Kinderernährung
 
„Fruchtsaft für Kleinkinder? Nicht häufiger als Champagner für die Eltern!“

Keinen Fruchtsaft für Kinder vor dem 1. Geburtstag, das fordert die American Academy of Pediatrics (AAP) in ihren aktuellen Empfehlungen. Und auch ältere Kinder sollten Fruchtsaft nur selten bekommen. Was deutsche Experten dazu sagen, dürfte einige Eltern überraschen.

Kleines Mädchen trinkt Saft
iStock, Aynur_sib

Obst ist gesund, Kinder brauchen Obst. So viel ist klar. Und wenn ein Kind kein Obst mag, dann ist reiner Obstsaft doch eine super Alternative, oder?
Leider ist die Sache nicht so einfach. Denn Fruchtsaft fehlen viele wichtige Bestandteile der Früchte, zum Beispiel die Faserstoffe und Ballaststoffe und viele der sekundären Pflanzenstoffe, die Obst erst richtig gesund machen. Außerdem fehlt das Kauen, das Knochen und Muskeln in Mund und Kiefer stärkt und gesunden Speichel fließen lässt. Täglich und reichlich getrunken hat Fruchtsaft einige Nachteile. Er
  

  • hat so viele Kalorien wie Limonaden und Softdrinks und kann so Übergewicht fördern,
  • enthält sehr viel Fruchtzucker und gewöhnt Kinder von Anfang an süße Getränke,
  • kann in großen Mengen zu Blähungen und Durchfall führen,
  • kann gerade im ersten Lebensjahr zu Mangelernährung führen, dann nämlich, wenn das Baby weniger Milchnahrung zu sich nimmt, weil der Magen schon durch den Saft gefüllt ist,
  • fördert Karies, vor allem, wenn er aus Nuckelflaschen getrunken wird, da die Zähne dauernd von Zucker umspült werden.

So viel Saft ist laut AAP für Kleinkinder in Ordnung

Die renommierte „American Academy of Pediatrics (AAP)“ (Amerikanische Akademie für Kinderheilkunde) empfiehlt deshalb Folgendes:

  1. Kinder unter einem Jahr sollten keinen Fruchtsaft bekommen, es sei denn, der Kinderarzt rät dazu.
  2. Kinder zwischen einem und drei Jahren sollten nicht mehr als 120 ml am Tag trinken, Kinder von 4 bis 7 Jahren nicht mehr als maximal 180 ml.
  3. Kleinkinder sollten Saft nicht in Nuckelflaschen oder verschließbaren Trinkbechern zum Nuckeln bekommen, und nicht beim Einschlafen.
  4. Kinder sollten von Anfang an daran gewöhnt werden, Obst zu essen, erst püriert oder zerdrückt, ab dem zweiten Lebensjahr auch in Stücken.

 „Ich finde diese Publikation gut und wichtig, weil noch immer viele Eltern Saft für besonders gesund halten“, kommentiert Prof. Dr. Mathilde Kersting, Leiterin des Forschungsdepartments Kinderernährung (FKE) der Universitätskinderklinik Bochum. „Vielen Eltern ist nicht bewusst, dass Fruchtsaft genauso viele Kalorien hat wie Softdrinks. Wenn ich das auf meinen Vorträgen erwähne, ernte ich Überraschung und Staunen.“
Prof. Dr. Berthold Koletzko, Leiter der Abteilung für Stoffwechsel und Ernährung für Kinder- und Jugendmedizin am Dr. Hauner’schen Kinderspital in München, schließt sich dem an. Er empfiehlt: „Säuglinge und Kleinkinder sollten Fruchtsaft so zurückhaltend trinken wie Erwachsene Champagner. Saft ist kein alltägliches Lebensmittel, sondern vielmehr etwas, das zu besonderen Anlässen genossen werden darf.“

Und was, wenn ein Kind nur Saft trinkt?

Als gesundes Getränk empfehlen deutsche wie amerikanische Kinderärzte Wasser. Aber was, wenn das Kind nichts anderes als Saft trinkt und sich weigert, Wasser zu trinken?
Dann können die Eltern es auf die sanfte Tour versuchen und den gewohnten Saft Tag für Tag mit immer mehr Wasser verdünnen, bis das Kind Wasser trinkt. Die Chancen allerdings, dass das ohne Theater abgeht, sind erfahrungsgemäß nicht groß.
Die einzige Alternative (außer Kapitulation) ist der konsequente Weg: Es kommt fürs Erste kein Fruchtsaft (und keine anderes süßes Getränk) mehr ins Haus, es gibt einfach nur Wasser (vielleicht mal mit einem Eiswürfel aufgepeppt).
Wichtig: Die Eltern gehen mit gutem Vorbild voran und trinken auch Wasser, sie halten das erste Geschrei durch und denken fest daran, dass ein Kind nicht vor einem vollen Wasserglas verdurstet. Auch wenn es das behauptet. Dann wird es höchstens ein paar Tage dauern, bis Wasser das ganz selbstverständliche Getränk für die Familie wird.
Wenn das geschafft ist, kann man Saft ja auch zu besonderen Gelegenheiten mal wieder auf dien Tisch bringen. Wie Champagner - oder sagen wir besser: Sekt.

Quellen:
Fruit Juice in Infants, Children, and Adolescents: Current Recommendations Melvin B. Heyman, Steven A. Abrams, Pediatrics May 2017
„Deutsche und US-Experten warnen: Fruchtsaft fürs Kind ist wie Champagner für Erwachsene – zu viel ist ungesund" – Medscape