Kleine Patienten
 
Zu Besuch im Schlaflabor

Viele Kinder leiden an Schlafstörungen, die verschiedene Ursachen haben können: zu dicke Mandeln, Übergewicht oder Atmungsstörungen. Im Schlaflabor werden die kleinen Patienten untersucht.

Zu Besuch im Schlaflabor

Kleine Patienten: Zu Besuch im Schlaflabor

Im Takt der Schritte quietschen weiße Schuhe über den hellen PVC-Boden. Davor, von Händen geschoben, rollt ein kleiner Wagen. Durch ein Tuch aus grobem Stoff sind die Umrisse eines Computermonitors zu erkennen. Die Türen des alten Aufzugs klappen knarrend auseinander. Das Ziel der Fahrt: Station 5, Schlaflabor der Kinderklinik der Universitätsklinik Marburg.

Dr. Michael Bernhardt ist es, der den Wagen durch die Klinik schiebt. "Ein Schlaflabor ist eine Einrichtung zur Diagnose von atmungsbezogenen Schlafstörungen", erklärt er mir. Im Marburger Schlaflabor gibt es eine Abteilung für Erwachsene und eine für Kinder. Häufig rühren Schlafstörungen bei Kindern von Atmungsstörungen während der Nacht. 80 bis 100 Kinder werden hier jährlich untersucht.

Diagnose: Obstruktive Atmungsstörung

Zielstrebig schiebt Bernhardt den Wagen durch die sterilen Flure der Station. Er steuert das Zimmer seines ersten Patienten heute Abend an. Er heißt Tom und ist neun Monate alt. Schon kurz nach der Geburt fielen bei Tom immer wieder Sauerstoffabfälle im Blut auf. Zunächst nur beim Trinken, später dann auch in den Schlafphasen. "Das ist nichts ungewöhnliches und verwächst sich normalerweise", hatten die Ärzte seiner frisch gebackenen Mutter erklärt.

Doch Tom wurde älter und das Problem blieb. Festgestellt wurde bei ihm eine "Obstruktive Atmungsstörung". Das bedeutet, das Tom schon von Geburt an eine Verengung des Kehlkopfes hatte. Deshalb konnte der natürliche Atmungsstrom nicht reibungslos fließen. Mit einem Laser wurden in einer Operation Kehlkopfspalten geöffnet, von da an wurden die Atmungsstörungen seltener. Als Tom mit seiner Mutter aus der Klinik entlassen wurde, nahmen sie ein sogenanntes Pulsoximeter mit nach Hause.

Dabei misst ein Sensor am Fuß ständig den Sauerstoffgehalt im Blut und den Puls. Das ganze ist völlig schmerzlos für den kleinen Patienten. Misst der Sensor für einen bestimmten Zeitraum einen zu geringen Sauerstoffgehalt, schlägt er Alarm. "Toms Atemaussetzer waren nachts besonders häufig", erklärt mir Toms Mutter. Der nötige Sauerstoffgehalt im Blut sank dann unter einen Mindestwert ab. Oft wurde er vom Alarm des Gerätes wach und atmete wieder normal weiter. "Die allermeisten Alarme waren in der letzten Zeit aber Fehlalarme. Ich glaube, dass Tom das Gerät gar nicht mehr braucht. Die Fehlalarme reißen uns nachts nämlich immer aus dem Schlaf. Und wenn es nicht mehr sein muss ...", stellt Silke mit einem hoffenden Blick zu Bernhardt fest.

Schnarchende Säuglinge

Bernhardt verkabelt Tom für die Nacht mit ziemlich vielen Drähten. Überwacht wird der Herzschlag, die Atmung, die Bewegungen im Schlaf und die Schnarchgeräusche. "Wir müssen das dem Kleinen leider zumuten", erklärt Bernhardt, " denn wir müssen ja auf Nummer sicher gehen, bevor wir das Pulsoximeter weglassen können".

Zehn bis fünfzehn Prozent aller Säuglinge schnarchen, ohne dass es irgendetwas mit einer drohenden Atmungsstörung zu tun hat. Die beiden häufigsten Atmungsstörungen bei Säuglingen sind die obstruktiven und die Zentralen Atmungsstörungen. Bei einer obstruktiven Störung behindern etwa Polypen oder eine Kehlkopfverengung den Atmungsfluss, wie es auch bei Tom der Fall ist. Die zentralen Atmungsstörungen sind bei säuglingen häufiger, als obstruktive Störungen. Sie rühren von einer Fehlsteuerung des Gehirns. Denn im verlängerten Rückenmark, im Stammhirn, befindet sich das Atmungszentrum.

Dieses sorgt dafür, dass die Lungen und die Rippenmuskulatur immer wieder die Aufforderung zur Atmungsbewegung bekommen. Messen die körpereigenen Sensoren in der Halsschlagader einen zu geringen Sauerstoffanteil im Blut, gibt das Atmungszentrum den Impuls zum Atmen an Lunge und Muskeln weiter.

Bei den zentralen Störungen funktioniert das aber nicht und die Atmung setzt aus. Das kann dann sogar lebensgefährlich sein. Diese Erkrankung nennt man das „Undine-Syndrom“. In den allermeisten Fällen sind die Atemstörungen aber problemlos therapierbar, wenn rechtzeitig ein Arzt aufgesucht wird.

Die Aufgaben des Schlaflabors

Nach dem Verkabeln schaltet Bernhardt das Überwachungsgerät Alice4 auf seinem kleinen Wagen ein. Auf dem Bildschirm sind grafische Skalen zu sehen. Zickzack-Muster erscheinen, die die Sensoren an Tom hervorrufen. "Ich sehe hier genau, was mit seinem Puls und seinem Blutdruck passiert. Der Computer zeichnet die Daten die ganze Nacht über auf. Morgen Früh kann ich mir dann den Verlauf der Nacht anzeigen lassen. Leider muss das Licht anbleiben. Sonst sehen wir nichts auf der Kameraaufzeichnung", erklärt Bernhardt, während er auf die kleine Kamera in der Zimmerecke zeigt. Silke lächelt ihn an: "Wenn's sonst nichts ist."

Am nächsten Morgen wird Bernhardt die Daten auswerten. Sie werden zeigen, dass Tom nun keine Atmungsstörungen mehr hat und er wird ohne den Pulsoximeter entlassen.

Zu den Aufgaben eines Schlaflabors gehört es, Atmungsstörungen zu diagnostizieren und wenn nötig zu behandeln. "Normalerweise bemerken die Eltern die Atmungsstörungen ihrer Kinder ja als erstes. Dabei müssen nicht zwangsläufig Schnarch- oder andere ungewöhnliche Geräusche auffallen", erklärt Bernhardt. "Oft können starke Konzentrationsstörungen tagsüber schon auf Atmungsstörungen in der Nacht hinweisen". Das sei aber nicht verwunderlich. Denn in der Nacht erhalte das Gehirn nicht genügend Sauerstoff.

Die Folge: Abgespanntheit und starke Müdigkeit. An hohe Konzentrationsleistungen wie etwa in der Schule sei dann nicht zu denken. Oft führe das dann zu schlechten Noten in der Schule und Elterngesprächen mit den Lehrern.

Polysomnographie: Die Schlafuntersuchung

"So ähnlich war das auch bei Sonja", erzählt mir Bernhardt. Wir stehen auf dem Krankenhausflur vor Toms Zimmer. Bernhardt lässt die Tür zuschnappen und nickt vorbeigehenden Kinderkrankenschwestern freundlich zu. "Sonja war damals neun Jahre alt. Sie neigte - genau wie ihre Eltern - zu starkem Übergewicht".

Als Dr. Bernhardt sie zum ersten Mal untersuchte, hatte sie ihr altersgerechtes Höchstgewicht schon weit überschritten. In der Schule reagierte sie oft nicht auf die Ansprache durch Lehrer. Die ganze Zeit war sie schläfrig und verpasste eine Menge vom Unterrichtsstoff. Sonjas Mutter erzählte Bernhardt auch von ziemlich lauten Schnarchgeräuschen ihrer Tochter. Aufgrund des hohen Körpergewichts musste Sonja mit erhöhtem Oberkörper schlafen, um so besser Luft zu bekommen.

Bei der Polysomnographie - der nächtlichen Schlafuntersuchung wie bei Tom - erfuhr Bernhardt, dass Sonja nur sehr oberflächlich schläft, fast ununterbrochen schnarcht und Atmungsaussetzer von bis zu 30 Sekunden vorkommen. "Und das sind alles andere, als gute Schlafbedingungen. Kein Wunder, dass sie da keine Leistung mehr in der Schule bringen konnte", erklärt Bernhardt.

Die Ursache für Sonjas Atmungsstörungen war nach der Nacht im Labor klar: Die großen Mengen an Körperfett drückten nachts die Atemwege zusammen. Daher konnte sie nicht richtig atmen und ihr Gehirn bekam nicht genügend Sauerstoff.

"Nach den Ergebnissen war es kein besonders schwieriger Fall mehr", betont er. Bernhardt verordnete die Atmungshilfe CPAP (Continuous Positive Airway Pressure).

Dabei setzt der Patient in der Nacht eine Atemmaske auf. Diese Maske sorgt durch einen Kompressor dafür, dass genügend Sauerstoff durch die Atemwege in die Lungen gepresst wird. Sie wird dem Gesicht des Patienten angepasst, so dass keine Luft neben der Nase entweichen kann. Anfangs sei das für viele Kinder etwas gewöhnungsbedürftig. "Die meisten Patienten gewöhnen sich aber schnell daran und können so wieder gut schlafen", erläutert Bernhardt. Die CPAPs sind relativ klein. So kann das Gerät auch problemlos mit in den Urlaub genommen werden.

Versperrte Atemwege

Wir gehen wieder den langen Krankenhausflur entlang zum Aufzug. Vor seinem Feierabend erwartet Bernhardt noch ein medizinisches Nachgespräch mit einer Mutter eines Patienten. Sein Name ist Kai. Er war vor wenigen Wochen hier und auch ihn konnte Bernhardt von seinen Atemstörungen befreien. "Es ist immer schön, wenn man den Kindern auf relativ einfache Weise helfen kann", erklärt Bernhardt, während uns der Aufzug nach unten bringt und die Ketten dabei im Schacht rasseln.

Als wir das kleine Büro betreten, erklärt er mir: "Kai ist fast vier Jahre alt und hatte besonders starke Schlafprobleme". Als Bernhardt ihn anfangs untersuchte, schlief er sogar im Sitzen ständig ein. Kais Mutter sitzt schon im Büro. Sie ist noch immer ganz glücklich, dass es ihrem Jungen jetzt so gut geht. Ganz freimütig erzählt sie mir von ihren Problemen.

"Das war ganz schrecklich. Ich hab das schon früh bemerkt. Kai schnarchte laut und hatte ganz oft Atemaussetzer. Die Kinderärzte meinten, ich solle mir keine Sorgen machen. Ich habe Kai dann mit in mein Bett genommen, um besser auf ihn aufpassen zu können. Mehr als zwei oder drei Stunden Schlaf habe ich dann selber nicht mehr bekommen."

Nach einigen Monaten war die junge Mutter dann nervlich am Ende. Ihr eigener Hausarzt drängte sie deshalb, mit Kai das Marburger Kinderschlaflabor aufzusuchen. Gesagt getan. Bei den Voruntersuchungen fiel dann auf, dass Kai nur schwer sprechen konnte und feste Nahrung ablehnte. "Hin und wieder hörte man beim Atmen so eine Art Grunzlaute", erläutert Bernhardt.

Der Hals-Nasen-Ohrenarzt stellte riesige Mandeln fest. Diese versperrten die Atemwege und sorgten auch für die Ablehnung fester Nahrung. Das Schlucken tat Kai nämlich weh. "Wenn man ihm in den Hals geguckt hat, sah man nur noch Mandeln und überhaupt keinen Rachen mehr", meint Bernhardt. Deshalb war Kai zu diesem Zeitpunkt auch viel zu schmächtig für sein Alter. Die nächtliche Untersuchung im Schlaflabor wurde erstmal verschoben. Zuerst sollten die Mandeln verkleinert werden. In einer modernen Laseroperation, wurden die Mandeln dann geschrumpft.

Ohne Atemprobleme besser schlafen

Kais Atem- und Schlafprobleme waren nach der Mandeloperation wie weggeblasen. Eine Polysomnographie war überflüssig geworden. Sein Atem ging normal und er konnte wieder gut und durchgängig schlafen. "Mittlerweile hat er sogar schon etwas zugenommen" erzählt Kais Mutter strahlend. Denn das Essen bereitet ihm jetzt keine Probleme mehr.

Der übliche Weg für Eltern, die bei Ihrem Kind Atem- oder Schlafstörungen vermuten, führt zum Kinderarzt. Der untersucht normalerweise das Kind und überweist es in das nächste Schlaflabor. Mittlerweile gibt es in vielen großen Kliniken Schlaflabore für Kinder. Die Kosten werden von den Krankenkassen übernommen. Wie teuer die jeweilige Untersuchung ist, hängt von der Untersuchungsdauer ab und lässt sich nicht pauschal festlegen.

Wichtig ist aber, dass die Schlafprobleme rechtzeitig erkannt und behandelt werden. So besteht nämlich in den meisten Fällen die realistische Chance - wie bei Tom, Sonja und Kai - die Schlafprobleme in den Griff zu bekommen. "Und dann geht es immer aufwärts", bestätigt Dr. Bernhardt. Denn auch er liebt Happy Ends bei seiner Arbeit am meisten.