Seelische Gesundheit
 
Wenn der Druck zu groß wird

Steht ein Dampfkessel unter Druck, macht er sich Luft und explodiert. Manchmal ergeht es auch unseren Kindern so: Die Herausforderungen unserer Zeit verlangen von vielen zu viel.

Aggressionen, Aufmerksamkeitsdefizite oder Essstörungen

Seelische Gesundheit : Wenn der Druck zu groß wird

Was ist bloß los mit unseren Kindern? Statt auf dem Bolzplatz zu kicken, haben sie Termine in psychologischen Beratungsstellen, üben mit Therapeuten, ruhig zu sitzen, normal zu essen und sich zu wehren. Oder zurückzunehmen. Ein wachsender Teil der Kinder zeigt ein deutlich auffälliges Verhalten. Dazu gehören depressive Verstimmungen, Aggressionen, frühe Anzeichen für Störungen des Sozialverhaltens, Aufmerksamkeitsdefizite, massive Ängste und Essstörungen. Etwa jedes fünfte Kind ist nach Zahlen des Robert-Koch-Instituts auffällig (21,9 Prozent). Jedes zehnte brauchte laut der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin therapeutische Hilfe.

Dabei haben wir in der vergangenen Folge unserer Serie doch gelernt: Psychische Störungen haben, entgegen der allgemeinen Meinung, NICHT zugenommen. Der Anteil der behandlungsbedürftigen ADHS-Diagnosen liegt in den letzten 20 Jahren konstant bei drei bis vier Prozent. Aggressive Störungen sind sogar zurückgegangen. Also, was ist los?

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"Viele Kinder stehen unter großem Druck"

"Was zunimmt, sind die Symptome leichterer Ausprägung", erklärt Professor Franz Resch, Ärztlicher Direktor der Uniklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Heidelberg. "Auffälliges Verhalten von Kindern ist häufig ein Zeichen für Not und Überforderung. Viele Kinder stehen heute unter großem Druck", sagt Resch, der sich als Präsident der Deutschen Liga für das Kind auch für die Belange von Kindern und Jugendlichen einsetzt.

Benehmen als Hilferuf

Unsere Kinder in Not? Ulrike Mattern- Ott, Psychotherapeutin mit eigener Praxis in Bonn, kann das bestätigen: "Wir sprechen hier nicht von Kindern, die durch schwere Vernachlässigung, Gewalt oder einem drogenkranken Elternhaus traumatisiert sind. Wir sprechen von ganz normalen Kindern, denen der Druck zu viel wird. Sei es durch die Schule, durch ihre Familie oder durch die Freunde." Wer im G8 bestehen muss, ein Zuhause mit vier Elternteilen und mehreren Halbgeschwistern hat, wer im Kindergarten zu großen Gruppen nicht gewachsen ist oder einfach ein bisschen langsamer in seiner Entwicklung, kann überfordert sein. Und wie zeigt man das als Kind, wenn Wortschatz und reflektierendes Denken noch nicht gelernt sind? Genau: durchs Benehmen.

"Wir schreiben eine Generation krank"

"Auffälliges Verhalten von Kindern ist immer ein Hilferuf", sagt Mattern- Ott. "Doch statt ihn ernst zu nehmen und zusammen nach den Ursachen zu suchen, schreiben wir eine ganze Generation krank und behandeln sie mit Medikamenten." Eltern seien heute oft erleichtert, wenn es eine Diagnose gebe, schließlich ist es dann viel einfacher, die Verantwortung an Fachleute, Ergotherapeuten, Lerntherapeuten oder ein Medikament abzugeben.

Kinder werden zunehmend "pathologisiert"

Man kann das sogar verstehen. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (bvkj) verweist auf ein Dilemma, in dem sich Mediziner befinden: "Familiär bedingte Förderdefizite - also Defizite im pädagogischen Bereich – äußern sich dem Arzt als Teilleistungs- oder Verhaltensauffälligkeit", sagt Wolfram Hartmann, Präsident des bvkj. Das Medizinsystem antworte mit dem, was ihm zur Verfügung stehe, mit Medikamenten oder Therapien. "Der eigentliche Adressat wäre aber das Pädagogiksystem." Schlimmer noch: In Kindergärten und Schulen werde zunehmend "pathologisiert", das heißt, Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten würden nicht mit den Mitteln der Erziehungswissenschaft "behandelt", sondern zum Arzt geschickt. "So kann es nicht weitergehen."

Wenn die Zeit für die Kinder fehlt

Es ist kein Zufall, dass Kinder aus Familien mit niedrigem sozio-ökonomischem Status besonders betroffen sind. "Familiäre Förderdefizite", wie Hartmann sagt, sind hier öfter zu finden. "Primär hat das aber nichts mit mangelnder Erziehungskompetenz zu tun", sagt Psychiater Resch, "Eltern wissen in der Regel, was gut für ihr Kind ist." Doch wer keine Arbeit hat und Geldsorgen, kranke Angehörige pflegen muss oder sonst in beengten Möglichkeiten lebt, hat nicht genügend Ressourcen, sich den Kindern zu widmen. "Deshalb kann es zu emotionalen Dialogstörungen kommen, die sich in kindlichen Entwicklungsstörungen äußern.2

Mobbing in der Mittelschicht

Und auch auf der anderen Seite der Gesellschaft sieht Resch eine wachsende Zahl von Kindern, die mit den Anforderungen hadern: Gut situierte Mittelschichtkinder in Markenklamotten, die zum aggressiven Mobber werden oder zum bauchwehgeplagten Gemobbten. "Die Stressoren in der Mittelschicht sind anders, aber ebenso groß. Der allgemeine gesellschaftliche Druck und die Beschleunigung vieler Prozesse im Erwerbsleben sind wie ein Motor für die Überfordertheit der Erwachsenen." Und damit auch der Kinder. Jeder Mensch entwickelt sich nach seinem höchst individuellen Tempo. Doch das wird Kindern heute immer weniger zugestanden.

Krank - oder arm dran?

"Es wächst sich aus", lautete früher die Haltung, und meist wurde aus dem leseschwachen Schüchternen oder dem Klassenclown ein guter Handwerker oder sogar Ingenieur. "Heute wäre der eine vermutlich Autist und der andere ein ADHS-Kind", bemerkt Mattern- Ott trocken. „Einem Vorschüler, der vor 30 Jahren den Stift nicht ordentlich halten konnte und die Zahl 8 lieber liegend ins Kästchen malte, wurde Zeit gelassen. Heute wird er einem psycho-neurologischen Komplett-Check unterworfen. Mattern-Ott möchte notwendige Diagnosemöglichkeiten und Fördermaßnahmen keineswegs verurteilen. Doch die Therapeutin mit 30-jähriger Berufserfahrung fragt unter anderem in ihrem lesenswerten Buch: Sind unsere Kinder wirklich krank? Oder einfach arm dran?

Normal ist immer weniger

Tatsächlich ist die Definition für das, was gesellschaftlich als "normal" angesehen wird, enger geworden. Und die Aufgeregtheit, mit der darüber diskutiert wird, größer. Kinder sind kostbar, weil wir immer weniger davon haben. In Zeiten, in denen Unternehmer den heraufziehenden Fachkräftemangel beschwören, Erzieherinnen Lehrpläne umsetzen sollen und Kultusminister eine Schulreform nach der anderen durchboxen, um noch mehr Stoff in die Köpfe von Zwölfjährigen hineinzubekommen, ist der Temperamentvolle eben "aufmerksamkeitsgestört", ist der Stille "depressiv". Was Praktiker wie Mattern-Ott daran ärgert, ist der defizitorientierte Umgang mit Kindern. "Ich will psychosoziale Auffälligkeiten keineswegs verharmlosen. Aber mich stört die vorschnelle Etikettierung mit Diagnosen. Es ist mehr als eine Ohrfeige für ein Kind und seine Eltern, wenn man ihm - überspitzt formuliert - eine Hirnstörung attestiert, nur weil es im Stuhlkreis randaliert oder im gepflegten Gespräch vom Hölzchen aufs Stöckchen kommt."

Kein Geld für Klinische Sozialarbeit

Was wir brauchten, "ist ein Gesundheitssystem, das Krankheit nicht als persönlichen Defekt sieht, sondern als eine komplexes Zusammenspiel biologischer, psychologischer und sozialer Faktoren", sagt auch Christopher Romanowski vom Institut für Psycho-Soziale Gesundheit in Coburg. "Gesundheit muss heute vor dem Hintergrund dieser Wechselwirkungen betrachtet werden." Viele Mediziner wissen das. Doch leider wird Klinische Sozialarbeit immer noch zu wenig angewendet. Unser System will kein Geld ausgeben für Sozialarbeiter, die sich zusätzlich zur Krankenbehandlung auch um das Umfeld kümmern.

Ein gutes soziales Netz kann schützen

Dabei brauchten viele Familien vor allem das: Unterstützung. "Positive soziale Beziehungen sind unheimlich wichtig für unser Wohlbefinden", so Romanowski. "Ein gutes soziales Netz kann uns davor schützen, Störungen zu entwickeln und bei der Genesung helfen." Die Forschungen zur "Psychoimmunologie" zeigen unter anderem, dass Menschen, die Zuspruch von ihrer Familie, von Freunden bekommen und über gute Bindungen verfügen, weniger Stresshormone im Blut haben und mehr Botenstoffe, die Optimismus, Selbstbewusstsein und Lernvermögen transportieren. Eine Erklärung für "Resilienz", also die Widerstandsfähigkeit gegen biografische Unbill, liegt genau hier: Ein Kind aus schwierigem Elternhaus kann es trotzdem schaffen, wenn es Menschen um sich hat, die ihm positiv begegnen. "Gestresste Familien haben oft nicht mehr ausreichend Ressourcen, sensible Kinder aufzufangen. Deshalb müssen wir genau da ran: verschüttete Ressourcen stärken und erweitern", meint Romanowski.

Das Wichtigste: den Eltern den Rücken stärken

Neben Zeit und materieller Unabhängigkeit sei das vor allem eins: "die elterliche Kompetenz, zu seinem Kind zu stehen", sagt Therapeutin Mattern- Ott. Den Druck beiseitezuschieben, den Blickwinkel zu ändern und soziale Auffälligkeiten als das zu sehen, was sie sind: ein Hilferuf. Das Wichtigste bei der Arbeit mit sozial auffälligen Kindern sei, den Eltern den Rücken zu stärken. Damit sie sagen können: "Du bist so, wie du bist. Lass uns sehen, was dich traurig macht. Lass uns versuchen, Lösungen zu finden."