? Müssen heutzutage schon Vierjährige mit Gewaltszenen und Gruselschockern gelockt werden, um einen Film profitabel zu machen? Als hätte es die Diskussion über die Folgen von Gewalt im Fernsehen (und im Kino) nie gegeben!

Ich höre schon das Argument, dass die klassischen Märchen noch viel brutaler sind und die hätten unseren Kindern auch nicht geschadet. Das mag sein. Weil die Kinder die Hexen erstens nicht superrealistisch und überlebensgroß vor sich sehen müssen sondern immer nur der eigenen Vorstellungsgabe entsprechend im Kopf. Weil zweitens die Kinder wissen, dass Märchen immer gut ausgehen. Deshalb sind es Märchen. Und weil drittens die Märchen in der Regel von Mami, Papi, Oma oder Opa vorgelesen werden, einer vertrauten Person also, die Sicherheit gibt.

Bitte keine Mogelpackung!

Mag sein, dass ich naiv bin, aber ich glaube immer noch daran, dass Gewalt, Angst und Schrecken in Kinderfilmen nichts zu suchen haben. Und ich möchte in der Lage sein, selber bestimmen zu können, was mein Kind sieht und was nicht. Auch und vor allem im Kino, wo ich immerhin Eintritt zahle und das nicht zu knapp! Wenn also auf einem Filmplakat "ohne Altersbeschränkung" steht, dann erwarte ich, dass ein entsprechend harmloser Film gezeigt wird. Das betrifft auch die Werbung davor. Es ist mir ein Rätsel, wie Politiker händeringend nach Lösungen in Sachen gewälttätiger Jugendlicher an Schulen suchen können und gleichzeitig zulassen, dass Filme für Kleinkinder immer brutaler werden, nur weil diese sich offenbar besser verkaufen lassen.

Als wir vom Kino nach Hause liefen, habe ich Janosch gesagt, dass ich sehr stolz auf ihn bin, weil er den Mut hatte, aufzustehen und zu gehen. Ich hoffe nur, dass er sich diesen gesunden Instinkt noch eine Weile bewahren kann.

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