Aktuelles Eltern-Heft
 
"Mama ist bei den Kindern in Afrika"

ELTERN-Redakteurin Nina Berendonk war im Kongo und hat das Kinderhilfswerk Unicef bei seinem Kampf gegen die Kindersterblichkeit begleitet. Exklusiv auf Eltern.de berichtet Nina Berendonk, welche Erkenntnisse sie für sich und ihre kleine Tochter mit nach Hause gebracht hat.

Auf Reportagereise im Kongo

Aktuelles Eltern-Heft: "Mama ist bei den Kindern in Afrika"

"Mama ist bei den Kindern in Afrika!" - das hat meine Tochter Greta in meiner Abwesenheit jedem erzählt, der es wissen wollte. Und wahrscheinlich noch ein paar anderen. Afrika: Das ist für Greta der abstrakte Ort, wo die Löwen wohnen, die Zebras und Elefanten. Mehr weiß sie nicht. Wie sollte sie auch? Sie ist erst dreieinhalb. Seitdem ich aus dem Kongo zurück bin, habe ich das Gefühl, vor meiner Reise nicht viel mehr über das Leben der meisten Afrikaner gewusst zu haben als meine kleine Tochter. Natürlich: Ich hatte schon viel gelesen. Und ich hatte mich auf meine Reise für ELTERN vorbereitet. Wusste zum Beispiel, dass der Kongo ein von Kolonialismus und Bürgerkrieg versehrtes Land mit einer der höchsten Kindersterblichkeitsraten der Welt ist. Dass hier jedes Jahr tausende Mütter und Säuglinge an Tetanus sterben, eine Krankheit, die man mit einer Impfung verhindern könnte - hätten diese Menschen Zugang dazu.

Aber nichts von alledem hat mich auf den Moment vorbereitet, als ich in der Geburtsstation von Kingasani, einem Vorort der kongolesischen Hauptstadt Kinshasa, stand und meinen Blick nicht abwenden konnte von den Neugeborenen, die da vor mir in einem Brutkasten lagen. Vier in einem, wohlgemerkt. Der Anblick dieser aneinandergeschmiegten Würmchen, mit nichts anderen an den mageren Körpern als zerlumpte Stoffwindeln, ließ mich mit den Tränen kämpfen. Zumal klar war, dass diese Babys und ihre Mütter ja schon Glück hatten: Anders als der Großteil der Kongolesen hatten sie ein Krankenhaus in erreichbarer Nähe und das Geld, für die Behandlung zu bezahlen - auch wenn es dafür weder genug Brutkästen noch Aspirin gibt.

Im Nachhinein scheint es mir, als hätte ich dort, vor diesem Inkubator in Kingasani, zum ersten Mal so richtig begriffen, zu welchem unglaublich privilegierten kleinen Teil der Weltbevölkerung wir in Europa gehören. Und mit welchen unnötigen Sorgen gerade wir Mütter uns das Leben so wahnsinnig schwer machen. Nicht, dass es nicht wichtig wäre, ob man sich für den Schlafsack mit oder ohne Ärmel, für den Fünffach- oder den Sechsfachimpfstoff, für oder gegen das Stillen entscheidet. Doch wenn man sich klar macht, dass wir im Gegensatz zu den meisten Frauen in Entwicklungsländern die Wahl haben, wie wir am besten für unsere Kinder und deren Gesundheit sorgen wollen, dass wir jederzeit Zugang zu Ärzten und Medikamenten haben und dafür gar nichts oder wenig bezahlen müssen – dann kann man vielleicht versuchen, sich ein bisschen weniger den Kopf zu zerbrechen über die beste Lösung unter vielen guten. Und Dankbarkeit empfinden für das Leben, das wir und unsere Kinder in diesem Teil der Erde führen dürfen. Diese Erkenntnis, habe ich mir in diesem Moment gedacht, ist das Wichtigste, das ich meiner Tochter aus dem Kongo mitbringen werde.

Autor: Nina Berendonk