Kind mit Übergewicht
 
Wie bringen wir unserem Kind bei, dass es zu dick ist?

Was können Eltern tun, wenn ihr Kind ständig zunimmt? Und wie bringt man seinem Kind bei, dass es zu dick wird? Antworten von einem Experten.

Kind mit Übergewicht: Wie bringen wir unserem Kind bei, dass es zu dick ist?
Interview mit Dr. Dirk Dammann, Chefarzt der Rehabilitationskinderklinik in Wangen, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie.

Wie bringt man als Eltern seinem Kind schonend bei, dass es zu dick wird?

Es ist hilfreich, mit etwas Positivem zu beginnen. Man sollte, ohne zu übertreiben, betonen, weshalb man stolz auf das Kind ist. Wenn ich dann vom Gewicht rede, ist es wichtig, behutsam zu formulieren: "Ich habe den Eindruck, du wiegst zu viel - könnte das sein?" Dann hat das Kind eine Rückzugsmöglichkeit, kann "Nein" sagen. Beide Meinungen können erst mal stehen bleiben.
Die meisten Kinder wissen sehr genau, dass sie zu dick sind. Wenn das Kind sich nicht zu sehr schämt, kann man gemeinsam zur Waage gehen. Wenn es bei dem Thema aber ständig zu Spannungen kommt, kann ein neutraler Rahmen wie eine Kinderarztpraxis oder Beratungsstelle hilfreich sein.

Reagieren Jungen und Mädchen unterschiedlich sensibel?

Allgemein neigen Mädchen ab dem zwölften Lebensjahr eher zu depressiven Störungen und Formen von Essstörungen. Jungen hingegen entwickeln eher soziale Störungen, verhalten sich aggressiv gegenüber Mitschülern und Eltern, brechen Regeln, können sich nicht mehr konzentrieren.

Häufig hören Eltern: "Der Babyspeck wächst sich aus."

Babyspeck an sich wächst sich aus. Aber dieser Spruch gilt nur für gestillte Säuglinge! Im Wachstum verändern sich die Proportionen. Es wird nicht die Adipositas, sondern die Veranlagung dazu vererbt. Die Genetik spielt eine bisher unterschätzte Rolle. Je nach Übergewicht der Eltern kann sie bis zu 70 Prozent ausmachen. Klar ist: Es gibt keine schweren Knochen!
Eltern können das richtige Gewicht ihres Kindes leicht mit dem Body-Mass- Index (BMI) errechnen: Körpergewicht in Kilo geteilt durch Körpergröße in Metern zum Quadrat. Am einfachsten geht es über einen BMI-Rechner im Internet (z. B. unter www.bzga-essstoerungen.de).

Was müssen adipöse Kinder unbedingt lernen?

Sie haben eine chronische Störung, ein lebenslanges Problem. Das heißt aber nicht, dass für sie bestimmte Nahrungsmittel tabu sind. Sie müssen vorausschauender und disziplinierter essen. Wenn das Kind auffällig mehr isst, sollten Eltern erreichen, dass ihr Kind ihnen den Auftrag gibt, zu helfen. Wenn das Kind die Eltern bittet, mit aufzupassen beim Essen, fühlt es sich nicht so schnell angegriffen und kontrolliert. Das klingt zunächst schwierig - Kinder ab dem zwölften Lebensjahr schaffen das aber.

Mit welchem Ansatz behandeln Sie Kinder in Ihrer Klinik?

Essen ist gelernt, also kann ich auch "falsches Essen" wieder verlernen und "gesundes Essen" lernen. Dabei ist das Lebensumfeld der Kinder wichtig. Wir beziehen die Eltern intensiv mit ein. Im Vorschulalter kommt ein Elternteil mit in die Behandlung, bei Schulkindern und Jugendlichen führen wir umfassende Aufnahme- und Entlassungs-, oft auch Zwischengespräche. Wir bieten zudem eine Wochenendschulung an, bei der wir alle Themen einbeziehen: auch Sport, Schule und Freizeitgestaltung.

Wie kann man das Kalorien-Problem gesellschaftlich lösen?

Es würde nicht jedes Problem lösen, aber es hätte einen großen Effekt, hochkalorische Nahrungsmittel höher zu besteuern und niedrigkalorische, gesündere Produkte billiger zu verkaufen. Bei den Alkopops, den süßen alkoholischen Getränken, hat das auch geklappt. Als die Preise erhöht wurden, ging der Verkauf deutlich zurück.

Adipositas: Therapiezentren

Mittlerweile gibt es bundesweit fast 500 Institutionen, die Therapien für übergewichtige Kinder anbieten.

Adipositas allgemein
Die Deutsche Adipositas-Gesellschaft ist eine Vereinigung von Wissenschaftlern und therapeutisch tätigen Experten, die sich diesem Krankheitsbild in besonderer Weise widmen. Auf der Internetseite der Gesellschaft finden Sie Informationen zu stationären und ambulanten Therapieeinrichtunge.

Adipositas im Kinderalter
Die Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter (AGA) ist die Vereinigung der auf dem Gebiet der Adipositas im Kindes- und Jugendalter tätigen Wissenschaftler, Kliniker und Therapeuten in Deutschland. Auf ihren Seiten finden sich derzeit leider keine Angaben zu Therapiezentren.

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung
Qualitätscheck: Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung unterstützt Eltern bei der Suche nach der richtigen Therapiestelle: Mit dem Qualitätscheck für Therapieprogramme. Anhand eines Schnelltests können sie überprüfen, ob die von ihnen anvisierte Einrichtung wirklich die richtige ist. Hier geht es zum Schnellcheck

Adressen: Außerdem finden Sie auf den Seiten der BZgA Informationen zu knapp 500 Therapieangeboten. Hier können Sie gezielt - über Postleitzahlen - nach Programmanbietern suchen: Hier geht's zur Übersicht.