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Plazenta essen: Mode mit Risiko?

Püriert, gebraten oder doch lieber in Kapselform? Das Internet ist voll mit Rezeptideen, für – und jetzt bitte kurz innehalten: deine Plazenta! Woher dieser Trend kommt, was sich manche Mamas von ihm versprechen und welche Gefahren er birgt, liest du hier.

Plazenta essen: Mode mit Risiko?
Eltern, Sibel Bicer
Auf einen Blick
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  • Frauen, die ihre Plazenta essen, hoffen auf eine bessere Genesung nach der Geburt, mehr Energie, eine angekurbelte Milchproduktion – und vor allem eine Vorbeugung gegen postnatale Depression.
  • Der Trend lässt sich auf die 1970er Jahre in den USA zurückverfolgen.
  • Bisher gibt es keine wissenschaftlichen Belege für die erhofften positiven Wirkungen.
  • Die Plazenta speichert Krankheitserreger und kann diese, im Fall des Verzehrs, auch an Mutter und Kind weitergeben.

Die eigene Plazenta essen? Ja, sagen immer mehr Frauen. Denn sie versprechen sich vom Verzehr (in Fachkreisen Plazentophagie genannt) positive gesundheitliche Auswirkungen nach der Geburt. Diese Annahme ist relativ neu. In der traditionellen chinesischen Medizin werden zwar seit Jahrhunderten menschliche Plazentas bei der Behandlung von Leber- und Nierenbeschwerden eingesetzt, allerdings nicht bei Frauen im Wochenbett.

Aber was ist die Plazenta eigentlich?

Die Plazenta ist für die gesunde Entwicklung des Babys im Körper der Mutter unersetzlich. Bis zur Geburt wächst sie auf ein etwa 500 Gramm schweres, scheibenförmiges Organ heran. Während der Schwangerschaft versorgt sie dein Baby über die Nabelschnur mit allen wichtigen Nährstoffen und mit Sauerstoff. Gleichzeitig transportiert sie Abfallprodukte ab. Und ganz wichtig – die so genannte Plazentaschranke hält während der Schwangerschaft einige gefährliche Substanzen von deinem sich entwickelnden Baby fern. Sie filtert zum Beispiel viele Bakterien heraus, nicht aber Alkohol und Nikotin. Diese können weiterhin zum Baby durchdringen.

Woher kommt der Trend?

Ganz nach dem Motto, wenn es eine Berühmtheit vorlebt, muss es ja etwas bringen, hat sich der Verzehr der eigenen Plazenta in den vergangenen Jahren immer mehr durchgesetzt. Von Kim Kardashian bis Hilary Duff – sie haben es nach ihren Schwangerschaften ausprobiert und schwören auf die Wirkung: Die Milchproduktion soll angekurbelt, Nährstoffe sollen ausgeschüttet und Eisenmangel und Wochenbettdepression vorgebeugt werden. Alles Dinge, die einer Mutter im Wochenbett ungemein wichtig sind.

Lange war unklar, welche Folgen die Plazentophagie für Mutter und Kind haben kann. Denn sie war wenig verbreitet. Gleichzeitig gab es auch kaum Studien zum Thema. Das hat sich in den letzten Jahren geändert.

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Gibt es also Vorteile?

Kurz gesagt – nein!

In einer 2019 veröffentlichten Studie der kanadischen Gesellschaft für Geburtshilfe und Gynäkologie (siehe Quellen unten) wurde festgestellt, dass die Plazentophagie bei ihren Testpersonen weder die Stimmung noch das Energielevel verbesserte. Ein Anstieg in der Milchproduktion oder des Vitamins B12 konnte ebenfalls nicht nachgewiesen werden.

Was sind die Nachteile der Plazentophagie?

Zuerst richtig aufmerksam wurden Mediziner auf die Gefahren der Plazentophagie nach dem Bekanntwerden eines Falls in Oregon in den USA. 2016 brachte dort eine Mutter ein gesundes Baby zur Welt. Kurz darauf entwickelte es Atembeschwerden. Nach einer Blutabnahme stellten die Ärzte eine Infektion mit B-Streptokokken (GBS) fest. Sie behandelten das Kind erfolgreich: Es konnte aus der Klinik entlassen werden – nur um wenige Tage später wieder eingewiesen zu werden. Schließlich erfuhren die Mediziner, dass die Mutter nach der Geburt ihre Plazenta zu Kapseln verarbeiten ließ. Auf Anweisung der Ärzte nahm sie diese nun nicht länger ein, das Kind blieb daraufhin gesund.
 
Klar gegen den Verzehr spricht also, dass die Plazenta nachweislich Krankheitserreger enthalten kann, die dann an das Kind weitergegeben werden können. Auch bei einer Verarbeitung in Kapselform werden diese Erreger nicht unbedingt abgetötet!

Und im Gegensatz zur Tierwelt, wo der Verzehr der Plazenta gängig ist, beruht er beim Menschen auch auf keinem Urinstinkt. In einem Artikel für die New York Times schreibt die Gynäkologin Dr. Jen Gunter überrascht: „Ich kann mich an keine Hypothese in der modernen Geburtshilfe erinnern – oder gar in der modernen Medizin – die beantwortet wurde mit, ‚Aber, Säugetiere tun es!‘“
 
Am Ende muss jede Frau natürlich selbst entscheiden, ob sie ihren Mutterkuchen in der nächsten Soße mitverarbeitet oder ob sie ihn, entgegen des einladenden Wortes, doch lieber im Krankenhaus zurücklässt.
 
Aber wer symbolisch – und ganz risikolos – etwas mit seiner Plazenta machen möchte, kann sie, anstatt sie zu essen, auch einfach im Garten vergraben und einen Baum darauf pflanzen.

Quellen:

  1. Alex Farr, MD, PhD, Frank A. Chervenak, MD, Laurence B. McCullough, PhD, Rebecca N. Baergen, MD, Amos Grünebaum, MD: Human placentophagy: a review. American Journal of Obstetrics and Gynecology, 2018.
  2. Dr. Jen Gunter: Thank you for not eating your placenta! The New York Times, 2018.
  3. A Matched Cohort Study of Postpartum Placentophagy in Women With a History of Mood Disorders: No Evidence for Impact on Mood, Energy, Vitamin B12 Levels, or Lactation. J Obstet Gynaecol Can, September 2019.
  4. Sophia K. Johnson, Jana Pastuschek, Jürgen Rödel, Udo R. Markert, Tanja Groten: Placenta – Worth Trying? Human Maternal Placentophagy: Possible Benefit and Potential Risks. Georg Thieme Verlag, 2018.
  5. Buser GL, Mató S, Zhang AY, Metcalf BJ, Beall B, Thomas AR: Notes from the Field: Late-Onset Infant Group B Streptococcus Infection Associated with Maternal Consumption of Capsules Containing Dehydrated Placenta — Oregon, 2016. MMWR Morb Mortal Wkly Rep 2017; 66:677–678.
  6. Daniel C. Benyshek, Melissa Cheyney, Jennifer Brown, Marit L. Bovbjerg: Placentophagy among women planning community births in the United States: Frequency, rationale, and associated neonatal outcomes. Medicine Birth, 2018.