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Meinung Meine Kinder gegen Corona impfen? Nicht jetzt. Vielleicht später.

Mutter sitzt mit zwei Kindern in Küche
© Alena Ozerova / Shutterstock
Ein paar Wochen lang schon hat sich angedeutet, dass das Thema "Kinder gegen Corona impfen" Fahrt aufnimmt. Dass die Gespräche im Freundeskreis häufiger und hitziger werden. Dass man sich für eine Entscheidung rüsten muss. Am Montag ebneten die Gesundheitsminister den Weg dafür, Kindern über 12 Jahre Corona-Schutzimpfungen in den Impfzentren der Länder zu ermöglichen. Und machten auch gleich kräftig Werbung dafür.

Den Schwarzen Peter haben an dieser Stelle mal wieder die Eltern, die sollen es entscheiden.

Wir als Eltern sollen entscheiden, ob wir unsere gerade 12-jährige Tochter Ellinor impfen lassen. Vielleicht auch, ob die Impfung in einem nächsten Schritt dann auch für ihre achtjährigen Geschwister Oscar und Orla in Frage kommt. Und am besten sollen wir sofort entscheiden. Dafür sein. Denn die Schule beginnt. 

Auf der einen Seite locken Politik und Experten für das Gesundheitswesen, die an die Delta-Variante, die pandemische Lage und die derzeit als "PIMS" und "Long Covid" eingeordneten Langzeitfolgen einer Erkrankung erinnern. Auf der anderen Seite zögern die Experten der STIKO, der unabhängigen, wissenschaftlich arbeitenden Ständige Impfkommission. Sonst – als es etwa zuletzt um die Masernimpfpflicht ging – stellt sich die Politik gerne schützend vor das Gremium, betont die Unabhängigkeit und hohe Fachkompetenz und wirbt dafür, der Einschätzung zu vertrauen. Jetzt gerade scheint das allerdings vergessen.

Denn die STIKO hat zwar im Mai schon eine Impfung für Jugendliche und Kinder mit Vorerkrankungen und Risiken empfohlen. Sie will eine generelle Impfempfehlung für alle zwischen 17 und 12 Jahren oder gar darunter aber derzeit nicht bejahen.
Der Grund: zu wenig Daten. Neuer Impfstoff. Keine Langzeitstudien. Und das alles bei einer ganz geringen persönlichen Gefahr bei Erkrankung. Will, simpel gehalten, heißen: Für das Kind kann der Eingriff durch die Impfung schwerer wiegen als das, was ihm dadurch erspart bleibt.  

Worauf warten? Auf mehr Erkenntnisse

Der Verweis auf Daten aus anderen Ländern, die schon zwei Monate länger Jugendliche impfen? Überzeugt mich nicht. Daten aus Israel waren ja schon vor einigen Monaten ganz en vogue – und was man zu wissen glaubte, wurde durch eine neue Virus-Variante jetzt im Sommer relativiert. Daten aus den USA sind die einer ganz anderen Klientel und Bevölkerung, in der viel mehr Kinder deswegen sinnvollerweise geimpft werden, weil sie schon Risikofaktoren mitbringen. Jedes Quartal bringt im Moment noch so viel neue Erkenntnisse. Nicht mal Ärzte und Experten untereinander sind sich einig. Alles, von den Erkenntnissen über die Auswirkung und Spätfolgen der Krankheit bis zu Auswirkung und Folgen der Impfung, ist im Werden begriffen. 

Familien sind vielschichtig

Wir haben daher beschlossen: Für unsere 12-Jährige machen wir derzeit keinen Impftermin. Unsere Kinder sind – zum Glück, finde ich, nach diesem Jahr – recht unbelastet von der Angst, sich oder uns anzustecken und in Gefahr zu bringen. Sie halten sich an die Regeln, aber sie fürchten sich nicht. Unsere Tochter hat seit wenigen Monaten ihre Periode. Erwachsene Frauen beobachteten einen Einfluss der Impfung auf ihren Zyklus - Forscher:innen untersuchen die genaueren Zusammenhänge jetzt. Mir macht das Gedanken, Ellinors Körper steckt in so vielen Entwicklungsprozessen, sie ist immerhin erst zölf.

Wir haben keine vulnerablen Personen im Kreis der Menschen, die wir regelmäßig treffen. Alles, was jetzt an 3G-Kriterien geknüpft wird, zwingt uns sowieso schon, um den Besuch von Teststationen herumzuplanen oder zu verzichten. Denn die beiden Jüngeren kommen ja als Impflinge noch nicht in Frage, fallen aber oft genug schon in die Testpflicht-Gruppe. Familien-Quarantäne bleibt ein ständiges Schreckgespenst. Die Schulen und ja wohl auch das Gemeinwesen an sich werden noch über Monate maskenpflichtig sein. Kurz: Es ist an keiner Stelle ein Gewinn von Freiheiten für die ganze Familie in Sicht.

Von meinem geimpften Kind profitierte also nur die Gesellschaft. Und ja, ich verstehe, dass Herdenimmunität hilft und Solidarität mit denen, die nicht geimpft werden können, nötig ist. Aber ich finde auch: Wir sind an dem Punkt, wo erst einmal Solidarität mit Kindern eingefordert werden muss - die am längsten und am meisten in der Pandemie verzichtet haben. 

Jammert nicht über die Erwachsenen-Impfquoten. Die können doch teils noch gar nicht besser sein. 

Viele jammern öffentlich über das Stocken der Impfkampagne und impfunwillige Erwachsene. Mich macht das wütend, denn es gibt genug Bundesländer und Orte, an denen ein ganz normaler Erwachsener überhaupt noch nicht zweifach immunisiert sein kann, weil es im Juni oft noch gar nicht möglich war, ohne Sonderindikationen oder Kontakte an eine Impfung zu kommen. Und als es möglich wurde, da begann die Urlaubszeit. Die Semesterferien.

Jetzt auf die Quote vollständig Geimpfter zu gucken und zu behaupten, das Ende der Fahnenstange sei erreicht und alle anderen impfunwillig, ist Quatsch. Panikmache. Aktionismus, weil man gleichzeitig sieht, wie an anderen Stellen, wo man Sicherheit schaffen sollte, wieder nix passiert ist. 

Aufgabe der Politiker soll jetzt sein, sich um Erklärangebote und niedrigschwellige Impfprozesse für Erwachsene zu kümmern – und nicht, Impfkommandos in die Schulen zu schicken, weil da alle so praktisch aufgereiht sitzen. Dass Impfen für Jugendliche einfacher gemacht wird, für die Kinder und Eltern, die sich akut Sorgen machen: toll! Ich kenne selbst mehrere Eltern, die sich mit ihren Kindern für eine Impfung entschieden haben.
Dass Politik und Medien seit Montag anfangen, die Moralkeule zu schwingen, wenn Eltern lieber abwarten wollen, bin ich jedoch nicht bereit zu akzeptieren. Mal wieder werden die Prioritäten – auch in der öffentlichen Debatte – völlig falsch gesetzt.

ELTERN

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