Stressessen
 
Wenn Stress dick macht

Jeder kennt das: Die Kinder brüllen, der Chef nervt oder der Haushalt läuft aus dem Ruder. Eine halbe Tafel Schokolade oder ein kräftiger Biss in die Salami und die Nerven sind scheinbar ein bisschen besser gepolstert. Stressessen nennt man dieses Verhalten. Warum es dazu kommt und was man dagegen tun kann, erklärt Privatdozent Dr. med. Thomas Ellrott, vom Institut für Ernährungspsychologie an der Georg-August-Universität Göttingen.

"Nervöses Essen" oder auch "Stressessen" – was versteht man darunter?

Stressessen ist ein impulsives Essverhalten, das immer dann auftreten kann, wenn durch hohe Stressbelastung das Kontrollvermögen für das eigene Essverhalten reduziert wird.

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Warum greift man in Stresssituationen schnell zu Süßigkeiten?

Das hat einmal damit zu tun, dass solche Produkte praktisch immer zur Hand sind, ganz im Gegensatz zu einem Vollkorn-Bagel mit Tomaten, Mozzarella und Rucola. Oft ist diese Reaktion auch anerzogen, da Eltern ihre Kinder gern mit Süßigkeiten beruhigen oder belohnen. Schließlich macht es auch evolutionsbiologisch Sinn, bei Stress Zucker zu essen: Zucker ist schnell verfügbare Nahrungsenergie und die wird in Stresssituationen besonders gebraucht.

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Warum essen manche Menschen wenn sie unter Druck sind, andere nicht?

Das hat sehr viel damit zu tun, ob man in seiner eigenen Kindheit gelernt hat, Essen für andere Bedürfnisse als das Stillen von Hunger und Durst zu "missbrauchen". Eltern sollten Kinder daher weder mit Essen beruhigen, noch belohnen oder bestrafen.

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Kann man dieses Stressessen mit einer Sucht vergleichen?

Von einer Sucht kann man eindeutig nicht sprechen, da einige Kriterien wie das Auftreten von Entzugserscheinungen nicht erfüllt werden.

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Sollte man auf Süßes ganz verzichten, wie Alkoholiker, die auch trocken bleiben müssen?

Der komplette Verzicht funktioniert nur in ganz wenigen Fällen. Im Gegenteil: Menschen, die sich einen Verhaltensspielraum für Genusslebensmittel lassen, sind auf der Waage erfolgreicher als diejenigen, die sich solche Dinge ganz versagen.

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Was passiert, wenn man sich Schokolade, Chips und Co. ganz verbietet?

Das klappt meist nur eine kurze Zeit, dann führen Störungen von außen durch Stress, ungeplantes Essen oder Alkohol zum Bruch des Vorsatzes. Über die typische Denkschablone "Ich habe es wieder nicht geschafft, jetzt ist es auch egal!" kommt es wie bei einem Deichbruch zu regelrechten Essanfällen. Dann werden sehr viele Kalorien auf einmal gegessen – meist mehr als vorher durch hartes Diäthalten eingespart wurden.

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Das kommt ja Essstörungen nahe?

Richtig, dieses starre gezügelte Essverhalten ohne jegliche Spielräume für Genusslebensmittel ist eine Vorform von Essstörungen wie "Binge-Eating-Disorder" oder "Bulimia nervosa".

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Wenn man bereits zum Stressessen neigt, wie kann man versuchen davon wegzukommen?

Zunächst würde ich versuchen, den auslösenden Reiz, also den Stress, mit Hilfe von Stressreduktion oder Stressmanagement zu verringern. Anleitungen hierfür findet man z. B. im Buchhandel oder als DVD. Yoga, Meditation, Sport sowie Entspannungstechniken sind hier sehr hilfreich. Oft kann auch ein verbessertes Zeitmanagement den auslösenden Stress deutlich reduzieren. Außerdem ist es wichtig, die automatischen Reiz-Reaktionskopplung durch bewusste Zwischenhandlungen zu trennen. Und die dritte Maßnahme wäre etwas anderes als Süßigkeiten zu essen, falls es doch zu Essanfällen kommt.

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Wie lange muss man neue Verhaltensmuster einüben, bis die alten "überschrieben" sind?

Wenn man sich vergegenwärtigt, über wie viele Jahre oder Jahrzehnte die Ausbildung und Stabilisierung derartiger Gewohnheiten bereits erfolgt ist, ist verständlich, dass die Tilgung der Koppelung Stress und Essen lange braucht. Stressreduktion und die Wahl alternativer Lebensmittel sind rascher wirksame Strategien, soweit man das umsetzen kann.

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Falls man es alleine nicht schafft, wo können Betroffene Hilfe bekommen?

Einigen gelingt es erst mit professioneller Hilfe durch Psychotherapeuten, Psychologen oder Ärzte aus ihrer persönlichen Stressspirale herauszukommen und eine neue Work-Life-Food-Balance zu finden.

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