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Wir klären auf Das große Neurodermitis-ABC

Baby mit Neurodermitis im Gesicht
© leadenpork / Shutterstock
Juckende, gerötete Haut und immer wieder Entzündungen: Jedes siebte Kind erkrankt an der atopischen Dermatitis, die meisten als Säugling. Was muss man dann wissen und was hilft? Von A wie Auslöser bis Z wie Zukunftsaussichten

A wie Auslöser 

Neurodermitis verläuft schubweise. Was die Entzündungen auslöst oder verschlimmert, ist indi­viduell sehr verschieden: Raue Kleidung, Tabakrauch, Kälte, Infekte, Erschöpfung oder Schweiß können einen Schub ebenso provozieren wie Inhaltsstoffe aus Kosmetik oder Haushaltsreinigern, scharfe oder saure Lebensmittel oder Allergene. Bei schwer erkrankten Babys sind es oft Lebensmittelallergene: Hühnerei, Kuhmilch, Weizen oder Nüsse. 

B wie Basistherapie 

Auch wenn die Haut gerade keine Beschwerden macht, braucht sie eine Dauerpflege, die sie feucht hält, Juckreiz vorbeugt und die Hautbarriere stärkt. Eine konsequente Basistherapie senkt Zahl und Schwere der Schübe und den Bedarf an Medikamenten. Wichtigster Bestandteil sind wirkstofffreie, rückfettende und feuchtigkeitsspen­dende Cremes, Salben oder Lotions. Oft stehen mehrere Produkte für unterschiedliche Hautstellen im individuellen Behandlungsplan. 

C wie chemische Reize 

Kontaktallergien belasten die entzündungsbereite Haut. Verursacher sind häufig Substanzen, die in Kosmetik, Haushaltsreinigern oder Baustoffen vorkommen: Konservierungs- und Duftstoffe, Emulgatoren oder Lösungsmittel. Auch natürliche Kosmetikinhaltsstoffe können eine Allergie auslösen: etwa Wollwachs (Lanolin), Perubalsam, Teebaumöl, Calendula (Ringelblume), Arnika, Kamille und Johanniskraut. 

D wie Duschen/Baden 

Im Wasser lösen sich Schuppen, Schorf und Cremereste, Reizstoffe werden abgespült: Das mindert Juckreiz. Das Wasser sollte nicht wärmer als 36 Grad sein, das Bad nicht länger als zehn Minuten dauern, damit die Haut nicht austrocknet. Zum Reinigen ist ein pH-neutrales Syndet am besten verträglich, bei Kleinkindern reicht klares Wasser. Auch Ölbäder tun gut. Nach dem Baden wird sofort gecremt.

E wie Ernährung 

Jedes dritte Kind mit Neurodermitis reagiert allergisch auf bestimmte Lebensmittel und muss darauf verzichten. Allerdings raten Experten davon ab, ohne gesicherte Diagnose wertvolle Nahrungsmittel zu streichen und bei jeder rauen Stelle den Speiseplan umzustellen. Wenn sich die Haut verschlechtert, kann es aber sinnvoll sein, einzelne Speisen testweise wegzulassen – auch ohne Allergie. Häufig sind Zitrusfrüchte, Tomaten, Erdbeeren oder Weizen „schuld“ an Reizungen. 

F wie feucht-fetter Verband 

Durch die Feuchtigkeit dringt die Basiscreme an Armen und Beinen besser ein, die Verdunstungskälte lindert Juckreiz, zudem wirkt der Verband als „Kratzbarriere“. Die Creme messerrücken- dick auftragen, darüber einen angefeuchteten Schlauchverband und eine weitere, trockene Schlauchlage ziehen und 30 Minuten bis zwei Stunden einwirken lassen. Bei Fieber oder einer Infektion mit Viren oder Bakterien nicht anwenden, bei Säuglingen nicht gleichzeitig an Armen und Beinen, damit sie nicht auskühlen. 

G wie Gene 

Mädchen kratzt sich den Arm
© Tiplyashina Evgeniya / Shutterstock

Die Veranlagung spielt eine große Rolle: Leidet ein Elternteil an einer atopischen Erkrankung (Neurodermitis, Heuschnupfen, allergisches Asthma), steigt die Neurodermitis-Wahrscheinlichkeit für das Kind auf 40 Prozent. Haben beide Eltern die Hauterkrankung, trifft es 60 bis 80 Prozent. 

H wie Hautbarriere 

Sie besteht aus Wasser, Salzen, Fetten und Sekreten in der Hornschicht. Bei Neurodermitis ist die Barriere löchrig: durch eine geringe Talg- und Schweißproduktion, eine ungünstige Zusammensetzung von Fetten, ein Mikrobiom mit zu wenig hautschützenden Bakterien und oft auch durch einen Mangel an dem wichtigen Hautprotein Filaggrin. Damit ist die Haut anfälliger für Austrocknung und durchlässiger für Krankheitskeime und Allergene.

I wie Immunsystem der Haut 

Als Grenzfläche zur Außenwelt ist die Körperhülle einer Flut von Reizen ausgesetzt. Darauf reagieren die zahlreichen Immunzellen in der Haut permanent mit Abwehrprozessen, die den Körper schützen sollen. Damit die Immunreaktionen nicht außer Kontrolle geraten, müssen sie untereinander abgestimmt werden. Bei Neurodermitis gelingt das nicht: Das „Immungleichgewicht“ geht verloren. 

J wie Juckreiz 

Nachts kann er unerträglich werden, zudem verschlimmert das Kratzen die Ekzeme. Leichter zur Ruhe kommen Kinder, wenn sie körperlich aktiv und viel draußen sind. Kühle Raumluft sowie ­locker sitzende Kleidung und Bettwäsche aus ­glatten Textilien lindern. Einen Versuch wert: den Pyjama vor dem Anziehen in den Kühlschrank legen. Um das Kratzen einzudämmen, sollten die Nägel kurz und glatt gefeilt sein. Auch ein Neu­rodermitis-Overall mit geschlossenen Ärmeln schützt. Er sollte alle zwei Tage gewaschen werden. 

Impfen: Auch Kinder mit Neurodermitis sollten regulär geimpft werden – aber nicht mitten in einem Schub. Einfach einen neuen Termin ausmachen, sobald sich die Haut wieder beruhigt hat!

K wie Kortisonsalbe 

Topische Glukokortikoide sind erste Wahl bei der Behandlung von Ekzemen. Zudem ist es heute üblich, sie nach einem Schub vorbeugend weiter zu verwenden: Patienten bleiben länger beschwerdefrei, wenn eine schwach dosierte Salbe drei Monate lang zweimal wöchentlich auf betroffene Stellen aufgetragen wird. Die oft gefürchtete Nebenwirkung einer dünner werdenden Haut ist bei richtiger Anwendung moderner Präparate sehr gering. Für die Gesichtshaut und andere besonders empfindliche Partien verordnen Ärzte andere Wirkstoffe. 

L wie Luft, Klima, Wetter 

Eine „Klimakur“ am Meer oder im Hochgebirge tut oft gut. Der Effekt geht vermutlich auf die geringe Luftbelastung mit Schadstoffen und Allergenen sowie auf die UV-Strahlung zurück, die Erregern und Entzündungen entgegenwirkt. Wunde und heilende Haut muss gut vor der Sonne geschützt werden.

M wie Medikamente 

Zusätzlich zur Basistherapie brauchen Patienten während eines Schubs antientzündliche, juckreizstillende Salben, Cremes und Lotions, bei einer bakteriellen Infektion außerdem antibiotische oder antiseptische Wirkstoffe. Eine Alternative zu Kortisonsalbe für Kinder ab zwei sind die Entzündungshemmer Tacrolimus und Pimecrolimus. Sie sind auch für empfindliche Hautpartien geeignet. Systemisch wirkende Medikamente – als Tablette oder Spritze – sind für Kleinkinder nicht zugelassen. 

N wie Neurodermitisschulung 

Die Krankheit bedeutet für Familien oft eine große Belastung. Spezielle Schulungen helfen, im Alltag souveräner damit umzugehen – und auch mit dem Kind. Die Kurse bieten viele Kliniken an. 

O wie Olbäder 

Ergänzen die Basispflege in schubfreien Phasen. Es gibt zwei Arten: In spreitenden Bädern schwimmt das Öl oben und überzieht die Haut beim Aussteigen. Vorsicht: Ein glitschiger Säugling rutscht leicht aus der Hand. In einem emulgatorischen Bad verteilt sich das Öl im Wasser. Nachteil: Manche Emulgatoren sind potenziell allergen. 

P wie Pflanzenheilkunde 

Schnell wirksam bei nässenden Entzündungen im Gesicht sind Schwarztee-Kompressen, wenn die Haut danach mit Basispflege eingecremt wird. Das zeigt eine aktuelle Studie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) in Lübeck mit 22 erwachsenen Patienten. Auch bei Kindern spricht nichts dagegen, wenn sie eine Viertelstunde lang still liegen bleiben. Die Wirkung geht auf adstringierende Wirkung der Gerbstoffe zurück. Heilpflanzen wie Aloe vera oder Hamamelis ­können die Behandlung ebenfalls unterstützen, ebenso Öle mit Gamma-Linolensäure (Mandel-, Nachtkerzen-, Lein- oder Borretschsamenöl) als Zugabe zum Badewasser. Nachweise der Wirksamkeit aus großen wissenschaftlichen Studien fehlen aber. Unbedingt verzichten sollte man auf potenziell allergene Pflanzenauszüge. 

S wie Staphylococcus aureus 

Baby mit Neurodermitis
© Skylines / Shutterstock

Die Bakterien kommen bei Erkrankten typischerweise in großer Zahl vor. Auf Hautent­zündungen vermehren sie sich rasant und verschlimmern die Ekzeme.

T wie Textilien 

Hochsensible Haut verträgt „Kratziges“ wie Schurwolle ebenso wenig wie synthetische Stoffe, die einen Hitzestau zwischen Haut und Kleidung begünstigen. Am besten sind glatte Baumwollstoffe und Seide. Neue Kleidung sollte stets mehrfach gewaschen werden, um eventuelle chemikalische Rückstände zu entfernen. 

U wie Urea 

Harnstoff verbessert die Hautfeuchtigkeit, bei Kleinkindern lösen Cremes mit Urea aber oft ein Brennen aus. Besser verträglich ist Glycerin. 

W wie Warzen 

Kinder mit Neurodermitis sind anfällig für Dellwarzen im Gesicht, am Hals, an den Armen und Händen. Die stecknadelgroßen Papeln werden von Viren ausgelöst. Sie sind harmlos, aber hochansteckend. 

Z wie Zukunftsaussichten 

In der Neurodermitis-Therapie gibt es weltweit große Fortschritte. Neuartige Präzisionsmedikamente werden entwickelt, Cremes, Spritzen und Tabletten, die bei verschiedenen Formen der Erkrankung mit passgenauen Wirkstoffen besser helfen sollen. Dazu zählen sogenannte Biologika, die das Entzündungsgeschehen hemmen, indem sie gezielt bestimmte körpereigene Botenstoffe blockieren. Einige der neuen Wirkstoffe sind schon auf dem Markt, etwa der Antikörper Dupilumab. Seit 2019 ist er in der EU auch für Kinder ab zwölf, seit Herbst 2020 bei schwerer Neurodermitis auch ab sechs Jahren. Die wissenschaftlichen Fachgesellschaften in Deutschland empfehlen Dupilumab in der jüngsten Aktualisierung ihrer Leitlinie Neurodermitis.

Außer auf eine bessere Behandlung für ihr Kind können Eltern noch auf etwas anderes hoffen: auf die Zeit. Bei jedem zweiten Kind verschwinden die Symptome von selbst – spätestens im Grundschulalter.

ELTERN

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