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Impfforschung „Wenn man auch nur ein Kind retten kann, dann ist das genug für ein Leben.“

Ärztin impft Baby
© Oksana Kuzmina / Shutterstock
Prof. Rino Rappuoli gehört seit Jahrzehnten zu den Top-Entwicklern von Impfstoffen weltweit, unter anderem hat er Impfstoffe gegen Meningokokken und Keuchhusten entwickelt. Hier spricht er darüber, was diese Erfolge für ihn bedeuten und warum es so wichtig ist, auch in Pandemiezeit Impfungen nicht zu verschieben.

Was ist so besonders daran, Impfungen für Kinder zu entwickeln?

Prof. Dr. Rino Rappuoli
Prof. Dr. Rino Rappuoli

Kinder sind das Kostbarste, was wir haben. Wir wollen nicht, dass sie krank werden, dass sie leiden, dass sie sterben. Zugleich sind Kinder so besonders verletzlich. Es ist erst hundert Jahre her, dass ein bis zwei von drei Kindern starben, bevor sie ihren fünften Geburtstag erreicht hatten. Und zwar meist an Infektionskrankheiten. Dank der Impfungen, die wir heute haben, ist die Kindersterblichkeit sehr gering, zumindest in unseren Ländern mit hoch entwickeltem Gesundheitssystem. Deshalb ist es besonders befriedigend, Impfstoffe für Kinder zu entwickeln.

Sie waren an der Entwicklung mehrerer Impfstoffe beteiligt, etwa gegen Keuchhusten, Meningokokken und Pneumokokken. Gibt es einen, der für Sie eine besondere Bedeutung hat?

Speziell die Entwicklung der Meningokokken-Impfung war für mich unglaublich: Als ich jung war, habe ich erlebt, wie gravierend solch eine Infektion ist. Ich habe Kinder durch Meningokokken sterben sehen und auch gesehen, wie Kinder bleibende Schäden davontrugen. Und heute denke ich: Wenn man auch nur ein Kind retten kann, dann ist das eigentlich genug für ein Leben. Aber viele Kinderzu retten durch eine Impfung, das ist fantastisch!

Ist es besonders herausfordernd, Impfstoffe für Kinder zu entwickeln?

Es ist vor allem langwierig. Denn wenn wir Impfstoffe entwickeln, dann nie zuerst für Kinder. Wir fangen bei den Erwachsenen an, dann machen wir weiter mit den jüngeren Altersgruppen und es braucht eine ganze Zeit, bis wir bei den Kindern angelangt sind. Was außerdem wichtig ist: Gerade Impfungen für Kinder müssen absolut sicher sein.

Was glauben sie, wie es mit dem Covid-19-Impfstoff für Kinder weitergehen wird?

Auch hier haben wir wie immer bei den Erwachsenen angefangen. Dann kamen die älteren Menschen an die Reihe, weil sie das größte Risiko haben, an Covid-19 zu sterben. Zum Glück ist das Risiko für schwere Verläufe bei Kindern gering. Inzwischen laufen klinische Studien auch an Kindern, und bald werden wir auch Impfungen für Kinder haben.

Sehen sie es als Problem an, dass Impfungen für Kinder wegen der Pandemie verschoben werden?

Es könnte ein großes Problem werden! Wenn Eltern die Impfungen ihrer Kinder verschieben, weil sie Angst vor Ansteckung in der Kinderarztpraxis haben, dann ist die Konsequenz, dass weniger Kinder geimpft werden. Das bedeutet auch, dass sie empfänglicher für Infektionskrankheiten sind. Jetzt ist das noch kein Problem wegen Social Distancing, aber sobald wir den räumlichen Abstand aufgeben und uns wieder mehr entspannen können (und ich hoffe, dass das bald sein wird!), dann kommen die Menschen plötzlich wieder zusammen. Wenn dann viele Kinder nicht gegen bestimmte Infektionskrankheiten geschützt sind, reicht ein Infizierter, um viele Menschen anzustecken. Ich nehme an, dass, wenn wir das Social Distancing aufgeben, wir eine Zunahme von Infektionen sehen werden, Meningokokken-Infektionen zum Beispiel. Sie sind besonders tückisch, weil Menschen innerhalb von 24 Stunden an ihnen sterben können.

Es gibt immer mehr Impfungen für Kinder – ein großer Fortschritt der modernen Medizin. Aber Eltern kann die Vorstellung, dass ihr Baby all diese Injektionen bekommen soll, auch erschrecken. Was sagen sie dazu?

Das ist eine wichtige Frage. Meine Mutter zum Beispiel hatte noch Kinder an heute vermeidbaren Infektionskrankheiten leiden und sterben sehen. Sie verstand den Sinn von Impfungen. Niemand musste sie überzeugen, mich impfen zu lassen. Aber die meisten Eltern heute kennen all diese Krankheiten nicht mehr, dank der Impfungen, und sie fragen sich dann: Warum sollen wir zustimmen, dass unser Baby all diese Injektionen bekommt gegen Krankheiten, die wir noch nie gesehen haben?
Ich glaube, die Botschaft ist ganz einfach: Unsere Kindersterblichkeit ist vor allem deshalb so niedrig, weil es Impfungen gibt. Und wenn wir nicht impfen, werden all diese Krankheiten wiederkommen.

Aber es gibt auch laute Stimmen, die Impfungen für schädlich halten.

Das Problem ist, dass manche Eltern durch unterschiedliche Meinungen zu Impfungen verwirrt werden, in sozialen Netzwerken zum Beispiel. Da sind Leute unterwegs, die nicht gut informiert sind oder einfach so irgendwelche Dinge behaupten. Das ist eine unglückliche Entwicklung, und Kinderärzte und Wissenschaftler sollten in der Beratung klarstellen, welche Stellungnahmen zu Impfungen vernünftig und wissenschaftlich untermauert sind, und welche nicht. Ein gutes Beispiel war Anthony Fauci in den USA (der Pandemie-Berater von Donald Trump). Er hat einfach gesagt: „Das ist Wissenschaft. Ob sie es mögen oder nicht, und ganz gleich, wie viele Follower die anderen haben: Dies ist Wissenschaft.“
Wenn Eltern verunsichert sind, sollten sie sich an ihren Kinderarzt wenden beziehungsweise den offiziellen Patienteninformationen der Gesundheitsbehörden des jeweiligen Landes vertrauen.

Zur Person: Prof. Dr. Rino Rappuoli, geb. 1952, ist ein italienischer Mediziner, der für Impfstoffentwicklungen bekannt ist. Unter anderem entwickelte er in den 1980er-Jahren einen verbesserten Impfstoff gegen Keuchhusten und in den 1990er-Jahren zusammen mit Kollegen konjugierte Impfstoffe gegen die Meningokokken Subtypen A und C, eine bakterielle Tröpfcheninfektion, die zu lebensbedrohlichen Komplikationen wie Hirnhautentzündung oder Blutvergiftung führen kann.  In den 2000er-Jahren war er beteiligt an der Entwicklung eines Impfstoffs gegen Meningokokken Typ B.
Rappuoli erhielt zahlreiche wissenschaftliche Preise und Auszeichnungen, unter anderem 2019 den Robert-Koch-Preis. Seit 2015 ist er Chefwissenschaftler und Leiter der externen Forschung und Entwicklung in der Impfstoffabteilung von GlaxoSmithKline mit Sitz in Siena. Er lehrt außerdem als Professor am Imperial College in  London.

Diese Websites informieren umfassend über Meningitis

Erreger-Steckbrief in mehreren Sprachen: www.infektionsschutz.de

Das Wichtigste zur Impfmöglichkeit kurz erklärt: www.impfen-info.de

Website der Initiative "Meningitis bewegt": www.meningitis-bewegt.de

Informationen des Robert-Koch-Instituts zur Impfung: www.rki.de


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