Haltungsfehler
 
Immer mehr Kinder leiden unter Rückenschmerzen

"Isch hab' Rücken" - dieses Leiden betrifft längst nicht mehr nur Erwachsene. Einer neuen Studie zufolge sind bereits zwei von drei Kindern ab zehn Jahren betroffen. Auch Haltungsschäden sind auf dem Vormarsch. Woran das liegt und was Kinderärzte empfehlen, lesen Sie hier.

Kind auf den Schultern seines Vaters, Drachen fliegen
iStock, AleksandarNakic

Das Kreuz mit dem Kreuz

Mehr als 80 Prozent aller Deutschen klagen mittlerweile über Probleme mit dem Rücken - und die Patienten werden immer jünger. Schon im Jahre 2004 gaben bei einer emnid-Umfrage zur Rückengesundheit zwei Drittel der Befragten ab 14 Jahren an, regelmäßig unter Rückenschmerzen zu leiden - 23 Prozent von ihnen sogar mindestens einmal im Monat. Ähnliche Ergebnisse brachten Untersuchungen aus anderen Industriestaaten wie Finnland, Schweden, der Schweiz oder Australien zutage.

Eine im Januar diesen Jahres von dem Marktforschungsinstitut TNS Healthcare im Auftrag der Kaufmännischen Krankenkasse (KKH) durchgeführte repräsentative Umfrage unter Fachärzten für Kinder- und Jugendmedizin beschäftigte sich noch eingehender mit Rückenbeschwerden bei Kindern und Jugendlichen. Ergebnis: Rund 68 Prozent der Zehn- bis 16-Jährigen, die bei einem Kinderarzt im Wartezimmer sitzen, sind dort wegen Rückenschmerzen. Dramatisch ist auch die Einschätzung der Mediziner zu erworbenen Haltungsschäden von Kindern und Jugendlichen in diesem Alter: Dies machte sogar 73 Prozent der Behandlungen im vergangenen Jahr aus. Und: Mehr als die Hälfte der befragten Kinderärzte schätzen, dass solche Muskel- und Skeletterkrankungen in den vergangenen fünf Jahren zugenommen haben, fast zwei Drittel von ihnen gehen davon aus, dass sich die Fälle künftig noch stärker häufen werden.

Warum haben immer mehr Kinder Rückenprobleme?

Die häufigsten Ursachen bei Kindern sind zu langes Sitzen in falscher Position am Schreibtisch, vor dem Fernseher oder dem PC, eine zu schwere Schultasche sowie allgemeiner Bewegungsmangel. Allerdings können auch andauernder Schulstress oder ein Gefühl der Überforderung den kindlichen Rücken belasten. Bei Jugendlichen schleichen sich Haltungsfehler oft nach Wachstumsschüben ein.

Was sind die häufigsten Störungen bei Bewegungsmangel?

  • Sitzbuckel oder Rundrücken (Kyphose): Der obere Teil der Wirbelsäule ist nach hinten gebogen, der Brustkorb kann sich nicht richtig entwickeln, die Lungen wachsen nicht normal.
  • Hohlrücken (Lordose): Der mittlere Teil der Wirbelsäule ist zu stark nach vorn gebogen, Kreuzschmerzen im späteren Alter sind unausbleiblich.
  • Übergewicht: Wer extrem viel sitzt, setzt Pfunde an.

Wie lassen sich Haltungsschäden behandeln?

Kinderärzte setzen zur Behandlung auf verstärkte Bewegung

Eine möglichst frühe Behandlung ist auch deshalb so wichtig, weil Haltungsfehler sich im Erwachsenenalter oft rächen: Neben chronischen Schmerzen können auch erhöhte Stressanfälligkeit, Abnahme der motorischen Fähigkeiten und Konzentrationsschwäche zu den Folgen gehören.

Bei der Behandlung ihrer jungen Patienten setzen so gut wie alle Kinderärzte offenbar auf verstärkte Bewegung. Auch der KKH-Vorstandsvorsitzende Ingo Kailuweit fordert als Reaktion auf die Ergebnisse der Studie, den Schulsport zu verbessern. Zum einen seien die durchschnittlichen zwei Stunden pro Woche nicht ausreichend. Zum anderen plädiert Kailuweit dafür, im Schulsport auf Noten zu verzichten, um Kindern so mehr Spaß an der Bewegung zu vermitteln.

Eine im Jahr 2005 veröffentliche britische Studie setzt neben einer verbesserten Beweglichkeit auch auf ein gezieltes Training der Bauchmuskulatur. Schon relativ einfache Übungen wie Rumpfbeugen zeigen nach Einschätzung der Forscher eine positive Wirkung auf den kindlichen Halteapparat. Denn häufig liege die Ursachen für die Rückenbeschwerden in einer schwachen Bauch- und Rumpfmuskulatur. Zudem wären viele Kinder kaum noch in der Lage, Wirbelsäule und Hüften eingeschränkt zu bewegen - einfach, weil sie sich viel zu wenig körperlich betätigen. Abhilfe schaffen daher alle Spiele, bei denen das Kind seine Muskeln vielfältig beansprucht: Ziehen, Klettern, Stützen, Klettern, Hangeln, Rollen oder Schwimmen. Gleichgewichtsübungen wie das Balancieren auf Baumstämmen oder Ähnlichem sind ebenfalls haltungsfördernd.

Wichtig ist auch, dass Kinder beim Sitzen auf eine aufrechte Haltung achten. Natürlich dürfen Sie auch mal "lümmeln" - aber sie sollten den Unterschied zum aufrechten Sitzen kennen. Unverzichtbar dazu: der richtige Stuhl. Eltern sollten in der Schule für passende Sitzmöbel kämpfen - und auch zu Hause auf eine vernünftige, höhenverstellbare Sitzgelegenheit Wert legen. Selbst Jugendlichen kann man klar machen, dass ihre Ausstrahlung mit einer guten Haltung gleich eine ganz andere ist. Einfacher Trick für einen geraden Rücken: Sich vorstellen, man wäre am höchsten Punkt des Kopfes mit einem unsichtbaren Band im Himmel verankert.

Die Körperhaltung von innen verbessern - wie geht das?

Anhänger des "Rolfing", einer besonderen Form der Körpertherapie, glauben, dass eine Haltungskorrektur tiefer gehen muss. Sie setzen vor allem bei psychosomatischen Beschwerden an und verbinden eine tiefe Bindegewebsbehandlung mit der Schulung von Bewegung und Selbstwahrnehmung. Denn ihrer Auffassung nach können Bewegungsmangel, aber auch seelischer Stress das Bindegewebe starr und unbeweglich machen - was sich nicht nur an einer gedrückten Haltung zeige, sondern auch Anfang einer unheilvollen Verkettung sein können: Ein verkrampfter Körper bewege sich nicht mehr leicht und fließend, was wiederum Atmung und Sauerstoffversorgung drossele und so die körperliche und emotionale Vitalität negativ beeinflusse. Beim Rolfing wird daher die Körperhaltung durch eine bestimmte Abfolge von Griffen "von innen heraus" aufgerichtet. Und tatsächlich spielt das Bindegewebe jüngeren neurologischen Forschungen zufolge bei Bewegungen eine viel größere Rolle als bisher angenommen. Weitere Infos finden Interessierte übrigens unter www.rolfing.org.