Welt-Sepsis-Tag
 
Warum meine Kinder noch eine Extra-Impfung bekommen haben

Impfen? Ja klar. Aber wirklich gegen alles, was geht? Darüber hatte ich mir keine großen Gedanken gemacht. Bis mein zweijähriger Sohn in einer Nacht so krank wurde, dass ich fürchtete, es könnte eine Sepsis sein.

Ein Vater hält seinen kranken Sohn im Arm, die Mama sitzt daneben
iStock, AleksandarNakic

"Welches Kind wird schon gerne mit einer Nadel gepikst?"

Okay, ich sag es am besten direkt vorneweg: Ich lasse meine Kinder impfen. Das bedarf bei mir auch keiner größeren Überlegung. Es gibt schlimme Krankheiten, die dank medizinischer Forschung der Vergangenheit angehören. Damit das auch so bleibt, leiste ich meinen Beitrag. Meine beiden Jungs Ben und Linus (Namen geändert) haben ihre Standardimpfungen bekommen. Klar, begeistert waren sie davon nicht. Welches Kind wird schon gerne mit einer Nadel gepikst? Aber auf Impfungen zu verzichten, könnte um einiges mehr Tränen und Schmerzen mit sich bringen – für meine Kinder und für mich.

„Man hatte mich oftmals davor gewarnt, Krankheitssymptome zu googeln. Jetzt tat ich es trotzdem.“

Worüber ich nie nachgedacht hatte: Was ist eigentlich mit all den Impfungen, die nicht unbedingt im STIKO-Impfplan stehen? Ehrlich gesagt hatte ich mich in Sicherheit gewogen nach dem Motto: Alle Impfungen sind drin – jetzt kann nichts mehr passieren. Bis zu dem Abend, als unser Sohn Ben auf einmal Symptome zeigte, die mir und meinem Mann große Sorgen machten. Hohes Fieber, plötzliches Erbrechen, er war extrem schlapp – es ging ihm einfach richtig schlecht. Zudem war es Wochenende und mitten in der Nacht. Was tun?

Ben hatte gerade auf dem Weg ins Badezimmer seinen gesamten Mageninhalt über den Rücken meines Mannes entleert. Während der ihn nun beruhigte und in ein warmes Bad setzte (in das er sich dann auch nochmal übergab, obwohl sein Magen eigentlich nichts mehr hergab), verkroch ich mich leicht panisch an den Schreibtisch. Man hatte mich während meiner Schwangerschaft oftmals davor gewarnt, Krankheitssymptome zu googeln. Jetzt tat ich es natürlich trotzdem – nur um dann zutiefst erschrocken den Laptop zuzuknallen und zu versuchen, das Gelesene wieder zu verdrängen. Was ich da gerade gelesen hatte, schnürte mir den Hals zu. Die von mir eingetippten Symptome konnten, neben einigen harmloseren Krankheitsbildern, auch auf eine Infektion mit Meningokokken hindeuten. Meningitis und Sepsis, also lebensgefährliche Blutvergiftung.

„Ich sah Ben an, so bleich und kraftlos, mein Mann so ungewohnt ernst.“

Frau sitzt nachts zuhause am Laptop
iStock, PeopleImages

Ich öffnete den Laptop doch wieder. Was ich da las, befeuerte meine Angst nur: „Kann innerhalb von 24 Stunden zum Tod führen“, „ist schwer zu diagnostizieren“ und als Krönung: „Jeder Arzt, der schon einmal eine fulminante Meningokokkensepsis gesehen hat, wird dieses Krankheitsbild und die schweren Folgen den Rest seines Berufslebens wohl nicht mehr vergessen.“ Mein Herz raste. Ich sah Ben an, so bleich und kraftlos, mein Mann so ungewohnt ernst. Bitte nicht. Bitte, bitte nicht. Wir fuhren ins Krankenhaus. Am Ende ging alles gut. Aber die Erinnerung an die Gefühle in dieser Nacht, die blieb.  
 
Selten hatte ich mich so hilflos gefühlt, so sehr Angst um meinen Sohn gehabt. Also informierte ich mich. Las Artikel und sprach mit unserer Kinderärztin. Als ich erfuhr, dass es neben der Impfung gegen Meningokokken C, die in den Impfempfehlungen der STIKO aufgeführt ist, eine freiwillige Impfung gegen Meningokokken B gibt, wenn auch in meinem Fall kostenpflichtig, fiel mir die Entscheidung leicht, meine Kinder dagegen impfen zu lassen. Von den Spritzen waren beide erwartungsgemäß wenig begeistert: Linus lief eine Woche später immer noch mit einer roten Stelle am Oberarm rum und Ben eröffnete mir, dass er Spritzen doof findet. Wenn die nächste Auffrischung ansteht, muss ich mir also was einfallen lassen. Aber da habe ich schon eine Idee – Eis zieht bei den beiden immer.

„Wenn ich es vermeiden kann, möchte ich nie wieder so eine Scheißangst haben müssen.“

Ich weiß: Manche Eltern verzichten auf diese Impfung, weil die Wahrscheinlichkeit für Kinder, in Deutschland an Meningitis zu erkranken, mit etwa 300 Infektionen pro Jahr wirklich gering ist. Die Folgen einer Sepsis können aber so dramatisch sein, dass diese Impfung, die verhindert, dass meine Kinder zu diesen 300 Fällen gehören könnten, eine verdammte Erleichterung ist. Und ganz ehrlich – wenn ich es vermeiden kann, möchte ich nie wieder so eine Scheißangst haben müssen. Denn es gibt schon genug andere Dinge auf der Welt, auf die ich keinen Einfluss habe (hallo 2020!).

singlePlayer