Zahnmedizin
 
Kopfweh durch Kauen

Die ganzheitliche Zahnmedizin geht davon aus, dass der Auslöser von Kopfschmerzen oder Bewegungsstörungen im Kiefer liegen kann. Und umgekeht: dass eine falsche Haltung der Grund für Zahnprobleme sein kann. Dr. Erich Wühr ist Zahnarzt und Osteopath und erklärt hier, wie er Kinder behandelt.

Zahnmedizin: Kopfweh durch Kauen

In unseren Mündern walten unvorstellbare Kräfte. Beim Kauen und ganz besonders beim nächtlichen Knirschen wird ein Druck von 100 Kilogramm auf Zähne, Kieferknochen und Kiefergelenke ausgeübt. Hat Mutter Natur millimetergenau gearbeitet, dann verteilen sich diese 100 Kilogramm so gleichmäßig auf die Gewebe, dass sie diesen Druck gut aushalten können. Doch in vielen Fällen ist diese Druckverteilung eben nicht optimal. Form- und Funktionsstörungen im Mund bleiben nicht allein, denn das Kausystem ist erstaunlich eng vernetzt mit dem übrigen Körper - und sogar mit der Seele. Deshalb gibt es die "Ganzheitliche Zahnmedizin".
ELTERN family sprach mit Dr. Erich Wühr, Zahnarzt und Osteopath in Bad Kötzting im Bayerischen Wald.

Wie alt sind die Kinder, bei denen Sie erste Probleme feststellen?
Das ist ab dem vierten bis fünften Lebensjahr relevant. Wenn wir Form- und Funktionsstörungen im Kausystem beobachten, sollten wir sofort mit kieferorthopädischer Frühbehandlung aktiv werden. Denn die Form und Funktion des Kausystems ist wichtig für die gesamte körperliche, emotionale und mentale Entwicklung des Kindes. Betroffene Kinder haben ja nicht nur Probleme im Mund, sondern auch Skoliosen in der Wirbelsäule oder andere Haltungsschäden.

Kann man als Laie erkennen, ob ein Kind betroffen ist?
Meistens nicht, denn die Entwicklung in eine ungünstige Richtung vollzieht sich ja nicht von heute auf morgen. Oft hat die Mundraumentwicklung des Kindes durch Schnuller oder Sauger ungünstige Impulse bekommen. Ein wichtiger Hinweis sind auch Probleme mit den Nasenwegen, beispielsweise wegen vergrößerter Polypen und Mandeln. Wenn das Kind zu wenig Luft durch die Nase bekommt und demzufolge durch den Mund atmet, liegt die Zunge zu weit unten, und der Oberkiefer wird nicht hinreichend entwickelt. Daraus kann ein Kreuzbiss entstehen: beim Zusammenbeißen gelangen die Zähne des Unterkiefers über die des Oberkiefer - normalerweise ist es umgekehrt. Die Zahnstellung, die Form der Zahnbögen, das Aufeinander-Passen der Zähne, die Funktionen von Lippe, Wange und Zunge - das alles wirkt formbildend. Und hier kommt es auf das richtige Zusammenspiel an.

Nun ist ja heute fast jedes Kind in kieferorthopädischer Behandlung. Reicht die denn nicht?
Kieferorthopäden haben sehr gute Möglichkeiten, schon bei kleinen Kindern mit einfachen konfektionierten Geräten, die auf die Weichteile - also Zunge, Wange, Lippe - wirken, in Fehlentwicklungen einzugreifen. Aber oft reicht das nicht, weil sich auch Körperfehlhaltungen ungünstig auswirken. Man sollte einem Kind nicht nur in den Mund sehen, sondern es auch mal aufstehen und umhergehen lassen, um nach Problemen in Haltung und Bewegung oder nach Fehlstellungen der Beine - Beispiel: X-Beine - zu schauen. Nach meiner Auffassung sollte eine kieferorthopädische Therapie immer begleitet werden durch Behandlungen bei einem Osteopathen.

Wie können sich Form- und Funktionsstörungen im Mund auf die Haltung auswirken
Es geht hier nicht allein um Ursachen und Wirkung - es geht um Muster, die in einem Organismus in aller Regel nicht nur an einer Stelle zu finden sind. Störungen im Mund können sich aber auch auf andere Körperfunktionen und auf die Gleichgewichtsregulation auswirken. Man muss wirklich das ganze Kind untersuchen und behandeln. Beispiel Knirschen: Hierbei werden enorme Kräfte eingeleitet, die auf vielfältige Weise auf den ganzen Körper wirken.

Wie behandeln Sie das Knirschen bei Kindern?
Zunächst einmal: Nächtliches Knirschen ist normal. Heute ist man in der Zahnmedizin der Meinung, dass unser Mund vielmehr Stressverarbeitungs-Organ als Kauorgan ist. Menchen müssen über das Kausystem Stress abreagieren können. Gerade bei Kindern kann man das gut beobachten: In den ersten ein bis zwei Lebensjahren haben sie ein fast paradiesisches Leben, in dem ihnen möglichst jeder Wunsch von den Lippen abgelesen wird. Dann geht es los mit der Erziehung. Sie müssen sauber werden, sie müssen auch mal Rücksicht nehmen, sie leben zeitweise in fremder Betreuung usw. Das ist Stress, und es ist nach der heutigen Auffassung ganz normal, dass das Kind dann anfängt zu knirschen. Das darf man also nicht als krankhaft bewerten. Oder in jedem Fall als ein Zeichen von Überforderung sehen. Dazu möchte ich Prof. Dr. Rudolf Slavicek, den Leiter des Zentrums für Interdisziplinäre Zahnheilkunde an der Donau-Universität Krems zitieren: "Es ist die Aufgabe des Zahnarztes, ein Gebiss knirschfähig zu machen!"

Sie arbeiten auch als Osteopath. Wie helfen Sie Kindern?
Mein Schwerpunkt ist die zahnärztliche Behandlung, aber ich kann eine Diagnose aus osteopathischer Sicht stellen. Als Osteopath kann man Zonen mit minimalen Beweglichkeits-Einschränkungen, Erstarrungen oder Anspannungen aufspüren. Ich arbeite mit anderen Osteopathen und auch mit Physiotherapeuten zusammen.

Wenn Sie größere Kinder in Ihrer Praxis haben - fragen Sie nach Symptomen wie Kopf- oder Rückenschmerzen, Schwindel oder Leistungsproblemen?
Umgekehrt. Wenn ich im Mund bestimmte Form- und Funktionsstörungen sehe, dann schaue ich nach weiteren Haltungsproblemen und Fehlstellungen. Bei manchen einseitigen Formstörungen im Mund frage ich das Kind oder den Jugendlichen danach, wo es bzw. er im Klassenzimmer sitzt. Denn: In manchen Klassenzimmern sitzen die Schüler in U-Form, wobei etliche Kinder den Kopf ständig nach der einen Seite drehen müssen. Darin kann unter anderem eine Bissstörung begründet sein. Deshalb sollten die Lehrer darauf achten, regelmäßig linke und rechte Sitzreihen tauschen zu lassen. Oder eben wieder parlamentarisch zu bestuhlen.

Arztsuche unter www.cmd-dachverband.de oder www.kraniofaziale-orthopaedie.de