Postpartale Angstörungen
 
Meine Angst macht mir Angst  

Dieser Satz könnte von Dir sein? Seit Du Dein Baby zur Welt gebracht hast, bist Du permanent angespannt und voller Ängste? Du wärest gern die in sich ruhende Mama, aber es will Dir einfach nicht gelingen, weil Du in ständiger Sorge um Dein Kind bist? Dann lies weiter.

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Was ist normale Angst? Was ist zuviel?

Mutter trägt ihr Baby im Tragebuch
I Stock avelPV

Bis zu einem gewissen Grade ist es normal und biologisch auch so gewollt, dass sich unsere Alarmbereitschaft und unsere Vorsicht erhöhen, wenn wir ein Kind zur Welt gebracht haben. Wir spüren diese rührende, unfassbare Hilflosigkeit und die Verantwortung, die wir für das Wohlergehen unseres Babys tragen. Und das ist gut und richtig so.
 
Aber was, wenn die Angst beginnt, Dich wirklich zu quälen und Dein Tun zu beherrschen? Es hat harmlos mit kleinen Schrecksekunden begonnen, aber jetzt hat es eine neue Qualität erreicht? Jetzt sind aus der Angst Angstzustände und Panikattacken geworden, die Dich geradezu überfallen und körperliche Symptome nach sich ziehen? Wenn Du im Supermarkt plötzlich das sichere Gefühl hast, Du hättest Dein Baby bei brütender Hitze im Auto vergessen und Dir die Beine wegzubrechen drohen bei dem Gedanken. Obwohl Dein Kind, das realisierst Du Sekunden später, natürlich wohlbehalten bei Dir ist? Wenn Dein Kind endlich tief und fest schläft, kannst Du Dich nicht entspannen, sondern siehst ständig nach ihm, weil Du den plötzlichen Kindstod fürchtest? Wenn dann später in allen möglichen Situationen Filme vor Deinem inneren Auge ablaufen: wie Dein Kind von der Bordsteinkante kippt und von einem Auto erfasst wird, wie es die Steilküste herunterstürzt, an der Ihr eigentlich gerade einen schönen Spaziergang macht.
 
Diese gruselig-lähmende Liste ließe sich um viele Beispiele erweitern.  Und genau da liegt das Problem, denn die Liste wird sich verlängern, wenn Du es weiterlaufen lässt und nichts gegen die Angst unternimmst.
Natürlich scheint es zunächst möglich, gewisse Situationen einfach zu vermeiden und so der übersteigerten Angst aus dem Weg zu gehen. Aber das ist – laut Fachleuten - genau der falsche Weg. Denn die Angst wird sich wie fließend Wasser neue Wege suchen, Dich in Schach zu halten. Du musst ihr sozusagen das Wasser abgraben.
Haben Ängste diese Qualität erst einmal erreicht - regelrechte Angstzustände bzw. Panikattacken samt körperlicher Symptome - dann werden sie nicht von allein verschwinden, sondern weiten sich aus. Dann brauchst Du Hilfe, damit Du nicht eines Tages von Ihnen umzingelt bist.
 
Oft ist der Übergang fließend und schwer abzuschätzen, aber es ist wichtig, dass Du massive Ängste, die Dich quälen, ernst nimmst und Dir Hilfe holst. Wie gesagt: von allein verschwinden Ängste dieser Ausprägung nicht.
„Der Weg aus der Angst führt nur durch die Angst hindurch. Vermeidung führt dazu, dass die Angst immer schlimmer wird und sich immer mehr Lebensbereiche einverleibt.“,  sagt Daniela Noe. Sie ist Diplom-Psychologin an der Uni Heidelberg. Hier forscht sie nicht nur zum Thema, sondern arbeitet auch stationär in der Klinik mit betroffenen Müttern.
 
Die gute Nachricht aber ist: Es gibt Hilfe, die wirklich hilft, und Du bist damit nicht allein. „Zwar ist die Erforschung der postpartalen Angsterkrankung in den Anfängen - aber wir wissen schon, dass etwa 11 Prozent aller Mütter auf die ein oder andere Weise darunter leiden.“, sagt Daniela Noe.

Wohin wenden, wenn Du nicht mehr weiterweißt?

Praktische Hilfe finden kannst Du zunächst bei der Hebamme, in Mütter-Kind-Zentren, in Psychologischen Ambulanzen, bei Psychologen bzw. Verhaltenstherapeuten und später dann unterstützend auch in Selbsthilfegruppen finden.
 
Informationen und weitere Anlaufstellen bekommst Du auch bei Stiftungen wie der Christoph-von-Dornier-Stiftung. Oder dem Verein Licht und Schatten e.V. (Link). Er nimmt sich genau dieser Problematik namens postpartale Angststörung ebenso an wie der klassischen Wochenbettdepression.
Diese beiden Erkrankungen hängen übrigens nicht unbedingt miteinander zusammen. Angstzustände können mit Depressionen einhergehen, müssen aber nicht.

Ursachen der postpartalen Angststörung

Frau hat Panikattacke im Auto
I Stock Martinan

Die postpartale Angststörung kann viele Ursachen haben, bzw. entsteht vor allem dann, wenn viele Faktoren zusammen kommen.  Überforderung verstärkt die Entwicklung jedoch.
„Viele Frauen, die zu uns kommen, haben Probleme, mit der Familie, aus der sie selbst stammen oder eine schwierige Partnerschaft, die häufig schon durch die Ängste belastet ist. Das heißt, sie haben im Alltag mit dem Baby oder den Kindern wenig Unterstützung und Entlastung. Das verschärft die Krise. Zumal es oft lange dauert, bis beide Partner merken: hier stimmt etwas nicht. Oft ist der Partner dann schon tief mit in die „Vermeidungstaktik“ verstrickt und geht zum Beispiel
nicht mehr zur Arbeit, weil die Frau sich nicht mehr traut, mit dem Kind allein zu bleiben. Es kommt sogar vor, dass irgendwann beide vor Müdigkeit zusammenklappen, weil sie Nachtwachen eingerichtet haben, um den Schlaf des Babys zu überwachen. Das belastet natürlich die Beziehung“, sagt Daniela Noe. „Deshalb werden, wenn möglich, auch immer die Partner mit in die Therapie einbezogen. Sie müssen lernen, „Nein“ zu sagen, wenn sie merken, dass die Partnerin wieder ins Angstverhalten abgleitet.“
 
Was also sind die Ursachen bzw. Auslöser für diese Angstzustände? Es gibt verschiedene Faktoren, die zusammenspielen und sie auslösen können:
 
Physische Faktoren wie eine psychische Vorerkrankung. Wenn Du zum Beispiel schon vorher latente Ängste hattest, dann ist es gut möglich, dass die hormonelle Umstellung in der Schwangerschaft und das Geburtserlebnis diesen Ängsten ungeahnten Aufschwung gegeben hat. Aber auch genetische Veranlagung oder einfach
die Wirkung schlafloser Nächte auf den Körper spielen eine Rolle.
 
Soziale Faktoren wie zum Beispiel ein Kind, das besonders pflegeintensiv ist wie ein Schreibaby. Das zerrt extrem an den Nerven. Hinzu kommt: egal ob in der Werbung oder in den Medien - wir sind umgeben vom scheinbar perfekten Mutter- oder Familienglück. Wenn Du Dich da nicht wiederfindest, gerätst Du schnell innerlich unter Druck.
 
Peripartale Faktoren wie Schwangerschaftskomplikationen, die Dich schon im Vorfeld um Dein Kind haben bangen lassen. Vielleicht musstest Du liegen oder hattest beunruhigende Untersuchungen; oder sogar eine vorhergehende Fehlgeburt bzw. eine überraschende Frühgeburt. Kein Wunder, dass Du dann anfälliger für massive Ängste bist, wenn Du Dein Neugeborenes dann in den Händen hälst. Aber auch die Einnahme bestimmter Abstillpräparate macht wohl anfällig.
 
Und nicht zuletzt: psychische Faktoren. Mutter werden mit allen Konsequenzen, damit umzugehen, dass plötzlich Dein Tag fremdbestimmt ist, das alles kann große Verunsicherung hervorrufen, die Ängste begünstigt.
 
Es kann sinnvoll sein, unter fachärztlicher Aufsicht medikamentös zu behandeln, um über die schwerste Zeithinweg zu kommen. (Zwar sind das klassische Psychopharmaka, aber einige von Ihnen können auch während der Stillzeit genommen werden.)

Junges Paar beim Arztgespräch
I Stock Squaredpixels

Vor allem aber werden Fachleute Dir zeigen, wie Du Deine Ängste erst im Zaum halten und schließlich „verlernen“ kannst. Das heißt, Du bekommst Übungen an die Hand, die Dir helfen, die aufkommende Angst zu beherrschen und in ihre Schranken zu weisen. Ein befreiendes Gefühl, wenn Du die Kontrolle und Einfluss über Deine Gefühle zurückbekommst und Ihnen nicht mehr hilflos ausgeliefert bist.
„Denn was in die eine Richtung gilt, geht unter fachkundiger Anleitung auch in die andere Richtung: Wenn Verhalten, Angstgedanken Panikgefühle und Körperreaktionen auslösen, dann können gute Gedanken, Körperarbeit (wie richtige Atmung) und Verhalten auch gute Gefühle auslösen. Das üben wir in der Therapie. Ich kann voller Überzeugung und wissenschaftlich fundiert sagen, dass wir Frauen, die zu uns kommen, wirklich helfen können. Je früher eine Patientin kommt, desto besser.“, sagt Daniela Noe.
 
Also: Du musst das nicht aushalten und solltest es auch nicht, denn es wird nicht nur Dich, sondern auch die Beziehung zu Deinem Kind und Deinem Partner belasten, dem Du aus Angst immer weniger zutrauen wirst.
„Für viele Mütter ist es genau dieser Gedanke, der sie am Ende die Scheu vor einer Therapie überwinden lässt: ‚Ich will meinem Kind nicht mit meiner Angst schaden.’

Wenn Du merkst, dass Du ganz akut Hilfe brauchst: Zögere nicht, in eine psychologische Ambulanz zu gehen. Ja, so etwas gibt es nicht nur für Beinbrüche, sondern auch für innere Nöte.
 

Wer zahlt?

Mutter hebt Baby gen Himmel
I Stock South agency

Und was eine längere Therapie betrifft: Keine Sorge wegen der Kosten. Ist diese Angststörung bei Dir diagnostiziert, zahlt die Krankenkasse die Therapie bei dafür zugelassenen Therapeuten.
Allerdings ist es wichtig, das alles nicht zu lang aufzuschieben, denn die Wartezeiten bei Therapeuten sind ohnehin lang.
Scheue Dich nicht, Dir dafür praktische Unterstützung bei Deinem Partner und Deinen Freunden zu holen. Sie können Dir helfen beim Papierkram, für den Du jetzt wahrscheinlich keinen Kopf hast. Es lohnt sich.
 
„Für uns ist es immer wieder beglückend zu sehen, wie sich dann plötzlich das ganze Verhältnis von Mutter zu Vater und vor allem von Mutter zu Kind entspannt, wie die Babys nach und nach auftauen.“, so Daniela Noe.