VG-Wort Pixel

Interview mit einem Kinderarzt Meningokokken-Infektion: Eine unterschätzte Krankheit?

Kind mit Fieber
© Shutterstock / Wendy Riseborough
Masern, Mumps, Meningokokken? Meningo-Was? Bei der Impfberatung für ihre Kinder stolpern Eltern über so manche Begriffe, die sie zuvor vielleicht noch nie gehört haben. Die Meningokokken-Infektion zählt sicher für die meisten Menschen dazu. Aber bedeutet unbekannt auch ungefährlich? Wir haben mit Kinderarzt Ralph Köllges darüber gesprochen, warum Meningokokken-Fälle unter Ärzten gefürchtet sind, woran du die Krankheit erkennst und wie du dein Kind schützen kannst. 

Viele Eltern hören den Begriff Meningokokken vielleicht zum ersten Mal. Was genau ist das?

Es ist glücklicherweise schon so, dass Eltern die Erkrankung durch Aufklärung und Impfempfehlungen in den Praxen der Kinder- und Jugendärzte zunehmend kennen. Meningokokken, das sind Bakterien, die durch Tröpfcheninfektion übertragen werden. Meningokokken-Erkrankungen sind zwar eher selten, können aber innerhalb kurzer Zeit zu einer lebensbedrohlichen Meningitis (Hirnhautentzündung) und Sepsis (Blutvergiftung) führen. Kinder im ersten Lebensjahr sind besonders häufig betroffen, da ihr Immunsystem noch nicht vollständig ausgereift ist. In Deutschland treten vor allem Meningokokken-Erkrankungen der Gruppe B auf, gefolgt von den Gruppen Y, C, W und A. 

Welche Erfahrungen haben Sie als Kinder- und Jugendarzt mit der Erkrankung gemacht?

Vor allem in meiner Zeit in der Intensivmedizin einer Kinderklinik habe ich leider oft erlebt, wie wir um das Leben betroffener Kinder gekämpft und den Kampf auch verloren haben. Das war, bevor ein Impfstoff verfügbar war. In meiner Praxis haben wir deshalb, sobald es den ersten Impfstoff gab, allen Patienten die Impfung empfohlen, weil wir die schnellen und kritischen Verläufe bei Kindern gefürchtet haben. 

Schnelles Handeln ist bei einer Infektion also entscheidend. Woran merken Eltern oder auch sie als Arzt, dass es sich womöglich um eine Meningokokken-Infektion handelt? 

Das ist tatsächlich problematisch, da die Symptome unspezifisch sind, der Verlauf aber sehr schnell bedrohlich werden kann. Ich sage immer, dieses Berufsrisiko hat man als Arzt, dass man einen Meningokokken-Fall womöglich nicht erkennt. Wenn abends während einer Influenzawelle eine Mutter anruft und sagt, ihr Kind hat Fieber, sie möchte es jetzt erst mal schlafen lassen und am nächsten Morgen vorbeikommen, kann das im Falle einer Meningokkoken-Infektion nun mal zu spät sein. Oder das Kind hat einfach Ohrenschmerzen – so ist es bei einem Kollegen vorgekommen. Das Kind wurde am Nachmittag untersucht und hatte nicht einmal Fieber, sondern fühlte sich einfach nicht so gut. Über Nacht hat der Junge dann aber Schüttelfrost bekommen und schließlich rote Flecken an den Beinen, die bei einem septischen Verlauf auftreten, und schon war der Zustand lebensbedrohlich. Im Grunde muss man es ahnen. Man spürt es vielleicht. Wenn ein Kind in die Praxis kommt und noch die Vorstufen hat, die aussehen wie ein normaler Virusinfekt, dann ist es nicht zu diagnostizieren. Erst wenn es eine Meningitis bekommt, also eine Hirnhautentzündung, dann würde man es feststellen. Dann bekommt das Kind hohes Fieber und eine Nackensteife – das sind neurologische Zeichen, die überprüfbar sind. Wenn die Infektion eine Sepsis nach sich zieht, sieht man es dann, wenn die Petechien, also Einblutungen in der Haut, auftreten. Zu diesem Zeitpunkt wurde die Abwehr aber sozusagen bereits überrollt. 

In den ersten Jahren machen Kinder ja einen Infekt nach dem anderen durch. Bei welchen Anzeichen sollen Eltern denn auf jeden Fall sofort zum Arzt gehen?

Ja, gerade Fieber haben Kinder tatsächlich öfter. Wenn es aber plötzlich auftritt, mehrere Symptome zusammenkommen oder Eltern ein schweres Krankheitsgefühl bei ihren Kindern wahrnehmen, sollten sie einen Arzt aufsuchen. Mögliche Symptome einer Meningokokken-Erkrankung sind Kopfschmerzen, Fieber, Schüttelfrost und Schwindel. Bei einer Hirnhautentzündung kommen dann wie gesagt typischerweise Erbrechen und Nackensteifigkeit hinzu, aber auch Schläfrigkeit oder Krampfanfälle können darauf hinweisen. Bei einer Sepsis sind es vor allem die typischen Hauteinblutungen.

Wenn Verdacht auf Meningokokken besteht, was passiert dann? Wie wird dem Kind geholfen?

Ich würde dem Kind in der Praxis ein Antibiotikum geben und es direkt mit dem Rettungswagen ins Krankenhaus bringen lassen. Die Meningokokken selber hat man mit der Antibiotikumgabe auch relativ schnell beseitigt. Dann muss man allerdings versuchen, die ausgelösten Immunreaktionen und Gerinnungsstörungen bei der Hirnhautentzündung oder Sepsis in den Griff zu bekommen. Das gelingt nicht immer. Und jeder fünfte Überlebende trägt Spätfolgen davon.

Welche Spätfolgen sind das? 

Da das Gehirn betroffen ist, gibt es eine ganze Bandbreite an Spätfolgen, die man haben kann – Entwicklungs- und Lernstörungen beispielweise. Bei einer Sepsis ist sicher der Verlust von Händen, Fingern oder ganzen Gliedmaßen eine dramatische Folge. 

Wie können Eltern ihre Kinder vor einer Meningokokken-Erkrankung schützen? 

Der einzige wirkungsvolle Schutz ist eine Impfung. Die Ständige Impfkommission (STIKO) empfiehlt bereits seit 2006 die Grundimmunisierung gegen Meningokokken C für alle Kinder. Damals gab es für Kinder auch nur diesen C-Impfstoff – mittlerweile gibt weitere. 75-80 Prozent der Fälle sind nämlich Erkrankungen durch Meningokokken der Gruppe B. Die Impfung gegen die B-Gruppe wird in Deutschland, anders als in manchen anderen Ländern, aktuell noch nicht standardmäßig von der STIKO empfohlen; das dauert einfach seine Zeit. Aber manche Krankenkassen übernehmen die Impfung bereits. 

Kinderarzt Ralph Köllges
© Ralph Köllges

Ralph Köllges ist Kinder- und Jugendmediziner in einer pädiatrischen Praxis in Mönchengladbach. Darüber hinaus ist er unter anderem Vorstandsmitglied des Allergie- und Asthmabundes und Präventionsbeauftragter des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendmediziner in Nordrhein-Westfalen für den Bereich Impfen.