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Allergien Wie Kinder mit Allergie leben

Familien mit einem allergischen Kind kämpfen mit unterschiedlichen Symptomen und Problemen. Was sie eint? Ohnmacht - gegenüber der Krankheit und der Außenwelt. Hier beschreiben zwei betroffene Familien ihren Alltag.

Fall 1: Mit Homöopathie gegen Hausstauballergie

Carla, 10, leidet unter einer Hausstaubmilben- Allergie, die große Schwester ist Neurodermitikerin. Ihre Mutter glaubt an die Wirkung von Globuli.
Rissige, trockene Hände bis hin zu blutigen Knöcheln – das muss an der Winter- Kälte liegen. "Sie will ja auch nie Handschuhe anziehen!" So dachte Carlas Mutter lange. Einen Allergieverdacht hatte sie nicht. "Im Nachhinein mache ich mir Vorwürfe, dass ich nicht sofort darauf gekommen bin", sagt sie heute, "obwohl mein Mann und ich Heuschnupfen haben und meine große Tochter lange an Neurodermitis litt. Aber bei ihr waren immer andere Stellen am Körper betroffen."

Hilflos gegenüber der Allergie

Doch dann erschienen auf Carlas Wangen rote und leicht verdickte Flecken. "Da habe ich endlich geschaltet und einen Termin bei der Hautärztin gemacht." Die untersuchte Carla ausführlich, bevor sie die Diagnose stellte: Hausstaubmilben- Allergie. Sie gab dem Mädchen Salben mit, die sie ausprobieren sollte, und verschrieb Bezüge fürs Bett.
Carlas Mutter fühlte sich in diesem Moment genauso hilflos wie damals bei ihrer ersten Tochter Luisa. Als Baby war ihr Körper voller juckender Pusteln und Flecken. Ein Albtraum für Kind und Eltern. Damals vertraute sie nach langem verzweifeltem Suchen einem Homöopathen, der ihrer Tochter Globuli gab. "Auch wenn ich eigentlich ein sehr rationaler Mensch bin und mir nicht wirklich erklären kann, wie homöopathische Mittel wirken – es hat geholfen. Erst wurden die Flecken blasser, dann gingen sie weg."

Wenn die Jahreszeiten wechselten, kamen die Beschwerden zurück, aber die Globuli, davon ist sie überzeugt, brachten die Heilung: Heute ist Luisa 16 und seit einigen Jahren beschwerdefrei.
Auch Carla geht es besser. Die passende Salbe wurde schnell gefunden, und die Überzüge, die Milben vom Körper fernhalten, sind über Matratze, Kopfkissen und Bettdecke gespannt: Schon nach wenigen Wochen waren Hände und Gesicht heil. Beim Schlafen raschelt es jetzt ein bisschen, aber daran hat sich Carla gewöhnt. Nur einmal kamen die Flecken kurz zurück. Aus Stress, vermutet die Mutter: Carla sang bei einer Schulaufführung ein Solo. Bei nicht-allergischen Kindern äußert sich die Aufregung in einem solchen Fall als Lampenfieber.

Fall 2: Saubere Hände können Leben retten.

Der siebenjährige Jonas leidet unter einer schweren Erdnuss und Milcheiweiß-Allergie. Was sich seine Familie wünscht: mehr Verständnis und Rücksichtnahme von anderen.

Saubere Hände können Leben retten. Das von Jonas. Deshalb gehen alle Mitschüler der ersten Klasse nach dem Frühstück zum Waschbecken. Aus dem gleichen Grund hängt ein laminiertes Schild an der Turnhalle, in der der Siebenjährige Sport macht: "Liebe Eltern! Ich bin Jonas. Ich bin allergisch auf Milch und Erdnüsse. Damit alle eine schöne Fechtstunde haben, bitte ich Sie, Ihr Kind ohne Essen und mit gewaschenen Händen zu bringen. Danke!"

Ungewaschene Hände können Jonas zum Verhängnis werden. Kommt er mit Erdnüssen in Berührung, kann das bei ihm einen anaphylaktischen Schock auslösen. Theoretisch reicht es, wenn jemand Schokolade oder Eis auf der Hand hat und Jonas das gleiche Spielzeug anfasst. Schon winzige Spuren von Milcheiweiß lassen sein Gesicht schmerzhaft anschwellen, Augen und Mund zuwachsen.

Deshalb hat er immer sein Notfall-Set dabei – mit Antihistaminikum, Kortison und einer Adrenalinspritze. Und deshalb kocht seine Mutter Anja, 34, ohne Milch und achtet auf die notwendige Hygiene: Jeder Teller, jede Pfanne, die mit Butter, Käse oder Milch in Berührung kommen, werden sofort gereinigt. Sobald sie ein neues Lebensmittelprodukt kauft, ruft sie beim Hersteller an.

Erdnuss - gefährlich für Allergiker

"Wird Ihr Eis ohne Milcheiweiß in derselben Maschine abgefüllt wie das mit?" Tief sitzt die Erinnerung daran, als Jonas mit vier Jahren auf eine Erdnuss biss: Ihm wurde schlagartig übel, das Atmen fiel immer schwerer. "Mir steht jemand auf der Brust", sagte er. Seine Mutter reagierte richtig und gab ihm eine Adrenalinspritze. Die hatte der Arzt erst wenige Tage zuvor verschrieben. Damit rettete sie sein Leben, wie man ihr im Krankenhaus versicherte.
"Wir Allergiker-Mütter werden gern als hysterisch abgestempelt. Aber wenn er rausgeht, packt mich die Angst", sagt Anja. Zu Hause hat sie die Allergie im Griff, draußen ist Jonas darauf angewiesen, dass andere Rücksicht nehmen und aufpassen. Aber das ist längst nicht selbstverständlich. Eine Kita weigerte sich, Jonas aufzunehmen, weil man es unzumutbar fand, dass sich die Kinder nach dem Essen die Hände waschen sollten. Zum Geburtstag verteilen Klassenkameraden auch mal Schokolade, da kann Anja 100-mal am Elternabend erklären: "Bitte Gummibärchen, die verträgt er." Anja ärgern Sätze wie "Stell dich doch nicht so an", wenn Jonas zu anderen Kindern seine eigene Lunchbox mitnimmt. Aber das muss er. "Kann diese Mutter mir garantieren, dass das Messer, mit dem sie ihm Obst schneidet, vorher nicht mit Butter in Berührung gekommen ist?"

Seit zwei Jahren hat es bei Jonas – dank der Vorsichtsmaßnahmen – keine stärkere allergische Reaktion mehr gegeben. Bis auf die genannten Einschränkungen führt er ein ganz normales Kinderleben. "Wir packen ihn nicht in Watte, er soll sich ganz normal entwickeln können", betont Anja. Und wenn sie sich etwas wünschen könnte – abgesehen von Gesundheit für ihre Kinder? "Mehr Verständnis." Und Jonas? "Ich möchte, dass die anderen das normal finden, was ich habe. Dann muss ich nicht ständig darüber reden. Das nervt nämlich."


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