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Kopfkarussell Ich darf auch müde sein: Eltern haben nicht all den Stress dieser Welt gepachtet

Single gleich sorgenfrei? Eine Frau steht auf der Straße und hält sich die Hände vor das Gesicht
© Tero Vesalainen / Shutterstock
Wenn ein Kind in das Leben seiner Eltern tritt, dann verändert sich alles oder zumindest sehr vieles. Kurze Nächte, wenig Schlaf und ein riesiger Haufen Verantwortung. Doch so wie von den kinderlosen Single-Freund:innen "verlangt" wird, Rücksicht zu nehmen und Verständnis zu zeigen, können das doch auch andersrum die Singles "verlangen" oder nicht? Ja, sagt unsere Autorin – Eltern haben schließlich nicht den gesamten Stress und die Probleme dieser Welt gepachtet.

"Ich bin müde, habe einfach sehr schlecht geschlafen und war ständig wach", antworte ich meiner Freundin auf die Frage, wie es mir geht. "Was glaubst du, wie es mir geht, die Kleine hat nur geschrien und die Große war dadurch auch immer wieder wach – du kannst ja heute Abend einfach früher ins Bett", antwortet meine Freundin – die gerade ihr zweites Kind bekommen hat.

Es gibt schon immer einen Verständniskonflikt zwischen Eltern und Kinderlosen 

Ja, das kann ich. Ich habe schließlich keine Kinder und lebe allein mit meinem Hund. Diese kleine Unterhaltung mag für die meisten keine große Sache sein und auf eine Art und Weise stimmt es ja auch, aber unterschwellig wird mir damit immer wieder suggeriert: Dein Stress ist nicht so schlimm wie meiner, deine Verantwortungen längst nicht so wichtig, wie meine es sind – auch wenn das in vielen Fällen wahrscheinlich nicht so gemeint ist. Natürlich soll das keine Pauschalverurteilung aller Eltern sein, denn nicht alle sind so. Aber dieser Verständniskonflikt schwelt immer wieder zwischen der Single- beziehungsweise Kinderlosen- und Eltern-Fraktion und daher ist es wichtig, darüber zu sprechen.

Den Satz: "Wenn du erst mal Kinder hast, dann wirst du das verstehen" kennen wahrscheinlich viele. Oder auch: "Hab du erstmal Kinder, dann reden wir weiter!" Was manchmal einfach so daher gesagt wird, kann den:die Freund:in sehr verletzen. Denn was, wenn ich nie Kinder haben kann? Was, wenn ich keinen Partner finde, der Kinder haben möchte? Was, wenn ich keine Kinder haben will? Bin ich dann keine "richtige" Frau? Werde ich dann nie die "wahren" Probleme oder den Stress des Lebens verstehen können?

Eltern sein bedeutet Stress – aber kinderlos zu sein nicht gleichzeitig ein stressfreies Leben

Versteht mich nicht falsch, ich kann erahnen, wie viel Stress es sein kann, ein Kind zu haben, ich sehe es immer wieder bei Freundinnen und bei meiner Familie. Ich würde nie auf die Idee kommen, die Arbeit kleinzureden – ganz im Gegenteil, ich finde Mütter werden viel zu wenig gewürdigt und bezahlt für das, was sie tun und was sie leisten. Ja, ich spreche hier von Müttern, weil sie noch immer die Hauptlast in der Kindererziehung tragen. Mir ist durchaus bewusst, dass es aber natürlich auch viele tolle Väter da draußen gibt.

Ich nehme Rücksicht auf meine Freundinnen, lege Telefondates so, dass es mit dem Schlafrhythmus des Babys passt, fahre gerne vermehrt zu ihnen, als sie zu mir kommen zu lassen und biete meine Hilfe an, wenn Mutter und Kind zum Arzt müssen und der Papa das Auto für die Arbeit braucht.

Rücksicht ist keine Einbahnstraße – sie muss von beiden Seiten kommen

Ich frage mich aber immer wieder: Warum soll nur ich Rücksicht nehmen? Gegenseitige Rücksichtnahme, darauf kommt es doch an. Ich kann mir vorstellen, dass die Aussagen bei den meisten Freund:innen auf den Stress zurückzuführen sind und als eine Übersprunghandlung ad acta gelegt werden könnten, aber diese Sprüche kommen ja leider auch aus der Familie und dem erweiterten Bekanntenkreis. Was viele unterschätzen: Der Satz "Hab du erst mal Kinder, dann reden wir weiter!" kann genauso verletzend sein wie die Frage: "Wann bekommst du/ bekommt ihr denn endlich Nachwuchs?"

Das Problem ist gesamtgesellschaftlich und suggeriert noch immer das Bild: Erst Kinder machen das Leben einer Frau sinnvoll. Über das Konzept der Mutterschaft als männergemachtes System brauche ich jetzt nicht zu debattieren. Für mich ist nur wichtig, dass stets die freie Entscheidung der Frau hinter ihrem Lebensweg steht.

Ich weiß, was Stress bedeutet, auch wenn ich keine Kinder habe

Für mich ist Mutter sein im Moment noch nicht das Ziel im Leben und ich weiß auch nicht, ob es das einmal werden wird. Ich akzeptiere aber jede Frau, die sich dafür entscheidet und freue mich, wenn sie ihr Glück gefunden hat. Aber ihr Glück muss ja nicht auch gleich meines sein. Mit dem einfachen Satz: "Hab erst mal Kinder, dann reden wir weiter!" schwingt immer mit, dass, solange man (noch) keine Kinder hat, man gar nicht mitreden könne im Strudel des Alltagsstresses.

Ich bin immer wieder in diesem gesellschaftlichen Denken gefangen und kann auf viele Fragen auch mit 30 noch keine Antworten geben. Ich weiß nicht, ob ich überhaupt Kinder haben möchte, aber das bedeutet weder, dass ich Kinder nicht mag, noch das ich den Stress von Eltern nicht verstehen kann. Ich nehme weiterhin Rücksicht auf meine Freundinnen, das Einzige, was ich verlange, ist auch ein bisschen Rücksicht für mich. Meine Sorgen und Nöte, – sind sie auch noch so klein – sind nicht weniger wert als die meiner Eltern-Freund:innen. Ich möchte mein freies, selbstbestimmtes Leben ohne Kinder und Partner:in genauso selbstverständlich führen dürfen wie Familien auch.

Liebe Eltern: Ich nehme euch und eure Sorgen ernst, dann tut das bitte auch bei mir

Singles argumentieren gegenüber Eltern gerne mit dem Satz: "Ihr habt euch ja ausgesucht, Kinder zu haben", damit könnte ich jetzt auch anfangen, mache ich aber nicht, denn ich weiß, wie verletzend dieser Satz sein kann und wie sehr er den Eltern abspricht, auch mal genervt, gestresst und völlig am Ende sein zu dürfen, obwohl sie glücklich sind, Kinder zu haben. Ich akzeptiere das und höre meinen Freund:innen zu, wenn sie einen ganzen Tag mit einem schreienden Baby auf dem Arm verbracht haben und kann mir vorstellen, wie anstrengend das ist. Doch mein Leben ist, nur weil ich Single bin und keine Kinder habe nicht gleich komplett stress- und sorgenfrei.

Ich möchte genauso unbeschwert und ohne jede Wertung über einen stressigen und anstrengenden Arbeitstag in meiner 40-Stunden-Woche erzählen können, dass der Hund gerade krank ist und ich alle halbe Stunde mit ihm raus muss oder das ich einfach schlecht geschlafen habe – ich bin für euch da, also seid es bitte auch für mich.

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei Brigitte


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