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Corona-Tagebuch einer Mutter Corona positiv – Mit vier Kindern krank in Quarantäne

Corona-Tagebuch einer Mutter: Corona positiv – Mit vier Kindern krank in Quarantäne
© Marie Stadler
Nein, die Nachricht „Ihr Testergebnis: positiv“ will wirklich niemand in seiner Corona-App lesen. Aber wenn es beide Eltern von vier Kindern gleichzeitig erwischt, und das auch noch an Weihnachten, dann wirft das Fragen auf, auf die es einfach keine Antwort gibt.

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Ich werde nie den Moment vergessen, in dem mein Mann mir kreidebleich sein Handy unter die Nase hielt. „Ihr Testergebnis: positiv“ stand da. Zwei Tage vor Weihnachten. Dabei war er eigentlich nur zum Test gegangen, um ganz ganz sicher zu gehen, nachdem ein Kollege von ihm erkrankt war. Keiner von uns hatte es für möglich gehalten, dass er sich am letzten Arbeitstag dieses Jahres in fünf Minuten Kontakt trotz Mundschutz und drei Metern Abstand angesteckt haben könnte. Dass er wegen eines ganz leichten Schnupfens zum Test gegangen war, hatte sich fast ein bisschen hysterisch angefühlt. Aber nun war es so. Das bisschen Schniefnase war also Corona. Und meine leichten Gliederschmerzen fühlten sich plötzlich nicht mehr leicht, sondern furchtbar bedrohlich an. Nach dem Fiebermessen gab es keinen Zweifel mehr: Auch ich hatte den Mist. Verdammt!

Jetzt aber schnell

Früher, ohne Kinder, wären wir an dieser Stelle eventuell in Panik verfallen oder im Selbstmitleid versunken. Doch für so einen Quatsch bleibt einem als Eltern keine Zeit. Da war zunächst mal der feste Glaube an den Weihnachtsmann zu retten und ein Fest vorzubereiten, das auch ohne große Kraftanstrengung funktioniert. Und es galt, vier Kindern die Angst zu nehmen vor dieser Krankheit, vor der wir monatelang so eindringlich gewarnt hatten. Von der Erkenntnis, krank zu sein bis zum Schlachtplan vergingen nur wenige Sekunden. „Du packst Geschenke ein, ich mobilisiere die Nachbarn für die fehlenden Einkäufe. Ich nehme das Baby, du schmückst mit den Kleinen schnell den Baum, solange es dir noch gut geht.“
Immer wieder hielten wir kurz inne. Warte mal, darf man als Coronakranker ein Baby auf den Arm nehmen? Auf der anderen Seite: Wer soll es sonst tun? Wer kocht, wenn doch wahrscheinlich beide infiziert sind? Wie sollen wir unsere Kinder vor Ansteckung schützen? Und überhaupt: Warum ausgerechnet wir? Wir waren doch immer so vorsichtig!

Und dann funktioniert man einfach

Von Panik über Galgenhumor bis hin zu glühenden Wutreden über die Ungerechtigkeit des Universums machten wir alle Phasen im Schnelldurchlauf einmal durch, dann nahmen wir uns zusammen. Mit dem Fieber stieg der Pragmatismus. Natürlich musste das Baby geknuddelt, gestillt, rumgetragen werden. Was auch sonst? Und so wirklich schützen konnten wir auch die drei anderen nicht. „Unmöglich“, bestätigte uns netterweise auch das Gesundheitsamt und nahm uns damit wenigstens das schlechte Gewissen. Mein Mann und ich schickten uns gegenseitig die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse, natürlich nur die beruhigenden, und ignorierten die leicht hysterischen Vibes in der Stimme unserer Eltern am Telefon. Dann kam Heiligabend und wir saßen vor Schüttelfrost bibbernd und mit Ibuprofen zugedröhnt um den Weihnachtsbaum. Das Baby begann zu husten, und ich bin jetzt noch erstaunt, wie gut wir trotz aller Ängste und Schmerzen einfach funktionierten. Unsere Kinder schliefen irgendwann mit glänzenden Augen ein, so wie es sich an einem Weihnachtsabend gehört. Auch unsere Augen glänzten, aber eher vor Erschöpfung und Fieber. Die 47 Whatsapp-Nachrichten „Wie geht’s euch?“ ließen wir einfach mal unbeantwortet.

Die Luft ging aus

Ich würde wirklich gerne sagen, dass es echt nur wie ne Grippe war. Wäre aber gelogen. Mir ging es an manchen Tagen so schlecht wie noch nie in meinem Leben. Das Atmen fiel immer schwerer, nachts zum Stillen aufzustehen, erforderte die Willenskraft eines tibetanischen Mönchs. Auch das Baby weinte andauernd untröstlich, unser 7-Jähriger starrte apathisch an die Decke. Er hatte Angst. Wir auch. Am Anfang erreichten wir wegen der Feiertage keinen einzigen Arzt, das Gesundheitsamt konnte keine medizinischen Tipps geben, 116117 glänzte mit Warteschleifenmusik anstatt guten Ratschlägen. Eine Kinderärztin am Krankenkassen-Familientelefon gab mir schließlich Tipps, wie ich erkennen könnte, ob das Baby Atemnot hat. „Es ist unwahrscheinlich. Aber achten Sie auf die Farbe der Lippen und ob sich die Nasenflügel und die Haut zwischen den Rippen beim Atmen eindrücken!“

Abend für Abend schlief ich mit den gleichen Fragen im Kopf ein: Wer kümmert sich um unsere infizierten Kinder, falls wir ausfallen? Darf ich das Baby zum Stillen mitnehmen, falls ich ins Krankenhaus muss? Was, wenn das Baby Atemnot bekommt und ich es nachts nicht merke? All diese Fragen waren ein einziger Albtraum!

Wir hatten so ein Glück

Jetzt im Nachhinein kann ich sagen: Wir hatten so ein Glück! Dass wir Nachbarn haben, die für uns einkauften und uns selbstgebackene Waffeln und Rätselhefte vor die Tür stellten. Dass keiner von uns ins Krankenhaus musste (vor allem nicht beide gleichzeitig). Dass ich eine großartige kleine Schwester habe, die mir sofort versprach, zu uns zu kommen und die Kinder zu übernehmen, wenn wir beide es nicht mehr schaffen würden, uns zu kümmern. „Ja, dann steck ich mich halt an“, sagte sie mit einer keinen Widerspruch duldenden Stimme am Telefon. „Aber anders geht’s ja nicht!“ Ich werde für diese mutige Zusage immer dankbar sein, denn sie hat mir eine meiner schlimmsten Ängste genommen. Was Eltern tun, die nicht so eine Schwester, solche Nachbarn und so einen doch relativ leichten Verlauf haben? Ich habe keine Ahnung!

Von der Quarantäne in den harten Lockdown

Am ersten Tag des neuen Jahres war es plötzlich weg, das Fieber. Ein paar Tage später dann auch der fiese Husten. Und dann durften wir endlich alle wieder raus. Das erste mal draußen zu sein, war noch ein bisschen mehr wie Weihnachten als Weihnachten selbst, so ein kleiner Spaziergang ums Haus fühlte sich plötzlich wie purer Luxus an.

Die nächsten Wochen werden vielleicht aber eher kein Luxus-Spaziergang werden. Homeschooling mit drei Kindern, einem Baby und einem Mann, der als Polizist kein Homeoffice machen kann, stelle ich mir vollkommen verrückt vor. Im März war das Baby wenigstens noch gut verpackt. „Ihr treibt mich aber diesmal bitte nicht wieder so in den Wahnsinn!“, mahnte ich die kleinen Damen und Herren heute schon mal am Frühstückstisch. „Aber das ist doch unser Job!“, befand der Teenie mit einem frechen Grinsen. Und ich befürchte, das war leider kein Scherz. Die Kinder glauben jetzt wohl endgültig, wir sind so robust wie das völlig ramponierte, aber heile Unkaputtbar-Pixie-Buch des Babys. Ich nehm das einfach mal als Kompliment und stelle mich mental auf Wahnsinn ein. Ich weiß jetzt zumindest: Es gibt Schlimmeres.
 


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