Der große kleine Unterschied

Rosarot und himmelblau.Mädchen wollen Lackschuhe, Junges schießen mit Bananen. Das Klischee ist für Kinder das wahre Leben. So lernen sie, zu welchem Geschlecht sie gehören

: Der große kleine Unterschied

Viele frauenbewegte Jahre lang galt der kleine Unterschied der Geschlechter als Korsett, das vor allem das Weibliche einengte. Sie erinnern sich: Als Mädchen wirst du nicht geboren, zum Mädchen wirst du gemacht! Bewusste Eltern bemühten sich deshalb, die Trennung der Geschlechter schon im Laufstall aufzuheben und Sohn oder Tochter ohne Festlegung auf typisch Junge oder typisch Mädchen zu erziehen. Was für ein Frust, wenn der Vierjährige dann sein kuschelweiches Seidenpüppchen mit dem Dreirad überfuhr und sein Frühstücksbrot in Form einer Knarre zurechtkaute. Oder wenn die Fünfjährige sich mit steifen Beinen weigerte, in eine Latzhose zu steigen und stattdessen auf dem zartlila Röckchen bestand.

Wissenschaftler, die sich mit Geschlechterforschung beschäftigten, blieben schon damals ganz entspannt und forschten weiter in die Richtung, die sich seit den Siebziger Jahren immer mehr als die richtige herausstellte: Jungen sind anders. Und Mädchen auch.
Die ideologisch gefärbte Diskussion darüber, was daran schuld ist - Natur oder Erziehung- bringt etwa soviel wie die Frage nach der Henne und dem Ei: Keines der beiden gibt es ohne das andere. "Heute weiß man, dass Gene eine ebenso große Rolle spielen wie die Umwelt," fasst die amerikanische Wissenschaftsjournalistin und Buchautorin* Susan Gilbert den Stand der Forschung zusammen und sagt auch gleich, was Eltern daran zu interessieren hat: "Die Kernfrage lautet: Wie wirken Natur und Umwelt zusammen, um Mädchen und Jungen in einigen Bereichen unterschiedlich und in anderen Bereichen ähnlich zu machen?" In vielen Studien haben Forscher schon bewiesen, dass Eltern mit weiblichen und männlichen Kinder unterschiedlich umgehen. Das geschieht sehr oft unbewusst - und liegt doch verblüffend deckungsgleich auf der Linie, die die Natur vorgibt. So reden Mütter und Väter nachweislich häufiger mit weiblichen Babys - deren Sprachzentrum sich schneller entwickelt als das ihrer männlichen Altersgenossen und die deshalb früher und ausführlicher auf die Worte der Eltern eingehen können.
Dafür wird mit kleinen Jungs mehr getobt - was sie mit guter Laune und Ausgeglichenheit belohnen, weil ihre männlichen Hormone für besonders viel Spaß an der Bewegung sorgen.
Henne oder Ei?

Dass Jungen anders sind und Mädchen auch - ihnen scheint das nichts auszumachen. Im Gegenteil: Um zu verstehen, wo sie denn nun hingehören, treiben sie ihre Geschlechterrolle im Alter zwischen drei und fünf auf die Spitze: Kein Kinderkostümfest ohne Tüll-Prinzessin und Sheriff mit falschem Bart.
Eltern muss das nicht schrecken. Tüll und Knarre landen irgendwann auf dem Speicher und unsere Söhne und Töchter machen (hoffentlich) da weiter, wo wir heute schon sind: "Unsere Kinder wachsen mit mehr Möglichkeiten und weniger geschlechtlicher Diskriminierung auf, als es zu unserer Zeit der Fall war", sagt Susan Gilbert, "es liegt an allen, diesen Trend weiter voranzutreiben."

* Susan Gilbert, Typisch Mädchen! Typisch Jungen! Praxisbuch für eine geschlechtsgerechte Erziehung Walter Verlag, 24 EURO