Ernährung
 
Darf Essen bunt sein?

"Ein bisschen Dreck gehört einfach zum Kinderleben"

Ernährung: Darf Essen bunt sein?

Nee, liebe Uli, lass den Stecker drin. Ich brauch sie nicht, die nackte Wahrheit. Und in Essensfragen lasse ich mich großzügig täuschen: von ein bisschen Farbe, Aroma- und Ersatzstoffen.

Nein, ich war nicht immer so ignorant! Am Anfang gab es mal eine Zeit, da wollte auch ich das Beste für meine Mädels: Leitungswasser, zuckerfreien Tee, viel Natursauerteigbrot, wenig Schokolade... Ich habe Bio-Äpfel im Akkord geachtelt. Und wenn es Gummibärchen gab, selbstverständlich die Apothekerware aus reinem Fruchtsaft.

Aber dann besuchte Jette ihren Freund Felix. Der hatte einen Kaufladen mit lauter Attrappen: Waschpulversimulationen, Nudelsimulationen, Lollisimulationen ... Außerdem lag im Regal ein quietschrotes, duftendes Himbeertörtchen - das war eigentlich eine Kerze. Aber mein Kind hatte entbehrungsreiche Jahre hinter sich (mit viel Leitungswasser und wenig naturidentischen Aromastoffen) und so biss es herzhaft ins Himbeerparaffin.

Seitdem bin ich überzeugt: Kinder haben ein Gen, das ihnen permanent zuruft: Süß ist gut, klebrig ist gut, bunt ist gut! Ignoriert man diese Rufe, führt das zu merkwürdigen Verirrungen. Ich glaube auch, dass zu einem Kinderleben ein bisschen Dreck gehört. Denn Dreck scheuert bekanntlich den Magen und, Uli, denk nur an das befriedigende Knacken, das ein Lolli macht, wenn man ihm mit dem hinteren rechten Backenzahn den Rest gibt.

Abgesehen davon muss ich dich warnen: Die strikte Befolgung von Reinheitsgeboten mindert die kindliche Kritikfähigkeit: Meine Kinder können heute sehr wohl eine mäßige Simulation (Himbeertörtchen mit backtriebgetuntem Mürbeboden an Sprühsahne) von einer schlechten Simulation (Duft an Kerze) unterscheiden. Und rufen dann: Mama, backst du mal wieder richtige Torte?

Ja, manchmal backe ich richtig: mit frischer Butter, gesiebtem Ökomehl und haufenweise Liebe. Oft habe ich aber dazu keine Zeit, und dann nehme ich gern die Hilfe eines promovierten Küchenchefs an. Ohne seine Backmischungen würde ich die Zeit vor den großen Ferien niemals überstehen – da bringen meine Kinder aus ihren Kitas nämlich jeden zweiten Tag eine Einladung zu einem Sommerfest mit, inklusive der Bitte, etwas Selbstgebackenes beizusteuern. Mithilfe meines promovierten Küchenchefs schaffe ich es, abends um zehn noch "zwei Eier und etwas Milch zuzugeben" und so das Kindergarten-Büfett gehorsam zu bestücken.

Ja, in bestimmten Lebenssituationen mag ich auch Fast-Food-Restaurants - zum Beispiel, wenn sie auf der 700 Kilometer langen Autofahrt zu Oma Hella auftauchen und unsere zwei zoffenden Rückbankhocker schlagartig gut gelaunt sind.

Ich weiß schon, Uli, du meinst, das sei alles nur Simulation. Und befürchtest, dass sich in Burgern jede Menge Stimmungsaufheller befinden. Die Wahrheit ist: In Burgern ist keine Burg, und in Bifi ist kein Gummi. Alles andere ist mir zwischen München und Bremen erst mal wurscht. Hauptsache, wir kommen bald an!

Sind Sie in Ernährungsfragen eher kritisch und greifen lieber zu Bio-Kost oder wollen Sie "der Lebensfreude zuliebe" gar nicht so genau wissen, was wo drin ist?