Schmerzen
 
Mama, Bauchweh!

Wenn dieser Satz fällt, beginnt meist das große Rätselraten. Warum kleine Kinder so oft über Bauchschmerzen klagen und wie wir ihnen helfen können.

Was hat das Kind denn?

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Fast jeden Abend um halb acht beginnt bei uns das Ratespiel: "Mama, Bauchweh", jammert Laurin mit leidendem Gesicht, und ich frage mich wieder einmal: Ist es der Magen? Was hat er gegessen? Waren es die Gurken? Vielleicht tun ihm diesmal auch die Ohren weh ("Siehst du, weil wir heute die Mütze auf dem Weg zum Turnen vergessen haben!"). Oder ist es noch sein Zeh, den er sich gestern eingeklemmt hat?

Über Wochen ging das so. Der Kinderarzt meinte nur: "Kinder sagen oft, sie hätten Bauchweh, dabei haben sie gar nichts. Ihr Kind ist gesund." Danke auch für die Hilfe. Den Marathon an Gegenmaßnahmen haben wir durch: warmer Tee, Bauchwickel, Massagen - das Einzige, was wirklich hilft, ist ein warmes Kirschkernsäckchen, Hand streicheln, fünf "Schlaf, Kindlein schlaf" und sieben "La-le-lu". Warum ist das mit den kleinen Bäuchen nur so kompliziert?

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Der Kinderarzt: "Für kleine Kinder ist der Bauch der zentrale Punkt"

Dauern die Bauchschmerzen länger als einen Tag, sollte man zum Kinderarzt

"Weil so kleine Kinder noch nicht sagen können, was genau ihnen wehtut", erklärt Christoph Johannsen, Arzt für Kinder- und Jugendmedizin der Familienklinik am Gemeinschaftskrankenhaus Herdecke. "Für kleine Kinder ist der Bauch der zentrale Punkt, in den alles projiziert wird", so der Experte. Selbst Ohrenschmerzen können manchmal als Bauchweh wahrgenommen werden. Die Kleinen haben dann tatsächlich Bauchweh - nur die Ursache mag ganz woanders liegen.

"Noch mit sechs, sieben Jahren können Kinder oft nicht klar sagen, wo es drückt", so Johannsen. Sein Rat: "Dauern die Bauchschmerzen länger als einen Tag, sollte man zum Kinderarzt. Er klärt, ob es eine organische Ursache gibt." Sofortige ärztliche Hilfe ist beispielsweise nötig, wenn das Kind nachts von den Schmerzen aufwacht, sich erbricht, blutigen oder himbeergeleeartigen Stuhl hat, der Bauch hart ist oder Fieber hinzukommt.

Ängste als Ursache für kindliche Bauchschmerzen

Neben den organischen gibt es aber auch psychische Ursachen, die Kindern auf den Magen schlagen: Stress etwa, oder Ängste. "Auch die müssen verdaut werden", so Dr. Sonja Marbach vom Vodafone-Stiftungsinstitut der Vestischen Kinder- und Jugendklinik Datteln.

"Wichtig ist uns, die Schmerzen der Kinder ernst zu nehmen", sagt die Psychologin, die sich auf Schmerzen im Kindesalter spezialisiert hat. "Wenn ein Kind klagt, dass es ihm wehtut, dann tut es ihm auch weh." Generell sollten Eltern dem Ganzen zwar so wenig Raum wie möglich geben - also nicht immer wieder fragen, "Tut es noch weh?", "Ist es schon besser?". Doch die Kinder sollten immer das Gefühl haben, mit ihrem Schmerz ernst genommen zu werden.

"Ablenkung ist dann das erste Mittel", erklärt Dr. Marbach. "Komm, wir lesen ein Buch, wir gehen raus, oder wir bauen einen Turm ... Das Gehirn kann nämlich nicht zu viele Dinge gleichzeitig machen und lässt sich so überlisten." Gleichzeitig an Schmerz und an etwas Schönes wie beispielsweise Buchlesen zu denken, überfordert unseren Kopf ganz offensichtlich. Deshalb funktioniert die Ablenkungsstrategie.

Nicht zu schnell zum Zäpfchen greifen

Keine Lösung bei dieser Art von Bauchweh sind Schmerzmittel. "Wir erleben immer wieder, dass Eltern schnell mit einem Zäpfchen oder der Schmerztablette zur Hand sind", warnt Marbach. Für die Kinder sei wichtig, zu lernen, dass sie die Schmerzen selbst bewältigen können. Sie empfiehlt, mit den Kleinen ein Spiel daraus zu machen, das Bauchweh zu packen und beispielsweise in eine Schachtel zu sperren oder aus dem Fenster zu werfen: "Das ist oft wirksamer als das Zäpfchen, denn es ist eine Lektion fürs Leben: Ich kann was bewirken."

Ganz grob lässt sich zwischen drei Arten von Bauchgrimmen unterscheiden:

Körperliches Bauchweh

90 Prozent der Bauchschmerzen im Klein kindalter sind organisch bedingt. Am häufigsten: Magen-Darm-Erkrankungen, die durch Schmierinfektionen übertragen werden. Aber auch die Säuglingskoliken können sich bis ins zweite Lebensjahr hineinziehen. Viel gewonnen hat man schon mit festen Essenszeiten und -ritualen. "Wichtig ist außerdem, dass der Magen zwischen den Mahlzeiten zur Ruhe kommt. Das heißt, dass nicht ständig Kleinigkeiten zwischendurch genascht werden", sagt Christoph Johannsen. Denn die Nahrung braucht Zeit, um verdaut zu werden. Zu viel Durcheinander, Süßes und Salziges zusammen, vertragen viele Kinder nicht.

Weitere Gründe für organische Bauchschmerzen können eine Blinddarmentzündung oder eine Darmeinstülpung sein. Dass sich der Darm verklemmt, ist eher selten, aber im Alter zwischen drei Monaten und drei Jahren durchaus möglich. Hier ist sofortige ärztliche Hilfe notwendig. All diese Ursachen und auch, ob eine Erkältung oder Ohrenschmerzen hinter dem Bauchweh stecken, kann natürlich nur der Kinderarzt klären.

Stressbauchweh

Vormittags in der Krippe, im Anschluss ein Impftermin, danach zum Turnen, und abends kommt die Oma zu Besuch: Manch mal lassen sich volle Terminkalender nicht vermeiden. Angenehm sind sie nicht. Und manchmal machen sie Magendrücken. "Der Zusammenhang zwischen psychischer Belastung und Bauchschmerz ist oft schwer zu erkennen", erklärt Dr. Martin Claßen, Leitender Arzt der Pädiatrischen Gastroenterologie im Bremer Klinikum Links der Weser. Was dann hilft: ganz viel Ruhe, entspannt kuscheln und bewusst Zeit mit dem Kind verbringen. Claßen warnt aber auch: "Bevor man eine psychische Ursache in Erwägung zieht, muss ein organischer Grund ausgeschlossen sein. Eine ernste, akute Erkrankung könnte sonst übersehen werden."

Aber auch Streit und Ärger können Bauchweh machen: Wenn Mama übermäßig geschimpft hat. "Manche Kinder können sich in Wut und Ärger so hineinsteigern, dass sie nach langem Weinen völlig erschöpft sind", sagt Christoph Johannsen. Für den Bauch ist das anstrengend. Zuverlässige, beständige Zuwendung, ruhige Stunden vor dem Zubettgehen und ein immer gleiches Gutenachtritual sind die beste Vorbeugung gegen Stressbauchweh.

Angstbauchweh

Auch Erwachsene kennen das: ein bevorstehendes Bewerbungsgespräch, die Abschlussprüfung oder die Nummer der Chefs im Display können Magengrummeln verursachen. Dahinter steht: Angst vor Veränderung. Auch positive Ereignisse können Schmetterlinge im Bauch machen. Warum? Weil der Bauch sehr viele Sensoren hat, die empfindlich auf positive oder negative Veränderungen reagieren.

Bei kleinen Kindern ist das auch so: das neue Geschwisterchen, der angekündigte Besuch von Oma, der tolle Kindergeburtstag nachmittags oder aber die abendliche Angst vorm Alleinsein, wenn gleich das Licht ausgeht. Das alles können Gründe für Bauchweh sein, mit dem der Körper signalisiert: Das bin ich nicht gewohnt, da brauch ich Unterstützung. Kinder benötigen dann die Gewissheit, dass ihre Beschützer parat stehen. Das heißt nicht, dass Sie abends am Bett wachen müssen, es reichen auch die Abendgeräusche durch die spaltbreite Kinderzimmertür. Nachtrag: Wie die Sache mit Laurin weiterging? Mittlerweile glaube ich, er hatte ein "Kuschelmangel-Bauchweh". Unser Abendritual war in letzter Zeit etwas kurz geraten.

Aber wir haben umgestellt: Laurin geht seit Neuestem nicht gleich ins Bett, sondern wir nehmen uns nach dem Essen noch Zeit für ihn. Eine halbe Stunde, in der er noch baden darf (das beruhigt ihn) und immer eine Geschichte vorgelesen bekommt (unabhängig, ob er Bauchweh hat oder nicht). Seitdem ist Ruhe.

Was außer der Wärmflasche noch hilft

Beschwörungsformel: Hand mit gespreizten Fingern auf den Bauch legen und folgenden Spruch sagen: "Fünfblätterkraut - Leg ich auf die Haut - Male dann ein Herz - Puste weg den Schmerz"

Klangwellen: Eine Klangschale (gibt es schon in Babygröße) auf den Bauch legen und sanft anschlagen. Die Wellen wirken beruhigend.

Bauchwehschachtel: In die wird der Bauchschmerz gesperrt und nicht wieder herausgelassen! Funktioniert ebenso: Schmerz nehmen, Fenster auf, weit ausholen, rauswerfen und Fenster wieder zu. Danach tut’s kaum noch weh!

Fußmassage: Wenn es Ihr Kind zulässt, massieren Sie sanft seine Füße oder auch den Körper von oben nach unten entlang der Wirbelsäule. So kann es sich entspannen.