Experteninterview
 
Wochenbettdepression oder Baby Blues?

Müsste ich nicht eigentlich vor Glück platzen, wenn ich mein neugeborenes Baby in den Armen halte? Warum fühle ich nichts? – Viele Mütter sind in den ersten Tagen nach der Geburt alles andere als glücklich. Doch was ist dieser Baby Blues eigentlich? Und ab wann spricht man von Wochenbettdepression?

Wochenbettdepression oder Baby Blues?
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Inhalt: 
Was hilft gegen den Baby Blues?Was ist eine Wochenbettdepression?Wo finde ich Hilfe?Experten-Interview

Neun Monate Schwangerschaft, neun Monate, in denen du dich auf dein Baby vorbereitet hast, dich gefreut hast und gespannt warst. Doch jetzt, wo dein Neugeborenes da ist, fühlst du dich plötzlich verunsichert, weinst vielleicht auch häufig?! Keine Sorge! Das ist ganz normal, und dafür gibt es sogar einen medizinischen Begriff: Postpartales Stimmungstief, umgangssprachlich auch Baby Blues genannt. 
 
Etwa 50 bis 80 Prozent der jungen Mütter fallen zwischen dem vierten und zehnten Tag nach der Geburt, in ein emotionales Loch. Dabei ist es egal, ob sie eine natürliche Geburt oder einen Kaiserschnitt hatten. Die anfänglichen Glücksgefühle werden plötzlich von Symptomen wie Niedergeschlagenheit, Unsicherheit und Angst abgelöst. Die Betroffenen fühlen sich mit ihrem Baby und der Situation überfordert. 
 
Auslöser für den Babyblues können Schlafmangel, Erschöpfung, vor allem aber ein abrupter Hormonabfall in den ersten Tagen sein. Meist ab dem dritten Tag nach der Schwangerschaft sinken die Östrogen- und Progesteronwerte drastisch im Körper ab. Das Ergebnis: Tränen, Kopfschmerzen, Müdigkeit, erhöhte Sensibilität und Reizbarkeit. 
 
Wie lange der Babyblues anhält, ist sehr unterschiedlich. Bei manchen dauert er nur ein paar Stunden, andere leiden tagelang. Eine Behandlung ist nicht nötig. Der Babyblues klingt normalerweise von alleine wieder ab. 
 
Leider ist dies nicht immer der Fall: Bei rund 10 bis 15 Prozent aller Mütter entwickelt sich aus dem Babyblues eine psychische Erkrankung. 

Was hilft gegen den Baby Blues?

Neben extremer Müdigkeit und dem Hormonabfall nach der Geburt kommt bei vielen jungen Müttern hinzu, dass sie zu hohe Erwartungen an sich stellen. Ab Stunde Null wollen sie alles perfekt machen und am besten keine Unsicherheit zeigen. Doch dieser Druck löst Schuldgefühle aus. Sich in diese neue Rolle einzuleben, Tag und Nacht für das winzige Baby verantwortlich zu sein, das dauert eben eine gewisse Zeit. Und die sollten sich junge Mütter auch nehmen. Schamgefühl ist absolut nicht nötig. Im Gegenteil: Vielen hilft es bereits, sich ihrem Partner oder anderen engen Angehörigen anzuvertrauen und offen über ihre Gefühle zu sprechen. Vielleicht hast du auch eine Freundin oder Bekannte, die ähnliche Erfahrungen gemacht hat? Du kannst auch immer deine Hebamme oder Ärztin um Rat fragen. Für beide ist der Baby Blues ein ganz normales Thema, sie verstehen, was du durchmachst und können dir zur Seite stehen.  
 
Ansonsten ist in der Zeit des Baby Blues vor allem Entlastung das A und O. Fühlst du dich völlig überfordert mit deinem neuen Baby und dem Haushalt, dann kannst du dir zum Beispiel eine Haushaltshilfe besorgen. Die zahlt häufig auch die Krankenkasse nach Vorlage eines ärztlichen Attests. Spricht am besten mit deiner Ärztin darüber. Es ist sicher auch nicht schlimm, wenn sich die Teller mal in der Spüle stapeln, weil du Ruhe brauchst, während dein Schatz schläft. Wichtig ist es, nicht in einen totalen Erschöpfungszustand zu rutschen, sondern sich Zeit zu nehmen für seine neue Lebenssituation. Denn aus dem anfänglichen Baby Blues kann sich auch eine ernst zu nehmende Wochenbettdepression entwickeln. 

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Was ist eine Wochenbettdepression?

Die Wochenbettdepression, auch Postpartale bzw. Postnatale Depression genannt, ist eine ernst zu nehmende Depression im ersten Jahr nach der Schwangerschaft. Im Gegensatz zum Baby Blues ist die Wochenbettdepression eine psychische Erkrankung, die behandlungsbedürftig ist und nicht von alleine wieder abklingt. Rund 10 bis 15 Prozent aller jungen Mütter leiden unter dieser Erkrankung. Sie kann sich aus dem Babyblues entwickeln, aber auch noch nach der Zeit des Wochenbetts auftreten. Speziell Frauen, die schon früher zu depressiven Verstimmungen geneigt haben, sind für diese Depression besonders anfällig. 
 
Typische Symptome der Postpartale Depression sind starke Selbstzweifel, Ängste, innere Leere, Niedergeschlagenheit und das Gefühl, das eigene Baby nicht lieben zu können. Die Annahme, dass die junge Mutter ihr Baby einfach nur nicht genügend liebt bzw. den Alltag mit Kind nicht meistern kann, ist schlichtweg falsch. Eine Wochenbettdepression ist eine Erkrankung, die eine Behandlung benötigt. Die Frauen, die an einer Wochenbettdepression leiden, sind auf professionelle Hilfe angewiesen.

Wo finde ich Hilfe?

Erste Unterstützung bekommst du immer von deiner Hebamme oder deiner Ärztin. Sprich am besten mit ihr, über deine Symptome, deine Sorgen, Ängste und Gefühle. Sie kann dir deine nächste Anlaufstelle nennen und dich zu Postpartalen Depressionen beraten. 
Möchtest du dich vorab selber informieren, können dir folgende Vereine weiterhelfen: 

Hilfe bei Suizidgedanken
Denkst du darüber nach, dir das Leben zu nehmen, versuche mit anderen Menschen darüber zu sprechen. In Notfällen wähle am besten gleich 112 oder suche die nächstgelegene psychiatrische Klinik auf. Es gibt auch noch die anonyme, kostenlose und rund um die Uhr zu erreichende Telefonseelsorge. Sie sind per Hilfe-Chat auf der Webseite Telefonseelsorge, per E-Mail-Beratung oder unter den Telefonnummern 0800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222 zu erreichen. 

Experten-Interview

Eine Frau, die solche professionelle Hilfe anbietet, ist Diplom-Psychologin Eleonore Poensgen aus Frankfurt am Main. Sie hat sich auf die Behandlung von Wochenbettdepressionen spezialisiert und erzählt im Interview mit ELTERN über die Symptome einer nachgeburtlichen Depression, erklärt die Ursachen und gibt Tipps, wie man betroffenen Müttern helfen kann.
 
ELTERN: Woran erkennt man eine Wochenbettdepression?
Eleonore Poensgen: Symptome der Postpartalen Depression sind Schlaflosigkeit und Niedergeschlagenheit, aber auch Selbstzweifel und Panikattacken. Es fällt den Betroffenen sehr schwer, Freude an ihrem Baby zu haben. Sie haben das Gefühl, sie könnten das Kind nicht lieben. Die Depression muss nicht direkt auf die Geburt folgen. Sie kann auch bis zu einem Jahr danach auftreten. Meistens geht sie nach ein paar Wochen oder Monaten vorbei, es sei denn, die Betroffene ist von ihrer Persönlichkeit her vorbelastet.

Worin sehen sie die Ursachen?
Eine wichtiger Aspekt sind die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen wir leben. Die jungen Mütter sind nach der Geburt acht bis zwölf Stunden mit den Säuglingen alleine. Das ist völlig unnatürlich. Bei Naturvölkern werden die Frauen, die frisch entbunden haben, ständig von Nachbarsfrauen oder Familienmitgliedern betreut. Bei der täglichen Babypflege haben sie Hilfe. Sie leben in Gemeinschaft, können sich helfen lassen und sich an ihr Baby und ihre neue Lebenssituation gewöhnen.

Warum sind familiäre Strukturen so wichtig?
Viele Mütter in Deutschland vermissen Netzwerke wie Großfamilien, die es ihnen erleichtern, mit der neuen Lebenssituation zurechtzukommen. Eine junge Mutter braucht Zeit, um das neue, gemeinsame Leben zu planen. Wenn diese Zeit fehlt, kann es schnell zu Überforderung und Unsicherheit kommen. Isolation kann die Erkrankung auch verstärken. Oft müssen junge Mütter sich nach der Schwangerschaft ihres ersten Kindes ein neues soziales Netz aufbauen. Vor allem nach Umzügen, wie sie bei Nachwuchs oft anstehen, werden sie aus ihrem sozialen Netz gerissen.

Spielt die Persönlichkeit der Mütter auch eine Rolle?
Ja. Häufig erkranken Frauen, die sehr große Erwartungen an sich selbst stellen und in ihrer Mutterrolle perfekt sein wollen. Sie erwarten von sich als Mutter, Partnerin und Hausfrau, alles alleine und richtig zu machen. Wenn sie dann merken, dass sie nicht alles selbst schaffen, bestrafen sie sich dafür. Solche Frauen haben Schwierigkeiten, sich einzugestehen, dass sie Hilfe brauchen. Weitere Auslöser für eine Postpartale Depression können aber auch hormonelle Umstellungen nach der Geburt sein und Schlafmangel.

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Beeinflusst das Verhalten des Kindes die Krankheit?
Ein Kind kann mit seiner Unruhe die Depression sicherlich indirekt verstärken. Erkrankte Frauen befinden sich in einem Teufelskreis: Sie geben sich die Schuld am Verhalten des Babys und fühlen sich durch das Schreien überfordert, was wiederum die Depression verstärkt.

Worin liegen die Unterschiede zwischen 'Baby Blues' und Postpartaler Psychose?
Den 'Baby Blues' oder auch Heultage genannt, haben acht von zehn Frauen. Ursache dafür ist die plötzliche Veränderung des Hormonspiegels nach der Geburt. Die jungen Mütter sind niedergeschlagen. Manche weinen grundlos oder denken, sie könnten ihr Baby nicht versorgen. Das gibt sich aber innerhalb der ersten Woche nach der Geburt wieder. Die Psychose spiegelt sich in einem anderen Krankheitsbild wider. Es kommt zu einem Realitätsverlust. Die Betroffenen hören Stimmen, fühlen sich verfolgt und haben Wahnvorstellungen. Die Gründe dafür liegen vor allem in einer angeborenen Anlage, die bei großem Stress ausbrechen kann. Gerade die Zeit nach der Geburt und während des Wochenbetts ist für Mütter sehr anstrengend und belastend.

Wie kann den Betroffenen geholfen werden?
Wichtig ist, dass depressive Frauen nicht denken, sie hätten etwas falsch gemacht oder seien unnormal, weil sie ihr Kind nicht lieben können. Die Beziehung zwischen Mutter und Kind muss genauso wie die zwischen Partnern langsam wachsen. Die Betroffenen sind keine schlechten Menschen, sie sind nur krank. Sie sollten sich an den Partner, die Familie oder Freunde wenden und danach an den Arzt oder Psychotherapeuten. In einer Psychotherapie ist es für die Mütter wichtig, ihr Verhältnis zu sich selbst zu bearbeiten. Bei schweren Fällen halte ich Antidepressiva für eine wichtige und nützliche Hilfe, um den Frauen erst einmal aus ihrer Krise zu helfen. Bei einer Psychose ist es notwendig, sofort ärztlich Hilfe aufzusuchen und sich in medizinische Behandlung zu begeben.

Kommt es beim zweiten Kind zu einem Rückfall?
Wenn die Betroffenen nach der ersten Geburt eine Therapie gemacht hat, ist die Wahrscheinlichkeit für einen Rückfall gering. Manchmal fällt den Frauen mit dem zweiten Kind sogar vieles leichter. Sie sind bereits in die Mutterrolle hineingewachsen, kennen die Situation, haben idealerweise viele Kontakte geknüpft und können sich Hilfe holen.